Ignazio Silone: Vino e pane

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Bild von Mandy Fontana auf Pixabay

Cristina, schrieb er, es ist richtig, dass man besitzt, was man hingibt, aber wem und wie soll man geben? Unsere Liebe, unsere Bereitschaft zum Opfer und zur Selbstverleugnung trägt nur Frucht, wenn sie in die menschlichen Beziehungen hineingetragen wird. Die moralischen Kräfte wachsen und gedeihen nur im praktischen Leben. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für die anderen.
Wenn wir empfinden, dass um uns her das Böse herrscht, können wir nicht untätig bleiben und uns mit der Aussicht auf eine überirdische Welt trösten. Das Böse, das bekämpft werden muss, ist nicht das abstrakte Wesen, das man den Teufel nennt; das Böse ist all das, was Millionen von Menschen hindert, im wahrsten Sinne menschlich zu sein. Und dafür sind wir mit verantwortlich…

Ignazio Silone, „Wein und Brot“.

1936 schrieb Silone dieses Buch im Schweizer Exil, das zunächst unter dem Titel „Brot und Wein“ erschien und seither als eines der wichtigsten Bücher der italienischen Resistenza-Literatur gilt.
Silone überarbeitete seinen Roman nochmals 1955. Und trotz bleibender stilistischer Mängel – manches wirkt unausgereift, manches Mal bricht die politische Botschaft zu unmittelbar in die Prosa ein – ist und bleibt „Wein und Brot“ oder eben „Vino e pane“ ein berührendes, packendes Werk.

Der kommunistische Widerstandskämpfer Pietro Spina ist aus dem Exil zurück nach Italien gekommen. Doch kaum betritt er heimischen Boden, sind die faschistischen Häscher hinter ihm her. Er muss sich, ausgerechnet im Gewand eines Priesters, in einem ärmlichen Bergdorf in den Abruzzen verstecken. Hier trifft er auf besitzlose Landarbeiter und Tagelöhner, für die die Ankunft eines neuen Priesters beinahe einem Wunder gleicht. Zerrissen zwischen politischen Idealen, den Zweifeln an den Doktrinen seiner Partei, der Ohnmacht angesichts der Verhältnisse und seiner erzwungenen Untätigkeit ringt Spina ständig mit seinem Gewissen und seiner Gesundheit. Zudem lernt er die junge Cristina kennen, die eigentlich dazu bestimmt ist, Nonne zu werden. Er verliebt sich in sie, kann jedoch kaum im Gewand eines Geistlichen Avancen machen.

„Wein und Brot“ ist ein Abenteuerroman, ein Heimatroman und ein Liebesroman mit neorealistischen Elementen. Silone zeichnet die Notlage der Kleinbauern und Landarbeiten mit viel anteilnehmender Sympathie. Diese kämpfen täglich ums Überleben – da bleibt nur politische Apathie oder der Hang zu Extremen, sei es der Glaube wahlweise an den Kirchenmann oder die Kräuterhexe, sei es die Hoffnung auf einen befreienden Sozialismus oder einen siegreichen „Duce“.

Etwas aufgesetzt wirkt zuweilen die Verbindung von Politik und Religiosität. Silone selbst war ein sozialistischer Christ, der sich, vor allem, als der Stalinismus die kommunistischen Ideale pervertierte, von der kommunistischen Partei abwandte.

„Das ist das traurige Schicksal aller Bewegungen, die sich das Heil der Menschheit zum Ziel gesetzt haben: Sie werden zu Fallen, in denen der Mensch sich selbst verliert.“

Sozialistische Predigten und christliche Symbolik – bis hin zum bitteren Ende, da Cristina, die Unschuld, der Naturgewalt zum Opfer fällt, niederkniend und das Kreuz schlagend ihr Ende erwartend – das könnte mühsamer Lesestoff sein. Doch Silone vermochte es dennoch, seine „Botschaft“ in einen Roman zu packen, der einen, auch aufgrund seiner schlichten Erzählweise, nicht unberührt lässt. Zudem sind die Fragen, wie denn die beste aller Welten zu erreichen sei, zeitlos und dürfen, auch in ruhigen Zeiten, immer wieder gestellt werden.
Auflockernd wirkt zudem der Humor des Schriftstellers. So sieht die Wirtin des falschen Priesters in ihm beinahe den Messias wieder herabgekommen auf Erden:

„Was muss man den tun, fragte Matalena, wenn er wirklich Jesus ist? Muss ich Don Cipriano benachrichtigen? Oder die Carabinieri?
An der Tür des Wirtshauses hing eine Tafel mit polizeilichen Bestimmungen, aber die Ankunft Jesu war darin nicht vorgesehen.“

Silone (1900-1978) stammte selbst von Kleinbauern aus den Abruzzen ab. Bereits 15jährig wurde er Vollwaise, seine Mutter und fünf seiner Geschwister kamen bei einem Erdbeben ums Leben. Schon als junger Mann setzte er sich als Gewerkschafter und Journalist für eine Verbesserung der Verhältnisse für die Landarbeiter ein. Als Mitglied der kommunistischen Partei musste er nach der Machtergreifung Mussolinis abtauchen und ins Exil. Dort wurde er jedoch wegen seiner Kritik am Stalinismus 1931 aus der KP ausgeschlossen. Ab 1944 wieder in Italien, gründete er eine eigene Splitterpartei im Sinne eines humanen christlichen Sozialismus, wendete sich dann später ganz von der Politik ab und konzentrierte sich auf das Schreiben.

Ein ausführlicher Lebenslauf findet sich beim Kiepenheuer&Witsch-Verlag, bei dem Silones Bücher als Taschenbuch erschienen sind sowie eine gute Monographie über den italienischen Schriftsteller:
http://www.kiwi-verlag.de/buch/wein-und-brot/978-3-462-01633-8/

Eine lesenswerte Besprechung findet sich beim Blog Bücherrezension:
https://buecherrezension.com/2016/11/01/aufruf-zum-widerstand-ignazio-silone-wein-und-brot-19361955/

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Luigi Bartolini: Fahrraddiebe

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Man weiss, dass Verlaine die Diebe liebte. Weil er zusammen mit ihnen im Gefängnis sass, deshalb liebte er sie. Und er nannte sie „die lieben Diebe“. Und was Mörder angeht, so nannte er sie „die süssen Mörder“. Aber das war für ihn lediglich eine Frage des Reims, höchstens eine Frage von Worten, der klingelnden Worte von Dichtern – die nichts bedeuten in der nackten Wirklichkeit der Dinge.“

Luigi Bartolini, „Fahrraddiebe“.

Die nackte Wirklichkeit der Dinge – dies darzustellen war ein Kennzeichen des italienischen Neorealismus. Und dazu gehörte auch die Darstellung der nackten Not im Italien der Kriegs- und Nachkriegszeit. Wo der Diebstahl eines Fahrrads eine Bedrohung der nackten Existenz sein konnte.
Selten jedoch dass, aber manchmal eben doch, ich sagen muss: Ich ziehe die Literaturverfilmung dem Buch vor. „Fahrraddiebe“, 1946 von Luigi Bartolini geschrieben, 1948 von Vittorio de Sica verfilmt, ist einer dieser Fälle. Beide, Film wie Buch, gelten als Meisterwerke des italienischen Neorealismus. Bis auf Ort und Zeit (das Rom der 40er Jahre) und die Rahmenhandlung des Fahrraddiebstahls sowie dem Versuch des Besitzers, wieder an den Drahtesel zu kommen, sind Buch und Film zwei paar italienische Stiefel.

Luigi Bartolini (1892-1963) war nicht nur als Schriftsteller äußerst produktiv und bekannt, sondern auch als preisgekrönter bildender Künstler. Mit seinen kritischen, teil sehr polemischen Schriften zu Kunst und Kultur spaltete er oftmals die Gemüter. Auch politisch nahm er kein Blatt vor den Mund: Wegen seiner kritischen Artikel wurde der bekennende Antifaschist während der Mussolini-Diktatur zeitweise verhaftet und musste vorübergehend Rom verlassen.  Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er als Professor an der römischen Kunsthochschule tätig werden.

Man gehe jedoch aufgrund der politischen Haltung nicht davon aus, Bartolini sei ein Menschenfreund gewesen – nimmt man den Erzähler aus „Fahrraddiebe“ als alter ego des Autoren, so trifft man dabei eher auf einen polemischen, überheblichen und wenig sympathischen Misanthropen. Diesem wird am 28. September 1944 sein Fahrrad gestohlen, als er in einem Laden nur kurz Schuhwichse kaufen will. Die Jagd nach seinem Eigentum, das für ihn nicht nur als Fortbewegungsmittel zwischen den verschiedenen Redaktionen wichtig ist, sondern vor allem als Möglichkeit, der Stadt und den Menschen zu entfliehen, wird zu einer tour de force quer durch la citta apertà. Bartolini nimmt den Leser mit, dahin, wo es wirklich weh tut: In die finsteren Gassen, wo sich Hehler, Gauner, Schieber und Huren tummeln. In die finstere Unterwelt rund um den Campo dei Fiori und in das Viertel Trastevere, heute ein für Touristen aufgehübschtes Viertel, seinerzeit Hort der Kleinkriminellen und Verbrecher.

Dies ist eine Qualität des Buches: Durch die realistische Schilderung der Armut und des Niedergangs ist es ein Zeitdokument, ein Abbild Italiens in den letzten Kriegswirren. Beinahe so erschreckend in den Zustandsbeschreibungen wie Malapartes Neapel-Roman „Die Haut“. Abgemildert wird dies durch philosophische Einsprengsel über das Verlieren und das Finden und den Wert des Lebens an sich:

„Es geht im Leben darum, Verlorenes wiederzufinden. Man kann es einmal, zweimal, dreimal wiederfinden, so wie es mir gelungen ist, mein Fahrrad wiederzufinden. Doch das dritte Mal wird kommen, und nichts mehr werde ich finden. So ist es, wiederhole ich, mit dem ganzen Dasein. Es ist ein Lauf über Hindernisse, bis man endlich verliert oder stirbt. Ein Lauf über Hindernisse von Kindheit an!“

Die mehrfache Wiederholung alltäglicher Banalitäten, ständige verbale Ausfälle gegen alles und jeden – Briten, Deutsche, Amerikaner, Gauner, Frauen, Händler – und ein leicht larmoyanter Unterton dämpften bei mir das Lesevergnügen erheblich. Das Buch endet zumindest mit dem Rückkauf des gestohlenen Drahtesels, der Erzähler kann weiterradeln…Ciao!

Auch de Sica zeichnet in seinem Film ein Bild des trostlosen Roms, zeitlich versetzt in die Nachkriegszeit. Statt des Ich-Erzählers spielt ein Arbeiter die Hauptrolle, der mit Plakatekleben seine Familie durchbringen muss. Das Rad ist unabdingbare Voraussetzung für den Job. Als es gestohlen wird, ist damit tatsächlich die Existenzgrundlage geraubt. In Begleitung seines kleinen Sohnes Bruno geht der Arbeiter auf die ergebnislose Suche. Am Ende gerät er selbst in Versuchung zu stehlen – ein Mundraub im klassischen Sinne aus Not, der dem Film mehr Menschlichkeit einhaucht, als das Buch in sich birgt. Zudem vermittlen die familiären Szenen, die Vater-Sohn-Beziehung menschliche Wärme in einer Zeit der Not – Lichtblicke, die der Literaturvorlage fehlen.

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