Adolf Muschg: Glasperlenspiel und Lebenskunst

Muschg

Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich wüßte keinen deutschsprachigen Dichter des unseligen 20. Jahrhunderts, welcher der Heiligsprechung grundsätzlicher widerstrebte. Er hat sie nicht nötig, auch wenn er Gutgläubige manchmal selbst dazu verleitet hat. Aber es sind seine Widersprüche, die ihn immer noch lebendig machen.“

Adolf Muschg, „Glasperlenspiel und Lebenskunst“, Collection Montagnola, 2016.

Hermann Hesse ist einer jener Autoren, die immer noch zu lebhaften Streit unter Lesenden reizen können: Die einen lehnen in kategorisch ab, die anderen verehren ihn beinahe kultisch. Und dazwischen gibt es natürlich auch jene, die ihn einfach nur lesen  – und im besten Falle verstehen wollen. Der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg jedenfalls ließ sich vom Hesse-Kult nicht den genauen, analysierenden Blick auf den Menschen und Mann Hesse in allen seinen Widersprüchlichkeiten verstellen: Davon zeugen zahlreiche Texte, die der mittlerweile über 80jährige zeit seines Lebens über Hesse schrieb.

Aus seinen Essays und Reden spricht durchaus Wertschätzung und Bewunderung für den Mann mit dem Strohhut – aber eben nicht jene kultische Verehrung, die Hesse zeitweilen zu Teil wurde, sondern ein beobachtender Blick, der auch die Schattenseiten von Mensch und Werk mit in den Fokus nimmt. Klaus Isele, der in der Collection Montagnola deutsche und schweizerische Autoren editiert, hat in „Glasperlenspiel und Lebenskunst“ fünf Reden von Adolf Muschg aus den Jahren 2000 bis 2013 über Hermann Hesse aufgenommen.

Ob sie, wie der Verlagstext meint, selbst für langjährige Hesse-Leser „eine Vielzahl neuer Erkenntnisse“ bereithalten, das mag ich nicht zu beurteilen. Doch auf jeden Fall machen sie Lust darauf, Hesse wieder einmal – und vielleicht mit anderen Augen – zu lesen. Selbst das „Glasperlenspiel“, das Muschg durchaus kritisch im ersten Essay des Bandes beleuchtet – jenes Hesse-Buch, das Muschg selbst als Spiel einordnet, ein Spiel mit Utopie und Entwicklungsroman. Die weiteren Reden beschäftigen sich weniger direkt mit dem Werk, sondern mit einzelnen Aspekten von Hesses Leben – Hesse als Briefschreiber und sein Verhältnis zu dem Psychiater Josef Bernhard Lang – sowie „Die Folgen einer Doktorarbeit“ für den jungen Siegfried Unseld und der Versuch eines Vergleichs von Hesse und Max Frisch.

Im Grunde sind diese Reden, zu verschiedensten Anlässen gehalten, doch weit mehr als das, was einer aus reiner Vortragspflicht heraus verfasst – man merkt, da hat sich einer in Hesse hineingedacht und hineingelesen, da hat sich einer intensiv mit Leben und Werk auseinandergesetzt. Und so beinhaltet die 2002 gehaltene Rede über Unseld und Hesse ein schönes Bekenntnis des lesenden Schriftstellers – er schreibt über seinen Vorgänger (nicht Vorbild, wohlgemerkt):

„Hesse mag dem literarischen Feinkostspezialisten nicht zu bieten haben, was er sucht; er mag im Universum der hohen Nasen kein Fixstern erster Güte sein – ich traue ihm zu, daß er das selbst gewußt hat und glaube, es hat ihn nicht gekümmert. Ihm genügte es, aus seinem Rohstoff – der war ihm gerade roh genug – ein eigenes Universum einzurichten, und sein Eigensinn war mehr als ausreichend, es mit allem zu bestücken, was ihm gut und teuer war. Und siehe, es darf uns, sobald wir seinen Blickpunkt einnehmen, gut und teuer bleiben, denn es ist ein Werk der Liebe – und die braucht, wie Hofmannsthal festgestellt hat, keinen Grund;  sie ist ihr eigener, und da Liebe generös ist, ein immer zureichender, sogar überflüssiger Grund.“

So braucht es auch keinen Grund, Hesse zu lesen und seine Bücher zu lieben – aber manchmal eines Anstoßes, einer Erinnerung – und dies bietet dieser schmale Band von Muschg, der sehr verdichtet und sehr klug so vieles über Hesse aussagt. Ein Höhepunkt unter den Essays ist tatsächlich jener über den Briefwechsel von Frisch mit Hesse: Ein spannendes Psychogramm dieser beiden großartigen und doch so unterschiedlichen Schriftsteller, das, obwohl Muschg mit Frisch befreundet gewesen war, fast intimer, vertrauter im Ton klingt, wenn er auf Hesse zu sprechen kommt. Vielleicht war Frisch ein Bruder im Geiste – Hesse jedoch, so scheint es durch, hat das Herz besetzt:

„Es besteht einigermaßen Gewähr, daß Max Frisch nie ausgelesen ist und daß seine Lektüre, im Sinne Benjamins, erst begonnen hat. Was die Lektüre des Älteren, Hermann Hesses, betrifft, so hat sie schon einige Runden schöpferischen Nachlebens hinter sich. Und es zeugt für seine Lebendigkeit, daß seine Wirkung auf Leser so widersprüchlich geblieben ist wie vor einem halben Jahrhundert. Diejenigen, die ihn aus ihrem Kanon abtransportieren wollten, sind tot, sein Werk ist es nicht. Aber auch die Verehrung derjenigen, für die er eine indiskutable Größe sein und bleiben sollte, hat er schon mehrfach überlebt.“

Über den Editor Klaus Isele: http://www.klausisele.de/

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LITERARISCHE ORTE: Hermann Hesse im Tessin.

Kennst du das auch, dass manchesmal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehen musst?

1919 fand Hermann Hesse für sich einen Rückzugsort: Montagnola im Tessin. Seit einigen Jahren gibt es nahe bei der Casa Camuzzi, in der Hesse bis 1931 lebte, das Museum, das einen guten Eindruck vermittelt von den Tessiner Jahren Hesses. Hier, nach Montagnola, zog er sich zurück, um seine Depression zu bekämpfen oder zumindest mir ihr Leben zu können, hier entstanden auch einige seiner Hauptwerke, so „Narziß und Goldmund“ und „Siddharta“. Und hier lernte er seine engen Freunde Hugo Ball und Emmy Hennings-Ball kennen, trennte sich von seiner ersten Frau Mia, ging eine kurze Ehe mit Ruth Wegner ein, um schließlich bei Ninon Dolbin Halt zu finden.

Trotz literaturtouristischen Trubels (auch Udo Lindenberg und Patti Smith zählten unter anderem zu Besuchern des Museums, wie dieser SPON-Artikel ausführt): Man kann noch immer die Ruhe erahnen, die Hesse hier fand und brauchte. Eine literarische Spurensuche durch Hesses Montagnola stellt die Süddeutsche Zeitung hier vor.

 

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