John Steinbeck: Meine Reise mit Charley

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„Dieses Monster von einem Land, diese mächtigste aller Nationen, dieses Keimbeet der Zukunft erweist sich als der Makrokosmos des Mikrokosmos meiner Person.“

John Steinbeck, „Meine Reise mit Charley“

Manchmal ist es vor der eigenen Haustür exotischer als in der Fremde. Nun ja, in den USA liegt zudem auch ziemlich viel vor der Haustür. Und deshalb fasste John Steinbeck (1902 – 1968) Anfang der 60erJahre einen Plan.

„Mein Plan war klar, präzise und vernünftig, denke ich. Viele Jahre bin ich in allen Teilen der Welt gereist. In Amerika lebe ich in New York oder schaue kurz in Chicago oder San Francisco vorbei. Aber New York ist so wenig Amerika, wie Paris Frankreich ist. So entdeckte ich eines Tages, dass ich mein eigenes Land nicht mehr kannte.“

Von einem, der auszog, sein eigenes Land wieder kennen zu lernen. Davon erzählt „Die Reise mit Charley“. Und dass man von dem großen Linken der amerikanischen Literaten, dem Nobelpreisträger der „kleinen Leute“, keinen verklärenden Reisebericht erwarten darf, das ist vom Start an klar. Sein Blick auf das Land ist und bleibt kritisch: so kennt man ihn bereits aus seinem 1939 erschienenen Roman über die Ausbeutung der Landarbeiter, „Früchte des Zorns“, auch das gewissermaßen ein Reisebuch. So bitter, streckenweise melancholisch und resigniert der Erzählton in der Reise mit Charley jedoch klingt, wenn Steinbeck die Verhältnisse und Zustände schildert, mit soviel Wärme – wie man es auch aus der „Straße der Ölsardinen“ und „Von Mäusen und Menschen“ kennt – beschreibt er dagegen die  Begegnungen mit Bekanntschaften und Freunden, während er „on the road“ ist.

Von Long Island zum Pazifik

Es ist – so steht es auch im Untertitel – eine Suche, eine Reflexion über das eigene Verhältnis zum Heimatland, die Steinbeck bei seiner Fahrt von der West – an die Ostküste unternimmt. Diese Suche nach dem eigenen Standpunkt, vielleicht auch nach der eigenen Herkunft, den Wurzeln – unter anderem streift er auch seinen Heimatort Salinas – mag in der persönlichen Lebenssituation Steinbecks gelegen haben: Bereits 1954 erlitt er einen ersten Schlaganfall, 1959 erneut und diesmal auch ernsthafter. Eine Grenzerfahrung, die ihn auf die Straße führt. Im Herbst 1960 legt er mit einem zu einem Wohnmobil umgebauten Kleinlaster namens „Rosinante“ los, Reisebegleiter ist Pudel Charley, und fährt in drei Monaten von Long Island über Maine bis an die pazifische Küste und zurück nach New York.

Ein Land im Kalten Krieg mit sich selbst

„Auf der Suche nach Amerika“ findet Steinbeck ein Land in Erstarrung, wenn nicht gar im Niedergang. Steinbeck, auch schon in den 60iger-Jahren ein engagierter Umweltschützer, geht menschlich mit den Menschen um, mit der Gesellschaft und Politik jedoch scharf ins Gericht. Eine Zustandsbeschreibung als Beispiel:

„Amerikanische Städte sind wie Dachsbauten: von Abfall umgeben – alle ohne Ausnahme -, umzingelt von Bergen rostender Autowracks und fast erstickt unter Müll. Alles, was wir brauchen, kommt in Kisten, Kartons, Behältern, der sogenannten Verpackung, die wir so lieben. Die Berge dessen, was wir wegwerfen, sind sehr viel größer als die der Dinge, die wir benutzen.“

Des Mülls zuviel, der Worte zuwenig – Amerika erstarrt in dieser Zeit im Kalten Krieg. Zwar werden die Begegnungen auf der Landstraße mit viel Humor beschrieben – köstlich ist der Dialog mit einem Farmer zu Chruschtschows berühmter „Schuh“-Rede bei der UNO. Doch deutlich wird daran auch, wie viel Kälte dieser Krieg nach Innen ausstrahlt. Politische Gespräche im Misstrauensmodus.

„Genau das sollte ich im ganzen Land finden – keine Argumente, keine Diskussion“, bedauert Steinbeck. Dagegen: Verunsicherung, Ängste, Hilflosigkeit – letztendlich auch dieses die Ursachen für den bitteren Hass, den Steinbeck in New Orleans erleben und beobachten muss. Er trifft dort ein, als ein kleines Mädchen von einem großen Polizeiaufgebot in eine Schule für Weiße eskortiert wird – auch heute noch verursachen die beschriebenen Szenen eines aufgebrachten Mobs aus gruseligen, überfütterten amerikanischen Frauen Kälteschauer.

Keine einfachen Wahrheiten

John Steinbeck durchstreift sein Land auf der Suche nach Wahrheiten – sein Fazit ist melancholisch:

„Wie schön wäre es, wenn ich über meine Reise mit Charley sagen könnte: `Ich bin ausgezogen, um die Wahrheit über mein Land zu finden, und ich habe sie gefunden.´ Wie leicht wäre es dann, meine Funde niederzuschreiben und mich bequem zurückzulehnen mit dem schönen Gefühl, Wahrheiten entdeckt und meinen Lesern mitgeteilt zu haben. Ich wünschte, es wäre so einfach.“

Zurück bleibt nach dem Lesen das Gefühl, eine einzigartige Reise mit einem wunderbaren Menschen und einem komischen Pudel miterlebt zu haben – und doch immer noch vor diesem großen, exotischen Rätsel namens Amerika zu stehen. Und dies macht das Buch auch heute noch, fünf Jahrzehnte später, über seinen literarischen Wert hinaus so lesenswert – vieles an dieser USA-Reise meint man auch heute noch so erleben zu können.

 

 

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John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten

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„So gesehen bewahren mich allein schon die Ausmaße meiner Physis davor, wirklich in die tiefsten Niederungen unserer Zivilisation hinabzusinken. (Ich bin übrigens nicht der Meinung, dass man ganz bis nach unten sinken muss, um zu einer persönlichen Sicht unserer Gesellschaft zu gelangen. Anstelle der vertikalen Abwärtsbewegung würde ich eher ein seitliches Abdriften an die Peripherie empfehlen – so gewinnt man zwar ebenfalls den Abstand zum Epizentrum, der für ein ordentliches Fokussieren nach den Gesetzen der Optik unabdingbar ist, aber man muss doch nicht auf sämtliche Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten. Meinem geneigten Leser wird schon aufgefallen sein, dass ich es mir genau dort schon recht gemütlich eingerichtet hatte – am äußersten Rand unserer Zivilisation -, als mich die schon mehrfach erwähnte Trunksucht meiner Mutter mit einem Schlag ins hektische Gewimmel zeitgenössischen Lebens zurückkatapultierte. Ehrlich gesagt ist es mit mir seither nur noch bergab gegangen. Meine platonische Flamme Minkoff hat sich von mir abgewandt, und auch meine Mutter, die doch die Ursache allen Übels ist, beißt schon die Hand ihres Ernährers. Mein Glücksrad dreht sich immer weiter abwärts. O Fortuna, Du launenhaftes Weib!).“

John Kennedy Toole, „Die Verschwörung der Idioten“, Neuübersetzung durch Alex Capus, 2011, Klett-Cotta Verlag

Das Zitat gibt eine Ahnung von der schillernden Persönlichkeit, die durch diesen Roman wabert, watschelt, walzt. Ignaz ist ein wortgewaltiges und arbeitsscheues Riesenbaby.  Ein Schwergewicht an Körper und Gequatsche. Er quatscht alle nieder – bis in den Ruin. Seine Mutter ist die Best(i)e. Ein Dream-Team, das eine Spur der Zerstörung hinter sich lässt.

So saukomisch der Roman, so dramatisch die Geschichte dazu. Autor John Kennedy Toole hatte auch im echten Leben eine, wie es Alex Capus in seinem Nachwort ausdrückt, „narzisstisch gestörte Anakonda von einer Mutter“. Den Roman klopfte er in einem Wahnsinnstempo 1963 während seiner Militärzeit in die Schreibmaschine. Zielvorstellung des Autors: Berühmt werden, Geld machen, sich von Mutters Schürzenzipfel lösen. Klappte alles nicht. Zwar fand Kennedy Toole einen Verlag, der sich des Manuskriptes annahm – aber nach all den vorgeschlagenen Kürzungen wäre das Buch in seinen Augen nicht mehr dasselbe gewesen. Das Tragische daran: Straffungen hätten dem Roman, der in den Ergüssen seines Helden auch seine Längen aufweist, durchaus gut getan.

Doch John Kennedy Toole gab im wahrsten Sinne des Wortes auf – er sperrte das Manuskript in eine Schublade, schnappte sich einen 67er Chevrolet Chevelle und verschwand im Januar 1969 ohne ein Wort. Zwei Monate später fand man Chevrolet und Fahrer an einer Landstraße zwischen Biloxi und New Orleans – er hatte seinem Leben ein Ende gesetzt.

Die Pointe: Die anakondische Mutter fand Jahre später das Manuskript – und setzte tatsächlich dessen Erscheinen durch. Sie erreichte das, was dem von ihr deformierten Sohn nicht gelungen war. Das Buch wurde 1980 veröffentlicht, erhielt 1981 den Pulitzer-Preis und wurde zum Kult. Dies vielleicht auch bedingt durch seine dramatische Geschichte, aber ebenso sehr durch die Respekt- und Tabulosigkeit, die das Buch von Seite zu Seite zeigt. Nichts entgeht den Tiraden des Ignaz, einer vollschlankeren Version seines Schöpfers: Homosexuelle, Linke, Konservative, Rednecks, Arbeiter und Fabrikanten, Hosenschneider und Würstchenverkäufer, alle bekommen ihr Fett ab. Die Unterhaltungskraft dieses Buches liegt, trotz seiner Längen, in der subversiven Lust, mit der sämtliche politischen Korrektheiten unterminiert und in Grund und Boden gequatscht werden.