MIRABILIS VERLAG: Martina Altschäfer – Brandmeldungen

„Die Bahnhofshalle, die wir kurz darauf betraten, war prachtvoll ausgestattet und vermittelte auf einen Blick einen Eindruck von der vergangenen Größe und dem ehemaligen Reichtum des Landes. Der eindrucksvolle Raum wurde von einem mächtigen stählernen Himmel überspannt, die Wände zierten meisterhaft ausgeführte Malereien, die von der glorreichen Stadtgeschichte erzählten. Durch schlanke hohe Fenster floss Licht über gleichermaßen geschmackvoll wie bequem aussehende Wartebänke und zauberte grafische Muster auf stumpfe Marmorfliesen. Die Schalter, die sich an beiden Seiten der Halle befanden, waren verwaist, ihre Fensteraugen mit braunem Packpapier verklebt. Ein Hauch von Melancholie umwogte unsere Knöchel und es roch irgendwie abgestanden, nach verbrauchter Zeit.“

Aus der Erzählung „Nach Süden“ aus „Brandmeldungen“, Martina Altschäfer, 2017, Mirabilis Verlag.

Ein Paar strandet auf einem Bahnhof im Süden, kein Zug fährt mehr, das Geld ist weg. So weit, so klassisch. Doch aus dieser zunächst konventionell erscheinenden Erzählsituation bindet Martina Altschäfer ein kleines, surreales Traumgewinde, das uns zunächst in ein unterirdisches Labyrinth führt, in dem der Bahnhofswärter Gegenstände von gestrandeten Reisenden hortet. Ein wenig Unbehagen kommt auf, doch der Tausch zweier gußeisener Pfannen gegen einen Schattenspringer, ein winziges Pferdchen, hilft zurück ins Freie. Und zwei gestohlene Goldbarren verhelfen dem Paar schließlich aus der Stadt …

Diese kurze Umschreibung einer Erzählung aus dem Band „Brandmeldungen“ vermittelt vielleicht einen Eindruck vom Stil, den Martina Altschäfers Stories prägen: Die Hauptfigur, meist eine Ich-Erzählerin, gerät aus einer alltäglichen Situation – ein Verehrer überbringt ein Geburtstagsgeschenk, ein schwarzer Kater stattet dem Garten einen Besuch ab, ein Ritt auf dem Pferd durch die Berge – in eine absurde Verstrickung: Das Geschenk, ein Welpe, beginnt zu fliegen, der Kater beginnt zu sprechen, das Pferd beginnt zu hyperventilieren. Manchmal wird man als Leser auch mitten hineingeschleudert in das skurrile Geschehen – wenn beispielsweise ein Ford Mustang aus der titelgebenden Erzählung den schmalen Wohnungsflur versperrt.

Aus dem Alltäglichen das Wunderbare, Merkwürdige, Abseitige herauszuschälen: Das ist die Kunst, die Martina Altschäfer in diesem kurzem Erzählband pflegt. Hierin liegt auch ihre Stärke – „Der Pekinese“, die Erzählung von einem Kriegsheimkehrer aus den Augen eines Kindes, fällt hier beinahe ein wenig aufgrund der konventionellen Entwicklung ab. Aber ansonsten überwiegen in diesem feinen, schmalen Band die Geschichten, die einen mit ihrer skurrilen Konzeption einfangen. Martina Altschäfer schreibt dabei nicht grell und laut, sondern beinahe zart und still, in den Worten passend zu ihren hintergründigen Illustrationen auf Transparentpapier, die die Erzählungen bereichern.

Die Autorin hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Main und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Sie wurde für ihre künstlerische Arbeit bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Einen Einblick in ihre Bilderwelt erhält man hier: http://www.altschaefer.de/

Verlagsinformationen zum Buch:
http://mirabilis-verlag.de/produkt/martina-altschaefer-brandmeldungen-erzaehlungen/

Stimmen zum Buch:

„Martina Altschäfer hat ihre tollen Ideen unaufgeregt, sprach- und bildgewaltig umgesetzt und fesselnd erzählt.! – Susanne Probst beim Blog „LiesLos!“

„Immer dann eine unerwartete Wendung, ein Hauch Magie, der den Erzählungen eine fantasievolle Würze gibt ohne übertrieben zu wirken.“ – Blog Wissenstagebuch

Kurznotiz zum Buch mit Foto von der Künstlerin und einem ihrer Gemälde im Göttinger Tageblatt.

Im Rahmen meiner Pressearbeit für den Mirabilis Verlag.

MIRABILIS VERLAG: Florian L. Arnold – Die Ferne

„Kein Mensch hatte ein größeres Verlangen nach Büchern als Itys. Wenn er nicht Vater und Mutter bei ihren Forschungsarbeiten unterstützte oder sich um die Instandhaltung des Hauses kümmerte, sah man Itys lesend. Vielleicht besaß er einmal etwas Geld, vielleicht sogar ein Vermögen, doch er steckte jeden Cent in seine Bücher, von denen er manche in bestimmten Abständen verkaufte, um neue Bücher erwerben zu können. Er trug die Bücher in seinen Anbau, wie ein verwildertes Tier seine Beute in Sicherheit bringt. (…).

Jeder Winkel war mit Regalen und Konstruktionen für seine Bücher genutzt, selbst in die Schrägen des Daches hatte er Bücher gefügt.
Hast Du die alle gelesen?, fragte ich ihn. Er nickte nur. Was steht in den Büchern?, fragte ich weiter. Gedichte, antwortete er, Gedanken, auch Fragen. Vieles, das man nicht sofort verstehen soll; und darum muss man es immer wieder lesen. (…).

Sieh nur, sagte er und hielt mir einige seiner Schätze hin: Sie sind so kostbar, weil sie sich mit Geschichten vollgesogen haben, sie sind durch hunderte Hände gegangen. Sieh nur hier, sagte er und ließ mich selbst die Bücher durchblättern. (…)

Itys forderte mich auf, am Papier zu riechen, forderte meine Fingerkuppen zu einer Reise über das Papier auf:

Nun rate, sagte er, wie viele Fingerkuppen sind wohl über diese staubstumpfen, sandgelben Papierebenen geglitten?“

Florian L. Arnold, „Die Ferne“, Mirabilis Verlag, 2016.

Ein fast schon mystisches Verhältnis zu Büchern vermittelt Itys dem Kind Evren – etwas, das sein weiteres Leben, seine Lebenssuche wesentlich prägen wird. Denn Evren, der zuerst seine Eltern, Vulkanforscher, verlieren wird, dann fast sein eigenes Leben aus Trauer um diese Verluste und schließlich auch den Assistenten der Wissenschaftler, Itys, der für das Kind wie ein zweiter Vater war, wird im Grunde sein ganzes weiteres Leben nach Geschichten forschen …

Der zweite veröffentlichte Roman von Florian L. Arnold, der bereits 2015 mit seiner Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ (ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen) auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage auf sich aufmerksam machte, ist schwer einem Genre zuzuordnen: Zeit und Orte wirken unbestimmt. Auf der Suche nach seinen Wurzeln begibt sich der junge Mann in ein sagenumwobenes Land namens Gadjan. Mit der fortschreitenden Erzählung wird auch in die (fiktive) Historie dieses (fiktiven) Landes eingeführt – ein Sehnsuchtsort, der bereits dem Untergang preisgegeben ist.

Und dennoch ist „Die Ferne“ kein Buch aus dem Genre „Fantasy“ oder „Saga“. Alles ist Metapher: Die Suche nach dem verlorenen Land, das ist die Suche nach Herkunft, Zugehörigkeit, Prägung, aber auch nach Zukunft, Ziel und Sinn. „Eine bildgewaltige Erzählung über die Irrwege des Erinnerns, über Freundschaft und Liebe, Einsamkeit und Verlust“, heißt es im Klappentext zum Buch und weiter: „Mit unbändiger Fabulierlust schafft der Autor unglaubliche Szenarien: ein Füllhorn von Bildern und Personen, in dem existenzielle Erfahrung und sinnliche Fantasiewelten zusammenwachsen.“

Die Kurzbeschreibung könnte etwas irreführend sein: Bei so manchem Leser könnten „unbändige Fabulierkunst“ und „Fantasiewelten“ Hoffnungen auf Einhörner, Hobbits oder ähnliches wecken – und der wäre dann enttäuscht. Denn tatsächlich fehlt es an solchen Fabelwesen – obwohl die Erzählung Mythen und Phantasien von verlassenen Einöden voller Vulkangestein heraufbeschwört, so ist sie im Kern durch und durch real und menschlich: Sie handelt von einem, der alles verloren hat und auf der Suche ist, nicht zuletzt auch auf der Suche nach sich selbst.

Florian L. Arnold erzählt dies in einer ganz eigenen Sprache, die – passend zur Passion der Vulkanforscher – einen gleichsam wie ein Lavastrom beinahe magnetisch in die Geschichte einsaugt: Es ist dieses Sprachvermögen, eine ganz eigene Sprachmelodie, die den Leser durch diesen schwer einzuordnenden, aber nicht minder faszinierenden Roman trägt.

„Am Abend finde ich Obdach unter einem breiten Felsüberhang, von dem aus ich den Blick zurück in die Senke von Bavren und hinein in den Sonnenuntergang genieße. Später senkt ein schwarzer Himmel sich auf das Khpȗhi, und die eben noch gläsern wirkenden, zerrissenen Zinnen der Berge brennen in unheimlichen roten und violetten Farben, um kurz darauf in aschfarbene Stille zu sinken: Denn selbst in die größte Finsternis nehmen meine Augen einen Teil des Lichtes dieser Welt mit.“

Der Roman selbst ist vollgesogen mit Geschichten, geschrieben in einer Sprache, die den Eindruck unterstützt, einem Gelehrten früherer Tage, einem Weltenforscher alten Schlages auf der Spur zu sein. Ergänzt wird der so gelungen altertümlich anmutende Text durch Fotografien des Ulmer Autors, der als freier Zeichner, Schriftsteller sowie im Duo mit Rasmus van Beusten auch als Kopf der Ulmer Literaturwoche und eines eigenen Verlages multitalentisch unterwegs ist.

Wie aus dem Schöpfer eines Klavierkonzertes „für einen halben Konzertflügel und Entenschnattern“ der ernsthafte Schriftsteller Florian L. Arnold wurde, kann man hier lesen: http://www.florianarnold.de/

Mehr zum Buch beim Mirabilis Verlag: http://www.mirabilis-verlag.de/

Stimmen zum Buch:
„Florian L. Arnold ist mit (dem von ihm selbst mit Zeichnungen und Fotografien bebilderten) „Die Ferne“ ein bildmächtiges Werk über die Suche eines Menschen nach sich selbst gelungen – und darüber, dass Heimat auf keiner Landkarte eingezeichnet werden kann, sondern ein Ort in der Seele ist.“ – Augsburger Allgemeine

„Arnolds Buch erschafft eine eigene kleine Welt, die einen nicht so ganz loslässt – auch Tage, nachdem man den Roman zu Ende gelesen hat. Viele beeindruckende Szenen und Landschaften lässt der Ulmer Autor vor dem Auge des Lesers entstehen.“ – Feiner reiner Buchstoff

Die Künstlerin Susanne Haun ließ sich von dem Roman zu einigen Zeichnungen inspirieren.