Nathan Hill: Geister

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Es ist wieder einmal an der Zeit für ein „Gemischtes Doppel“: Florian Pittroff,  der hier ab und an als Gastautor Bücher vorstellt und ich haben – zumal der Verlag auch die Bloggerlandschaft großzügig mit Leseexemplaren bedachte – zufälligerweise parallel „Geister“, den Debütroman des amerikanischen Autors Nathan Hill gelesen. Und wie es oft so ist: Es gibt ein Buch, zwei Leser und zwei Meinungen.

Florian:

„Ein beeindruckendes Debüt“, „Starke und gewichtige Literatur in allerlei Hinsicht“. Alle schwärmen von diesem Buch. Ich kann mich an diesen ganzen Lobeshymnen nicht unbedingt beteiligen. Ich finde das Buch „Geister“ von Nathan Hill an vielen Stellen zu ausführlich, langweilig und ausschweifend. Bis man im Thema drin ist, braucht man schon viel Geduld und Durchhaltevermögen. Die Lesezeit geht ins Unendliche!

Manchmal war ich nahe dran, das Buch einfach weg zu legen, denn der Autor kommt nur sehr langsam und langatmig auf den Punkt. Das kann bei 864 Seiten durchaus anstrengend sein.

An manchen Stellen hatte ich dennoch richtig Freude an dem Werk. Denn die sprachliche Ausdruckskraft ist – ab und an – durchaus überzeugend:

„Damals hatte womöglich nur ein Fluss die beiden Kontinente getrennt, und die Schildkröten legten ihre Eier in den Sand am gegenüberliegenden Ufer. Doch dann begannen die Landmassen auseinanderzutreiben, und der Fluss weitete sich jedes Jahr um zwei, drei Zentimeter, was für die Schildkröten nicht zu erkennen war. Also schwammen sie weiter zum anderen Ufer, jede Generation hatte ein winziges Stück mehr zurückzulegen, und nach Millionen von Jahren war aus dem Fluss ein Ozean geworden, ohne dass die Schildkröten es je bemerkt hätten. Das, dachte Samuel, war die Art, wie seine Mutter sie verlassen hatte. So war sie weggegangen, unmerklich, langsam, Stück für Stück. Sie reduzierte ihre Existenz, bis sie nur noch sich selbst entfernen musste.“

Darum geht es:

Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Protagonisten und Literaturprofessors Samuel Anderson. Nach einem Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlangt man von ihm, die Integrität einer Frau zu bezeugen – seiner Mutter. Zuerst unvorstellbar für den jungen Mann, denn seit zwanzig Jahren besteht kein Kontakt mehr. Faye Anderson hatte ihren Sohn von heute auf morgen verlassen, als er elf Jahre alt war. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist.

Und so erzählt Hill die Geschichten von der Beziehung zwischen Samuel und seinem Freund Bishop, die seiner Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany. Die Lebensgeschichte der Mutter, die Herkunftsgeschichte des Vaters, die Geschichte einer Studentin, die Samuel den Lehrstuhl an der Universität kostet, die des Lebens des Polizisten und späteren Richters Charlie Brown und viele andere.

Puh! Und so verliert man dann doch ab und zu den Überblick über das große Ganze. Ich habe mich an manchen Stellen durch das Buch gequält und durchaus – ich gebe es zu – auch ein paar Seiten überblättert. So richtig fesseln mag einen das Buch leider nicht.

Birgit:

Langatmig? Nein, langatmig fand ich „Geister“ nicht, für mich hatte dieser Roman eher Pageturner-Qualitäten. Gut, an einigen Stellen war die Story mit Längen und Schleifen verziert – ich werde im Leben nicht ein Fan von Computerspielen mit Elfen und ähnlichen Wesen und auch in der Literatur vermag mich das kaum zu fesseln. Die entsprechenden Kapitel mit den Nerds habe ich „großzügig“ gelesen – geschadet hat es nicht, der Geschichte konnte ich dennoch folgen.

Denn Geschichten erzählen, das können sie einfach, die vielen amerikanischen Talente,  die durch die Schulen universitären Schreibens gegangen sind. Andere Beispiele dafür sind Adam Johnson, Philipp Meyer und weitere dieser Newcomer, deren „dicke Dinger“ hier schon auf dem Blog besprochen wurden – da kommen die irrsten lebensprallen Storys daher, zügig erzählt, packend geschildert. Doch häufig empfinde ich diese Produkte aus den amerikanischen Schreibschulen auch als etwas zu glatt, ohne Widerhaken, ohne inneren Kern. Das ist so glatt, so gängig erzählt, dass man es durchaus gerne liest und gut unterhalten wird – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Da hat Mr. Hill durchaus mehr Verstörungspotential.

In dieser Hinsicht ist das Debüt von Nathan Hill eine angenehme Überraschung. „Geister“ ist ein satirisches Abbild amerikanischer Gegenwart, das giftig aufzeigt, was in der amerikanischen Gesellschaft (und nicht nur dort) schräg läuft in Politik, Wirtschaft, Privatleben. Ein kleinerer Makel am Roman ist es für mich, dass dieses kraftvolle Erzählen nach über 800 Seiten etwas verpufft – der Protagonist zieht sich in stiller Resignation zurück, vage deutet sich ein Happy End mit seiner Kinderliebe Bethany an. Ich hätte mir da eigentlich eine knallige, laute, satirische Untergangsszene gewünscht …

Das ist vielleicht die Crux dieses Schmökers – er kann sich nicht so recht entscheiden, was er eigentlich ist und was er sein will: Ist es nun die Geschichte einer gescheiterten Emanzipation? Eine Aufarbeitung verratener Ideale der Anti-Vietnam-Generation? Eine Satire auf den gegenwärtigen Medien- und Politikzirkus? Die Geschichte vom verlorenen Sohn? Oder Kapitalismuskritik? Hier stimme ich Florian zu – es besteht durchaus die Gefahr, dass man den einen oder anderen Erzählstrang aus den Augen verliert (Wieso bewarf Mum nun eigentlich den Kandidaten mit Kieseln? Und was macht der Computer-Nerd überhaupt in  der Geschichte?). Andererseits hat der Roman wunderbare Szenen, die mir noch länger im Kopf herumGEISTERnwerden: Allen Ginsberg, der prügelnden Polizisten in Chikago ein „Oooooooooooommmmmmmmmmmmmm“ entgegensetzt: Köstlich.

Auch wenn die „Geister“ bei mir keine BeGEISTERungsstürme auslösten – klug und exzellent unterhalten hat Mr. Hill mich schon.

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.piper.de/buecher/geister-isbn-978-3-492-05737-0