Else Feldmann: Flüchtiges Glück

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„Hedwig schließt die Augen. Sie fühlt die Nähe des Geliebten wie einen Rausch. »Flüchtiges Glück!«, denkt sie. Wenn man jetzt einschlafen könnte und nicht mehr erwachen. Hier ist es warm und licht, hier war Vergessenheit. Vergessen war die Mariahilferstraße – Fräulein, kann ich diese Socken auch in Grau haben? Was kosten sie? Achtstundentag – ja – die Arbeiter werden es einmal besser haben. Es kommt eine glücklichere Zeit. Menschendämmerung!, hatte jemand in einer Versammlung ausgerufen.“

Else Feldmann, „Flüchtiges Glück“, Reportagen aus der Zwischenkriegszeit, herausgegeben von Adolf Opel und Marino Valdez, edition atelier, Wien 2018.

Hedwig, die Schwerkranke aus der 1919 von Else Feldmann veröffentlichten Erzählung „Im Warenhaus“ wird diese glücklichere Zeit nicht mehr erleben. Ihr, der Todgeweihten, ist nur ein flüchtiges Glück gegönnt – so wie das Glück für die meisten Protagonisten in den Geschichten und den Reportagen dieser österreich-jüdischen Schriftstellerin eine Schimäre ist. Selbst der Wohlstand der Reichen trägt wenig zu deren Glück bei, führt zu Verbitterung, Neid, Hass und Einsamkeit. Das Glück, das der Kapitalismus dem Einzelnen durch Streben nach Gewinn und Macht verspricht, ist auf dem Unglück vieler gebaut: So könnte man die Texte, die die Sozialreporterin zwischen 1918 und 1938 in österreichischen Tageszeitungen und Publikationen, vor allem sozialdemokratischer und linker Provenienz, veröffentlichte, zusammenfassen.

„Flüchtiges Glück“ ist das letzte Buch des im Juli 2018 verstorbenen Schriftstellers und Herausgebers Adolf Opel. Für den unabhängigen Wiener Verlag „edition atelier“ machte Opel unermüdlich auf Schriftstellerinnen aufmerksam, die in der Nachkriegszeit vergessen worden waren, darunter beispielsweise auch Lina Loos. Folgerichtig ist dieser Band, in dem erstmals die Reportagen und Texte Else Feldmanns für Zeitschriften in Buchform zu finden sind, ihm gewidmet.

Es sind Texte, die in ihrer fast kunstlosen, kargen Schlichtheit einen unverstellten Blick auf das Elend der Zwischenkriegszeit werfen. Feldmann berichtet aus Polizeistationen, von Streiks, führt Interviews mit Gefängnisdirektoren, bewegt sich in den Armen- und Arbeitervierteln:

„Es gibt viele tausend Häuser mit Kellerwohnungen in allen Bezirken Wiens. Wenn man diese Häuser besucht, fällt vor allem eines auf: Die Ausnutzung des Raumes ist bis ins Fanatische gesteigert. Es gibt Häuser, in denen mehr als hundert Kinder leben. Ich habe vor zwei Tagen in der Brigittenau ein Haus gesehen, es ist das Doppelhaus Rauscherstraße 8/10, in dem nie Stiegen gekehrt werden, ein Hof, in dem vier Fensterfronten von vier Stockwerken gehen, es ist ein einziger Kehrichthaufen; alle Parteien des Hauses entladen in diesen Hof – wahrscheinlich durch die Fenster – den Mist. Eine Straßenreinigung gibt es in diesen Gegenden überhaupt nicht, es wurde mir gesagt, der »Mistbauer« komme oft wochenlang nicht. Wie der Gesundheitszustand dieser Menschen aussieht, bei denen die zehn Plagen der alten Ägypter zu Hause sind, läßt sich denken.“

Else Feldmann kannte diese Zustände, die sie in ihren Reportagen beschrieb, aus eigenem Erleben. 1884, als zweites von insgesamt sieben Kinder geboren, ist sie, so Opel, zweifellos ebenfalls in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Die biographischen Spuren zum Leben der Autorin sind jedoch so dünn wie das literarische Vermächtnis schmal ist, so der Herausgeber in seinem Vorwort:

„Drei Buchveröffentlichungen und ein ausgeführtes Theaterstück zu Lebzeiten, ein Fortsetzungsroman (…), einige ebenfalls in Zeitungen in mehreren Folgen publizierte längere Erzählungen und viele Kurzgeschichten und Tageszeitungen und Zeitschriften: Das bis heute aufgefundene schriftstellerische Lebenswerk von Else Feldmann besticht nicht so sehr durch seinen Umfang als durch die unbeirrte Konsequenz, mit der die Autorin die Thematik verfolgt, die sie zu der ihren gemacht hat – den Erniedrigten, Unterdrückten, Ausgegrenzten und im Leben Zu-kurz-Gekommenen eine Stimme zu leihen.“

Und diese Stimme klingt, wie beim „Blick aus dem Hotelzimmer“ mal versonnen und melancholisch, sie klingt beim Erzählen „Von Dienenden“ mal aufgewühlt und wütend, sie klingt manches Mal sanft, traurig, manchmal appellierend und in die Zukunft schauend. Aber niemals klingt sie: gleichgültig. Ob in ihren Sozialreportagen, ob in ihren Portraits des Sozialreformers Popper-Lynkeus, des Dichters Peter Altenbergs oder von Käthe Kollwitz, aber auch in den belletristischen Texten: Else Feldmann will auf eine bessere Welt, bessere Zustände schreibend hinarbeiten. Das mag literarisch nicht immer allzu bestechend sein – aber allein diese persönliche Aufrichtigkeit, diese Genauigkeit des Blicks und der Beobachtung, der schreibende Einsatz für andere Zustände, dies alles macht diesen Band so äußerst lesenswert. Man beginnt unter dem Eindruck dieser Lektüre auch auf die eigene Welt einen schärferen Blick zu werfen.

Else Feldmann erlebte von dieser Zukunft, an der sie schreibend mitarbeiten wollte, nichts: Ab 1934 hatte sie kaum mehr Publikationsmöglichkeiten. 1938 wurde ihr Werk von den Nationalsozialisten verboten. 1942 wurde sie im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Weitere Informationen:

Zur Buchveröffentlichung beim Verlag:
https://www.editionatelier.at/titel/fluechtiges-glueck/

Biographie von Else Feldmann bei der Theodor Kramer Gesellschaft:
http://theodorkramer.at/archiv/exenberger/mitglieder/else-feldmann

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Marlen Schachinger im Gespräch: Über das Schreiben, ein gutes Leben, den Tod

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Im Herbst 2017 erschien im österreichischen Verlag Septime ein ungewöhnliches Buch: „Requiem – Fortwährende Wandlung“, wohl die erste rein literarische Totenmesse. Ein Experiment in mehrfacher Hinsicht. Streng angelehnt an die Form des kirchenmusikalischen Totengedenkens, wie es die katholische Kirche kennt, setzen sich hierin drei Schriftsteller mit den Fragen um Leben und Tod auseinander. Die Form gab Struktur für dieses Projekt gemeinschaftlichen Schreibens, das Markus Orths, Michael Stavarič und Marlen Schachinger zusammenführte.

Am Anfang war das Wort. Nun folgt die Melodie zu diesem ungewöhnlichen Requiem: Der österreichische Kammersänger Wolfgang Bankl trat an die Autoren mit dem Wunsch heran, das Werk unter dem Subtitel „sprach: KLANG“ zu vertonen. Eine produktive Zusammenarbeit kreativer Köpfe entstand. Eine erste Teilaufführung wird diesen Herbst im Österreichischen Kulturforum in Bratislava (13.10., 18:00 Uhr) über die Bühne gehen, die Uraufführung ist für 2019 bereits geplant.

Ich führte mit Marlen Schachinger ein Interview zu diesem außergewöhnlichen Requiem.

Frage: Wie Du in dem Video beschreibst, war ein erster Mosaikstein zur Entstehung des Buches eine Lesung mit Michael Stavarič. Ihr hattet euch eher scherzhaft darüber unterhalten, eine Lesung für die Toten zu schreiben. Das Buch selbst ist jedoch von großem Ernst, von Ernsthaftigkeit geprägt – konntet ihr im Arbeitsprozess dennoch eine Leichtigkeit beibehalten?

Antwort: Jeder Schreibprozess bedarf mehrerer Entwicklungsstufen, um zu gelingen. Des Scherzhaften, um neue Denkräume zu öffnen, des Ernsthaften, um in die Tiefe zu gehen. Im Hinblick auf den Arbeitsprozess an »Requiem« spiegelte sich dies darin, dass wir alle drei wussten, der Ernst sei die Prämisse, die Leichtigkeit jedoch unabdingbar notwendig. So ist es uns auch ein Anliegen, bei der Auswahl der Lesestellen für Veranstaltungen, unsere Leser*innen in diese doch oftmals schwierige, emotionale Thematik einer Auseinandersetzung mit dem Sterben hinein- und auch wieder hinauszubegleiten; mit einem leisen Schmunzeln, vielleicht sogar mit einem Auflachen. Unseres Erachtens besteht zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit kein Widerspruch. Oder man könnte auch sagen, dass Tragik und Komik zwei Blicke auf eine Landschaft sind. Sieh dich doch einmal um: Unser aller Leben ist von solch absurder Komik geprägt! Jeder einzelne Tag … Dies gerade in der Auseinandersetzung mit jenem Themenkreis – Sterben, Abschied, Wie leben?, Was hinterlassen? – im Blick zu behalten ist eine Lebensnotwendigkeit. Wie die Literatur …

Frage: Inwiefern unterscheidet sich so ein Schreibprozess zu dritt von der Arbeit alleine? War es gerade bei diesem Thema, einer Totenmesse, gut, vielleicht auch entlastend, sich mit anderen austauschen zu können?

Antwort: Nun, die Differenzen eines Arbeitsprozesses zu dritt gegenüber der gewohnten Einsamkeit am Schreibtisch sind eher struktureller Natur. Es gilt zum Beispiel abzuwarten, bis der eine Kollege mit seinem Textteil fertig ist – zumindest in einer Rohfassung. Der Zeitplan der Arbeit folgt also nicht bloß dem eigenen Gutdünken. Bei »Requiem« war es Markus Orths, der den Rahmen lieferte und damit die Basis des Gesamtwerkes. Basierend auf dieser Erstfassung machten sich Michael Stavarič und ich an die Arbeit, um Lesungsteil sowie Evangeliums-Pendant zu verfertigen. Was uns verblüffte, war die Tatsache, dass manche Komponenten, manche Textelemente bei allen dreien auftauchten, ohne dass wir dies je abgesprochen hätten. Damit wurde das finale Verweben der drei Teile natürlich ungemein erleichtert.

Erst in der Endphase, da wir Übergänge gestalten wollten, Verwebungen einsetzen, fand ein Austausch statt. Dieser ließe sich jedoch eher unter Korrektorat und Lektorat subsumieren. In die Sichtweise jedes Einzelnen auf die Thematik wollte ich nicht eingreifen.

Frage: Und hat sich Dein Blick auf den Tod, auf das Leben durch diese Art des gemeinsamen Schreibens konkret verändert?

Antwort: Ja, durchaus. Doch weniger aufgrund des gemeinsamen Schaffens, sondern vielmehr durch die thematische Beschäftigung mit dem Prozess des Sterbens als Abschied. Und das ist gut so: Neue Aspekte eines Themas, die während des Arbeitsprozesses sich auftun, motivieren zur Weiterarbeit und öffnen neue Denkräume. Sonst hätte ich dieses Projekt auch nicht umsetzen wollen. Ein Gutteil der Schreibmotivation ist eben Entdeckungslust. Was mich am Todes-Thema bislang überraschte: Zu Beginn meiner Beschäftigung war ich überzeugt, ich könne zwar kein ›Wozu?‹ beantworten,  hätte aber zumindest eine Ahnung, vielleicht sogar einen Begriff davon, was ›leben‹ hieße: eine ziemlich mühselige Angelegenheit, ein Balanceakt zwischen Sich-Abstrampeln und fortwährendem Kämpfen, 90% anstrengend, 10% entspannt, so ließe sich das Verhältnis pauschal formuliert zusammenfassen. Dachte ich. Nun, nach zwei Jahren der Beschäftigung mit jenem Thema würde ich sagen, es sind 90% Langmut (oder für diejenigen, die das Modewort eher verstehen: Gelassenheit) versus 10% K(r)ampf – maximal …

Frage: Wie kann man sich das ganz praktisch vorstellen: Nahm jeder von euch sich einen Teil der Totenmesse vor, um einen eigenen Text zu konzipieren, arbeitete daran eigenständig oder war es ein regelmäßiger Austausch, auch gegenseitige Kritik und Lektorat beinhaltend?

Antwort: Markus Orths, der sich vor allem für den Rahmen einer liturgischen Feier interessierte, begann. Er fertigte die Basis. Nach Lektüre dieses Rahmens begannen Michael Stavarič und ich parallel zu arbeiten. Wir sprachen da auch nicht viel miteinander ab, bloß die Bibelstellen, welche unseren jeweiligen Hauptfokus bilden sollten, damit hierin keine Überschneidungen geschehen mögen. Michael wählte sich Kain und Abel, ich das Buch Kohelet, zu dem ich seit vielen Jahren einen affinen Bezug habe, gerade weil es keine eindeutige Antwort geben will, weil es mehr ein philosophisches Nachsinnen ist.

Erst als alle drei Rohfassungen unserer Passagen fertiggestellt waren, tauschten wir uns miteinander aus. Dadurch, dass zufällig bereits Bezüge zueinander in allen drei Teilen existierten, war das Verweben ein eher einfaches Unterfangen. Mittels dieser wertschätzenden Kritik der anderen beiden erarbeitete alsdann jede/r für sich die Finalfassung.

Frage: Es ist, wie ihr annehmt, die erste Totenmesse, die nur als Text entstand – ich empfinde das Buch als sehr melodisch, habe einige Passagen daraus laut gelesen. Nun wird der Prozess quasi umgekehrt – euer Requiem wird vertont. Wie sehr seid ihr in die Arbeit des Komponisten mit eingebunden?

Antwort: Ich bin in diesen Arbeitsprozess eingebunden, und finde dies auch ungemein spannend, da eine Vertonung für mich Neuland ist. Kammersänger Wolfgang Bankl, der bei unserer Uraufführung als Gast anwesend war, trat wenig später mit dem Wunsch an mich heran, aus meiner Passage »Windhauch« eine vertonte Variante erarbeiten zu dürfen. Seither trafen wir einander mehrfach, tauschten uns aus. Wobei hier anzumerken wäre, das sprichwörtliche Heft habe hierbei naturgemäß Wolfgang Bankl in der Hand. Ich fungiere in diesem Zusammenspiel eher als Echoraum, sei es um Nuancen abzustimmen, hier die Erlaubnis zur Tilgung eines Wortes, zur Wiederholung eines Satzelements zu geben. Da Wolfgang Bankls Konzept einen Wechsel zwischen Gesang und Rezitation vorsieht, um dem Textwerk seinen Klangraum zu lassen, ist jede gesungene Aufführung auch eine vorgetragene …

Frage: Wird sich der Text durch die Vertonung verändern, werden, wie ich annehme, andere Akzente gesetzt?

Antwort: Minimal; und erstaunlicherweise kaum nennenswerte Veränderungen. Hier ein ›und‹ gestrichen, dort eine Wiederholung gesetzt – viel mehr Textarbeit forderte Wolfgang Bankl nicht ein. Für mich persönlich war dies ziemlich frappierend, ging ich doch zuerst intuitiv davon aus, dass meine Kohelet-Variation mehr oder weniger gänzlich umzuschreiben sein würde. Das war nicht der Fall. Nun, gegen Ende dieser Zusammenarbeit bin ich klüger geworden – so könnte man es nennen. Oder aber: Diese Herangehensweise hat auch mit Wolfgang Bankls Respekt vor Literatur zu tun, dass er in ein Kunstwerk nur dann eingreifen mag, wenn es ihm unabdingbar nötig scheint. Und damit dass er ein Meister seines Faches ist – er könnte auch das Telefonbuch singen, und es wäre faszinierend, ihm zu lauschen!

Frage: Als Chorsängerin bist du ja auch in der Musik zuhause – hattest du bereits beim Schreiben Melodien im Kopf, im Ohr? Und wenn ja, wie sehr beeinflusst das nun die Herangehensweise an die Vertonung?

Antwort: Für mich ist jedes Sprachkunstwerk immer die Erschaffung eines Klangraumes, meine Vorarbeiten im Bauplan ähneln der Erschaffung einer umfangreichen Komposition, und meine Notizen am Rand der Lesungspassagen haben durchaus den Charakter des Arbeitens an einer Partitur. In der Zusammenarbeit mit Wolfgang Bankl erhielt ich den Eindruck, dass er jenen Klangraum intuitiv erspürt – wenn ich dies mal so unwissenschaftlich und etwas pathetisch sagen darf …

Das klingt nun vielleicht alltäglich, ist es trotzdem nicht. Manchmal werden unsere Werke in Ausschnitten ja bei Radiosendungen von Schauspieler*innen gelesen, und mehr als einmal reagierte ich darauf mit – ich würde es nicht Ärger nennen, aber Verwunderung: Wenn ich hörte, wie sie die Interpunktion zum Beispiel schlicht ignorierten, mit ihren Vorstellungen eines Sprachmusters ignorant darüber hinwegpreschten. Oder die Debatten mit manchen Herausgeber*innen, die ein Textwerk aus unzähligen eingereichten Arbeiten auswählen, um dieses eine für eine Anthologie anzukaufen. Dann erhält man die Fahnen und sieht: Moment! Da wurde automatisiert jedes Redezeichen, einfache und doppelte nivelliert. Oder ähnliche Originalitäten! Als bestünde keine Differenz zwischen allen existenten Zeichen der Interpunktion oder als würde sich eine Literatin nichts zu ihrem Einsatz überlegen, sondern Zeichensetzung nach Zufallsprinzip über den Text streuen … Deshalb sind für mich solch andere Erfahrungen der Zusammenarbeit immer sehr erfreulich: Sie zeigen mir, dass es noch Menschen gibt, die ein Kunstwerk mal zuerst betrachten wollen, ihm lauschen, bevor sie es sich aneignen.

Frage: Euer Requiem ist ja kein klassischer „Trauergesang“, der den Tod in schwarzen Farben malt und dafür ein besseres Leben im Jenseits verspricht.

Antwort: Danke! Vielleicht auch deshalb nicht, weil wir an kein Jenseits glauben? Also, ich zumindest nicht. Und bitte auch keine Wiedergeburt, man verschone mich damit. Dieser einmalige Tanz ist mir komplex und schwierig und wundervoll genug! Ihn einmalig gelungen zu gestalten, das ist mir ausreichend Herausforderung …

Frage: Das Buch kreist ja stark auch um die Fragen; Wie ein gutes Leben VOR dem Tod führen? Wie mit Abschieden als Lebender umgehen? Das Buch lässt der Trauer ihren Raum, aber auch der Lebensfreude, genauso jedoch – und dies ist wohl der religionskritische Aspekt – hadert er mit einem Gott und dessen Herrschaftsanspruch über Leben und Tod. Kann es gelingen, dieses breite Spektrum an Emotionen, die der Text beinhaltet, in einen kompositorischen Rahmen zu bringen?

Antwort: Doch, ich denke schon. Möglicherweise auch, weil jedem von uns dreien ein Aspekt relevanter war als ein anderer. Mich zum Beispiel beschäftigt seit jeher die Frage des »Wie leben?«, sodass es final ›gut‹ genannt werden könne. Vielleicht, weil ich für mich die Augen in jenem Gefühl schließen möchte: Gut ist es und genug jetzt.

Will jemand an einen Gott glauben, sieht er oder sie darin eine Stütze: meine Güte, warum nicht? Solange man andere nicht bekehren will … Ich persönlich stamme aus einer sehr religiösen Familie – mein Vater ist katholischer Pfarrer ohne Amt, meine Schwester Pfarrassistentin. Mir ist deshalb auch ein respektvoller Umgang mit Religion relevant. Auch wenn ich nicht gläubig bin. Respektvoll, aber nicht unkritisch. Daher hatte ich mit Absicht für dieses Projekt von Beginn an Kolleg*innen gesucht, die selbst keiner Religionsgruppe zugehören, die jedoch gewillt waren, feinfühlig und respektvoll damit umzugehen. Von Gesprächen mit Michael Stavarič wusste ich, dass ihn die wahnhafte Seite interessierte; und Kain und Abel als Frage der sozialen Verantwortung füreinander. Von Markus Orths wusste ich, dass er ebenso wie ich aus einem religiösen Elternhaus stammt und gleichfalls während späterer Jugendjahre eine geistliche Laufbahn andachte. Als ich ihn fragte, ob er an einer Mitarbeit Interesse habe, sagte er sogleich zu und teilte mir im nächsten Satz mit, sein Vater sei vor wenigen Monaten verstorben. So wurde »Requiem« für ihn auch Teil dieses Abschieds von seinem Vater, eine Liebeserklärung an jenen Mann, der ihn prägte, der sein Schreiben begleitet hatte, von allerersten Versuchen an. Diese déclaration d’amour schloss auch seine eigenen Kinder ein …

Du fragtest mich zuvor, ob und wie die Arbeit an »Requiem« etwas verändert habe, in unserem Denken. Vielleicht sollte ich hier noch hinzufügen, dass es – auch für mich – jenes Werk ist, welches mir am nächsten kommt, es ist mein Tod, der darin erzählt wird, mein Partner, dem ich wünsche, er möge alsdann mit einer gewissen Leichtigkeit damit umgehen können. Meine déclaration d’amour an ihn, ja, so könnte man es sagen.

Frage: „Requiem“ – die katholische Totenmesse – gibt Titel und Form eures Buches. Ganz offen gefragt: Ist dies in einer überwiegend agnostischen bzw. kirchen- und religionskritischen Welt nicht geradezu ein Wagnis, sich so direkt auf die Liturgie der heiligen Messe zu beziehen?

Antwort: Vielleicht. Das mag durchaus sein. Aber ohne Wagnisse entstünde keine Literatur. Oder keine, die dieses Nomen verdient. Eine Reibung ohne Bezugsfläche wäre keine, daher entschieden wir uns absichtlich für diese Form, um sie mit neuen Inhalten zu füllen. Es ist gut, dass manche darin eine Provokation sehen – sei es in der Anmaßung, ein Evangelium zu verfassen oder in der Wahl einer liturgischen Feier als Rahmen.

Und nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Religion im weitesten Sinn passé sei. Ganz im Gegenteil. Just in Zeiten des Wandels finden religiöse Gruppierungen jedweder Art enormen Zustrom, möge es sich dabei nun um eine der bekannten Weltreligionen oder um esoterisch verbrämte Glaubensrichtungen handeln. Es mag manchem sauer aufstoßen, dass ich, als Agnostikerin, diese diversen spirituellen Varianten wie Geistheiler *innen und Katholik*innen, Engelsbeschwörer*innen und Muslime, Körperfetischist*innen, Sportfans und mosaisch Gläubige nebeneinander stelle. Damit kann ich gut leben. – Nebeneinander! Nicht auf eine Ebene!Nebeneinander, weil all diesen Glaubenskonzepten neben einer Reflexion über das eigene Leben, die ich relevant finde, eben auch die Übertragung einer Verantwortung, zumindest in Teilen, an eine übergeordnete Instanz immanent ist, und das scheint mir bedenklich. Diese übergeordnete Instanz hat zu oft in unserer Historie dafür herhalten müssen, dass sich Menschen berufen fühlten, ihr Denken abzugeben und sich final aus der Verantwortung zu schleichen.

Dafür wird man heutzutage für die Anmaßung, ein Evangelium zu verfassen, im abendländisch-christlichen Raum nicht mehr geviertelt und gesteinigt. Stell dir vor, wir hätten uns als Rahmen einen islamischen gewählt … Für den christlichen hingegen wird man höchstens abgelehnt. Aus zweierlei Gründen: Weil Literaturhäuser zum Beispiel in der Auseinandersetzung damit keine Literatur sehen. Weil Veranstalter*innen dieses Werk fürchten: Es würde manche Besucher*innen verunsichern, deshalb wolle man keine Lesung daraus verantworten. Verunsicherung aber scheint mir eine gute Sache. Keine angenehme Situation, das nicht. Doch sinnvoll! Mir ist das ganze Leben und die Menschen darin eine permanente Auseinandersetzung mit Verunsicherung. Sicherheit? Gibt es nur im Tod! Die hat man dafür alsdann länger. Ist ja auch was …

Oder andersherum erzählt: Ein katholischer Pfarrer meinte mir gegenüber im Dialog: ›Hadern und Zweifeln, die Bibel ist voll davon. Was soll eine Religion taugen, die dies nicht aushält?‹

Frage:  Tod und Leben als zwei Ansichten einer Landschaft, zwei Seiten der Medaille: Die Religion kann den Menschen einen Halt und eine Aussicht geben, die mit der Endlichkeit des Lebens hadern. Aber braucht es die Religion, um ein gutes Leben zu führen?

Antwort: Meines Erachtens: nein. Absolut nicht. Ein gutes Leben, im Sinne eines reflektierten Seins, sich selbst und aller Konsequenzen bewusst seienden Da-Seins, das bedarf in meinen Augen keiner Religion; auch keiner spirituellen Gemeinschaft. Dass es für manche hilfreich sein mag, sie sich darin und alsdann wohler fühlen – nicht nur aber auch, weil sie glauben, einen Teil der Verantwortung abgeben zu dürfen – das steht auf einem anderen Blatt. Dass gerade dieses Miteinander in Zeiten der Vereinsamung, in unserem Jahrhundert des Egozentrismus vielen wichtig ist, kann ich hingegen gut nachvollziehen. Der Mensch ist kein Einzelgänger, sondern ein soziales Wesen. Er bedarf des Du, um sich zu erkennen.

Neulich besuchte ich zur Recherche für einen Roman eine Esoterik-Messe. Am erschreckendsten war für mich (unter anderem) dort ein Stand, der Kleidung mit der Aufschrift ICH vertrieb. T-Shirts, Pullover, Jacken – und mittig prangte groß auf jedem Stück in Blockbuchstaben jenes Personalpronomen. Als bedürfe es in unserer Zeit nicht weitaus eher eines bewusst wahrgenommenen DU! – konservativ? Ja, vielleicht bin ich das. In diesem Teilaspekt auch gerne. – Und ebenso gerne hätte ich dort einen Pinsel genommen und wäre mit roter Farbe zu Werke gegangen, hätte neben das Ich rechts wie links ein DU gesetzt  … Aber das führt nun vom Thema weg.

Ob man der Religion bedarf, in welcher Form auch immer, das hat ein jeder und eine jede doch selbst zu entscheiden – und diese Entscheidung ist respektvoll zu akzeptieren, solange davon kein anderer Mensch in seinem gestaltenden Sein beengt wird, denn die Freiheit meines Ichs endet eben genau dort, wo diejenige eines anderen Ichs beginnt. Dort hinein unbedingt fluten zu wollen, das ist in meinen Augen jedoch eine bedenkliche Konsequenz aller fundamentalistischen, missionarischen Glaubensrichtungen, und Religionen oder religionsersetzende Überzeugungen – und hierzu zähle ich auch die gesamten Spielformen des Gesundheitswahns – tendieren bedauerlicherweise stets dazu, das eigene Denken zu verteidigen und andere dazu bekehren zu wollen.

Ich persönlich denke, für mich ist die Kunst jener Raum, dessen ich bedarf, um mit der Endlichkeit umzugehen. Ich brauche die Reflexion, die sich mir darin bietet. Das Erproben divergierender Lebenskonzepte. Ja, ich würde sagen, als Literatin habe ich diesen ungemein bereichernden Vorteil mich nicht begrenzen zu müssen, ich kann im Kontext des literarischen Schaffens Mann sein, Frau sein, religiös sein, Atheistin sein – oder eben sterben. Und für Leser*innen in meinen Erzähluniversen eine Welt erschaffen, die ihnen dieses Durchdenken und Erleben gleichfalls ermöglicht.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_requiem.html

Marlen Schachinger zu „Requiem“:
https://www.youtube.com/watch?v=GRooOq6EWhs

 

 

 

Karl Kraus – Man frage nicht

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Bild von TheoLeo auf Pixabay

Man frage nicht

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus (1874-1936)

Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, verstummte Karl Kraus: Der Sprachgewaltige, der Sprachmächtige, er verlor anscheinend vorübergehend die Sprache angesichts jener, die sie vergewaltigten für ihre Hetze, die mit ihren Worten ein ganzes Volk manipulierten.

Erst im Oktober 1933 meldete Karl Kraus sich wieder zu Wort: Erst dann erschien erneut eine, die 888. Ausgabe der Zeitschrift „Die Fackel“. Das Heft umfasste gerade einmal vier Seiten – einen Nachruf auf den Architekten Alfred Loos und jenes Gedicht. Die dünnste Fackel, die es je gab – und wenige Worte genügen, um das Dilemma und Verzweiflung dessen sichtbar zu machen, der nicht nur an die Kraft der Sprache glaubte, sondern auch an ihre moralische Wirksamkeit. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte…
Die von ihm 1899 gegründete Fackel hatte er auch geschaffen, um gegen Sprachverhunzung, die zumeist auch Wahrheitsverschleierung ist, anzukämpfen. Um die Rhetorik der Machthabenden zu entblößen. Kraus schreibt der Fackel in das Programm: “Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‘Was wir bringen’, aber ein ehrliches ‘Was wir umbringen’ hat sie sich als Leitwort gewählt.”

1914 noch schreibt er vehement gegen den Missbrauch der Sprache und die öffentliche Kriegstreiberei an. Hat ihn, zwanzig Jahre später, die Kraft verlassen, auch das Vertrauen in das Wort verlassen?

Intensiver mit den Hintergründen setzt sich Richard Schuberth, offenbar ein leidenschaftlicher Kraus-Anhänger, auseinander – man beachte insbesondere Teil 23 bis 25 seiner “Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus”:

“Und so tat Kraus, was er schon bei Ausbruch des I. Weltkriegs getan hatte: Er entzog sich der Kakophonie lauter Parolen und vorschneller Meinungen und recherchierte und reflektierte unermüdlich. Zeit seiner letzten drei Lebensjahre würde eine Öffentlichkeit, die ihm Indifferenz, Feigheit und Faschismus vorwarf, nicht ahnen, dass er Frühling und Sommer 33 nichts anderes getan hatte als an einer 400-seitigen Fackel-Ausgabe mit dem Titel Dritte Walpurgisnacht zu arbeiten, der ersten profunden Kritik des Nationalsozialismus, denen die Faschismusanalysen der kommenden Jahre, wie Friedrich Dürrenmatt meinte, nur noch Quantitatives beifügen konnten. Das Heft war größtenteils schon gesetzt, als sich Karl Kraus entschied, es zurückzuziehen.
Die Dritte Walpurgisnacht, welche 1952 posthum als Buch erschien, beginnt mit jenen berüchtigten Worten Mir fällt zu Hitler nichts ein , deren Zitat vor allem der böswilligen Unterschlagung dessen dienen sollte, was dem Satz folgte, und zwar der scharfsinnigen Erörterung, warum es gegenüber dem Phänomen der Gewalt keine Polemik geben kann und vor dem des Irrsinns keine Satire sowie mehr Einfällen zu Hitler, seinen Schergen, Mitläufern und schwachbrüstigen Gegnern, als irgendeinem seiner Zeitgenossen einfielen.”

Statt der Walpurgisnacht also das öffentlich bekundete Verstummen: Es brachte Karl Kraus viel Kritik (unter anderem die “Grabreden”), bis heute überdeckt es für manchen den Blick auf die  Haltung dieses Schriftstellers, der sich der Schrift im wahrsten Sinn des Wortes stellte. Andere konnten Kraus` Haltung nachvollziehen: “In einem zehnzeiligen Gedicht/Erhob sich seine Stimme, einzig um zu klagen/Daß sie nicht ausreiche” schrieb Bertolt Brecht in seiner berühmten Replik. 1934 kündigte Brecht jedoch Kraus die Freundschaft aufgrund der Kraus-Äußerungen zur Unterdrückung der sogenannten “Februaraufstände” in Österreich.

1934 erschien keine normale Ausgabe der Fackel, sondern die Erklärung Warum die Fackel nicht erscheint. Karl Kraus hatte den Druck der Nummer mit dem 300 Seiten-Torso “Die Dritte Walpurgisnacht” gestoppt. Stattdessen erläuterte er auf beinahe ebenso viel Seiten seine Haltung: Er sei an eine Grenze geraten, weil “Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire” sein kann.

Die letzte Nummer erschien 1936, vier Monate vor seinem Tod, diese Ausgabe endete mit dem Wort: Trottel.

Persönliche Anmerkung:
Chemnitz. Ein Beispiel, wenn auch ein Eklatantes, dafür, was gärt und herausbricht. Noch ist es Zeit, ganz laut die Stimme zu erheben gegen den um sich greifenden Rechtsextremismus. Nicht länger stumm bleiben, sondern lauter werden!

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Albert Drach: Das Goggelbuch

„Der Hauptmann fragt ihn um seine Nation und erfährt, dass er ein Deutscher ist. Er meint nun, dann bleibe er besser hier, wenn er ein richtiger Kerl sei, hier seien viele Landsleute, soferne es ihm nämlich gleich sei, für welchen Fetzen Fahne er fechte, er brauche deshalb noch lange nicht protestantisch zu werden. Goggel sieht das bald ein, zumal es ihn besser dünkt, für den Feind zu kämpfen, als bei diesem gefangen zu sein.“

Albert Drach, „Das Goggelbuch“, 1942

Der Autor und Anwalt Albert Drach (1902 – 1995) gilt gemeinhin als einer, der allenfalls noch von Literaturwissenschaftlern und einer engen Liebhabergemeinde gelesen wird. Sehr schade wäre das. Denn der schreibende Rechtsanwalt entwickelte einen ganz eigenen Stil, geprägt durch seinen Beruf, einen trockenen, nur auf den ersten Blick spröden „Protokollstil“, der durchdrungen ist von feinster Ironie. Als sein Hauptwerk gilt „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“, verfasst 1939, erschienen erst 1964. Der Unglücksrabe Schmul Zwetschkenbaum, ein umherziehender Talmud-Schüler, gerät in die Fänge der österreichischen Justiz. Was ihm dort geschieht, geschieht ihm, weil er Jude ist – so ist der Roman eine intelligente, schonungslose Abrechnung mit dem Antisemitismus, der sich zugleich der Sprache der österreichischen Justiz bedient.

Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten entstanden

Für Drach-Einsteiger sei jedoch „Das Goggelbuch“ empfohlen, eine Erzählung, die 1942 entstand, als Albert Drach, der vier Jahre zuvor aus Österreich vor den Nazis geflohen war, sich in Frankreich befand und befürchten musste, dass ihn der „Teufel“ in Gestalt der braunen Schergen auch dort aufspüren würde. Erzählt wird die Geschichte des Xaver Johann Gottgetreu Goggel, der im 16. Jahrhundert zwei sinistren Herren dient, der nach oben katzbuckelt, nach unten tritt und auf seinem Weg durch halb Europa jedwede Untat begeht. Eine Posse, die zahlreiche Volten schlägt. Es folgt ein Strudel an Ereignissen – am Ende spuckt ein Spiegel den gewissenslosen Opportunisten Goggel, der dem Teufel diente und dabei höchstselbst zum Teufel ward, „frisch und neu wie eine unbefleckte Jungfrau“ wieder aus. Auch in dieser Erzählung fand Albert Drach zu einer ganz eigenen Sprache – protokollhaft, ironisch, aber auch – der erzählten Zeit angemessen – derb und direkt.

Ein Beispiel dafür ist Goggels „Trutzwetterlied“:

Und kotzt das Wetter mir bös ins Maul
Und furzt gar furchtbar und wuchtig der Sturm,
Krau ich ihm die Augen mit den Eisen vom Gaul,
Wind ich ihm in den Hintern den Kolben als Wurm.
Hurrah!

Und die Moral von der Geschicht`? Goggel sprich Opportunisten fallen immer wieder auf die Füße – sei es zur Zeit der Glaubenskriege, sei es zur Zeit des Nationalsozialismus, sei es heutzutage …


Verlagsangaben zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-goggelbuch/978-3-552-05548-3/

Bild zum Download: Skulptur


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Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann?

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Bild: Birgit Böllinger

„Am Rande der Veranstaltung (Anmerkung: Gemeint ist eine Wahlkampfveranstaltung 1965 in Bayreuth) sind etliche Fotografien entstanden, darunter eine besonders schöne Frontalaufnahme, in der ein ganzes Soziotop sich auf dem Sofa drängelt. Und wen sieht man direkt zur Rechten Willy Brandts sitzen? Niemand anderes als eine über das ganze Gesicht strahlende, fein frisierte, mit Perlenkette umhängte Ingeborg Bachmann.
Alle Krisen wirken wie weggewischt. Sie sitzt, wieder einmal Königin, genau in der Mitte des Bildes – eine demokratische Königin.“

Ina Hartwig, „Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken“, S. Fischer Verlag, 2017.

Gleich von vorneweg: Nein, wer Ingeborg Bachmann war, beantwortet auch dieses Buch nicht. Als ob überhaupt eine schriftliche Biographie einen Menschen gänzlich erklären könnte, das sei einmal  dahin gestellt. Doch die österreichische Schriftstellerin beschäftigt über ihr Werk hinaus wie kaum eine andere deutschsprachige Autorin die literaturwissenschaftliche Nachwelt – da wird einerseits ihre hermetische Lyrik nach Lebensspuren untersucht, werden ihre Prosatexte in Zusammenhang mit ihren schmerzhaften Lieben – Paul Celan und Max Frisch – in Zusammenhang gebracht, da wird ihr Nachlass, insofern ihn die Erben der Öffentlichkeit freigegeben haben, penibel durchforscht. Das Feld der Veröffentlichungen über Bachmann ist weit – es reicht von Erhellendem, das einem als Leser beispielsweise die Gedichte weiter erschließen kann (so das hier erst kürzlich besprochene Buch „Wir sagen uns Dunkles“) bis hin zu Büchern, die eher einen bruchstückhaften Eindruck und das Gefühl, am Ende überwiegt denn doch die Spekulation, hinterlassen. Zu letzterem gehört leider auch das Buch der Literaturkritikerin Ina Hartwig.

 „In Ina Hartwigs Bachmann-Biografie fehlt dieses plausibel aus dem Werk und aus zuverlässigen Quellen erarbeitete Neue. Denn Ingeborg Bachmanns «Fluchtweg nach Süden», die Jahre in Neapel, Ischia und später in Rom sind durch den Briefwechsel mit Hans Werner Henze (2004) bereits gut erschlossen. Auch zu Bachmanns unstetem Leben, ihrem Unglück mit Männern, ihren Abstürzen in wüste Mengen von Alkohol und Psychopharmaka – dazu hat Ina Hartwig keine neuen Fakten zu bieten, weil auch ihr der freie Zugang zum Nachlass nicht gänzlich gewährt wurde“, urteilt Franz Haas in seinem Artikel „Das große Buch Bachmann“ am 7. Januar 2018 in der NZZ.

Mir bietet dieses Buch nicht nur wenig Erhellendes zu den Schattenseiten im Leben der „Diva“, sondern konzentriert sich viel zu sehr darauf – auch wenn Hartwig, die sich selbst im Buch als „biographische Detektiven“ bezeichnet, ab und an versucht, die „bodenständige“, pragmatische und lebenszugewandte Seite der Ingeborg Bachmann hervorzuheben. Doch sie bedient zugleich den voyeuristischen Blick auf eine zutiefst unglückliche, zerrissene Frau. Dass Ina Hartwig immer wieder darauf zurückgreift, wie sehr das Leben der Dichterin „mystifiziert“ wurde, wie viele ihrer Zeitgenossen über den Drogenkonsum Bachmanns hinwegsahen, erscheint mir dabei fast wie eine Selbstvergewisserung der Biographin, hier müsse man einen Vorhang heben – dabei waren die Abhängigkeiten Bachmanns längst bekannt, in der Deutung des Werks und des Lebens bringt das wenig weiter.

Richard Kämmerling beurteilt das Buch in der „Welt“ positiver, weil „spannend“ für die Leser, als Franz Haas. Und stellt am Ende doch die Fragen:

„Der Eindruck einer pasolinihaften Seite Ingeborg Bachmanns lässt sich nicht ganz vertreiben“, schreibt Ina Hartwig einmal. Wirklich? Wessen Fantasien sind dies denn eigentlich? Wo sind wir nun da gelandet, in welchem Fassbinder-Film? Haben wir nicht mit Mohnblüten begonnen? Am Ende kann Ina Hartwig die Frage, wer „die Bachmann“ denn nur wirklich war, nicht beantworten. Aber sie fügt dem in vielen Farben schillernden Mosaik einen schmutzig glänzenden Stein hinzu.“

Quelle: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article172281980/Ingeborg-Bachmann-und-ihre-vielen-Lieben.html

Mag man an der Hinzufügung des schmutzig glänzenden Steins wenig Neues oder Wertvolles für die Bachmann-Lektüre empfinden, so bringt ein weiterer Stein auf dem Weg, den Hartwig hinzufügt, dagegen doch weiter: Das ist ihre Beschäftigung mit der Freundschaft (die Ina Hartwig gerne zur Beziehung ausdeuten würde) zwischen Ingeborg Bachmann und Henry Kissinger, anhand dessen, so Hartwig, „die Zeitgenossenschaft Ingeborg Bachmanns in ihrer vollen, abenteuerlichen Dimension hervortritt.“

Tatsächlich ist dies ein Gewinn bei der Lektüre dieser bruchstückhaften, zum Teil auch sprunghaft wirkenden Biographie: Der Blick auf die philosophisch und politisch denkende Dichterin, die sich mit Heidegger, Wittgenstein und Simone Weil beschäftigte, die sich wach und dezidiert zu Fragen der Nachkriegs- und Europapolitik, der Wiederaufrüstung und anderen brennenden politischen Themen äußerte.

„Um 1960 war noch völlig offen, was aus Europa werden könnte und werden sollte. Ein geeinigtes Europa, das war nicht nur die Antwort auf die Verheerungen des Nationalsozialismus und des Faschismus, sondern zugleich ein attraktives Zukunftsmodell für die zwischen Ost und West aufgeteilte Welt, deren Grenze mitten durch Deutschland lief. Alle politischen Bewegungen erzeugten erhebliches Misstrauen, und Bachmanns Freund Kissinger gehörte, von der anderen Seite des Atlantiks auf Europa schauend, zu den ganz besonders Misstrauischen. Dass Bachmann sich an seiner nordamerikanischen Perspektive abarbeitet und gleichzeitig versucht, eine europäische für sich zu entwickeln, dürfte der politische Nukleus dieser Überlegungen sein.“

Ina Hartwig resümiert am Ende ihres Buches:

„Ingeborg Bachmann war eine geerdete Persönlichkeit, kompliziert und schwierig zwar, gefährdet ohnehin, aber auch witzig, klug, praktisch, dem Alltag zugewandt und schon früh erstaunlich politisch denkend. Ihre sagenhafte Karriere war befeuert worden von den Aufmerksamkeitsströmen und Geldzuwendungen der transatlantischen Kulturpolitik des Kalten Kriegs, von der sie extrem profitierte als Dichterin, als Intellektuelle und nicht zuletzt als Freundin bedeutender Personen der Zeitgeschichte. Sie war ein Medienprofi und eine hellwache Beobachterin ihrer eigenen Epoche, was ihr bis zur Ermüdung besungenes Diventum am Ende doch sehr relativ aussehen lässt.“

Schade eigentlich, dass die Literaturkritikerin durch ihr beinahe zwanghaftes Entblättern der „dunklen Seite“ Bachmanns eher eine neue Note im Lied von der unglücklichen Diva anschlägt und trotz mancher Ansätze die politische, intellektuelle Dichterin wieder einmal dahinter zurücktritt.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.fischerverlage.de/buch/wer_war_ingeborg_bachmann/9783100023032

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Franzobel: Das Floß der Medusa

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Bild von nightowl auf Pixabay

„Der nächste Tag war der 14. Juli, Tag der Revolution. Ein Sonntag. In der Nähe von Paris wurde ein gewisser Arthur de Gobineau geboren, späterer Begründer der Rassenlehre und somit ideologischer Wegbereiter des Holocausts, Argumentationsgehilfe zur Verhinderung der Gleichstellung der Schwarzen. Aber davon wussten die Menschen auf der Maschine nichts. Nicht einmal Coste schwenkte seine Jakobinermütze. Wie die meisten hatte er kein Zeitempfinden. Da war keine Strecke mehr, die man unendlich oft teilen konnte, sondern eine einzig brachliegende Gegenwart. Die Zeit gleich einem unbegrenzten Feld.“

Franzobel, „Das Floß der Medusa“, Paul Zsolnay Verlag Wien, 2017.

Nicht von ungefähr verweist Franzobel gegen Ende seines Buches – als sich auch die Leiden der Menschen auf dem Floß, „ der Maschine“, ihrem Ende zuneigen – auf den französischen Schriftsteller und Diplomaten de Gobineau. Dieser stellte in seinem mehrbändigen Werk „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ die These auf: „Der Mensch ist das böse Tier par excellence.“

Und alles, was auf dem Floß der Medusa, das 1816 zehn Tage auf offener See vor Westafrika trieb, geschah, scheint diesen Satz zu bestätigen: Von den rund 150 Menschen, die sich nach dem Auflaufen der Fregatte Méduse auf eine Sandbank auf ein hektisch selbstgezimmertes Floß retten konnten, überleben nur 15. Und dies nur unter unmenschlichsten Umständen: Je länger die Tortur – stechende Hitze, Durst, Hunger – anhält, desto mehr fallen die Grenzen der Zivilisation. Auf dem Floß beginnt ein Kampf ums Überleben, den nur die physisch und psychisch Stärksten bestehen.

Dass es in seinem Roman um die ganz großen Fragen geht, das verdeutlicht Franzobel bereits im ersten Kapitel, als die Brigg Argus „fünfzehn ausgemergelte Gestalten“, „Totengesichter“, wandelnde Leichen, aus dem Wasser fischt:

„Aber was sind das für Geschehnisse, die der Menschheit für alle Zeit verborgen bleiben sollten? Was ist das für eine scheinbar mit einem Fluch behaftete Geschichte, die hinter diesen fünfzehn ausgemergelten Gestalten steht? Ist sie etwas für uns? Ein Versuch, den Menschen vor Gott zu rechtfertigen? Etwas Erhabenes? Erhebendes? Niederschmetterndes? Nun, das werden wir noch sehen. In jedem Fall ist dieser „Vorfall“ etwas, das am französischen, ja, am europäischen Nationalstolz kratzt, weil er Abgründe des Menschlichen offenbart, zeigt, was mit dieser Spezies alles möglich ist. Nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis. Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt sowas nicht vor. Doch ist das wirklich so?“

Dass der Erzähler hier, in dieser Art Vorspann, allwissend daherkommt, den Lesern quasi schon das Rezept zum Buch mitgibt, uns die Botschaft beinahe mit dem Holzhammer eintrichtert – dies ist im Grunde die einzige Kritik, die man zu diesem Buch, das hier und dort bereits als „epochal“ bezeichnet wurde, äußern kann.  Man muss über den Roman, der auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2017 stand und nun in der engeren Wahl um den Bayerischen Buchpreis ist, nicht mehr viel schreiben: Im Feuilleton und bei einigen Literaturbloggern erntete der österreichische Schriftsteller dafür durchwegs überaus positive bis hin zu euphorische Kritiken. Und dies zu Recht: Es ist sprachlich, stilistisch und inhaltlich ein herausragendes Werk, das die Jahre und Moden überdauern wird.

Alexander Kosenina schrieb darüber in der Frankfurter Allgemeinen, der Roman sei „eine wuchtige, oft groteske und allemal verstörende Allegorie auf die Menschennatur“:

„Insgesamt ist Franzobel ein ganz und gar ungewöhnliches Buch gelungen: Statt eines Historienbildes fügt er aus dem glücklich gefundenen und unbekümmert neu erfundenen Ereignis ein literarisches Laboratorium zusammen, das der Erforschung von Menschen im Ausnahmezustand dient.“

Quelle: FAZ, 12.09.2017

Verstörend, nachklingend, Diskussionen auslösend und dabei gepaart mit einer spürbaren Lust am Fabulieren, am Spielen mit der Sprache, am stilistischen Experiment, indem immer wieder Historie und Moderne vermischt werden (die Offiziere der Medusa vergleicht Franzobel beispielsweise physiognomisch mit Lino Ventura und Alain Delon), die Erzählerstimmen wechseln, die Schauplätze und Perspektiven, dies alles führt dazu, dass man sich nach knapp 600 fieberhaft gelesenen Seiten tatsächlich selber fragt: „Und was hätte ich getan?“.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-floss-der-medusa/978-3-552-05816-3/

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache:
Gewaltig wie ein Ozeansturm: Sinnlich, anschaulich, überwältigend.
Ein Plus für die Figurenzeichnung:
Tiefgründig wie das Meer: Werden manche der historisch verbürgten Personen fast schon satirisch überzeichnet, so der korrumpierte Kapitän Hughes Duroy de Chaumareys , der von andauerndem Durchfall geplagt ist, so vielschichtig werden die beiden Hauptfiguren – der Schiffsjunge Victor und der Schiffsarzt Jean-Baptiste Henri Savigny – dargestellt. Letzterer verfasste mit Alexandre Corréard 1818 einen dokumentarischen Bericht, der schließlich zu einer Verurteilung der für den Schiffbruch Verantwortlichen führte (dieses Buch wird voraussichtlich 2018 im Rahmen der Französischen Bibliothek wieder bei Matthes & Seitz erscheinen: http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-schiffbruch-der-fregatte-medusa-12242.html)
Ein Plus für die Struktur:
Grandios gelungen. Franzobel verwebt Vor- und Nachgeschichte des Schiffbruchs, die katastrophale Floßfahrt und ihre Auswirkungen kunstvoll mit historischen Hintergründen (Nachwirkungen der Französischen Revolution bis zur beginnenden Restauration) und Vorgriffen auf die Moderne.
Ein Plus für den Inhalt:
Unter welchen Bedingungen wird der Mensch entmenschlicht? Das ist und bleibt eine der großen Fragen der Menschheit – die uns immer wieder an unsere Grenzen führt.

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/m%C3%BCnchen-odeonsplatz-statue-l%C3%B6we-4477307/

 

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Hans Weinhengst: Turmstraße 4

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Bild von Tina T. auf Pixabay

„Wenn er auch seinen Eltern und Geschwistern in Liebe verbunden war: Aber seit der Kündigung des Vaters herrschten innerhalb der Familie niederschmetternde Schwermut und abstoßende Gereiztheit. Zu seinem bisherigen Elend und zu den Widrigkeiten seines hoffnungsleeren Arbeitslosendaseins kam nun eine neue Sorge: Er fürchtete um seine Geliebte. Ihn bedrückten nicht einfach nur Eifersucht, sondern die lähmende Angst, ihm würde das bei weitem Beste genommen, das er je gehabt hatte, das einzige Licht in seinem dunklen Alltag, von dem er hoffte, es könnte seine herzerwärmende Sonne in einer kalten, egoistischen Welt sein.“

Hans Weinhengst, „Turmstraße 4“, OA 1934, in deutscher Übersetzung bei edition atelier, Wien, 2017.

Wien, 1930: Die Liebe in Zeiten von Armut und Massenarbeitslosigkeit. Eine tieftraurige, aussichtslose Angelegenheit. Dem jungen Pärchen Martha und Karl ist kein Glück vergönnt, die Zweisamkeit währt nicht lange. Dies allein schon aus praktischen Gründen: Die beiden leben mit ihren Familien in beengten Verhältnissen, in einem der abgewirtschafteten Wohnblöcke der Wiener Arbeiterviertel Wiens, Turmstraße 4. Der Mietblock, er spielt eine zentrale Rolle in diesem Roman aus der Zwischenkriegszeit. Das Buch beginnt mit einer eindringlichen Schilderung dieser Behausung:

„Ein grauer, heruntergekommener Wohnklotz. Das ist das Haus Nummer 4 in der Turmstraße. Wenn ich „grau“ sage, beschreibe ich die Farbe der Mauern nicht ganz treffend. Sie sind in Wahrheit undefinierbar widerwärtig (…). Das Hausinnere zeigt auf den ersten Blick unverhohlen, dass die gesamte Konstruktion einzig dem Streben nach Ausbeutung folgt: Das Stiegenhaus und die Gänge sind schmal, der erdrückend enge Hof – „Lichthof“ genannt – ist der den Bauvorschriften geschuldete einzige freie Raum, die Wohnungen sind winzig, dafür aber zahlreich.“

Und der sprachliche Stil dieses österreichischen Autoren Hans Weinhengst zeigt ebenfalls unverhohlen, dass hier einer einem besonderen Streben folgt: Weinhengst (1904 – 1945) war Schriftsteller, Übersetzer, Sozialdemokrat und Anti-Faschist. Und so bleibt bei seinem einzigen Roman, „Turmstraße 4“, der 1934 erstmals erschien, manches Mal der literarische Stil zugunsten einer Botschaft, die vermittelt werden soll, auf der Strecke, nimmt das Buch eher die Form einer engagierten Reportage denn eines belletristischen Werkes an:

„Wenn es abends zu schneien begann, bildeten sich lange Schlangen Arbeitswilliger vor den Aufnahmestellen für Schneearbeiter. Viele dieser hungernden und unzureichend bekleideten Personen mussten nach mehrstündigem Stehen in eisigem Wind aufgeben und fortgehen – oder weggetragen werden. Später, im Verlauf des Morgens, wenn man mit den Einstellungsmodalitäten begann, kam es oft zu wilden Handgreiflichkeiten wegen der wenigen Stunden schlecht bezahlter Arbeit. Wer je Zeuge einer solchen Szene wurde, und wer einmal gesehen hat, wie die mehreren Hundert, die nicht das Glück hatten, eine Schaufel in die Hand zu bekommen, mit hängenden Köpfen – manche in Tränen ausbrechend – davonschlichen, nennt diese Menschen nie wieder „arbeitsscheue Schmarotzer“.“

Doch über diese stilistischen Ausreißer kann man gut und gerne hinwegsehen – lohnens- und lesenswert ist dieser Roman allemal. So unmittelbar, so eindrücklich erzählt Hans Weinhengst von den Mühen der Arbeiterebene, gibt einen eindrücklichen Blick frei auf das Leben der Menschen, die das Elend des Ersten Weltkrieges und dessen Folgen auszubaden hatten. Vom Krieg traumatisierte Väter, ausgezehrte, überarbeitete Frauen, eine Jugend ohne Perspektiven – Arbeitslosigkeit, drohende Wohnungslosigkeit, Armut und der Zwang in die Kleinkriminalität, um überhaupt zu überleben, das sind die Möglichkeiten, die sich Martha, Karl und ihresgleichen eröffnen.

Die anrührende Liebesgeschichte mit ihrem tragischen Ende ist der kleine Kunstgriff, den sich Weinhengst erlaubt, um so einer wohl erhofften breiten Leserschaft ein reales Abbild seiner Zeit zu geben. Einem breitem Publikumserfolg stand jedoch vor allem ein besonderer Umstand im Wege: Hans Weinhengst war einer der bedeutendsten Verfechter des Esperanto in Österreich. Als führendes Mitglieder der sozialistischen Esperanto-Bewegung schrieb und veröffentlichte er seine Texte – Lyrik, Erzählungen sowie seinen einzigen Roman –  ausschließlich in dieser Kunstsprache. So wurde das Buch in einem ungarischen Esperanto-Verlag 1934 verlegt, erst fast 80 Jahre später erschien es nun erstmals in deutscher Übersetzung durch Christian Cimpa.

Es lag nicht nur allein am aufkommenden Faschismus in Österreich, dass Hans Weinhengst als überzeugter Anhänger der Esperanto-Bewegung oftmals isoliert war. Kurt Lhotzky zeichnet im Nachwort zu der deutschsprachigen, beim Wiener Verlag „edition atelier“ erschienenen Ausgabe die wechselvolle Geschichte der österreichischen Esperanto-Bewegung nach. Leute wie Weinhengst waren davon überzeugt, die Kunstsprache könne zur internationalen Verständigung beitragen, dazu, dass sich Proletarier aller Länder auch sprachlich vereinigen können – meist aber stießen die sogenannten „Arbeiteresperantisten“ jedoch sowohl bei den sozialistischen Parteien als auch bei den Esperanto-Gesellschaften auf Widerstand und Ablehnung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hans Weinhengst auch von der österreichischen Literaturgeschichte fast vergessen. Auch wenn der Roman stilistisch nicht in der ersten Liga spielt – ein Verdienst des Verlages ist es dennoch, ihn nun nach so langer Zeit zugänglich zu machen. „Turmstraße 4“ ist ein beinahe dokumentarisches Buch, das unmittelbar, ehrlich und authentisch von der Armut, ihren Folgebedingungen und der Unmöglichkeit, dem ganzen Kreislauf aus eigener Kraft zu entkommen, erzählt.

Und eine eigene Erwähnung wert ist mir die wunderbare Titelgestaltung durch Jorghi Poll, die mir schon bei „Marylin“ von Arthur Rundt so sehr ins Auge fiel.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.editionatelier.at/turmstrasse-4.html

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Peter Rosegger: Weltgift

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Bild von holzijue auf Pixabay

„Hadrian Hausler war mit seiner That überaus zufrieden. Jetzt hing er nicht mehr in der Luft, jetzt stand er fest auf der Scholle. (…) Welch eine Aufgabe! Sie, die heute noch lachen über den durchgebrannten Kompagnon Hausler, werden mir noch ein Denkmal setzen. Ein Denkmal war immer mein Ideal. Eins aus Erz auf Sandsteinsockel. Marmor hält nicht in diesem Klima.“

Peter Rosegger,, „Weltgift“, 1903, neu aufgelegt 2016 beim Septime Verlag.

Peter Rosegger? Irgendwo, irgendwann hatte ich das Vorurteil aufgegriffen, der Rosegger sei eine Art österreichischer Ganghofer und mich nie mit ihm beschäftigt. Meine Neugierde wurde durch den Septime Verlag in Wien geweckt – er gab nun den 1903 erstmals veröffentlichten Roman „Weltgift“ wieder heraus, verbunden mit dem Hinweis auf dessen sozialkritische Aktualität, die uns heute wieder ansprechen könnte.

Rosegger (1843 – 1918), als Waldbauernbub in eine Region mit hohem Analphabetismus hineingeboren, der kaum Chancen auf eine gute Bildung hatte, wurde durch sein erzählerisches Talent früh entdeckt. Einige Förderer und Gönner (darunter ein Bierbaron) ermöglichten ihm den Besuch der Grazer Handelsakademie. Von da an war kein Halten mehr: Rosegger avancierte schnell zum vielgelesenen Autor, ein Volksschriftsteller, der 1913 sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch war.

Parallelen zu Ganghofer gibt es durchaus, insbesondere in sozialen und politischen Fragen – Haltungen, vom Zeitgeist geprägt, die sich aus unserer heutigen Perspektive einer simplen schwarz-weiß Bewertung entziehen. Beide konservativ in ihren Ansichten, Rosegger monarchietreu, Ganghofer deutlich nationalistisch. Beide verfassten, angesteckt vom Weltenbrand, während des Ersten Weltkriegs kriegsverherrlichende Texte, obwohl Rosegger beispielsweise vor der Jahrhundertwende ein aktives Mitglied der pazifistischen Bewegung in Österreich war. Die Werke der beiden Autoren wurden posthum von den Nationalsozialisten für deren Zwecke vereinnahmt. Und beide sind bis heute schwer einzuordnen, werden je nach Standpunkt nach wie vor für gewisse Zwecke genutzt oder abgelehnt, wie auch ein Artikel anlässlich des 170. Geburtstages von Rosegger im österreichischen „Profil“ zeigt.

Parallelen im Werk sind zu finden in der Auseinandersetzung mit der sozialen Lage der Bauern, dem Auseinanderklaffen der Klassen, den Konflikten, die im Zuge der Industrialisierung entstehen, aufgezeigt oftmals am Gegensatz von Stadt und Land.

So begeht auch die Hauptfigur des Romans „Weltgift“, Hadrian („Hadri“) Hausler – kein Häusler, sondern Sohn aus gutem Hause, jedoch nirgends daheim und auch in sich unbehaust – Landflucht: Der Fabrikantensohn, seines verschwenderischen, sinnlosen Lebens in der Stadt überdrüssig, schlägt die Firmennachfolge aus und versucht in der österreichischen Provinz als Gutsherr Fuß zu fassen. Und scheitert auch daran grandios. Von einem betrügerischen Verwalter eh schon um das letzte Hemd gebracht, ruiniert ihn ein Hochwasser vollends. Einziger Halt ist sein junger Geselle Sabin, den der von der Frauenwelt enttäuschte Hausler- seine Geliebte heiratet des besseren Ertrags wegen seinen Vater- in fast schon homoerotischer Weise verehrt. Zwar ist diese – zudem einseitige Männerfreundschaft – zurückhaltend dargestellt. Doch sowohl dies als auch andere Szenen des Romans wurden bei dessen Erscheinen von der konservativen Öffentlichkeit als „lüstern“ empfunden. Gerald Schöpfer zitiert in seinem Nachwort zu „Weltgift“ aus dem „katholischen Schulvereinskalender“ von 1903:

„Darum findet sich in seinen Geschichten so manches, was ein reines Gemüt abstößt und ein gläubiges Herz im Innersten verwundet. Aber gerade diese pikante Sauce behagt dem lüsternen Gaumen der meisten Leser.“

Heute könnte wohl das persilreinste Herz kaum mehr erotisch Anstößiges in diesem Roman finden: Rund um Hausler finden sich allerlei junge Leute, bändeln an und heiraten am Ende ordnungsgemäß. Während die Städter, allen voran Hausler und seine ehemalige Geliebte, wegen ihrer Gewandung das „grüne Fräulein“ genannt, verderben.

Aber auch das sozialkritische Element ist eher durch die enthusiasmisierte Leseraugen zu entdecken: Mit dem Begriff „Weltgift“ meint Rosegger die „Verdorbenheit“ der Städte, die ländlichen Tugenden entgegengesetzt wird, die aber auch schon auf das Land zugreift:

„Es ist bekannt, daß im Landvolk das Ideal vom Guten mehr gilt, als das vom Schönen. Je ursprünglicher ein Volk, je mehr lebt es in der tüchtigen That, je weniger hat es mit der Kunst zu schaffen. Je mehr ein Volk sich verfeinert, um so mählicher entfernt es sich von dem Begriff Tugend, um so mehr nähert es sich dem, was man unter Brüdern Kunst nennt. In den Städten macht Tugend niemand mehr Freude, nur wenigen Ehre, sie ist verachtet wie eine altväterische Sache, und an ihre Stelle ist vielfach der Schönheitssinn getreten.“

Das ist das Problem dieses Romans: Man könnte in ihn alles Mögliche hineindeuten. Wenn einer der Bergbauernbuben, in der Stadt zum Mediziner herangebildet, seine Philosophie des Übermenschen, die Züge der Euthanasie in sich trägt, auspackt – dann weiß man nicht, soll es einen gruseln oder ist dies ironisch verpackte Zeitkritik. Vieles davon würde sich nur mit einer eingehenderen Beschäftigung mit der Biographie des Schriftstellers klären – dafür jedoch spricht mich dessen Werk wiederum nun doch nicht stark genug an.

Das Werk des einstigen Volksschriftstellers wird heute, so ließ ich mir sagen, allenfalls noch im österreichischen Fernsehen durch verkitschte Verfilmungen vermittelt. Jö schau – das ist allerdings auch nicht schön: Denn durch seinen eigenartigen Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen herausspringt, vermittelt Rosegger durchaus, zumindest in „Weltgift“, dass da was Widerspenstiges in ihm lauert. Und diese feine Ironie wiederum macht den Roman durchaus als „Schmankerl“ lesenswert.

Die Verlagsangaben zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_weltgift.html

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Trude Krakauer: Niewiederland

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Bild von schleuderzunge auf Pixabay

Lichten Traum

Hofft, ihr werdet in der Heimat nisten,
Tröstlich winkt sie nach den Trennungsjahren.
Elend, wißt ihr, werdet ihr dort finden (…)

Trude Krakauer sah die „alte Heimat“, das „Niewiederland“, nur einmal wieder, 1981 bei einer Reise nach Österreich. Vom „Rückwärts gehen“ erwartete sie nicht viel, wie auch ihr beinahe trotzig klingendes Gedicht, datiert auf den 5. Februar 1948, vom „Lichten Traum“ erkennen lässt. Jedoch: Auch das Exil, Kolumbien, war nicht zur Heimat geworden, es gelang ihr in ihrem langen Leben nicht, hier vollständig Wurzeln zu fassen, nur Luftwurzeln blieben ihr, Wurzeln, die keine Erde fanden. Zum Ausdruck kommt dies in einem ihrer späteren Gedichte, „Luftwurzeln“ (Auszug):

Ich hab meinen Halt in der Erde verloren.
Luftwurzeln treib ich, blasse Gedichte,
Die zittern und schwanken und tasten ins Leere.

„Ich habe gerne hier gelebt, aber nie habe ich dieses Land als meine „zweite“ Heimat betrachtet. Man hat nur eine Heimat, so wie man nur eine Mutter hat“, schreibt sie 1993. Dabei verbrachte Trude Krakauer (nicht zu verwechseln mit Trude Dothan, geborene Krakauer) mehr Lebensjahre im kolumbianischen Exil als in der österreichischen Heimat. Am 30. Mai 1902 in Wien geboren, flieht sie nach dem „Anschluss“ Ende 1938 nach Lateinamerika. Hochbetagt, im Alter von 93 Jahren, stirbt sie am 25. Dezember 1995 in Bogotá. Die Heimat hat sie nie vergessen – aber im Gegenzug vergaß die Heimat beinahe sie. Es ist der österreichischen Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher (1952-2012) zu verdanken, dass Trude Krakauer nicht vollständig aus dem Bewusstsein geriet – und dass ihre Gedichte erhalten blieben und überhaupt veröffentlicht wurden.

Ballade vom Niewiederland

Wer seinen Weg im Niewiederland sucht,
der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim;
er geht nur und geht, um zu gehen.
Er geht durch die Straßen der Nimmermehrstadt (…)

Trude Krakauer teilt – nicht nur in der Zerrissenheit zwischen zwei Welten – das Schicksal vieler Exilanten: Vertrieben, verloren, vergessen. Ihr Name erscheint heute nur marginal in der Literatur, meist in Fachbüchern über die Literatur im Exil. Zu Lebzeiten wurden die Gedichte Trude Krakauers, die bis zu ihrem Lebensende in ihrer Muttersprache schrieb, nur dreimal in österreichischen Publikationen veröffentlicht. Dabei hätte ihr schmales, dafür aber umso intensiveres Werk mehr Aufmerksamkeit verdient. Sicher liegt ihr geringer Bekanntheitsgrad aber auch an der Zurückhaltung und Bescheidenheit, die Trude Krakauer prägten. Siglinde Bolbecher, die 1993 die verbliebene österreichische Exilgemeinde in Kolumbien aufsuchte, lernte die Dichterin dort persönlich kennen. In ihrem Nachwort zur einzigen bislang veröffentlichten Sammlung ausschließlich mit Gedichten von Krakauer, „Niewiederland“, erschienen 2013 in der Reihe „Nadelstiche“ der Theodor Kramer Gesellschaft, zeichnet Bolbecher ein feines Portrait der Dame, die sie in Bogotá kennenlernte:

„Es mangle ihrer Biographie an Leistungen – meint Trude Krakauer mit feiner Ironie -, an denen sich der Lebensfaden festknoten läßt und zugleich ist „Leben“ immer viel mehr als wir erzählen können. „Meine Biographie ist eigentlich in meinen Gedichten enthalten.“ In ihnen nimmt sie die schwierige Kommunikation mit Herkunft, der beglückenden, aber auch tödlichen Mühle der Kindheit und Jugend auf.“.

So zurückhaltend wie sie als Person durch diese wenigen Zeilen anmutet, so präzis- unprätentiös ist die Sprache ihrer Lyrik. Oftmals mit einer Spur von Bitterkeit angereichert. „Die Zeit heilt alles“ – so der Titel eines Gedichtes – nur die „pochend-wunden Herzen“ nicht. Ein Auszug:

Die Zeit heilt alles. Über Massengräber
Weht grünes Gras. Wir halten sie für gütig,
Wenn ihren Schleier unfühlbar und fühllos
Sie über Tote zieht, die uns noch leben,
Und über unsre schmerzhaft wachen Augen
Und unsre wehen, pochend-wunden Herzen.
(…)
Der Tod heilt alles, doch solang ich lebe
Will ich unheilbar sein.

Woher kam die Frau, die später einige der wichtigsten spanischsprachigen Literaten übersetzte (unter anderem Jorge Guillén, Rubén Darío, Blas de Otero) und doch nie viel Aufhebens um sich machte? Die mit anderen Dichtern im Exil befreundet war, aber kaum über ihre eigene Dichtung sprach?

Aufgewachsen war sie in einem liberalen Elternhaus: Ihr Vater, Dr. Heinrich Keller, war nicht nur ein bekannter Kinderarzt, sondern hatte auch mehrere sozialkritische Romane und ein Buch über Pädagogik geschrieben. „Er war sozialdemokratischer Bezirksrat und verstand sich als „Revolutionär“: Freigeist, antiklerikal, dem Fortschritt und dem Humanismus verbunden“, so Siglinde Bolbecher. Eine Haltung, die die Tochter übernahm – doch nicht nur dieses sollte für sie später, im Nationalsozialismus, zur Gefährdung werden. Keller war zwar konvertierter Protestant – dies schützte ihn jedoch vor dem Rassenwahn der Nazis nicht. Der Kinderarzt erzog seine Kinder religionslos. Später, 1938, löst sich Trude Krakauer von ihrem Taufbekenntnis, vollzieht die Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft – als Bekenntnis und Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrem verfolgten Volk. Man sieht an ihrer Biographie – da hat eine bereits in jungen Jahren ihren eigenen Kopf, sucht ihren Weg, will etwas bewegen. Einfach macht sie es ihrer Mutter Nelly, die in ihrer Jugend selbst Gedichte schrieb, nicht. Ein ganz anrührend zartes Gedicht ist dazu zwischen den zuweilen nüchtern bis trotzigen Tönen in ihrer Lyrik zu finden:

Meiner Mutter

Und oft, wenn ich`s zu arg getrieben,
Mein ich, mir sei kein Weg geblieben,
Und alles sei zu Ende.
Und dann kommst du und sprichst ein gutes Wort,
Wie du`s nur kannst und deine lieben Hände
Sie streicheln jedes Leid mir fort.

Vielleicht klingt in diesem undatierten Gedicht auch die Sehnsucht nach dem „Mutterland“, der „Muttersprache“, nach der vergangenen, einigermaßen in Takt gewesen Welt zurück. Doch Trude Krakauer weiß: Es gibt keine Umkehr.

Auch nicht in dieses Wien, in dem sie als junge Frau sich in der sozialistischen Jugendbewegung engagierte, an der Universität ausprobierte – zunächst auf Wunsch der Eltern im Studium der Medizin, dem folgten Staatswissenschaften, zugleich hörte sie Vorlesungen für Karl Kraus, für dessen Sprache sie sich begeisterte und dem ebenfalls Gedichte gewidmet sind. Bereits neben dem Studium arbeitet sie als Englischkorrespondentin für sozialdemokratische Stellen, ist von 1934 an aber für die Kommunisten illegal politisch tätig – ihr Verbleib in Österreich wird lebensgefährlich, bis sie durch ihre Jugendfreundin Thea Weiss ein kolumbianisches Arbeitsvisum erhält.

Dort dann der Aufbau einer neuen Existenz: Sie heiratet den mährischen Chemiker Dr. Emil Krakauer, arbeitet als Übersetzerin und Sekretärin in Bogotá, ist aktiv im “Comité de los Austríacos Libres”, für das sie zusammen mit der deutschen Schriftstellerin Margot Neumann-Hermer Literaturlesungen und andere Vorträge vorbereitet. Ab 1952 bis 1977 ist sie dann in der deutschen Handelsvertretung beschäftigt. Das ist der nüchterne Rahmen eines Lebens in der „neuen“, der anderen Welt. Die Bezüge zur Heimat werden immer weniger. Und klarsichtig erkennt sie wohl: Das ist Vergangenheit, sie warnt vor „Sehnsuchts-Vergoldungen der alten Heimat“ heißt es in dem Exilliteratur-Buch „Ferne Heimat, nahe Fremde“, herausgegeben von Eduard Beutner:

“Bei der im kolumbianischen Exil gelandeten Lyrikerin Trude Krakauer ist ebenfalls das Realitätsprinzip am Werk: „Erwürge endlich/das Kind in dir,/das spielen will. (…)/Lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen:/plus ist gleich minus,/ Freude ist Schmerz.(…)/Lerne, dass Schönheit brennendes Leid ist,/lerne die Sprache, die nicht verbindet/lern`s mit verwandelten Zeichen zu rechnen“, heißt es, vergleichbar mit Jean Amérys bedrängenden Reflexionen über das schwierige Entziffern von Zeichen in der Fremde, bei Krakauer freilich aber zwecks lebensbewältigender Perspektive.”

Lebensbewältigung, nicht zurückschauen, nicht werden zu „Loths Weib“, wie eines ihrer Gedichte heißt. Es gelingt ihr einigermaßen. Und so trägt ihr vermutlich letztes Gedicht vom 12. Jänner 1987 den Titel „Zuletzt“ (Auszug):

Ich gehe mit mir jetzt sehr nachsichtig um,
Eine uralte Frau muß man schonen,
(…)
Der Weg war so kurz – oder war er so weit? –
Ich ging durch so viele Geschichten.

Angaben zum Buch:

Trude Krakauer · Theodor Kramer Gesellschaft (Hg.)
Niewiederland
Mit einem Nachwort von Siglinde Bolbecher
Theodor – Kramer – Gesellschaft, Wien
2013 · 96 Seiten · 12,00 Euro
ISBN: 978-3-901602-49-8

Erschienen ist der Gedichtband „Niewiederland“ bei der Theodor Kramer Gesellschaft: http://theodorkramer.at/

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Jürgen Bauer: Ein guter Mensch

Bauer

Bild: (c) Michael Flötotto

Berger zieht seine Augenbrauen zusammen, bis sie sich über der Nase beinahe berühren. „Ein kurzer Tag, und schon habe ich keine Ahnung mehr, wer du eigentlich bist.“
„Du übertreibst mal wieder maßlos.“ Marko lacht trocken. „Hättest du ihr denn wirklich Wasser gegeben?“
„Wahrscheinlich“, sagt Berger. „Manchmal braucht man doch das Gefühl, dass man jemanden helfen kann, oder nicht?“
Ein Tankwagen brettert an ihnen vorbei, ohne zu bremsen. Die Druckwelle bringt die ganze Fahrerkabine zum Vibrieren.
„Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen“, versucht Marko den Lärm zu übertönen. „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“
Berger legt den Kopf schief: „Klar. Sind wir doch alle.“

Jürgen Bauer, „Ein guter Mensch“, Septime Verlag, 2017.

Der dritte Roman von Jürgen Bauer ist wahrhaftig höllisch heiß. Schweißtreibend. Und bringt die Gehirnwindungen zum Kochen: Was wäre, wenn es wirklich so wäre? Bliebe man selbst „ein guter Mensch“?

Die Erzählung ist in einer unbestimmten Zeitebene angesiedelt, sie könnte in unserer Gegenwart ebenso wie in einer nicht allzu fernen Zukunft handeln. Der Rahmen: Es regnet nicht mehr in einem großen Teil der Welt. Noch verfügt das Land, in dem der Roman spielt, über Wasserreserven – doch das kostbare Element wird immer knapper. Wer die Mittel hat, flüchtet sich in die nördlichen Regionen der Welt, die anderen bleiben. Zudem kommen Flüchtlinge aus dem Süden, in dem die Trockenheit noch weitaus katastrophaler ist, in das Land. Immer mehr Menschen müssen versorgt werden. Verteilungskämpfe beginnen.

Mit der Hitze steigen die Aggressionen, der Neid, das Misstrauen, die Zahl der Toten. Mit dem Wasserpegel sinkt die Solidarität, der Zusammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühl. „Die Durstigen“ – obdachlose, versprengte Menschen – schneiden sich die Pulsadern auf, um wenigstens einige Tage ins Krankenhaus und damit an Wasser zu kommen. Flüchtlinge werden in menschenunwürdige Lager eingepfercht. Und begleitend zu alldem formiert sich eine ominöse Bewegung, „Die dritte Welle“. Junge Leute, die dem vermutlichen Ende der Welt mit öffentlich zelebrierten Wasserspielen begegnen, die jeden Tropfen bewusst verschwenden, als sei noch genug für alle da. Das provoziert, das reizt – und bringt die angespannte Stimmung zum Übersieden.

Inmitten dieser Gemengelage steht Marko – ein guter Mensch? Scheinbar ja: Er trauert seiner Ehefrau nach und bleibt ihr treu, obwohl sie – gegen den Strom der Fluchtbewegung – zurück in den Süden ging, um bei ihren Eltern zu sein. Er ist für seine Freunde da, kümmert sich um Jobs für sie, gibt ihnen Obdach, bietet seine Schulter zum Anlehen an. Er sorgt für seinen Bruder, einen alkoholkranken Landwirt und Einsiedler. Und als Lastwagenfahrer hat er sich in den Dienst der Sache gestellt, befördert in Tankwagen Wasser an Verteilungsstationen.

Doch mehr und mehr gerät auch dieses Leben außer Takt, ist sein inneres Thermometer extremen Schwankungen unterworfen. Als sich einer der „Durstigen“ vor seinen Wagen wirft und die Pulsadern aufschlitzt, als er ihr Wasser außer der Reihe verweigert hat (siehe Eingangszitat), kommen die ersten Selbstzweifel: „Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?“

Das Selbst- und Weltbild Markos erfährt zunehmend Risse, die so bodentief klaffen wie die Furchen im ausgetrockneten Boden.

„Ihr habt mir nichts getan, sagte Marko zu sich selbst. Gar nichts. Ich werde euch einfach ignorieren. Doch er schafft es nicht. Der Anblick der Jugendlichen stachelt ihn auf, setzt seinen Körper unter Strom. Er kann nicht anders, muss etwas unternehmen, ihr Treiben ist ihm unerträglich wie das markerschütternde Kreischen von Fingernägeln auf einer Tafel: Einfach nur weg damit, bevor es ihn in den Wahnsinn treibt.“

Wie Marko sich – bis zum überraschenden Ende – immer weiter von seiner eigenen Verortung entfernt, das erzählt Jürgen Bauer spannend, packend, mit einer unprätentiösen Sprache, die die Geschichte geschickt vorantreibt. Der gekonnte Wechsel zwischen prägnanten Dialogen und Erzählung und die Reduktion auf das inhaltlich Wesentliche tragen dazu bei, dass „Ein guter Mensch“ ein fesselndes Buch ist, das seinen philosophischen Unterbau – die Frage nach dem Wesen des Menschen an sich – geschickt in die Hirne seiner Leser platziert.

Beim Lesen habe ich mich von fern an die Theorien von Locke und Hobbes erinnert gefühlt, an das berühmte „Homo homini lupus“ und den Krieg aller gegen alle, jedes Individuum eigensüchtig nur auf den eigenen Vorteil bedacht – bis hin zu jenen, die aus der allgemeinen Misere noch Gewinn erzielen wollen, Schwarzwasserhändler sozusagen.

Man kann den Roman als Dystopie lesen, als düstern Beitrag zum Klimawandel, man kann ihn als Psychogramm eines Mannes unter extremen Lebensumständen lesen, man kann das Buch aber auch als literarische Analyse aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen deuten. Verteilungsangst, ob rational begründet oder nicht, ist wie ein ansteckender Virus – und treibt Menschen auf die Straße, beispielsweise gröhlend gegen Flüchtlinge hetzend, im schlimmsten Fall zu Gewalttaten schreitend. Wenn sich die Verhältnisse dann noch weiter zuspitzen: Zeigt sich dann, was ein „guter Mensch“ ist?

„Aber jetzt mal im Ernst. Was wirst du machen?“
„Das Kind bekommen und hoffen, dass Aleksander endlich erwachsen wird. Es wegmachen lassen. Es bekommen und im Wald aussetzen. Ich weiß es wirklich nicht.“ Sie steckt ihre Finger in den Krug Wasser und spritzt sich ein paar Tropfen ins Gesicht. „Es gibt sowieso schon zu viele Menschen. Auch so eine Weisheit von Aleksander. Wozu also noch einen auf die Welt bringen?“
„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwidert Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Ein empfehlenswerter Roman. Ich empfehle jedoch, sich bei der Lektüre nicht allzu warm anzuziehen.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_ein_guter_mensch.html

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