KURZ&KNAPP: Salonbücher

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Bild: (c) Michael Flötotto

Die Buchhandlung am Obstmarkt und ihr Inhaber, Kurt Idrizovic, sie gelten in Augsburg als literarische Institution: Das ist eben einer jener Buchhändler, die Literatur leben – man werfe nur einen Blick auf den umfangreichen Veranstaltungskalender. Neben der „Literatur im Biergarten“ ist der „Literarische Salon“ eine der Reihen,  die fester Bestandteil des Augsburger Kulturlebens sind. Einige Male im Jahr diskutieren hier vor Publikum literaturaffine Menschen in dem wunderbaren Ambiete der denkmalgeschützten Haag-Villa.  Ich durfte mich nun als „Debütantin“ erstmals mit ins Gefecht werfen.

Denn tatsächlich wurde der Abend ziemlich lebhaft, so temperamentvoll und mit sehr differenzierten Meinungen wurde diskutiert. Das kann hier nachgelesen werden:
„Fabelhafte Kontroversen über Literatur“.

Die drei Bücher des Abends, kurz&knapp, nochmals aus meiner Sicht:

„Die zehn Lieben des Nishino“ von Hiromi Kawakami
Die Schriftstellerin, in Japan eine Bestseller-Autorin, unternimmt hier ein Experiment, das anderen (beispielsweise Eva Menasse mit „Quasikristalle“ und Jurek Becker mit „Amanda Herzlos“) jedoch schon weitaus besser gelungen ist: Sie stellt eine Figur in den Mittelpunkt ihres Romans, eben jenen Herrn Nishino, der aus unterschiedlichsten Perspektiven vorgestellt wird. Zehn Frauen erzählen von ihrer Liebesbeziehung zu Nishino, der für mich jedoch bis zum Ende schemenlos, eigentlich ein nicht greifbares Phantom blieb. Sollte dies das Ziel der Autorin gewesen sein – Nishino als einen im Grunde nicht liebesfähigen Mann, der einfach nur Variationen der „Liebe“ spielt, darzustellen – so ist ihr dies durchaus gelungen.
So nichtssagend wie die Hauptfigur erschienen mir jedoch auch die einzelnen Geschichten – ein Buch, von dem wenig übrigbleibt, das mich zudem sprachlich nicht überzeugen konnte. Alle zehn Geschichte sind in einem einheitlichen Ton gehalten, plätschern ein wenig vor sich hin, da kommt kein Koikarpfen ins Strudeln. Strittig war beim „Literarischen Salon“ vor allem der Liebesbegriff, der in diesem Buch zum Tragen kommt: Mit dem Gefühl der Liebe hat dies wenig zu tun, es geht vielmehr um Beziehungen, die fast schon nüchtern und kaufmännisch eingegangen werden. Die analytische Kälte, die zeitweise aus den Reflektionen der Frauen klingt, sie könnte interessant sein – dazu aber reicht es in diesem Buch aber sowohl sprachlich als auch stilistisch leider nicht.

„Die zehn Lieben des Nishino“ erschien im Hanser Verlag.

„Ich kann dich hören“ von Katharina Mevissen
Von Victor Hugo stammt das Zitat „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Ein Satz, der einfach treffend ist für diesen schönen Debütroman der 1991 geborenen Autorin Katharina Mevissen. Er trifft auf mehreren Ebenen zu: Da steht ein junger Mann, Musikstudent, Cellist, im Mittelpunkt, der in gewisser Weise von Sprachlosigkeit betroffen ist. Der Konflikt mit seinem Vater, selbst Musiker, kaum greifbar für seine Kinder, die Beziehung zu seiner Tante, die Mutterersatz war und nun ihr eigenes Leben führen will, die sich anbahnende Liebesgeschichte mit einer WG-Genossin, all das sind Themen, die Osmans Leben überlagern, für die er jedoch keine Worte findet. Zugleich kommt er durch Zufall in Kontakt mit der Welt der Gehörlosen (nicht direkt, sondern über ein Aufnahmegerät).
Auch auf dieser Ebene werden die Grenzen von Kommunikation, Varianten der Sprache und Sprachlosigkeit, austariert.
Sprache als Thema, Sprache, die überzeugt: Katharina Mevissen findet vor allem für die Musik wunderbare Worte, bringt sie auf dem Papier zum Erklingen. Ihr Stil, der variationsreich ist, von spröde bis zu poetisch reicht, hat mich durch dieses Buch getragen. Ein wenig zuviel waren mir die angerissenen Themen – neben der Metaebene der Kommunikation auch die Problematik der Migration, weiblicher Selbstbestimmung, Familienpsychologie und vieles mehr. Dennoch, alles in allem ein sehr überzeugendes Debüt, nachzulesen beispielsweise auch in der Kritik im Deutschlandfunk.

„Ich kann dich hören“ erschien im Wagenbach Verlag.

„Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann
Auf diesen Roman war ich richtig neugierig: Alexander Pechmann kannte ich bislang nur als Übersetzer von Klassikern wie Mark Twain, Melville und Henry James. Wie geht jemand, der mit solchen Stilvorbildern vertraut ist, selbst mit Sprache um? Einfach überzeugend!
„Die Nebelkrähe“ ist ein klug konstruiertes, stilistisch elegantes und atmosphärisch dichtes Buch, das nicht nur Oscar Wilde-Fans zu unterhalten vermag. Denn der exzentrische irische Schriftsteller, vielmehr sein Geist, der sich zwei Jahrzehnte nach Wildes Tod wieder Gehör verschafft, steht gewissermassen im Mittelpunkt des Geschehens. Pechmann stützt sich dabei auf eine wahre Geschichte: 1924 veröffentlichte eine gewisse Hester Dowden das Buch „Oscar Wilde from Purgatory“, Protokolle spiritistischer Sitzungen, in denen der Schriftsteller zur Nachwelt sprach.
Das Medium in Pechmanns Roman ist ein traumatisierter Kriegsteilnehmer, ein eigentlich aller Esoterik abgeneigter Mathematiker, der jedoch von Träumen und Stimmen verfolgt wird. Um seinen psychischen Problemen auf den Grund zu kommen, landet er schließlich bei einer spiritistischen Gesellschaft. Hier begegnet er auch Dorothy Wilde, der Nichte des Schriftstellers – eine interessante Frau, auch im „echten Leben“, da würde sich noch ein eigener Roman anbieten.
Die beiden beginnen die Herkunft eines Kinderbildes, das der Mathematiker Vane im Krieg anvertraut bekam und das auch der Auslöser seiner Träume ist, zu recherchieren. Eine Recherche, die mitten hineinführt in das „Swinging London“ der 1920er-Jahre, in die feinen Herrenclubs ebenso wie in die Bar eines Drogenbarons, selbstverständlich ins Theater, aber auch an weitaus dunklere Orte. Pechmann zeichnet nicht nur ein lebhaftes Bild der Metropole dieser Jahre, sondern vermittelt in diesem unterhaltsamen Roman auch eine Botschaft im Sinne Oscar Wildes (oder dessen Geist, je nachdem) und Shakespeares: „There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy.“

„Die Nebelkrähe“ erschien im Steidl Verlag.

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Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte

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Bild von Alain Audet auf Pixabay

Spaziergang

Die Sonne steht schon tief. Wir scheiden bald.
Leis sprüht der Regen. Horch! Die Meise klagt.
Wie dunkel und verschwiegen ist der Wald!
Du hast das tiefste Wort mir nicht gesagt. –

Zwei helle Birken an der Waldeswand.
Ein Spinngewebe zwischen beiden, sieh!
Wie ist es zart von Stamm zu Stamm gespannt!
Was uns zu tiefst bewegt, wir sagen’s nie. –

Fühlst du den Hauch? Ein Zittern auf dem Grund
Des Sees. Die glatte Oberfläche bebt.
Wie Schatten weht es auch um unsern Mund –
Wir haben wahrhaft nur im Traum gelebt. –

Hedwig Lachmann (1865-1918)

Prägen Landschaften die Menschen, die in ihnen leben?
Ich meine: In gewisser Weise schon.
Die jüdische Dichterin Hedwig Lachmann wuchs in der unspektakulären Landschaft Mittelschwabens auf, wo sie nach einem wechselvollen Leben auch starb. Das Kleinräumige, das nach Weite schreit, das herbstlich Karge, das sich im Sommer fast schon wieder in das Kitschig-Liebliche wandeln kann, das Bodenständige, das Zurückgenommene  – all das ist in dieser Landschaft. Und es ist in den Gedichten Lachmanns zu spüren, die immer wieder in diese schwäbische Gegend zurückkehrte: Hier war ihre Familie, hier ihre Heimat.

Ebenso sind in den Gedichten auch Sehnsucht nach einem stillen Ort, nach menschlicher Wärme und eine leise Herzensklugheit zu spüren, die jene in den Blick nimmt, die keinen Ort mehr haben:

Winterbild

In meinem Zimmer ein paar frische Blumen,
Die allen Wintermissmut mir vertreiben.
Ein Vöglein pickt vor meinem Fenster Krumen
Und guckt dabei zutraulich durch die Scheiben.

In Stroh und Bast die Bäume eingeschlagen,
Damit der strenge Frost sie nicht berühre,
Die Beete wohl verwahrt vor kalten Tagen –
Und, blossen Haupts, ein Bettler vor der Türe.

Diese Mischung aus leiser Melancholie und Mitgefühl ist ein Kennzeichen dieser Dichterin, die dem Vergessen zum Opfer fiel. Wer nur diese Seite ihrer Lyrik kennenlernt, erhält jedoch ein falsches, einseitiges Bild: Hedwig Lachmann war ebenso eine engagiert politisch denkende Frau, eine, die ihren Weg wählte und ging, jedoch ohne viel Aufhebens darum zu machen. Mir scheint, sie war eine stille Unangepasste – eine, die früh selbständig war, die zum selbständig Denken erzogen worden war und durchaus auch deshalb nicht den einfachsten ihr dargebotenen Weg einschlug.

Hedwig Lachmann kam im August 1865 in Pommern zur Welt. Sie war die Älteste der sechs Kinder des Kantors Isaac Lachmann und dessen Frau Wilhelmine. Die Familie zieht 1873 nach Hürben bei Krumbach um. In diesem  schwäbisch-bayerischen Ort existierte von 1675 bis 1942 eine meist sehr große jüdische Gemeinde, allein um 1840 gehörten zu ihr 652 Mitglieder. Bereits um 1900 war die Gemeinde jedoch auf 123 Personen gesunken. 40 Jahre später überleben nur wenige Hürbener Juden, die rechtzeitig auswandern konnten, den Nationalsozialismus.

Als Hedwig Lachmann nach Hürben kommt, ist die jüdische Gemeinde bereits sehr klein, aber noch intakt. Ihr Vater ist dort ebenfalls als Kantor und Lehrer tätig. Sie selbst besucht die Mädchenschule in Krumbach und legt dank ihrer Sprachbegabung bereits mit 15 Jahren ein Lehrerinnen-Examen in Augsburg ab. 1882 – also gerade erst 17 Jahre alt – übernimmt sie ihre erste Stellung als Gouvernante in England, dann folgen Aufenthalte in Dresden, ab 1887 in Budapest, ab 1889 schließlich lebt sie in Berlin.

 

Schon zu dieser Zeit schrieb Lachmann eigene Gedichte und arbeitete ab und an journalistisch. Ihre ersten Veröffentlichungen umfassen jedoch vor allem noch Nachdichtungen und Übersetzungen, unter anderem “Ungarische Gedichte” von Alexander Petöfi sowie Nachdichtungen der Lyrik Edgar Allan Poes. Gefördert wurde ihr Talent vor allem von Richard Dehmel, mit dem sie ab 1892 einen intensiven Briefwechsel führt. Mit dem Lyriker verbindet sie eine komplizierte Beziehung – er, damals noch verheiratet mit der Märchendichterin Paula Oppenheimer, sehnt sich nach einer Ménage à trois, will die Lachmann nicht nur platonisch lieben. Sie schreckt davor zurück – und entzieht sich der Situation durch ihren Umzug nach Budapest. Die Freundschaft zu Dehmel zerbricht endgültig 1914, als dieser sich, wie so viele andere Intellektuelle, vom Taumel der Kriegsbegeisterung mitreißen ließ. Er ließ sich, so schreibt sie an einen Freund, “von der Sturzwelle der nationalen Leidenschaft fortreißen”, er habe “seinen Beruf verkannt.”

Auch wenn Hedwig Lachmann sich selbst nicht als Anarchistin bezeichnete, politisch Stellung nahm sie gleichwohl. Vor allem für einen unbedingten Pazifismus. Ihr Antikriegsgedicht ist auch als entschiedene Reaktion auf den blinden Nationalismus der Vorkriegsjahre zu verstehen:

Mit den Besiegten

Preist Ihr den Heldenlauf der Sieger, schmückt
Sie mit dem Ruhmeskranz, Euch dran zu weiden –
Ich will indessen, in den Staub gebückt,
Erniedrigung mit den Besiegten leiden.

Geringstes Volk! verpönt, geschmäht, verheert
Und bis zur Knechtschaft in die Knie gezwungen –
Du bist vor jedem stolzeren mir wert,
Als wär’ mit dir ich einem Stamm entsprungen!

Heiß brennt mich Scham, wenn das Triumphgebraus
Dem Feinde Fall und Untergang verkündet,
Wenn über der Zerstörung tost Applaus
Und wilder noch die Machtgier sich entzündet.

Weit lieber doch besiegt sein, als verführt
Von eitlem Glanz – und wenn auch am Verschmachten,
Und ob man gleich den Fuß im Nacken spürt –
Den Sieger und das Siegesglück verachten.

Bei Richard Dehmel lernt Hedwig Lachmann jedoch bereits 1899 Gustav Landauer kennen – es muss, so kitschig das klingt, Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Denn das Paar entscheidet sich unmittelbar nach dem ersten Zusammentreffen für einen gemeinsamen Aufenthalt in England, obwohl Landauer noch verheiratet ist. 1902 kehren sie mit ihrer in England geborenen ersten Tochter nach Berlin zurück, der gemeinsame Freund Erich Mühsam besorgt ihnen dort eine Wohnung. Erst 1903 kann sich Gustav Landauer scheiden lassen und Hedwig Lachmann heiraten, 1906 wird die zweite Tochter Brigitte geboren. Die beiden geben sich zunächst großen Halt, auch wenn sich Landauer in der Zeit ihrer Ehe auch in andere Frauen verliebt.

Aus deiner Liebe …

Aus deiner Liebe kommt mir solch ein Segen,
Sie macht mein Herz so sorglos und so fest,
Ich kann so ruhig mich drin niederlegen,
Wie sich ein Kind dem Schlafe überlässt.

Ich geh dahin von Zuversicht getragen,
Seit neben deiner meine Seele schweift;
So, wie man wohl an schönen Sommertagen
Durch reife Ährenfelder sinnend streift.

Da gleiten sanft die Finger über Blüten
Und Halme hin, wie eine Mutter pflegt,
Und alles Leben möchte man behüten,
Das seine heil’ge Saat zum Lichte trägt.

1902 veröffentlicht Hedwig Lachmann wieder eigene Gedichte – zuvor war sie vor der Außenwelt vor allem durch ihre Übersetzungen von Poe, Oscar Wilde und Balzac hervorgetreten. Einige dieser Übertragungen sind durchaus noch in Gebrauch: So Balzacs „Frau von 30 Jahren“, erschienen als Fischer Klassik Taschenbuch. 1905 folgt eine Oscar-Wilde-Monographie aus ihrer Feder

1917 ziehen die Landauers wegen der schlechten Ernährungslage zurück nach Bayern – Hedwig kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück. Am 21. Februar 1918 stirbt sie in Krumbach an einer Lungenentzündung. Sie ist dort auf dem jüdischen Friedhof im Orsteil Hürben begragen. Der tieferschütterte Landauer gibt im Jahr nach ihrem Tod ihre “Gesammelten Gedichte” bei Kiepenheuer heraus. Landauer selbst wird 1919, nach dem Scheitern der Münchner Räterepublik, von Soldaten ermordet.

Hedwig Lachmann hat viele wunderbare Gedichte hinterlassen, die es wieder zu entdecken gilt. Und sie gab ihr Talent trotz des viel zu kurzen Lebens weiter: Ihr Enkel ist Mike Nichols, geboren 1931 in Berlin als Michael Igor Peschkowsky, der als Regisseur unter anderem mit “Die Reifeprüfung”, “Catch 22″ und “Silkwood” für gutes Kino sorgte.

 

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Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

Highsmith

Bild: (c) Michael Flötotto

„Aber er fühlte sich einsam. Es war anders als der Eindruck, allein und doch nicht allein zu sein, den er in Paris gehabt hatte. Er hatte sich ausgemalt, daß er einen fröhlichen neuen Freundeskreis erwerben und ein neues Leben beginnen würde, ein Leben voller neuer Ansichten, Haltungen und Gewohnheiten, die denen, die er sein ganzes bisheriges Leben lang gekannt hatte, weit überlegen waren. Doch jetzt sah er ein, daß es unmöglich war. Er würde sich von anderen Leuten fernhalten müssen, und das immer.“

Patricia Highsmith, „Der talentierte Mr. Ripley“, 1955, Diogenes Verlag.

Nun, ganz so schlimm kommt es nicht. Tatsächlich gelingt es Tom Ripley im Verlauf von vier weiteren Romanen ein Leben voller neuer Ansichten zu führen – und das nicht einmal zu schlecht. Die kurz aufflackernde Depression ist bei Ripley bald überwunden – und ein geringer Preis für einen Mord. Und als Leser freut man sich beinahe, dass er, dieser ambivalente Held, sich aus seelischen Nöten und äußeren Gefahren einmal mehr herausgewunden hat. Doch so ist es oftmals bei Patricia Highsmith: Die Grenzen zwischen „Gut“ und „Böse“ verschwimmen, der Sünder, der in jedem von uns steckt (wer wünschte sich nicht ab und an, sein eigenes Leben gegen ein scheinbar besseres tauschen zu können?), wird fast zum Sympathieträger.

Manchen Herrschaften sieht man einfach alles nach. Tom Ripley ist so einer. Immerhin mordet der smarte Junge aus den USA sich durch halb Europa und fünf Romane (die Zahl der Leichen bleibt zwar überschaubar, aber gezählt habe ich sie nicht), lügt, betrügt und ist an und für sich durch und durch amoralisch. Und dennoch möchte bei jedem Wiederlesen einfach nur, dass er davon kommt – was oft genug nur um Haaresbreite geschieht und mit etwas „windigen“ Tricks auch der Autorin. Doch die kriminalistische Logik steht bei Patricia Highsmith eben nicht im Vordergrund – wie man der Meisterin des psychologischen Spannungsromans auch Unrecht tut, wenn man sie „nur“ in einem Genre verortet, der Kriminalliteratur. So wie man – das nur nebenbei – auch der Kriminalliteratur natürlich ebenfalls Unrecht tut, wenn man sie per se als Literatur zweiten Ranges betrachtet. Aber das ist wie die ewig leidige Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur: Uralte Klischees, die irgendwie überleben.

Zurück zu Patricia Highsmith und einem meiner Lieblingshelden aus ihrer Feder: Was die Tom-Ripley-Romane so faszinierend macht, ist die Charakteranlage der Figur. Von Buch zu Buch gewinnt Ripley immer mehr an Kontur und bleibt bei aller Vertrautheit doch rätselhaft. Mit dem ersten Roman nimmt er die Identität eines anderen an: Er wird zu dem von ihn ermordeten Millionärssohn Dickie Greenleaf. Und auch in den späteren Büchern schlüpft er immer wieder in verschiedene Rollen, spielt einen verschollenen Maler in London, gibt in Berlin in einer Bar den Transvestiten in Frauenkleidern: Tom Ripley, in mehr als einem Sinn einfach nicht zu fassen.

Wer ist dieser Mann? Immerhin reicht die Zeitspanne der Veröffentlichungen von 1955 bis 1991, er begleitete Highsmith demnach über vier Jahrzehnte ihres Lebens. Ripley selbst bleibt jedoch jung: Die Ripley-Welt vom talentierten Mr. Ripley bis zu Ripley unter Wasser umfasst nur wenige Jahre.

„Im ersten Band haben wir es mit einem Mann ohne Bildung und fast ohne Herkunft, mit einer Vollwaise und einem verzweifelten Liebenden zu tun. (…) Tom Ripley ist einer der wenigen, die in der Highsmith-Welt davonkommen, und sein Schicksal heißt nicht nur Überleben (wie etwa für die Hauptfigur des Romans „Der Schrei der Eule“), sondern unvermischter Triumph.“

Paul Ingendaay, der mit Anna von Planta beim Diogenes Verlag die neuübersetzte Werkausgabe der Highsmith-Romane und Stories herausgab, begleitet Ripleys Entwicklung in seinen Nachworten (wie groß das Interesse an den Büchern der Autorin und an Ripley nach wie vor ist, zeigte sich 2015 – der Verlag brachte die Ripley-Romane gebunden im Schuber heraus, die kurze Zeit darauf bereits vergriffen waren):

„… daß wir ihn, nach insgesamt fünf Romanen, die seinen Titel im Namen tragen, genau zu kennen meinen, was aber ein Irrtum sein könnte. Denn obwohl keiner seiner Tricks und Winkelzüge ein Geheimnis ist, weil die Bühne in jedem Augenblick ganz ihm gehört, sind seine seelischen Antriebskräfte durch die spätere Verwandlung in einen wohlhabenden, entspannten Serienhelden womöglich etwas in Vergessenheit geraten.“

Das genau aber ist es, was mich an diesen Romanen fesselt: Eben nicht die Frage, ob und wie Ripley wieder einmal davon kommt – das weiß man ja bereits, spätestens beim zweiten Wiederlesen. Sondern die Frage: Wer sind Sie, Mr. Ripley? Wenn Ingendaay vom „verzweifelten Liebenden“ des ersten Buches schreibt, müsste er eigentlich hinzusetzen: Ein Liebender im Rahmen seiner Möglichkeiten. Tatsächlich verbindet Ripley mit dem oberflächlichen Dickie, den er in Italien im Auftrag des Vaters aufspürt, eine eher einseitige Freundschaft. Ripley wünscht sich vor allem die äußeren Attribute des verwöhnten Millionärssöhnchens und Kunstdilettanten: Materielle Sicherheit, die Freiheit gibt, Leichtigkeit, Anerkennung durch Wohlstand. Die „Freundschaft“ zwischen den beiden ist niemals durch Ebenbürtigkeit gekennzeichnet – und so wachsen in Ripley Neid und Eifersucht auf den Lebensstil des anderen. In einer Szene schlüpft er in die Kleider des anderen – symbolhaft deutet dies auf den späteren Mord hin, durch den Ripley dann Identität und vor allem das Geld Dickies übernehmen kann, der Grundstock für seinen späteren Wohlstand. Ohne Zweifel: Tom Ripley ist verliebt in Dickie – aber nicht so sehr verliebt, dass er aus Leidenschaft zum anderen mordet. Sondern die Leidenschaft gilt: Vor allem ihm selbst. Und dennoch wird er einem beim Lesen nicht unsympathisch, ist kein kaltblütiges Monster – das ist die Kunst der Highsmithschen Psychologie.

Von einer Art nüchternen Distanz zu anderen Menschen sind Ripleys Beziehungen auch in den späteren Büchern geprägt: Seiner wohlhabenden Frau Héloise begegnet er mit derselben zärtlichen Zuneigung wie seinen Antiquitäten und Bildern, die er ungern missen möchte, aber auf die er notfalls auch verzichten könnte – den stets ist sein Status wackelig, stets droht, dass die Schatten der Vergangenheit in einholen könnten. Nur zu wenigen Menschen, immerzu Männern, womit die homoerotische Komponente der Dickie-Tom-Beziehung des ersten Buches weitergeführt wird (obwohl Patricia Highsmith ihren Helden „asexuell“ anlegte), knüpft Ripley ein intensiveres Band: Zum todkranken Nachbarn Jonathan, den Ripley aus einer Laune hinaus zum Auftragsmörder macht (Ripley`s Game) und zu dem amerikanischen Millionärssohn Frank (Der Junge, der Ripley folgte) – es blitzt ein anderer Ripley auf, der einen eigenen Wertekodex in sich trägt, der die Sünden der Vergangenheit wieder gutmachen möchte.

Highsmith-Biograf Andrew Wilson sah Parallelen zu Oscar Wildes „Dorian Gray“ – ein etwas unglücklicher Vergleich, wie ich finde. Denn auch wenn in den Ripley-Romanen der Geschmack in der Hauseinrichtung, beim Essen, in der Kleiderwahl, kurz im ganzen Lebensstil eine große Rolle spielt, auch wenn Ripley nach und nach seinen Musik- und Kunstgeschmack verfeinert – das wirkt nur dezent dekadent. Vor allem aber: Im Gegensatz zu Dorian Gray ist Tom Ripley kein bißchen vom Wahnsinn gestreift – wenn er tötet, dann aus Selbsterhaltungstrieb, zwar nüchtern und gefühllos, jedoch nicht aus Lust oder Wahn. Ein Narzisst, ja, aber kein Wahnsinniger.

Noch ein weiterer Aspekt, warum es sich, abseits der faszinierenden Hauptfigur lohnt, die Ripley-Romane zu lesen: Sie führen einen durch halb Europa, Paris, London, Berlin, Salzburg, usw. (und die Frisur sitzt immer) – und Patricia Highsmith erweist sich hier einmal mehr als Meisterin der atmosphärisch dichten Ortsbeschreibungen. Wer Ripley durch Salzburg folgt, wird die Stadt beim Lesen vor Augen haben. Das Berlin der 1970er-Jahre in „Der Junge, der Ripley folgte“: Von der Mauer begrenzt, vom „heißen Herbst“ (der RAF-Terrorismus wird im Buch erwähnt) geschüttelt, geprägt auch von der Party-, Disco- und Underground-Szene, die zahlreiche Künstler in dieser Zeit nach Berlin lockte. Zwar erntete eben dieser späte Ripley auch viel Kritik, weil Patricia Highsmith der Beziehung zwischen den beiden Männern mehr Sorgfalt widmete als der kriminalistischen Story, die etwas verquer ist – aber die Atmosphäre des Romans wiegt alle losen Fäden auf.

Und am Ende ist es einfach so: Für Ripley-Fans kann dieser seltsame, eigenartige Held doch gar nichts falsch machen.

PS: Mehrere der Ripley-Bücher wurden verfilmt, insbesondere der erste Roman. Und auch wenn Matt Damon („Der talentierte Mr. Ripley“, 1999, Regie: Anthony Minghella) der Beschreibung in den Büchern optisch näher kommt – für mich wird er immer aussehen wie der schöne Alain Delon („Nur die Sonne war Zeuge“, 1960, Regie: René Clément).

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