Simone Scharbert: du, alice

„die frage treibt dich schon seit jahren um, immer wieder kauert, lauert sie im dunkel deines denkens, auch an diesen hellen tagen, und je mehr du dich ihr zu entziehen versuchst, desto mehr gerätst du in ihren sog, es geht um deine existenz, um den sinn deines lebens, um moralische werte, die dein denken geformt, gelenkt haben, das nun einrastet bei dieser frage, nicht weiterkommt, denn wer kann schon eine frage dieser tragweite beantworten.“

Simone Scharbert, “du, alice“.

Es sind die ganz großen Fragen, um die Alices` Denken kreist. Ein ungebärdiger Geist, der die Fesseln sprengen will, die ihm auferlegt sind. Eingegrenzt zwischen Krankenlager und Korsett, gefangen in einem immer kränkelnden Körper und den Konventionen jener Zeit. Die innerliche Rebellion, das stumme Aufbegehren, es fordert seinen Tribut, frisst diese Frau von innen auf – zunächst sind es die dunklen Fragen nach einem selbstgewählten Ende, dann ist es der Krebs, der sie besiegt.

Die Lyrikerin und Autorin Simone Scharbert wendet sich in ihrem ersten veröffentlichten langem Prosatext einer besonderen Frau zu: „du, alice“ ist ein poetisches, einfühlsames Portrait einer hochintelligenten Frau, der das Leben nach ihrem Maß verwehrt wurde. „eine anrufung“, so Untertitel und formale Bezeichnung dieses Textes, aber auch eine Annäherung und ein Stück poetischer Aneignung.

Wer war Alice James (1848 – 1892)? „Erst wenn die Sprache auf ihre Brüder kommt, den Romancier Henry James sowie den Philosophen und  Psychologen William James, oder auf Susan Sontag, die ihr ein Theaterstück widmete, weiß man sie einzuordnen“, informiert der Klappentext des schmalen Bandes, erschienen in der „edition AZUR“.

Luise F. Pusch hat dieser – zu ihrer Zeit übersehenen und erst sehr viel später entdeckten Frau, deren spät verfassten und erst postum veröffentlichten Tagebücher ein Zeugnis starken weiblichen Denkens sind –  ein Portrait bei fembio gewidmet:

„Alice James war eine hochbegabte Frau, die allerdings ihre Begabung nie entfalten durfte. Ihr Vater, der ihre Brüder auf die besten Schulen und Universitäten schickte, war der Überzeugung, dass Bildung der natürlichen Würde und Aufgabe der Frau nur schaden könne (…) Mit 13 Jahren erkrankte Alice James an Hysterie und sollte sich zeit ihres kurzen Lebens nicht mehr davon erholen; ab ihrem dreißigsten Lebensjahr war sie Vollinvalidin. Sie litt darunter, daß sie keine »richtige Krankheit« vorzuweisen hatte und frohlockte geradezu, als sie 1891 mit 43 Jahren unheilbar an Krebs erkrankte: »Dem der wartet wird gegeben! … Seit ich krank bin, habe ich mich nach irgendeiner handgreiflichen Krankheit gesehnt, egal was für einen fürchterlichen Namen sie haben mochte.«

In ihrem mitreißenden Text, in dem Simone Scharbert jene Alice anspricht wie eine vertraute Bekannte, geht die Autorin den Lebens- und Leidensweg der Alice James mit – kein Leidensbuch ist es jedoch geworden, sondern das Zeugnis einer „Selbstentwicklung“, einem Kampf um Wissen und intellektuellem Anspruch gegen alle äußeren Widerstände hinweg.

„da helfen auch die bücher nicht weiter, obwohl du immer wieder sätze findest, die dich halten, anker im grundlosen, he didn`t fear death, but he feared dying, the nearness counts so as distance. du weißt genau, was diese sätze bedeuten, manchmal bist du dir so fremd, dass du dir auf diesem umweg näherkommst, und endlich beginnst du richtig zu schreiben, nimmst die feder nur für dich zur hand, verfasst keine briefe, überträgst keine zitate, fertigst keine exzerpte mehr an, nein, schreibst nur noch deine eigenen worte, formst sie zu sätzen, gibst ihnen die form eines tagebuchs, dein first journal.“

Das ist 1888 und Alice James bleiben nur noch knappe vier Jahre. Am Ende ihres Lebens kann sie, vom Krebs, Schmerzen und Morphium gebeutelt, ihre Gedanken nur noch ihrer Seelenverwandten Katharine P. Loring diktieren:

„und dass katharine deine texte verwahren wird, auch daran glaubst du, sie hat es versprochen, sie wird dein schreiben gegen henry und william verteidigen, es auch gegen deren willen an die öffentlichkeit bringen, dein erstes und letztes eigenes buch, dein first journal, am anfang war das wort und es wird auch am ende stehen. du glaubst an deine sprache.“

Katharine P. Loring ist es zu verdanken, dass das „First Journal“ erhalten blieb, Simone Scharbert ist es zu verdanken, dass Alice James den Leserinnen ihrer Anrufung lebendig und greifbar wird. Ihr Text fließt, fließt wie dieses Frauenleben, beleuchtet entscheidende Jahre, Entwicklungen, Ereignisse, ist chronologisch und assoziativ zugleich, vor allem aber in einer wunderbaren Sprache geschrieben. So entsteht das Portrait einer Frau mit allen ihren Widersprüchen und Eigenheiten, deren Wesen, sicher auch geprägt durch die lebenslangen Einschränkungen, nicht unbedingt einnehmend ist, die einen jedoch überwältigt mit ihrer inneren Kraft. „du, alice“ – eine Anrufung auch an die Leserinnen von heute, nicht still zu stehen, Beschränkungen nicht zu dulden, ein Zeugnis weiblicher Selbstbehauptung.


Mehr Informationen zum Buch:

Simone Scharbert
„du, alice“
Edition AZUR 2019
120 Seiten, 20,00 Euro
ISBN 978-3-942375-42-9

Homepage der Autorin:
https://www.simonescharbert.de/


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Friederike Mayröcker: Reise durch die Nacht

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Bild von Peter H auf Pixabay

„im Grunde habe ich mein Leben vorüberziehen lassen wie einen Traum, sage ich, im Grunde habe ich alles falsch gemacht, sage ich, im Grunde ist alles Stückwerk geblieben mein Leben, meine Verständigung mit der Welt, alles falsch alles Lüge, im Grunde war alles gelogen, eine einzige Lüge was ich vorhin gesagt habe, was ich vorhin gehört habe, meine Aufzeichnungen imaginieren nur alles, das ist alles nicht wahr, oder ich habe es nur erfunden, ich nehme alles zurück, oder ich widerrufe am liebsten alles, alles Schwindel, rufe ich, auch in der Liebe alles nur Schwindel alles erlogen, alles schon dagewesen, alles abgeschmackt, heruntergehaspelt, in allen Variationen durchgespielt, und der Zorn des Lamms ist mir gewiß –„

Friederike Mayröcker, „Reise durch die Nacht“, 1983

Im Grunde ist das Leben eine einzige Reise voller Zufälle, Beobachtungen, mehr oder weniger gelungener Entscheidungen, voller Assoziationen, ein sinnliches Leben, das zwischen rot und grün changiert, das in den engen vier Wänden, die Tag für Tag noch beengter werden durch die Anhäufung einer Zettelwirtschaft, immer noch genug Raum lässt, um Caspar David Friedrich und Goya zu imaginieren, um einen ganz eigenen Kosmos zu schaffen, der kleinräumig und so weit zugleich ist.

Als Friederike Mayröcker „Reise durch die Nacht“ schrieb, hatte sie bereits ein umfangreiches Werk vollbracht: Ab Mitte der 1950er-Jahre hatte sie bereits eine Vielzahl an Hörspielen, Theaterstücken, Prosa und vor allem natürlich Gedichte veröffentlicht. Das Prosastück um eine nächtliche Zugfahrt fügt sich ein in diesen fortwährenden Fluss des Schreibens, keine Zäsur bildet es, keinen Stilwandel, keinen Neuanfang, sondern die Fortsetzung eines in Worte gegossenen Lebens, das wohl wie bei kaum einer anderen Schriftstellerin Biographie und Fiktion verknüpft, zusammenführt, in eine Form gießt: Das Leben als Kunstform, die Kunst des Lebens.

„Doch kann man ihre Bücher als ein einziges Buch einer denkenden, sehenden, hörenden, liebenden, leidenden und reflektierenden weiblichen Existenz lesen“, schreibt Verena Auffermann in einem Essay über die Schriftstellerin.

Knapp 60 Jahre alt war sie, die Avantgardistin der österreichischen Literatur, als sie das Prosastück über ihre Zugreise veröffentlichte. Eine Reise, die die Leser hierhin und dorthin führt bis zur Endstation in Wien, zurück zu gescheiterten Lieben, zu Begegnungen mit anderen Menschen, nach einem unbefriedigenden Urlaubsaufenthalt mit dem „VORSAGER“ die Gegenwart durchdringend, vor allem die eigene Existenz als Schreibende und älter werdende Frau. Schonungslos ist diese Bilanz, auch dem Partner gegenüber, mit dem, obgleich zwar als VORSAGER fiktionalisiert, unverkennbar Ernst Jandl gemeint ist, mit dem Friederike Mayröcker bis zu dessen Tod im Jahr 2000 eine Lebens- und Liebesgemeinschaft führte:

„Jetzt noch einmal beginnen können, mein Gott in meinem dreiundreißigsten Jahr zum Beispiel, damals, als wir einander zum ersten Mal sahen! Die Wahrheit ist wir sind in späteren Jahren oft in ein Patt geraten, wußten nicht ein noch aus, weideten uns an den bloßgelegten Schwächen des anderen.“

Nur stückweise sei sie imstande zu leben, lesen wir von der Autorin dieses inneren Monologs: Dies klingt beinahe wie eine Gebrauchsanweisung für das Lesen der Texte Friederike Mayröckers. Alles fügt sich ineinander, gibt ein Ganzes, man kann sich hineinfallen lassen in diesen Sog einer Existenz, die sich durch das Schreiben ihrer selbst bewusst macht, man kann – oder sollte gar als Leserin – den Text immer wieder unterbrechen, aufnehmen, in Einzelstücken genießen, das Assoziative wie das Poetische daran langsam vor den Augen zergehen lassen:

„Mit Blüten beschneit, damals, die Ruten der Bäume im bleichen Abendlicht, mit riesigen Blütenmonstranzen die mächtigen Holunderbäume, in einem Hof, von ferne ein leise weinendes Kind, im ausgebleichten Himmelsviereck die schreienden Schwalben, unsichtbar flötenden Amseln : alles von unirdischer Herkunft! sage ich, als hätte ich damals, in diesen Augenblicken der tiefen Stille eine Vorstellung davon empfangen dürfen, wie mich, sobald es auch mir bevorsteht, die Erinnerung dieses Bildes trostvoll hinübergeleiten würde.“

Vor wenigen Tagen, am 20. Dezember, feierte Friederike Mayröcker ihren 94. Geburtstag – und noch immer ist ihre Reise durch das Leben ein fortwährendes Erleben und Schreiben. Der „Reise durch die Nacht“ folgten noch zahlreiche weitere Bücher, die sich einfügen in dieses Gesamtkunstwerk – besonders anrührend ist der Erinnerungsband an ihren Gefährten Ernst Jandl, „Und ich schüttelte einen Liebling“.

Dennoch ist mir „Reise durch die Nacht“ von dem, was ich von ihr bislang las, ein besonders wichtiges Buch, gerade in meiner jetzigen Lebensphase: Die Auseinandersetzung mit dem, was ist. Wie man sein Leben gelebt hat, wie es sich mit den Jahrzehnten verändert, auch das Festhalten dessen, wie einem das Älterwerden immer näher rückt, die körperliche Verfassung eine andere wird. Mit so viel Mut, „mit der Tollkühnheit der Selbstentäußerung“ (Verena Auffermann) hat Friederike Mayröcker darüber schon vor mehr als drei Jahrzehnten geschrieben.

Mehr Informationen:

Die Werke von Friederike Mayröcker erscheinen im Suhrkamp Verlag.

Ihre Biographie bei FemBio.

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Peter Altenberg: Im Volksgarten

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Bild: (c) Michael Flötotto

»Ich möchte einen blauen Ballon haben! Einen blauen Ballon möchte ich haben!«

»Da hast du einen blauen Ballon, Rosamunde!«

Man erklärte ihr nun, daß darinnen ein Gas sich befände, leichter als die atmosphärische Luft, infolgedessen etc. etc.

»Ich möchte ihn auslassen – – –«, sagte sie einfach.

»Willst du ihn nicht lieber diesem armen Mäderl dort schenken?!?«

»Nein, ich will ihn auslassen – – –!«

Sie läßt den Ballon aus, sieht ihm nach, bis er verschwindet in den blauen Himmel.

»Tut es dir nun nicht leid, daß du ihn nicht dem armen Mäderl geschenkt hast?!?«

»Ja, ich hätte ihn lieber dem armen Mäderl geschenkt!«

»Da hast du einen andern blauen Ballon, schenke ihr diesen!

»Nein, ich möchte den auch auslassen in den blauen Himmel!« –

Sie tut es.

Man schenkt ihr einen dritten blauen Ballon.

Sie geht von selbst hin zu dem armen Mäderl, schenkt ihr diesen, sagt: »Du lasse ihn aus!«

»Nein«, sagt das arme Mäderl, blickt den Ballon begeistert an.

Im Zimmer flog er an den Plafond, blieb drei Tage lang picken, wurde dunkler, schrumpfte ein, fiel tot herab als ein schwarzes Säckchen.

Da dachte das arme Mäderl: »Ich hätte ihn im Garten auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut, nachgeschaut – – –!«

Währenddessen erhielt das reiche Mäderl noch zehn Ballons, und einmal kaufte ihr der Onkel Karl sogar alle dreißig Ballons auf einmal. Zwanzig ließ sie in den Himmel fliegen und zehn verschenkte sie an arme Kinder. Von da an hatten Ballons für sie überhaupt kein Interesse mehr.

»Die dummen Ballons – – –«, sagte sie.

Und Tante Ida fand infolgedessen, daß sie für ihr Alter ziemlich vorgeschritten sei!

Das arme Mäderl träumte: »Ich hätte ihn auslassen sollen, in den blauen Himmel, ich hätte ihm nachgeschaut und nachgeschaut – – –!«

Peter Altenberg

„Im Volksgarten“ erschien erstmals 1896 in der Sammlung „Wie ich es sehe“.
Karl Kraus hatte die Prosaskizzen Peter Altenbergs (1859 – 1919), den er aus dem Kaffeehaus kannte, kurzerhand an den S. Fischer Verlag geschickt. Nach „Wie ich es sehe“ folgten noch weitere Buchpublikationen, dennoch lebte der Bohemien stets am Rande des Existenzminimums. Hier findet sich ein ausführliches Portrait.

„Im Volksgarten“ ist einer der Sprechtitel auf André Hellers wunderbarer Schallplatte „Bei lebendigem Leib“. Beim Zuhören sieht man die Ballons förmlich in den Himmel verschwinden…eigentlich müssten all die wienerisch-federleicht-melancholischen Skizzen, die Altenberg mit Worten malte, gesprochen gehört werden. Weil man dann auch versteht: Auslassen, loslassen, ist immer schwieriger für den, der von vornherein wenig hat…

 

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