Ingeborg Bachmann – Erklär mir, Liebe!

“Erklär mir, Liebe” wurde von Ingeborg Bachmann 1956 erstmals veröffentlicht. Das Gedicht umfasst in vollständiger Länge 38 Verse.

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Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!

Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

In einem 1971 geführten Interview erklärte Ingeborg Bachmann, worin der Grund für sie besteht, sich in lyrischer Form mit dem Begriff Liebe auseinanderzusetzen. Darin heißt es: „Für mich stellt sich nicht die Frage nach der Rolle der Frau, sondern nach dem Phänomen der Liebe – wie geliebt wird. (…) Liebe ist ein Kunstwerk.“

Quelle: Daniela Kramer, Ingeborg Bachmanns Liebeslyrik am Beispiel von “Erklär mir Liebe”, 2010.

Christa Wolf zu diesem Gedicht:

Dies, scheint mir, will das Ich und das Du des Gedichts, die ich mir gern zusammen denke, als Preis für Unversehrbarkeit nicht zahlen: fühllos sein. Der denkt, gedacht hat, Hunderte von Jahren, um sich abzuhärten: Er wird nun vermißt. Die Brüderlichkeit, Natürlichkeit, Arglosigkeit, die er sich weggedacht, sie fehlen ihm nun doch. Merkt er noch, gestählt und gepanzert, wie er ist, ob es Feuer oder Kälte sind, durch die er geht? Er wird Instrumente mit sich führen, die Temperatur zu messen, denn was ihn umgibt, muß eindeutig sein. Dies bedenkend, bedauernd, beklagend auch, gibt das Gedicht selbst ein Beispiel von genauester Unbestimmtheit, klarster Vieldeutigkeit. So und nicht anders, sagt es, und zugleich – was logisch nicht zu denken ist –: So. Anders. Du bist ich, ich bin er, es ist nicht zu erklären. Grammatik der vielfachen gleichzeitigen Bezüge.

Christa Wolf, aus: Christa Wolf: Kassandra. Vier Vorlesungen. Eine Erzählung, Luchterhand Literaturverlag, 1983

In vollständiger Länge bei Planetlyrik.

Liebe ist nur möglich, wenn sich zwei Menschen aus der Mitte ihrer Existenz heraus miteinander verbinden, wenn also jeder sich selbst aus der Mitte seiner Existenz heraus erlebt. Nur dieses Leben aus der Mitte ist menschliche Wirklichkeit, nur hier ist Lebendigkeit, nur hier ist die Basis für die Liebe. Die so erfahrene Liebe ist eine ständige Herausforderung; sie ist kein Ruheplatz, sondern bedeutet, sich zu bewegen, zu wachsen, zusammenzuarbeiten. Ob Harmonie waltet oder ob es Konflikte gibt, ob Freude oder Traurigkeit herrscht, ist nur von sekundärer Bedeutung gegenüber der grundlegenden Tatsache, daß zwei Menschen sich vom Wesen ihres Seins her erleben, daß sie miteinander eins sind, indem sie mit sich selbst eins sind, anstatt vor sich selber auf der Flucht zu sein. Für die Liebe gibt es nur einen Beweis: die Tiefe der Beziehung und die Lebendigkeit und Stärke in jedem der Liebenden. Das allein ist die Frucht, an der die Liebe zu erkennen ist.

Erich Fromm, „Die Kunst des Liebens“, 1956

Lesezeichen von: Ian McEwan, William Butler Yeats & Benjamin Britten

Wie Ian McEwan einen mit seinem Roman “Kindeswohl” auf die Spuren von William Butler Yeats führt. Literatur und Musik treffen sich im Roman und im Leben.

„Das melancholische Lied und wie es hier gespielt wurde, so hoffnungsfroh, so roh, stand für alles, was sie an dem Jungen zu verstehen begann. Sie kannte die reuevollen Worte des Dichters auswendig. Doch ich war jung und töricht … Adams Spiel rührte sie, verwirrte sie aber auch. Mit der Geige oder irgendeinem anderen Instrument anzufangen war ein Ausdruck von Hoffnung, implizierte Zukunft.“

Ian McEwan, „Kindeswohl“, 2014

„Sprachlich, stilistisch ist an einem McEwan nie etwas zu bemängeln, auch dieses Mal nicht. Strukturell hat er mich mit seinem letzten Roman Honig, der für mich nur als Spionagegeschichte getarnt eher ein doppelbödiges Spiel mit den Ebenen darstellt, überrascht und für sich eingenommen. Mit Kindeswohl aber hat er mich getroffen und zwar richtig, mitten ins Herz“, schrieb Bri in ihrer Besprechung des Romans beim „feinen, reinen Buchstoff“.

Das Yeats-Gedicht ist nicht von ungefähr gewählt: Beiden, sowohl Fiona und Adam, ist es nicht gegeben, das Leben von einer leichteren Seite zu nehmen.

Down by the Salley Gardens

Down by the salley gardens
my love and I did meet;
She passed the salley gardens
with little snow-white feet.
She bid me take love easy,
as the leaves grow on the tree;
But I, being young and foolish,
with her would not agree.

In a field by the river
my love and I did stand,
And on my leaning shoulder
she laid her snow-white hand.
She bid me take life easy,
as the grass grows on the weirs;
But I was young and foolish,
and now am full of tears.

William Butler Yeats

Maike Bellmann – Weil es so ist

Ein feines Fundstück bei Facebook: Lyrik von Maike Bellmann.

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AM ENDE: ARGUMENTE

Weil es so ist,
Sagst du,
Wenn nichts mehr so ist.

Reine Ansichtssache,
Sagst du,
Und siehst mich nicht an.

Alles eine Frage der Perspektive,
Sagst du,
Als ob wir eine hätten.

Maike Bellmann

Schon oft genug war ich nah daran, den einen oder anderen Social Media-Kanal, mit dem der Blog verlinkt ist, zu kappen. Zu viel Informationsüberreizung, zu viel Desinformation und in diesen Zeiten auch viel zu viel üble Postings, die an der Menschheit zweifeln lassen.

Und dann, mitten in dieser Flut, finden sich doch die kleinen Perlen, bei denen sich das Herausfischen lohnt. So folge ich schon einige Zeit der Lyrikerin Maike Bellmann, deren Gedichte mich immer wieder zum Innehalten, zum Nachdenken und zum Schmunzeln bringen auf Facebook. Schon länger spricht sie davon, einen Blog zu eröffnen – ich hoffe sehr darauf, das Medium wäre mir lieber. Und so kommen derzeit leider nur ihre F****book-Freunde in den Genuss des Mitlesens.

An den obigen Zeilen blieb ich gestern lange hängen: Das Gedicht finde ich hervorragend, es sprang mich förmlich an – kein Wunder, mag ich doch auch die Arbeiten von Erich Fried sehr in ihrer nur scheinbaren Schlichtheit und fast schon nüchternen Ausdrucksweise. Und dennoch: Dieses Spiel mit Wörtern und Sprache, die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen – das ist frappant, fein gesponnene Zurückhaltung.

Ich ziehe meinen Hut vor Maikes Gedichten. Und ein großes Danke schön an Maike, dass ich dies hier veröffentlichen durfte!
Wer mehr davon lesen will, kann dieses derzeit hier tun: Maike Bellmann.
Und wer wie ich darauf hofft, dass sie künftig auch auf einem Blog veröffentlicht, der soll dies doch bitte in den Kommentaren kundtun.


Bild zum Download: Glockenstrang


 

Rose Ausländer: Ich spiele noch

Wie es ist, Vaterland und Muttersprache zu verlieren, eine Überlebende zu sein: Immer wieder thematisierte Rose Ausländer dies in ihren Gedichten.

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Manche haben sich gerettet

Aus der Nacht
krochen Hände
ziegelrot vom Blut
der Ermordeten

(Aus „Schallendes Schweigen“)

Rose Ausländer (1901-1988)

Die Nächte der Rose Ausländer zwischen 1941 und 1944, ich mag mir sie nicht vorstellen. 1941 wird die jüdische Bevölkerung in Czernowitz von den Nationalsozialsten und deren rumänischen Schergen in einem Ghetto zusammengetrieben. Dem Transport in ein Arbeitslager und der Zwangsarbeit, die meist im Tod endete – wie bei der jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger – entkommt Rose Ausländer, weil sie im Ghetto in Kellerverstecken untertaucht. Unter den einstmals 60.000 Juden in Czernowitz ist sie eine der wenigen Überlebenden.

Wir feiern das Fest der Abwesenden
mit verschollenen Freunden

(Aus „Das Fest)

Hunger, Arbeit, Todesnot – der Gruppe um Rose Ausländer und Paul Antschel, der sich später Paul Celan nennt, helfen Gedichte, um diese Zeit zu überstehen. Rose Ausländer, die Älteste unter ihnen, hat da bereits veröffentlicht, Lebens- und Welterfahrung gesammelt. „Schreiben war Leben. Überleben!“ notiert sie später.

Sie wird 1901 als Rosalie Beatrice Scherzer im damals noch österreichischen Czernowitz geboren. Schon als Schülerin kommt sie mit ihren Eltern nach Budapest und Wien, kehrt aber immer wieder in ihre multikulturelle, geistig blühende Heimatstadt zurück, wo sie 1919 ein Gaststudium der Literatur und Philosophie an der Universität beginnt.

Die frühen Gedichte beschreiben eine einzigartige Geistesatmosphäre in dieser Stadt, die heute in der immer noch gebeutelten Ukraine liegt:

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
schwieg in fünf Sprachen

(Aus „Cernowitz“)

„Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Die besonderen Menschen. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein“, so äußert sie sich später über ihre geistige Heimat. Sie erinnerte sich an die jiddischen Dichter Elieser Steinberg und Itzig Manger, die deutschsprachigen Autoren Paul Celan und Alfred Margul-Sperber, der sie entdeckte. Und an eine einmalige Kulturlandschaft, eine blühende, multikulturelle Metropole, die zerschlagen wurde im Wahn des Krieges und des nationalsozialistischen Terrors.

Aus „In jenen Jahren“:

In jenen Jahren
war die Zeit gefroren:
Eis so weit die Seele reichte.

Bereits mit 17 schreibt Rose Ausländer Verse, Ideen in ihr Tagebuch, steht fest, „dass Lyrik mein Lebenselement war“. Doch zunächst kommen die Erfahrungen, dann die Literatur. 1920, nach dem Tod des Vaters wandert sie gemeinsam mit dem Studienkollegen Ignaz Ausländer in die USA aus. Dort arbeitet sie als Redakteurin und veröffentlicht bereits ihre ersten Gedichte. 1926 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft – die sie 1937 wegen ihrer langen Abwesenheit von den USA wieder verliert. Ob die Staatsbürgerschaft sie vor dem Ghetto bewahrt hätte? Und schließlich die Frage, die einen seltsamen, beinahe zynischen Unterton hat – was hätte dies für ihre Lyrik später bedeutet, ein Betrachten des Wahnsinns aus der Ferne?

„Wir treffen uns
hinter der Heimat
im Haus mit
gebrochenem Flügel“

(Aus: „Entfremdung“).

„Alle Dichter schöpfen in ihren Texten aus ihrem Erleben. Eine so enge Verknüpfung von Leben und Werk wie bei Rose Ausländer ist aber ungewöhnlich, selten, vielleicht einmalig“, meint Helmut Braun, Herausgeber ihrer Gedichte beim S. Fischer Verlag. Braun macht unter den fast 3.000 Gedichten, die Rose Ausländer in ihrem langen Leben schrieb, mehrere Hauptthemen, Kapitel, aus – Werke über die Kindheit und Jugend in der Bukowina, die Gedichte über das Judentum, über die Shoa-Erfahrung und das Exil, Texte über das Schreiben und die Heimat Sprache sowie Gedichte über wesentliche, existentielle Lebenserfahrungen – die Liebe, das Älterwerden, den Tod. Alles zusammengefasst an Lebenserfahrung findet sich in dem Gedicht „Ich vergesse nicht“, eine Aufzählung dessen, was prägte: Elternhaus, Mutterstimme, die Bukowina, New York, der erste Kuss, das Darben im Keller, das bittersüße Amerika.

Wir suchen
im Hudson eine bleibende Fabel
die Gesetzestafel im Steinreich

(Aus: „Manhattan Am Sonntag“)

Die Liebe zur Mutter, die auch Heimat ist, führt die junge Frau zurück nach Europa, bis 1941 veröffentlicht Rose Ausländer weiter, lehrt Englisch, arbeitet als Übersetzerin, reist nach Paris, New York, wird geschieden, verliebt und trennt sich erneut – das Leben einer jungen, emanzipierten Frau, so erscheint es. Der Krieg, die Rassenverfolgung setzt dem allem ein Ende.

Nach der Shoa-Erfahrung ist auch ihr Schreiben nicht mehr dasselbe. Rose Ausländer überlebt, kehrt zurück in die USA – und verfasst ihre Gedichte bis 1956 ausschließlich in englischer Sprache. Es scheint, als habe sie neben der geographischen Heimat und der Mutter, die 1947 verstorben ist, auch die Heimat der deutschen Sprache verloren. „Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse. Kein äußerer Anlass bewirkte die Rückkehr zur Muttersprache. Geheimnis des Unterbewusstseins.“

Mein Vaterland
ist tot
sie haben es begraben
im Feuer

heißt es in dem Gedicht „Mutterland“. Dazu wird nun: Das Wort.

Die Annäherung an das Land der Täter kann nur wieder schrittweise erfolgen. 1957 unternimmt sie eine erste Europareise, Rumänien und Deutschland meidet sie. 1964 übersiedelt sie nach Wien, ein Jahr später dann in die Bundesrepublik. Ab 1972 lebt sie im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf, dem Elternheim der jüdischen Gemeinde, wo sie nach langer Bettlägerigkeit am 3. Januar 1988 stirbt.

Der Dichter
fügt wieder zusammen
das zerstückelte Lied

Trotz ihrer angegriffenen Gesundheit im Alter zählen ihre letzten Jahre mit zu den produktivsten – das Schreiben ist ihr ein Bedürfnis, „ein Trieb“. Helmut Braun, der ihren literarischen Nachlass verwaltet und Rose Ausländer ab den 70er Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat, war fasziniert von der ungeheuren Kreativität und Kraft dieser Dichterin, die auch angesichts des Sterbens dem Tod noch Worte abtrotzte. „Rose Ausländer lebte in der verzweifelten Hoffnung, das Schreiben noch möglich sei“, so Braun, „sie leitete ihre gesamte Identität aus ihrem Schreiben her.“

„Warum schreibe ich?
Weil ich, meine Identität suchend, mit mir deutlicher spreche auf dem wortlosen Bogen.“

Die Werke von Rose Ausländer erscheinen beim S. Fischer Verlag.

Weitere Informationen zur Dichterin bietet die Rose Ausländer-Gesellschaft

Heinrich Heine: Das Buch der Lieder

„Das Buch der Lieder“ erschien 1827 bei Hoffmann und Campe. Es war eine von Heine selbst zusammengestellte Gesamtausgabe fast aller seiner Gedichte.

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Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten;
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Heinrich Heine (1797 – 1856)


Es gibt Gedichte, die sind irgendwie immer da. Es gibt Bücher, die begleiten einen durch das ganze Leben. Und es gibt Stimmen, die summen immer wieder eine Melodie in meinem Kopf. All dies erfüllt für mich „Das Buch der Lieder“ von Heinrich Heine.

Dieses Konglomerrat der frühen Heine-Gedichte, die er ab 1815, damals noch in Düsseldorf, bis 1827 schrieb und unter dem Titel „Das Buch der Lieder“ als Sammelband herausgeben ließ, es ist natürlich ein Stück „deutsches Kulturgut“, um diese hochtrabende Bezeichnung anzuführen. Einer der meistgedruckten deutschen Lyrikbände: Er begründete Heines weltweiten Ruhm als Lyriker, befördert wurde dies durch zahllose Vertonungen etlicher dieser Gedichte (Kindlers Literaturlexikon führt an die 10.000 an).

Die anrührende Melodie von der Liebe

Ob lesender Mensch oder nicht: Mit einem Heine-Gedicht kommt man früher oder später immer in Berührung. Selbst bei meiner Großmutter, in deren wuchtigem Holzbuffet nur einige Bände Ganghofer und ähnliche Bergromane standen, fand sich zwischen alpiner Literatur ein „Buch der Lieder“, fast erdrückt von den Gipfelstürmern, und dennoch setzte es sich durch. Es ist das einzige Buch, das ich von ihr jemals geschenkt bekam. Als Pubertier wusste ich dies zu schätzen: Da sprach einer so anrührend hauptsächlich von der Liebe, aber vor allem von ihrem Verlust, manchmal ironisch, manchmal fürchterlich sentimental, das toppte jeden eigenen Tagebucheintrag.

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte,
So rein und schön und hold.

Dann geriet das Buch unter Kitsch-Verdacht, Heine wurde in eine der hinteren Regalecken zu den Verschämten Lektüren verbannt. Staubte vor sich hin. Ich gestehe es offen: Ich musste erst ein paar Jahre älter, um die eine oder andere Erfahrung reicher werden, um den Herrn Heinrich wieder goutieren zu können. Denn die holden Mägdelein, die süßen Äuglein, die Schmacht im Herzen – sprachlich up to date ist das freilich nicht. Und manches Mal knapp an der Schmerzherzgrenze. Wäre da nicht diese Brechung durch Ironie, die immer wieder aufblitzt.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und Dich quälen neue Schmerzen;
Dunkler wird es dir im Kopf,
Heller wird es dir im Herzen.

Teurer Freund, du bist verliebt,
Und du willst es nicht bekennen,
Und ich seh des Herzens Glut
Schon durch deine Weste brennen.

Viele der Verse, sieht man von den holperigen Beinah-Balladen des jungen Heine und von manchem, was gar zu schwülstig ist, ab – viele der Verse sind gar nicht verstaubt, kommen frisch und frei und leicht daher. Im Lauf der Jahre entwickelte der Lyriker diesen leicht maliziösen-wehmütigen, typischen Heine-„Sound“.

Sie liebten sich beide, doch keiner
Wollt es dem andern gestehn;
Sie sahen sich an so feindlich,
Und wollten vor Liebe vergehn.

Sie trennten sich endlich und sahn sich
Nur noch zuweilen im Traum;
Sie wären längst gestorben,
Und wußten es selber kaum.

Im Verlag Hoffmann und Campe erschienen

„Das Buch der Lieder“ erschien 1827 erstmals bei Heines Verlag Hoffmann und Campe. Es war eine von ihm zusammengestellte Gesamtausgabe fast aller seiner bis dato veröffentlichten Gedichte, die sich unter den Kapiteln „Junge Leiden“ (1817 – 1821), „Lyrisches Intermezzo“ (1822/23), „Die Heimkehr“ (1823/24), „Aus der Harzreise“ (1824) und den beiden Zyklen „Die Nordsee“ (1825/26) finden. Nicht ganz frei von Koketterie schreibt Heine aus dem Paris Exil, wo er ab 1831 lebte, im Vorwort zur zweiten Auflage:

„Nicht ohne Befangenheit übergebe ich der Lesewelt den erneueten Abdruck dieses Buches. Es hat mir die größte Überwindung gekostet, ich habe fast ein Jahr gezaudert, ehe ich mich zur flüchtigen Durchsicht desselben entschließen konnte (…). Verstehen wird diese Empfindung nur der Dichter oder Dichterling, der seine ersten Gedichte gedruckt sah. Erste Gedichte! Sie müssen auf nachlässigen, verblichenen Blättern geschrieben sein, dazwischen, hie und da, müssen welke Blumen liegen, oder eine blonde Locke, oder ein verfärbtes Stückchen Band, und an mancher Stelle muß noch die Spur einer Träne sichtbar sein… Erste Gedichte aber, die gedruckt sind, grell schwarz gedruckt auf entsetzlich glattem Papier, diese haben ihren süßesten, jungfräulichsten Reiz verloren und erregen bei dem Verfasser einen schauerlichen Mißmut.“

Trotz des Mißmutes: Nach der zweiten Auflage tritt der Gedichtband seinen „Siegeszug“ an – Heine selbst erlebt bis zu seinem Tod (nach Jahren in der Matratzengruft) 13 Auflagen dieses Buches. Als verbindliche Fassung gilt die von 1844, die er, da selbst in Hamburg anwesend, vor Ort abnahm und autorisierte. „Das Buch der Lieder“ wird einer der meistgedrucktesten Gedichtbände deutscher Sprache, der Autor in den Jahren danach jedoch auch zu einem der am meisten Geschmähten.

In Paris reift der Dichter menschlich und politisch

Spricht „Das Buch der Lieder“ noch von der unerfüllten, oftmals schmachtenden Liebe, wird Heines Lyrik später, auch bedingt durch die Pariser Erfahrungen, „handfester“. Heine selbst wollte mit der Veröffentlichung des Buches der Lieder 1827 einen Einschnitt setzen, auf zu neuen Ufer gehen: Weg von der noch romantischen Lyrik des jungen Mannes, von den an mittelalterlichen Balladen beeinflussten Versen, hin zu philosophischen und politischen Schriften – er gibt ab 1827 die „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ mit heraus, beginnt für Cottas Augsburger Allgemeine Zeitung zu schreiben und beschäftigt sich mit neuen Themen in Paris. Erst 1844 erscheint ein zweiter Lyrikband, der prompt die Zensoren vor Probleme stellt – der romantische Liederbuch-Heine war dem reinen Schwärmen entwachsen.

„Die Aufnahme der Körperlichkeit ins lyrische Inventar löste in Deutschland eine Flut von Schmähungen aus, die bezeichnenderweise stets vom Modell des Erlebnisgedichts her argumentieren und die Texte als biographische Dokumente auffassten. Dabei ist ihr starker politischer Akzent nicht zu übersehen: Die Liebe stand im reaktionären Deutschland wie die Politik im Zeichen von Entsagung und Unterdrückung.“ (Bernd Kortländer, Kindlers Literaturlexikon, 2009).

Von den Nationalsozialisten verunglimpft

Das Sinnlich-Erotische, das Unabhängige, die Abkehr von Deutschland, seine spitze Feder und nicht zuletzt seine jüdische Herkunft: Er wurde als „vaterlandsloser Deutschjude“ beschimpft, im Nationalsozialismus gehörte er, von dem das Zitat „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ stammt, zu den „verbrannten Dichtern“. Doch nicht einmal die braunen Diktatoren konnten seine Lyrik vollständig verbannen – zu sehr gehörten gerade die Loreley-Verse und anderes aus dem „Buch der Lieder“ schon zum kollektiven Gedächtnis. Man ging dazu über, in Volksliedsammlungen und ähnlichem seinen Namen wegzulassen – verdrängen ließ sich der Spötter aus dem Gedächtnis jedoch nicht. Auch eine Art später Triumph.

Selten habt ihr mich verstanden,
Selten auch verstand ich euch,
Nur wenn wir im Kot uns fanden,
So verstanden wir uns gleich.

Karl Kraus wurde zu seinem größten Kritiker

Mag heute vieles aus dem „Buch der Lieder“ holprig erscheinen, schwärmerisch-exaltiert, manches zu sentimental: Schön ist das Schmachten doch. Auch wenn Heine in Karl Kraus einen späten erbitterten Kritiker fand, der mit seinem Sprachgebrauch harsch ins Gericht ging:

“Heinrich Heine aber hat den Deutschen die Botschaft dieses Himmels gebracht, nach dem es ihr Gemüt mit einer Sehnsucht zieht, die sich irgendwo reimen muß und die in unterirdischen Gängen direkt vom Kontor zur blauen Grotte führt. Und auf einem Seitenweg, den deutsche Männer meiden: von der Gansleber zur blauen Blume. Es mußte geschehen, daß die einen mit ihrer Sehnsucht, die andern mit ihren Sehnsüchten Heinrich Heine für den Erfüller hielten. Von einer Kultur gestimmt, die im Lebensstoff schon alle Kunst erlebt, spielt er einer Kultur auf, die von der Kunst nur den stofflichen Reiz empfängt. Seine Dichtung wirkt aus dem romanischen Lebensgefühl in die deutsche Kunstanschauung.”

Das Essay “Heinrich Heine und die Folgen” findet sich in voller Länge hier.
“Das Buch der Lieder ist ein harter Brocken”, gestand Robert Gernhardt, der erst spät zum Heine-Anhänger wurde. Weil, was den einen zum Vorwurf gereichte – Heine habe der Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass jeder Kommis an ihren Brüsten herumfingern könne (Karl Kraus), das erschien den anderen als längst überfällig. “Wir von der Neuen Frankfurter Schule haben ihr dann auch noch das Höschen geweitet. Man muß sie schon ein bißchen frei machen, damit man mit ihr spielen kann”, so Gernhardt im Interview.

Der eine sagt: „Heinrich mir graut vor Dir“. Der andere greift immer wieder auf ihn zurück – ist er doch auch der Dichter der suchenden, sentimentalen Seelen (und das darf auch mal sein). Und so hat sich im Lauf der Jahre das „Buch der Lieder“ immer wieder in mein Regal geschlichen – als Taschenbuch-Ausgabe, weil Großmutters Band in Ehren gehalten werden muss und nichts für den täglichen Gebrauch ist. In einer Neuausgabe bei Hoffmann und Campe schreibt Jan-Christoph Hauschild vom Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf im Nachwort:

„Traditionell-epigonales, der Schauer- oder der Marienromantik Verpflichtetes mischt sich mit Inhalten aus der konfliktreichen und widerspruchsvollen Gegenwart, Liebeslyrik im Stil der höfischen Dichtung steht neben salopper Behandlung des Themas, kunstvoll gebaute Sonette treffen auf den Ton des erneuerten Volkslieds.
Diese teil konträren Tendenzen, die man auch als virtuose Vielfarbigkeit bezeichnen kann, tun dem Gesamteindruck allerdings keinen Abbruch: Das „Buch der Lieder“ ist seinem Charakter nach ein Buch der Liebe, genauer: der unglücklichen Liebe, die Heine in hundertfacher Variation besungen hat.“

Aus meinen großen Schmerzen
Mach ich die kleinen Lieder;
Die heben ihr klingend Gefieder
Und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,
Doch kommen sie wieder und klagen,
Und klagen, und wollen nicht sagen,
Was sie im Herzen schauten.


Alle hier zitierten Gedichte stammen aus dem “Buch der Lieder”.