Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal

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Bild von Moshe Harosh auf Pixabay

1937 erbt die österreichische Schauspielerin Alice Herdan-Zuckmayer, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller verheiratet, den sie liebevoll-kurz „Zuck“ nennt, von einer ungeliebten und scheinbar verarmten Tante einen Hund: Ein altes, grottenhäßliches, bissiges, verwöhntes „Viecherl“. An „Das Scheusal“ ist eine besondere Bedingung geknüpft: Die Juwelen und den Pelz, die die verbitterte Alte allem finanziellen Niedergang zum Trotz versteckt bewahrt hatte, gibt es nur samt Vierbeiner. Was Alice jedoch besonders entsetzt: Durch den Nachlass der Tante offenbart sich deren fanatische Anhängerschaft an die Nationalsozialisten: „Die Frau Tante war a Nazi, der Hund is a Nazi.“

Die Zeiten sind hart, Zuckmayers an das Sparen nicht gewöhnt, der Dramatiker wird jedoch im Deutschen Reich nicht mehr gespielt, Geld kommt allenfalls durch seine Arbeit für die Korda-Filmstudios in London herein. Das Scheusal darf also bleiben – zumal die Erbin eh ein freundliches, weiches Herz hat.

Die „Kreuzung zwischen Fledermaus, Wüstenfuchs und Warzenschwein“ nimmt bald eine Hauptrolle in dem Großhaushalt ein: Das verwöhnte Tier wird mit gedünsteter Kalbsleber und Honigwasser verpflegt, bei Bedarf mit Malaga ruhiggestellt, darf sich in mit „Chanel 5“ (eine olfaktorische Erinnerung an die Tante) besprühte Decken hüllen. Und es begleitet die Familie (die gemeinsame Tochter heißt tatsächlich mit zweitem Taufnamen „Winnetou“) auf den Exil-Stationen, selbst als klar ist, dass die geerbten Juwelen bereits durch die Nazis konfisziert sind.

Literarisch ist dieses Buch (Untertitel: „Die Geschichte einer sonderbaren Freundschaft“) beileibe kein herausragendes Werk, es deckt sich offenbar sogar bis in manche Formulierungen mit Zuckmayers Memoiren „Als wär’s ein Stück von mir“. Letztere habe ich noch nicht gelesen, daher kann ich dieses nicht beurteilen. Doch trotz der sprachlichen und erzählerischen Mängel – es ist nicht nur die anrührende Geschichte einer sich entwickelnden Beziehung zwischen Mensch und Tier, sondern auch ein eindrucksvolles, lebhaftes Dokument dieser Jahre, in denen die deutsche Intelligenz ins Exil vertrieben wurde. „Wir waren glücklich und liebten das Leben wie Kranke, denen der Tod angesagt worden ist“, schreibt Alice Herdan-Zuckmayer über die letzten Tage in Österreich.

In Paris nimmt das Paar noch an der Beerdigung von Ödon von Horváth teil, der am 1. Juni 1938 bei einem Unfall ums Leben kam – in der Folge, so ahnt Alice, wird man noch mehr Freunde verlieren, jedoch durch andere Umstände. Trotz der düsteren Zeiten hat dieses schmale Buch jedoch einen heiteren, anekdotenhaften Grundton, ist an manchen Stellen gar schreiend komisch. Beispielsweise als die Werfels und die Zuckmayers sich zu einem Abschiedsessen in einem Pariser Nobelrestaurant treffen. Alice versteckt das Scheusal gschamig unterm Tischtuch, doch der distinguierte Kellner platziert den Hund auf einen samtgepolsterten Stuhl an den Tisch und begehrt zu wissen: „Quelque chose légère?“.

„Ja, etwas Leichtes“, sagte ich auf französisch.
„Un peu de veau haché avec du foie de volaille?“ fragte er, „pour la petite mignonne?“
„Bien“, sagte ich nonchalant, als ob einem wertvollen King-Charles-Hund serviert würde, „also gehacktes Kalbfleisch mit Hühnerleber.“
Mucki saß neben mir, schnupperte und stieß leise Betteltöne aus.
Werfel betrachtete ihn lange und nachdenklich:
„Wenn man diesen Hund anschaut – er ist häßlich bis zur Vollkommenheit. Wie ein Wasserspeier von Notre-Dame.“

Zuckmayers gelangen über Paris und die Schweiz schließlich durch ein Affidavit durch die Frau von Sinclair Lewis in die USA, „der Mucki“ (trotz weiblichen Geschlechts ein „er“), kommt jeweils mit. Zwar erlebt die Familie in den Vereinigten Staaten wieder persönliche Sicherheit, doch die finanziellen und existentiellen Sorgen bleiben. Das Scheusal jedoch bleibt davon unberührt, bekommt weiter Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5. Hochbetagt stirbt das Viecherl schließlich im Kreise der Familie – immer noch hässlich, immer noch bissig, aber längst schon kein Nazi mehr.

Das Buch erschien erstmals 1972 im Fischer Verlag und wird seither immer wieder als Fischer Taschenbuch neu aufgelegt: „Das Scheusal“.

Ein Beitrag zur Reihe #lithund.

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