Jürgen Goldstein: Blau

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Bild von frankspandl auf Pixabay

„Am Anfang war kein Blau. Die Höhlenmalereien unserer Vorfahren, entstanden vor Zehntausenden von Jahren kennen Rottöne, sie schwelgen in Braun und Ocker, für sie wurde Schwarz verwendet – nicht aber Blau. Das ist weder Zufall noch ein reiner Mangel an blauen Farbstoffen: Blau scheint lange Zeit in der Entwicklungsgeschichte des Menschen eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Michel Pastoureau nennt es im Rahmen der europäischen Geschichte die „unauffällige Farbe“ und verzeichnet erst ab dem 12. Jahrhundert einen Bedeutungszuwachs.“

Jürgen Goldstein, „Blau. Die Wunderkammer seiner Bedeutungen“, Matthes & Seitz Berlin, 2017

Am Anfang war kein Blau. Und heute? Alle tragen Blue Jeans. Weit hergeholt, diese Assoziation? Dann sollte man sich von Jürgen Goldstein zum Lesen verführen lassen: Denn „Blau“ ist ein Buch, das seine Leser klug und intelligent auf eine überraschende Reise mit überraschenden Wendungen ins Blaue hinein mitnimmt.

In der Einführung zu seiner wunderbaren Essaysammlung spricht Jürgen Goldstein über das Glück des Flaneurs, „kein Ziel haben zu müssen.“ Die Lebenskunst, eine „souveräne Absichtslosigkeit“ auszuüben, sie kommt in unserem durchgeplanten Alltag oftmals zu kurz. Selbst das Lesen – das eine besondere Art des horizonterweiternden Müßiggangs sein könnte – fällt häufig einem Zwang zur Effizienz zum Opfer: Es soll uns weiterbringen, Wissen erweitern, Anstöße geben und ein Sachbuch sollte möglichst mit neuen Forschungsergebnissen oder zumindest mit innovativen Hypothesen aufwarten.

Dem Zwang zur zielgerichteten Optimierungslektüre nimmt der kluge Autor Goldstein mit seinen kulturphilosophischen Texten von vornherein jede Grundlage, so ganz anders ist dieses „Blau“ angelegt – nämlich als „Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen“.

Der Professor für Philosophie, 2016 für sein Buch über Georg Forster mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, lädt die Leser zum Flanieren ein, zu einem kulturgeschichtlichen Bummel auf den Spuren der Farbe „Blau“. Eine literarische Fahrt ins Blaue im besten Sinne – ohne eindeutiges Ziel, ein Vorbeischlendern, ein Verharren, Pausieren dort, wo es einem gefällt, um am Ende des Tages (Buches) wie Picasso sagen zu können:

„Ich suche nicht – ich finde.“

Dieses Zitat führt nicht von ungefähr in den Prolog ein: Jürgen Goldstein möchte sein Buch als „Wunderkammer“, wie es sie in der Spätrenaissance und dem Barock gab, verstanden wissen: „Refugien“ des Außergewöhnlichen, die beim Betrachter Staunen, Neugier auf das Fremde und kulturellen Wissensdurst anregen sollten.

Die Wunderkammern fielen dem modernen Systematisierungsdrang der Museen zum Opfer. „Man geht wohl nicht zu weit, wenn man in dem Untergang der Wunderkammern den symbolischen Ausdruck eines bedenklichen Siegeszuges des modernen Ordnungswillens erkennt.“ Eine Entwicklung, die Goldstein für „unseren Umgang mit Kultur“ für „verheerend“ hält, sei doch Kultur „vom Prinzip her auf Vielfalt angelegt“.

Der durchstrukturierten Kulturvermittlung setzt Goldstein nun also eine blaue Wunderkammer entgegen:

„Mit dem eigenwilligen Ordnungsprinzip der Wunderkammer ist nun eine Möglichkeit eröffnet, nicht nur Dinge, sondern auch Bedeutungen von Dingen und Phänomenen so zu gruppieren, dass sie sich gegenseitig in verblüffenden Konstellationen ergänzen.“

Keine durchstrukturierte, chronologisch angeordnete Kulturgeschichte des „Blaus“ also, sondern ein assoziativer Spaziergang ins Blaue – dass Blau als Farbe erst allmählich Bedeutung gewann, dies erfährt man so nebenbei. Wobei dies dem Prinzip des Bandes entspricht – Wissenstropfen, die an geeigneter Stelle fallen gelassen werden, die dazu anregen, weiterzulesen, selbst weiter zu recherchieren, vor allem aber: selber zu denken.

Und tatsächlich lassen sich zwischen den einzelnen Texten rund um die Farbe Blau, die zunächst so lose nebeneinander stehen, trefflich blaue Seidenfäden spinnen, ergibt das Ganze ein eng verwobenes Blaumuster. Vom unverstellten Jubel der Astronauten der Apollo 8, als sie das erste Mal den blauen Planeten in seiner Pracht sehen, über die Bedeutung des „Blue Moon“ bis hin zu Frida Kahlos blauem Haus, in dem die Künstlerin schmerzensgeplagt auf ihr Ende wartet und hofft, „nie wiederzukehren“, spannt sich der thematische Bogen. Der vor allem zeigt, wie in der Kultur des 20. Jahrhundert die Farbe Blau mit Bedeutungen und Zuschreibungen aufgeladen wurde.

Blaustimmungen: Der Blues transportierte sie, der Jazz, die Rhapsodie in Blue. Das Blau als die Farbe des humorvollen Widerstands bei Yves Klein, der Lebensbejahung über den Tod hinaus bei Paul Klee, als Farbe der unstillbaren Sehnsucht der Romantiker. Goldstein streift durch die Künste, erzählt – immer elegant-schwungvoll – von den „Blue Notes“, den „Blue Jeans“, von „Kind of blue“, verknüpft geschickt Literatur, Musik, Bildende Kunst und Zeitgeschichte. Die Eigenwilligkeit des Autors zeigt sich unter anderem an einer bemerkbaren Leerstelle: „Der blaue Reiter“, den wahrscheinlich jeder kulturell Interessierte in einem Buch wie diesem erwartet, er wird nur ganz am Rande, in Zusammenhang mit Else Lasker-Schülers blauem Klavier erwähnt.

Man vermisst den blauen Reiter nicht zwingend: Die Welt hat so viel mehr an Blautönen zu bieten. Jürgen Goldstein stellt ein Zitat von Uwe Kolbe voran:

„Wer nach dem Blau fragt, der meint das ganze Leben.“

Verlagsinformationen zum Buch:

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/blau.html

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache: Königsblau! Jürgen Goldstein schreibt elegant, flüssig, sinnlich.

Ein Plus für die Struktur: Dunkelblau! Das Buch hält, was es verspricht – es ist eine Wunderkammer zum Stöbern, Entdecken und Wiederfinden. Schön für den autonomen Leser, für Flaneure, für Genießer. In sich eigenständige Texte, die für sich gelesen werden können und doch durchzieht ein logischer blauer Faden das gesamte Werk.

Ein Plus für den Inhalt: Azurblau! Ultramarin! Lapislazuli! Es ist einfach ein Lesevergnügen, Jürgen Goldstein über so verschiedene Menschen wie Albert Camus, Virginia Woolf, Patti Smith, Bob Dylan und viele mehr plaudern zu „hören“.

Ein kleines Minus: Himmelblau mit Wolken! Obwohl in blaues Leinen gebunden, wartet das Buch „nur“ mit Schwarzweiß-Abbildungen auf – wer den Mond, die „Nacht-Blüte“ Paul Klees oder Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ in aller Farbenpracht sehen will, ist daher auf andere Quellen angewiesen.

Fazit: Eine große Empfehlung meinerseits – mit diesem Band lässt es sich wunderbar blaumachen!

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/m%C3%BCnchen-odeonsplatz-statue-l%C3%B6we-4477307/

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LITERARISCHE ORTE: Hermann Hesse im Tessin.

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

1919 fand Hermann Hesse für sich einen Rückzugsort: Montagnola im Tessin. Seit einigen Jahren gibt es nahe bei der Casa Camuzzi, in der Hesse bis 1931 lebte, das Museum, das einen guten Eindruck vermittelt von den Tessiner Jahren Hesses. Hier, nach Montagnola, zog er sich zurück, um seine Depression zu bekämpfen oder zumindest mir ihr Leben zu können, hier entstanden auch einige seiner Hauptwerke, so „Narziß und Goldmund“ und „Siddharta“. Und hier lernte er seine engen Freunde Hugo Ball und Emmy Hennings-Ball kennen, trennte sich von seiner ersten Frau Mia, ging eine kurze Ehe mit Ruth Wegner ein, um schließlich bei Ninon Dolbin Halt zu finden.

Trotz literaturtouristischen Trubels (auch Udo Lindenberg und Patti Smith zählten unter anderem zu Besuchern des Museums, wie dieser SPON-Artikel ausführt): Man kann noch immer die Ruhe erahnen, die Hesse hier fand und brauchte. Eine literarische Spurensuche durch Hesses Montagnola stellt die Süddeutsche Zeitung hier vor.

 

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