#MeinKlassiker (9): Hans Fallada – und was „Jeder stirbt für sich allein“ uns heute noch zu sagen hat

Auf ihrem eigenen Blog „literaturleuchtet“ bringt Marina Büttner vor allem sehr interessante Neuerscheinungen zum Leuchten – häufig Romane, die eher Geheimtipps sind, viele Bücher aus Indie-Verlagen und vor allem auch regelmäßig Lyrik. Dass aber auch Klassiker leuchten, ist für das belesene Multitalent – Marina Büttner schreibt auch selbst, malt und zeichnet (http://www.marinabuettner.de/) – keine Frage. Ich freue mich über ihre Auswahl – Hans Fallada und seinen Roman über den Widerstand der „kleinen Leute“.

Als Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzens alias Hans Falladas letzter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Jahr 2002 teils zum ersten Mal ins Englische und weitere Sprachen übertragen wurde, wurde er zum Weltbestseller. Die deutsche Neuauflage der ungekürzten Version auf der Grundlage des Originalmanuskripts kam 2011 auf den Markt und plötzlich wurde Fallada wieder gelesen!

Falladas Romane sind leicht zu lesen, keine Bücher, die sprachlich besonders hervorstechen, aber es sind Geschichten, die mitreißen und deren Stoff auch immer ein Stück deutscher Geschichte aufzeigt. Ob „Kleiner Mann – was nun?“, mit dem er 1932 weltbekannt wurde, ob „Ein Mann will nach oben“ oder „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, es sind Werke, die Zeiten überdauern und dennoch aktuell sind. Gerade „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein einzigartiges Zeitdokument, wurde es doch von einem Schriftsteller geschrieben, der in der Zeit des Nationalsozialismus nicht emigriert war, sondern in Deutschland lebte, wenn auch als `unerwünschter Autor` völlig zurückgezogen im mecklenburgischen Dorf Carwitz. 

Den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schrieb Fallada auf Anregung von Johannes R. Becher 1946 binnen vier Wochen. Wenn man seinen Gesundheitszustand bedenkt, ist das bemerkenswert und zeigt seinen unbedingten Drang schreiben zu müssen, aber auch von der finanziellen Misere, in der sich Fallada immer wieder befand, nicht zuletzt wegen seiner kostspieligen Morphin- und Alkoholabhängigkeit. Das Erscheinen des Romans hat er dann allerdings gar nicht mehr erlebt. Er starb 1947.

„Die Geschehnisse dieses Buches folgen in groben Zügen Akten der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner Arbeiter-Ehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. Nur in groben Zügen – ein Roman hat seine eigenen Gesetze und kann nicht in allem der Wirklichkeit folgen …“  

So schreibt Fallada im Vorwort seines Romans. Der Roman ist  angelehnt an die Geschichte der Eheleute Hampel, die außergewöhnlichen Widerstand gegen das NS-Regime, gegen die „Hitlerei“ leisteten. Mehr als 200 Postkarten schrieben und verteilten sie in verschiedenen Stadtvierteln in Berlin zu diesem Zweck. Fallada nennt das Ehepaar in seiner Geschichte Otto und Anna Quangel.

Der Roman besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil werden die Quangels und ihr Lebensumfeld in Berlin vorgestellt. Es sind einfache Leute aus dem Arbeitermilieu. Als eines Tages der Feldpostbrief mit der Nachricht des Todes ihres einzigen Sohnes eintrifft, sind die beiden am Boden zerstört. Ihnen wurde das Liebste genommen. Die Formulierung im Brief, der junge Mann sei den Heldentod für Führer und Vaterland gestorben, löst vor allem in Anna enormen Widerstand aus. Beide beschließen Postkarten mit dem Aufruf zum Widerstands gegen Hitler zu schreiben und heimlich in öffentlichen Räumen, vor allem Treppenhäusern, zu verteilen. Diese gemeinsame Aktion schweißt die beiden zusammen.
Im zweiten Teil wird von den ersten Funden der Karten erzählt, die alle bei der Polizei landen und von den Bestrebungen der Gestapo zunächst unter der Leitung des Kommissars Escherich, die Kartenschreiber ausfindig und unschädlich zu machen.
Im dritten Teil zieht sich die Schlinge um die Quangels mehr und mehr zu. Sie scheinen die Gefahr, in der sie sich befinden zu unterschätzen. Einmal wird Otto angezeigt, wird aber aufgrund mangelnder Beweise freigelassen. Doch wenig später verliert er am Arbeitsplatz aus Versehen einige Karten aus seiner Tasche, behauptet jedoch sie dort gefunden zu haben. Aufgrund dessen wird der Betrieb untersucht, Otto wird bald denunziert und verhaftet.
Im vierten Teil erzählt Fallada von den Verhören der Quangels, über die Gerichtsverhandlung bis zum Todesurteil und der Hinrichtung 1943. Es wird den Eheleuten nicht gestattet, sich vorher noch einmal zu sehen: Jeder stirbt für sich allein.

Falladas Roman ist einerseits Milieustudie vom Leben der „kleinen Leute“ im Berlin der NS-Zeit, zeigt andererseits deutlich, was das System einer Diktatur mit den Menschen macht. Jeder ist sich selbst der Nächste, jeder misstraut dem anderen, kann er doch jederzeit einem Denunzianten gegenüberstehen. Quangels handeln aus einem Wunsch nach Gerechtigkeit heraus, in der Hoffnung, es würden sich immer mehr ihrem Widerstand im Kleinen anschließen. Über zwei Jahre hinweg hegten sie mutig die Hoffnung, immer mehr Sand im Getriebe könne die NS-Maschinerie stoppen.

Mich hat die Geschichte der Eheleute Quangel zutiefst berührt – „normale“ Menschen, die aus ihrem Schmerz, aus ihrem Verlust des Sohnes heraus, beginnen zu hinterfragen: den Krieg, das System, den Führer. Sie hat mich vor allem deshalb berührt, weil ich mich selbst so oft schon fragte, wie hätte ich mich  damals verhalten? Hätte ich den Mut gehabt, aufzubegehren? Gerade der Schritt, mit den eigenen kleinen Möglichkeiten aus dem Privaten heraus zu versuchen, den Lauf der Geschichte aufzuhalten, zeigt die Größe dieser beiden Menschen.
Aus heutiger Sicht betrachtet, könnte gerade dieser Roman Anregung sein, zu verhindern, dass es irgendwann wieder so weit kommt und zwar rechtzeitig …

„Jeder stirbt für sich allein“ wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1976 mit Hildegard Knef und Carl Raddatz. Gerade in den Kinos angelaufen ist die Neuverfilmung von 2015 mit Emma Thompson und Brendan Gleeson.

Marina Büttner
literaturleuchtet – ein literarischer Buchblog


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