Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern (1993). Middlesex (2002). Die Liebeshandlung (2011).

Das „Flutsch-Buch“: Das sind Bücher, die man so richtig schön (und nicht ohne Vergnügen) durchflutscht, und die – manchmal mit der letzten Seite, manchmal später – wieder vollkommen aus dem Gedächtnis flutschen. Einer aus der Creative-Writing-Schule der USA beherrscht diese Flutscherei zwischen Unterhaltung und ein bißchen Anspruch ganz gut: Jeffrey Eugenides.

Seit seinem ersten Roman wird der in Detroit geborene Eugenides gefeiert – nicht nur in den USA, auch hier hat er mittlerweile eine große Fangemeinde. Ein wenig erinnert er in der Flüssigkeit des Stils an weitere US-amerikanische Autoren, die sich durch große Produktivität und reiche Fantasie auszeichnen, beispielsweise John Irving und T.C. Boyle. Man liest das gern, fühlt sich gut unterhalten, streckenweise amüsiert, manchmal zum Denken animiert – flutscht meist in einem Rutsch durch die Handlung, um sie dann flugs bald wieder zu vergessen. Vorteil des Flutschbuches: Man kann es, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, wiederlesen, als sei es das erste Mal.

Die drei Romane von Jeffrey Eugenides in näherer Betrachtung:

Die Selbstmord-Schwestern

Der Erstling, „Die Selbstmord-Schwestern“ (von Sofia Coppola verfilmt), erschien 1993, ist noch schön schmal, aber für mich das am wenigsten Unflutschige. Mag auch sein, dass sich Buch und die gelungene Verfilmung von Coppola überdecken, dass Text und Bilder dadurch eingeprägt bleiben. Ganz kurz der Plot (Plot = ein wichtiges Wort bei Eugenides!): Fünf Schwestern, die Älteste 17 Jahre alt, nehmen sich innerhalb kürzester Zeit nacheinander das Leben. In der Nachbetrachtung rätseln einige Jungen über die „suicide sisters“. Eine konkrete Antwort auf die Selbstmordserie will das Buch nicht geben, dies bleibt der Interpretation der Leser überlassen – die engstirnige, bigotte Atmosphäre in dem Fünf-Mäderl-Haus mag mit ein Grund für die Selbsttötungen gewesen sein.
Der Autor psychologisiert oder philosophiert jedoch nicht. Hintergründe, Ursachen und auch eine Reflexion über die individuelle Freiheit (bis in den Tod) oder die moralischen Aspekte des Freitodes – sie interessieren ihn nicht. Der Roman ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsroman. Es zeigt, wie die Jungen, die dieses Drama miterleben, sich entwickeln (oder auch nicht). Es zeigt auch, wie ein Autor sich entwickelt – hier noch in einer knappen, sparsamen Sprache, die doch vermag, zumindest vieles an ernsthafterem Denken anzudeuten.

Middlesex

Da ist der Nachfolger, das 2002 erschienene und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Middlesex“ schon deutlich anders: Ein Wälzer, der vor Sprachkapriolen, Andeutungen, Metaphern, Gleichnissen strotzt. Der 41jährige US-amerikanische Diplomat Cal erzählt seine Geschichte – in Vor- und Rückwärtssprüngen, durch die Geschichte seiner Familie und seine Lebensgeschichte mäandernd. Cal, eigentlich Calliope, ist ein Hermaphrodit, dessen Zweigeschlechtlichkeit jedoch erst in der Pubertät erkannt wird. Das ist die erzählerische Frage im Vordergrund: Was prägt einen Menschen mehr – die Biologie oder die Erziehung?
Der zweite erzählerische Strang schlängelt sich um die Nemesis: Cal ist der Enkel zweier griechischer Einwanderer, die eigentlich Bruder und Schwester sind. Ist der Hermaphrodit die Rache für diesen Inzest? Ist er die fleischgewordene Mahnung, dass man der Hölle (hier dem Brand von Smyrna) nicht um den Preis verkaufter Seelen entkommen kann? Und im dritten Strang entwirft „Middlesex“ zudem ein sehr gelungenes Bild über die Situation von Einwanderern, hier am Beispiel der Griechen in Amerika: Zwischen Heimweh und Überanpassung schwankend, mit dem Willen, „es zu schaffen“, es zu beweisen, dass man kein Amerikaner zweiten Ranges ist.

„Middlesex“: Ein Flutsch-Buch, das durchaus noch in der Lage ist, Spuren zu hinterlassen. Durchaus spannend, originell, gut zu lesen. Hier eine Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/Eugenides_Middlesex.pdf

Die Liebeshandlung

Und dann: „Die Liebeshandlung“. Erschienen 2011. Bin durchgeflutscht und war enttäuscht – welch ein Absturz im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Der „Marriage-Plot“ – so der Titel im Englischen – ist trotz seiner 620 Seiten schnell erzählt: Madeleine, eine gut betuchte und verwöhnte WASP-College-Studentin, verliebt sich in den armen, aber manisch-depressiven Leonard. Mitbewerber Mitchell, eher ihrer Klasse entstammend, hat keine Chance und stürzt sich in religiöse Experimente, die ihn sogar zu Mutter Teresa führen. Das Konstrukt ist: Madeleine ist eigentlich Anhängerin des viktorianischen Romans à la Jane Austen, wo Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit zwar auch zu mancherlei Verwicklungen führen, aber letztendlich in den Hafen der Ehe leiten. Was Eugenides wohl beweisen will, ist, dass dies in den 1980er Jahren keine denkbaren Konstrukte mehr sind (an der Universität trifft Madeleine demnach auch an die Anhänger der französischen Dekonstruktion à la Derrida). Keine Frage, das alles ist schmissig geschrieben. So schmissig und flutschig, dass die Augen über ganze Textpassagen hinweghuschen – weil hier das Mäandernde, die Nebeninformationen, die Einführung zusätzlicher Figuren (Warum? Wieso? Wozu?) noch ausgeprägter zu finden sind als in „Middlesex“. Vom ökonomischen Schreiben seit den Selbstmord-Schwestern hat sich Eugenides in diesen 20 Jahren eindeutig entfernt.

Und ich fragte mich am Ende: Diese ganzen Irrungen und Wirrungen – wozu? Zumal die eigentliche Hauptfigur, Madeleine, eigenartig blass bleibt – trotz ihrer existentiellen Erfahrung in der Ehe. Die weibliche Hauptfigur entwickelt sich nicht, bleibt eigentümlich passiv, bleibt das Ziel der Entscheidungen anderer: Leonard ist es, der sie verlässt, um sie von seiner Erkrankung zu entlasten. Mitchell, der Freund, ist dann für sie da – als Freund, entscheidet aber, die Lücke als Liebender, Liebhaber, nicht zu füllen. Madeleine, so scheint es, bleibt in ihrer Jane-Austen-Welt. „Die Liebeshandlung“ wirft zu viele Fragen auf und beantwortet zu wenige. Am Ende des Buches klappt man die Deckel zu und denkt sich nach Shakespeare: „Viel Text um Nichts“. Und dies ist der Haken an Büchern mit hohem Flutschigkeitsfaktor: Man bleibt dabei. Bis zum bitteren Ende. Oder wie Madeleine in guten und in schlechten Tagen, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Die Augen habe ich mir etwas gerieben über den Klappentext von Daniel Kehlmann: „Nur Jeffrey Eugenides konnte daraus etwas so schwebend Schönes komponieren, ein so helles, vollkommenes Werk.“. Hell ja, aber vollkommen? – das ist etwas anderes.


Bild zum Download: Graffiti Erfurt