#MeinKlassiker (20): Für Claudia Pütz waren Lessing und Nathan der Weise eine Offenbarung

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Bei Claudia Pütz sagt der Untertitel des Blogs „Das graue Sofa“, was Programm ist: Das Lesen zeitgenössischer Literatur. Aber Claudia liest durchaus „anders“: Überwiegend Bücher, die politisch relevante oder gesellschaftlich wichtige Fragen aufgreifen, Literatur, die einen Blick auf unsere Welt wirft und zu Diskussionen anregt. Dafür schätze ich „Das graue Sofa“ sehr – einfach ein sehr besonderes, anspruchsvolles und kluges Möbelstück in unserer Buchblogger-WG. Und ich war äußerst gespannt darauf, welchen Klassiker Claudia wählen würde. Klar war mir nur eins: Es wäre sicher ein Werk, dass uns auch heute noch viel über menschliches Miteinander und gesellschaftliche Bedingungen zu sagen hätte. Und wieder einmal hat Claudia mit ihrer Wahl alle meine Wünsche erfüllt:

Immer wieder ist zu lesen, dass es Bücher gebe, deren Inhalt den Leser so beeindrucke, dass er nach der Lektüre ein ganz „anderer Mensch“ sei. Das ist ein sehr hoher Anspruch an Literatur und so ist ja schon eine besondere Wirkung, wenn die Lektüre eines Buches dem Leser einen neuen, anderen Blick auf die Welt gewährt, wenn sie einen Zipfel des Vorhangs zur Erkenntnis ein Stückchen hochgehoben hat.

Viele Romane oder Dramen mit einer solchen Wirkung kann ich gar nicht benennen und neuere, aktuelle Werke sind kaum dabei. Aber das allererste Mal, dass ich wusste, dass ich etwas ganz Besonderes gelesen habe, dass da ein Inhalt ist, der mich ganz besonders bewegt und ein neues Stück Welt aufschließt, das war bei G. E. Lessings „Nathan der Weise“. Im Deutschkurs habe ich „Nathan“ lesen müssen, und ein Müssen war es zunächst tatsächlich, so wie das ja häufig ist bei Schullektüren. Abgehärtet von der Sprache „Macbeths“ hat mich wohl weder der Blankvers noch die altertümliche Sprache irritiert. Und vielleicht habe ich beim ersten Lesen auch noch gar nicht ermessen können, wie sehr ich noch beeindruckt sein werde. Aber ein Unterricht, in dem wir den einschlägigen Auszug aus Kants „Was ist Aufklärung“ gelesen haben, ein Unterricht, von dem ich meine, mich noch genau erinnern zu können, wie das Tafelbild zur Ringparabel aussah, hat mich in Spannung und Aufregung versetzt. Hier habe ich etwas erfahren, dass mich zutiefst beeindruckt und sicherlich ganz besonders geprägt hat.

Aufgewachsen in den 1960er und 70er Jahren in einer eher konservativ-spießbürgerlichen Familie, die mit Büchern und Bildung nicht viel zu tun hatte, als Mädchen außerdem, dem nicht gar so viel zugetraut wurde, ist mir der Begriff der Aufklärung vorgekommen, wie eine Offenbarung. Da forderte Kant doch tatsächlich dazu auf, sich „des eigenen Verstandes zu bedienen“, unabhängig von den „Vormündern, die die Oberaufsicht […] gütigst auf sich genommen haben.“ Da hat es also von Jahrhunderten eine Zeit gegeben, in der die Idee entstand, dass jeder Mensch für sich selbst Entscheidungen treffen sollte, ja musste, dass es kein Problem darstellte, bei solchen Entscheidungen auch mal zu stürzen, „denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich auch gehen lernen.“

Wie die Gedanken der Aufklärung aus der philosophischen Theorie zumindest in der Literatur lebendig werden können, davon erzählt Lessings „Nathan der Weise“. Die Geschichte spielt zur Zeit des dritten Kreuzzugs um 1192 in Jerusalem. Dort hat der muslimische Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, einen gefangen genommenen Tempelritter begnadet. Das allein ist schon ungewöhnlich, genauso ungewöhnlich sind aber auch seine Beweggründe, denn es wird erzählt, der Tempelritter sehe seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich. Nun irrt der Tempelritter durch Jerusalem, immerhin ein Soldat der feindlichen Armee. Aber eben auch ein Ritter mit Tugend und Ehre, der aus einem brennenden Haus eine junge Frau, Recha, rettet. Einen Dank ihrer Hauswirtschafterin, später auch des Vaters, lehnt er ab, von Juden will er weder Dank noch Geld. Der Vater der jungen Frau ist Nathan, ein Kaufmann, der erst nach dem Brand von einer Geschäftsreise zurückkehrt. Er ist reich, aber, vielleicht durch seine Reisen bis nach Babylon, auch weltoffen und tolerant, sodass seine Nachbarn ihn als den Weisen bezeichnen. Von Reichtum und Weisheit wiederum hat auch Sittah gehört, die Schwester des Sultans, die nach Finanzquellen für den teuren Krieg gegen die Kreuzritter sinnt, und den Bruder nun überredet, es sich – wie auch immer – von Nathan zu holen.

Das also sind die Konfliktlagen zu Beginn des Dramas. Die Handlung, immer wieder weiter getrieben von Liebe, von Intrigen und befeuert durch die Religionskonflikte, könnte schnell in ein GZSZ-Dramolett abrutschen, wenn nicht Nathan immer wieder durch seine besonnene Art und besondere Gesprächsführung für Erkenntnis und Aufklärung sorgen könnte: Die Engelschwärmerei Rechas kann er auflösen, indem er Recha vor Augen führt, welche Folgen Schwärmerei haben kann, wenn sie dazu führt zu übersehen, dass es ein Mensch ist, der vielleicht Hilfe braucht. Den Vorurteilen des Tempelherrn kann er begegnen, indem er sich als dankbarer und freundlicher Mensch erweist, der sich auch durch dessen abweisend-barsche Haltung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und dem Sultan, der ihn durch die Frage, welche denn die richtige Religion sei, in die (finanzielle) Falle locken möchte, erzählt er die alte Geschichte von einem Vater, seinen drei Söhnen und dem einen Ring. Aus dem lässt der Vater zwei Duplikate fertigen, weil er doch alle gleich liebt, und bedenkt nicht die Erbstreitereien, die zuverlässig nach seinem Tod beginnen, denn einer unter den Brüdern muss doch wohl den richtigen, den echten Ring haben. So ziehen sie, wie im wahren Leben, vor Gericht.

Es sind die Figuren des Dramas, ihre Vorurteile, ihre Interessen, ihr Ringen um die richtige Entscheidung, die das Drama bis heute spannend und aktuell machen: Sultan Saladin und Sittah, die drauf und dran sind, ihre Macht um eines Vorteils willen zu missbrauchen; Daja, die christliche Amme Rechas, die, vom letzten Kreuzzug nach Palästina gespült, endlich wieder zurück nach Europa möchte und dies nur durch Ränke erreichen kann; der Tempelherr, bei seinem Onkel, auch einem Kreuzritter, aufgewachsen und zum Ritter erzogen, der nun mit Nathans Toleranzideen konfrontiert wird und immer wieder zurückfällt in alte Verhaltensmuster; der Patriarch der Stadt, der Fundamentalist, der fordert, „der Jude“ müsse verbrannt werden, weil er ein vermeintlich christliches Mädchen adoptiert und nun ganz ohne Religion hat aufwachsen lassen.

Nathan setzt dem allen eine ganz andere Sichtweise entgegen: Seiner Tochter erklärt er, dass die religiöse Schwärmerei dazu führen kann, dass einem Menschen aus Fleisch und Blut die notwendige Hilfe verweigert wird:

„Begreifst du aber, /Wie viel andächtig schwärmen leichter, als / Gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch / Andächtig schwärmt, um nur, – ist er zuzeiten / Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst – Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

Hier wird schon die Auffassung deutlich, dass jeder eine Verantwortung trägt für sich und seine Mitwelt, dass es eben gerade nicht reicht, eine Religion nur zu denken, nicht aber ihre Ideen auch im tatsächlichen Handeln zu leben. In diesem Sinne löst Nathan auch die Frage nach der einen richtigen Religion, die der Sultan ihm gestellt hat: Jede Religion „eifere“ darum, so lässt er den Richter zu den drei Brüdern sprechen, ihre Vorstellungen und Glaubenssätze so positiv nach außen zu leben, dass sie in den Augen der Betrachter „angenehm werde“. Auch hier verlangt Nathan also, dass ein jeder zunächst gut handle, um sich so ein gutes Ansehen „zu erwerben“. Indem dies in einem Prozess des Wetteiferns geschehen soll, verlangt Nathan nicht, sich einander anzugleichen, sondern erkennt die Unterschiedlichkeit der Religionen durchaus an.

Wir wären weiter in unserer Welt, wenn diese Ideen der Aufklärung gerade im Moment nicht so in Vergessenheit gerieten. Respekt und Toleranz, die Wertschätzung des Gegenübers, noch dazu, wenn er ein irgendwie „Anderer“ ist, eine Kommunikation miteinander, ein Austausch von Argumenten und ein Ringen um Verständnis – das alles sind Werte, die, so scheint es gerade, in unserer gesellschaftlichen Debatte mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Gehört und – fanatisch – bejubelt werden die, die laut sind, die Tabus brechen, die alles und jeden diffamieren, die pauschalieren und Respektlosigkeit als normalen Umgangston sehen. Dass wir es auch anders können, dass es möglich ist, den Menschen zu sehen bevor wir seine Herkunft oder Religion sehen, sein Geschlecht oder sein Lebenskonzept bewerten und ihn so vor-verurteilen, dass jeder – andererseits – auch die Aufgabe und Verantwortung hat, seine gute Seite zu zeigen, das können wir in Lessings „Nathan“ immer wieder nachlesen.

Heute, da ich selbst Lehrerin bin und in dieser Rolle die Schülerinnen und Schüler immer wieder mit Romanen und Dramen konfrontiere, die sie sich selbst nie ausgesucht hätten, wünsche mir, dass auch in meinem Unterricht der eine oder die andere von Lessings „Nathan“ so fasziniert wird wie ich damals. Dass sich hoffentlich auch für sie der Vorhang der Erkenntnis ein Stückchen gehoben hat. Und dass sie dabei mithelfen, denjenigen, die den Humanismus immer mehr vergessen, etwas entgegenzuhalten.

Auch Lessing wusste schon darum, dass eine Kommunikation mit Fundamentalisten kaum möglich ist: Nathan und der Patriarch treffen in dem Drama kein einziges Mal aufeinander.

Claudia Pütz
https://dasgrauesofa.com/