Navid Kermani: Große Liebe

Kermani

Bild: (c) Michael Flötotto

Ein König reist durchs Land, in seinem Gefolge Minister, Generäle, Soldaten, Beamte, Diener und die Damen seines Harems. Am Wegrand sieht er einen alten, zerlumpten Mann kauern, einen Narren vielleicht. „Na, du würdest wohl auch gern ich sein“, ruft der König spöttisch von seinem Elefanten herab. „Nein“, antwortet der Alte, „ich möchte nicht ich sein.“

„Große Liebe“, Navid Kermani, Hanser Verlag, 2014.

Manchmal kann man machen, was man will, aber man kann seinem Ich nicht davonlaufen. Auch nicht seinem alten Ich. Ich hab das alte Ich seit mehr als 30 Jahren in einen Schuhkarton verstaut. Da liegen sie, die Devotionalien einer vergangenen Zeit:  Ein paar Buttons, Anti-Akw, Friedenstaube, ein paar verstaubte DDR-Taschenbücher und was man halt so hatte, Mitte der 80er Jahre. Ein Armreif. Ein Gedicht und eine Tuschezeichnung. Vier Fotos. Das, was übrig blieb, von der ersten Liebe. In eine Schachtel gesteckt, mit Klebeband umwickelt, abgestellt, nicht bereit, sie wegzugeben, aber seit drei Jahrzehnten auch ungeöffnet, gut verstaut. Und dann kommt eine Lebensphase, wo du merkst, es geht gerade nicht voran, Entscheidungen sind überfällig (die Antworten, vor denen man sich drückt), und alles, was geschieht, was Du tust, fühlt sich an wie Ausweichmanöver. Und es tritt ein Modus ein, der Rückwärtsgang heißt. Wie bin ich dahin gekommen? Wo komme ich her?
Und dann auch noch ein Buch, dieses Buch, und wie ein Springteufel hüpft das alte Ich aus der Kiste. Ich weiß noch nicht, ob es ein Sesam-öffne-dich wird oder die Büchse der Pandora ist.

Nein, das wird kein Text, der vergangenen Tagen nachweint, als man jung, wild und sonst noch was war. Das ist es nicht. Was war, das war und ist nicht wiederholbar. Den Zeiten trauere ich nicht hinterher. Aber wenn etwas nicht zu Ende gedacht ist, dann muss man es vielleicht nochmals vom Anfang her denken. Die Schachtel war geschlossen, die Geschichte darin ist es nicht.

Und überhaupt: Tage bin ich nun mit und um dieses Buch geschlichen. „Eigentlich“, ja eigentlich war ich nur ein wenig neugierig gemacht worden durch einen TV-Beitrag. Nur so, aufgrund des Titels und Klappentextes, hätte ich es mir niemals gekauft. „Große Liebe“, 80er Jahre, erste Liebe, Liebeskummer – meine Güte, danke, nein. Gut, dass man das hinter sich hat. Aber Navid Kermani  ist ein Springteufel. Der hat mich kalt erwischt. Jemand anderes mag diese 100 Seiten lesen und sich vielleicht denken: „Interessant“. Oder mit den Schultern zucken und es gelangweilt zur Seite legen. Oder wie das Feuilleton über die gelungenen Verknüpfungen von Liebesbetrachtung und Philosophie sinnieren. Mich hat es schlicht und einfach dreißig Jahre zurück katapultiert.

„Als ich vorgestern bei dem persischen Dichter Attar die Anekdote von dem Alten las, der nicht ich sein möchte, überfiel mich der Gedanke, daß eben darin, in dem Wunsch, sich loszuwerden, meine erste, niemals größere Liebe gegründet sei. Später nämlich, später, wenn man sich gefunden zu haben meint, will man sich doch oder wollte jedenfalls ich mich behalten, bestand ich auf mir und erst recht in der Liebe.  Der Leser wird einwenden, ein unbedarfter Junge sei nicht mit einem heiligen Narren zu vergleichen, der Ichverlust, den er als Pubertierender womöglich anstrebe – einmal beiseite gelassen, daß man die Pubertät gewöhnlich gerade im Gegenteil als eine Ichsuche beschreibt -, der Ichverlust grundsätzlich anderen Gehalts als auf dem mystischen Weg, gänzlich banal. In der Hoffnung habe ich gestern zu schreiben begonnen, daß ich den Leser widerlege.“

Die Geschichte klingt freilich auf den ersten Blick banal. Ist sie aber nicht – sondern klug, schön, intelligent erzählt.  15jähriger Junge, in einer protestantischen Kleinstadt, diese immerhin mit Gymnasium und Bahnhof, Mitte der 80er Jahre, verliebt sich in der Raucherecke in die 19jährige „Schönste“, einen anderen Namen bekommt sie nicht. Eine Woche, dann ist der Rausch vorbei. Die Atmosphäre – das volle Programm: Friedensdemos, Hausbesetzung, Birkenstock und Latzhosen, Räucherstäbchen und andere Rauchwaren, die Picasso-Taube und Che Guevara an der Wand, Ernesto Cardenal auf dem Bücherstapel. Jeder Satz ein déjà vu, jede Zeile erinnerungsträchtig, wenn man (ich) dieselbe Sozialisierung hinter sich hat.

30 Jahre später erinnert sich der Junge an sie, die „große Liebe“.

„Der Junge hingegen sollte nach kurzer Krankheit wieder die Schule besuchen, keine zwei Monate später gerade noch die Klasse bestehen, vier Jahre danach Abitur machen, studieren, eine Familie gründen, eine Ehre ruinieren und in den üblichen Bahnen heutigen Lebens fortfahren.“

„Ich habe geliebt, wahrscheinlich tiefer, jedenfalls über einen sehr viel längeren Zeitraum hinweg geliebt, ich habe auch heftiger gekämpft, mehr verloren als er und mindestens körperlich die Verzückung umfassender erlebt. Ich war durchaus nicht immer der Teilnahmslose, für den ich mich in Gefühlsdingen heute halte. Dennoch erkenne ich mich in dem Jungen nicht wieder, ist er nicht ich und die Verfremdung durch die dritte Person mehr als bloß ein literarischer Trick. Es wird einen Grund geben, warum Ibn Arabi ausdrücklich nur die frühe Verliebtheit als vergleichbar, als verwandt, als nicht nur den Symptomen nach übereinstimmend mit dem Ertrinken des Mystikers bezeichnete. Vielleicht sind wir gerade dort wir, wo wir es am wenigsten zu sein meinen.“

Da sitzt er, der Herr Kermani beziehungsweise sein alter ego, inmitten alter Briefe, den einen, den einzigen Brief der Schönsten noch vor sich herschiebend (wir werden nie erfahren, was darin stand) und spürt seinem verloren gegangenen Ich nach, erinnert sich an diesen Zustand zwischen  „Einschnürung“ und „Ausdehnung“, Grundzustände, die die Sufis mystischen Erfahrungen zuschreiben.

Der Kern dieser Beschreibung einer Woche ist: Die erste Liebe, sie ist zwangsläufig die große Liebe. Egal, wie kurz, wie schmerzhaft, wie schön, wie chaotisch sie war. Denn nur bei der ersten Liebe legst du/man/ich/sie/wir das Herz ganz offenherzig hin vor jemanden, ohne den ganzen Erfahrungsballast und die Panzerungen der kommenden Jahre. Wenn man Glück hat, geht jemand denn doch so sorgsam damit um wie „die Schönste“. Bei weniger Glück kommt jemand daher und schneidet das empfindliche Teil zu Partyhäppchen, unterspült von „Heart of Gold“ und anderen Songs im Jugendzentrum.
Und immer auch ist die erste Liebe die ganz große Nummer: Zwei gegen den Rest der Welt. Selbst wenn der Rest der Welt gegen die zwei nichts hat. Romeo und Julia, Heroes for one day.

Bisschen pathetisch? Wie anders als mit Pathos könnte man über die erste, die große Liebe schreiben? Navid Kermani greift dazu zu einem literarischen Kunstgriff – er, ein Orientalist, lässt die alten persischen Dichter wie Nizami und sufische Mystiker wie Ibn Arabi sprechen.

Über die Ekstase schreibt – nein, nicht Ibn Arabi, schreibt dessen Zeitgenosse Schehaboddin Sohrawardi, der 1191 im Kerker von Allepo starb: „Sie besteht darin, daß das Ich sein eigenes Wesen nicht mehr wahrnimmt, weil es zu tief in der Wahrnehmung des Gegenstandes seines Entzückens versunken ist. Wenn es das Bewußtsein von allem außer seinem Geliebten, auch vom Entwerden, verloren hat, dann ist dies Tilgung und Auslöschung.“

Und wozu das Ganze?

“Dem Sinn nach heißt es in der Mystik ebenfalls, in aller Mystik, daß wir vom Baum der Erkenntnis essen müssen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen. Reines Erleben und absolutes Bewußtsein verbinden sich jedoch nicht erst in den Erleuchteten oder den kurzen Momenten profaner Erleuchtung. In der ersten, der jugendlichen Verliebtheit werden wir nicht zu Kindern, sondern sind es noch halb, und schmecken doch schon zwei Sorten der Erkenntnis.”

Zwei Sorten der Erkenntnis.
Für die erste Liebe, die große Liebe bist du immer zu jung, zu unvorbereitet. Und: Was immer nach neuesten wissenschaftlichen, biologischen, psychologischen Erkenntnissen den Menschen bei der Partnerwahl beeinflussen mag – die erste Liebe ist es, die den Grundstein legt für alles weitere Erleben. Allein deshalb schon musst du sie irgendwann wieder aus der Schachtel holen.

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