François Armanet: Bücher für die einsame Insel

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Bild von Pexels auf Pixabay

„Wenn ich zwei Tage auf der Insel bleiben soll, würde es mir reichen, eine Ausgabe des Nouvel Obs mitzunehmen. Wenn ich so lange bleiben muss wie Robinson, bräuchte ich fünfzigtausend Bände aus der Bibliothek, die ich zu Hause habe. Deswegen würde ich das Telefonbuch mitnehmen. Mit all den Namen könnte ich unendlich viele Geschichten schreiben.“ 

Umberto Eco im September 2006

Unter lesenden Menschen erfreut sich diese Frage ungebrochener Beliebtheit: Welche drei Bücher würdest Du, wenn Du Dich beschränken müsstest, mit auf eine einsame Insel nehmen? Ich gestehe offen: Ich versuche meist, mich vor einer Antwort zu drücken. Ich wüsste zwar viele, viele Bücher zu nennen, die ich nach einmaligem Lesen keinesfalls mehr auf einer Insel oder anderswo bräuchte, ebenso ungelesene Bücher, um die ich gerne einen Bogen mache. Aber mich auf drei Bücher, von denen ich lange Zeit zehren müsste, beschränken? Drei Bücher aus jenen, die ich besonders schätze, wählen und aus den vielen ungelesenen Werken, die ich unbedingt noch lesen will?

Niemals könnte ich dies so kurz und bündig beantworten:

„Ich würde zwei mitnehmen: Die Ilias und Don Quijote.“ 

J. M. Coetzee im September 2013

Gesetzt wären auf jeden Fall die gesammelten Gedichte Brechts. Dann aber wird es schwierig: Einer der amerikanischen Autoren wie Cheever, Yates, Carver mit ihrem nüchternen Blick auf menschliches Treiben? Oder doch stilvolle österreichische Schwermut und Sprachkunst à la Joseph Roth, Stefan Zweig oder Heimito von Doderer? Oder – weil auf der Insel endlich mal die Zeit dafür vorhanden – Proust?

Tatsächlich neigen auch manche Schriftsteller zum Pragmatismus in dieser Frage:

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Anna Karenina und auf jeden Fall die Göttliche Komödie. Aus rein praktischen Gründen: Wenn ich dort Jahre verbringen soll, nehme ich besser Wälzer mit! Ich liebe Proust: Immer wieder lese ich die eine oder andere Passage aus der Suche.“

Hanif Kureishi im Januar 2005

Kurzum: Es fällt mir schwer, mich in dieser Frage festzulegen. Umso interessanter ist es jedoch, wenn dies andere tun. Es packt einen dieser kleine küchenpsychologische Kitzel: „Sag mir, was Du liest, und ich ahne, wer Du bist.“ Noch spannender wird dies, wenn die Frage von prominenten Autorinnen, bekannten Schriftstellern und Literaten weltweit beantwortet wird. François Armanet, Chefredakteur des „Nouvel Observateur“ und selbst Romançier, befragte dazu über die Jahre hinweg 200 Schriftsteller rund um den Globus. Diese hatten keine Vorgaben für ihre Antworten, konnten sich kurz und bündig halten, ebenso aber auch philosophieren und ihre Auswahl eingehend erläutern. Nur eins war gesetzt: Sowohl die Bibel als auch Shakespeare waren ausgeschlossen. Was dennoch viele nicht daran hinderte, genau diese beiden zu nennen.

„Ohne zu zögern: Die Bibel, die Historien von Herodot und Das Chagrinleder von Balzac.“

Ryszard Kapuscinski im April 2006

„Bücher für die einsame Insel“, ein Atlantik Buch, nun jüngst erschienen im Verlag Hoffmann und Campe, ist zwar selbst kein Exemplar für die Insel, aber eines dieser unterhaltsamen Bücher über Bücher, die Literatur und das Lesen, in denen ich immer wieder gerne schmökere – auch auf der Suche nach geeigneten Literaturtipps. Und wer könnte da ein besserer Ratgeber sein als ein Schriftsteller? Glücklicherweise muffeln die wenigsten so wie Monsieur Obermuffel:

„Ich antworte nie auf Umfragen.“

Michel Houellebecq im Juni 2015

Anders als Houellebecq griffen beispielsweise André Gide, Jorge Louis Borges und Raymond Queneau schon lange vor Armanet das Spiel mit der einsamen Insel auf, waren auf der Suche nach „der idealen Bibliothek“ – die Frage nach „den Büchern, die bleiben“ wird Lesende wohl immer begleiten.

Erfreulicherweise antworten daher andere Schriftsteller bei weitem nicht so rigoros wie Houellebecq. Und so ist dieses Buch, in dem unter anderem auch Margaret Atwood, Paul Auster, Julian Barnes, Günter Grass, Zadie Smith und John Irving zu Wort kommen, auch ein Leitfaden durch die Literatur (es überwiegen in den Nennungen natürlich die Klassiker), macht neugierig auf unbekanntes Terrain, versammelt „Meisterwerke der Weltliteratur, heilige Bücher der großen Religionen und geheime Madeleines“, wie Armanet im Vorwort schreibt.

Sollte tatsächlich einmal der unwahrscheinliche Fall auftreten, dass der Lesestoff ausgeht – die großen zeitgenössischen Schriftsteller machen in diesem Buch neugierig auf Werke, die sie prägten, die ihnen wichtig sind und die man vielleicht selbst nicht auf dem Radar hatte. So gibt es zwar die üblichen Verdächtigen – Proust, Balzac, Dickens, Joyce, die großen Russen, etc., – die mehrfach genannt werden. Aber auch viele – zumindest in Europa – unbekanntere Autoren wie Taha Hussein, Malek Haddad oder Marlene van Niekerk zu entdecken.  

Und im besten Falle können diese Bücher welche für die Insel werden und dann auch leisten, was einer der Schriftsteller von ihnen erhofft: 

„Die drei Bücher, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, müssten die Welt enthalten, die ich verlasse, die Leere füllen, das Leben nachzeichnen. Sie müssten mich das Treiben der Welt vergessen lassen – zumindest eine andere Welt erschaffen, in der der Einsame so etwas wie der Regisseur des neuen Universums wäre.“ 

Alain Mabanckou im Juni 2015

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/buecher-fuer-die-einsame-insel-buch-8327/

PS: Und welche drei Bücher nehmt ihr mit auf die Insel?

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Michel Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone

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Bild: (c) Michael Flötotto

Ein Beitrag von Claudio Miller.

„Unterwerfung“ ist in aller Munde, noch bin ich resistent, denke auch nicht, dass ich mich einem Verlangen, dies Buch zu kaufen, unterwerfen werde. Dagegen habe ich mir nochmals den Erstling Houllebecqs aus dem Regal geholt, „Ausweitung der Kampfzone“, 1994 in Frankreich herausgekommen, 1999 dann bei Wagenbach, mit 155 Seiten ein überschaubares Werk, jetzt gut geeignet, mir wieder vor Augen zu führen, was mir einst an Houllebecq gefiel, ja, wenn nicht geradezu anzog, mittlerweile aber ein Gefühl von Ennui verursacht. Ennui als ein vorübergehendes Symptom ist verkraftbar, da vorübergehend, ihre große Schwester, das Taedium vitae dagegen von einem ganz anderen Kaliber. Dieses Gefühl des Lebensüberdrusses ist es jedoch, das alle Romane, die ich von Michel Houllebecq las, durchzieht, ein Werk getränkt von Absage an alles, was der Menschheit auch irgendwie nur Hoffnung oder „Heil“ verspräche: Adieu alle politischen und gesellschaftlichen Programme, Marxismus, Kommunismus, Demokratie, Feminismus, Psychoanalyse, bäh 68er in ihrer Naivität, adieu, adieu, bonjour tristesse.

Der Untergang des Abendlandes oder zumindest das Ende der Aufklärung als literarisches Programm, weil der Mensch im Grunde ein Tier ist, das in Freiheit nicht sinnvoll leben kann. In „Ausweitung der Kampfzone“ ist dieses alles bereits angelegt: Ein namensloser EDV-Ingenieur, 30 Jahre alt, ohne familiäre oder freundschaftliche Beziehungen, auch ohne Lebensplan oder Ziel, befindet sich mit einem Kollegen auf einer beruflichen Tour durch die Provinz. Jener Kollege – als abgrundtief häßlich geschildert, gar als „krötenhaft“ bezeichnet – leidet an seiner Chancenlosigkeit bei den Frauen. Während eines frustrierenden Discoabends animiert der Ich-Erzähler (der gelegentlich aus eigenen zynischen Tierfabeln zitiert) den Kompagnon zu einem Sexualmord – die Tat bleibt ungetan, der potentielle Mörder kommt noch in derselben Nacht bei einem Autounfall ums Leben. Potentiell, denn die Saat des Bösen wäre gelegt gewesen, nur einmal noch blieb das Messer stecken, siegte die übernommene (und bereits überkommende?) Moral.

Der Erzähler und Anstifter landet wegen Depressionen in der Psychiatrie:
„Ich verließ die Klinik an einem 26. Mai; ich erinnere mich an die Sonne, die Wärme, die Atmosphäre der Freiheit auf den Straßen. Es war unerträglich.“

„Ausweitung der Kampfzone“ bedeutet: Alles ist ein Markt, alles den Gesetzen des Marktes, des „freien“ Spiels der Kräfte unterworfen. Der Mensch als Ware, Sexualität als Produkt, als erweiterte Kampfzone. Wer hier überleben will, als Sieger aus dem Spiel hervorgehen möchte, der hat  Leistung zu erbringen. Verlierer ist, wer ohne Kontakte bleibt, bei Houellebecq hat man da bereits von vornherein das falsche Los gezogen, bleibt außen vor. Lupus est homo homini – Problem nur: Selbst wenn der Mensch einen anderen Mensch erkennt, führt dies nicht zur Menschlichkeit, die Protagonisten verharren in einem autistischen Modus oder im tierischen Spiel der Mächte, fressen oder gefressen werden, selbst ein Schwacher treibt den noch Schwächeren zum Wahnsinn (da fast bis zum Mord), Mitgefühl, Empathie, Solidarität sind menschliche Werte, die keinen Raum einnehmen.

Als Kritik am Neoliberalismus haben mich die Bücher Houellebecqs vor mehr als zehn Jahren gepackt und fasziniert: So kalt und grausam geschildert, so pointiert, habe ich ein Abbild einer Welt und unserer westlichen Zivilisation zuvor nicht gelesen. Die Befindlichkeit einer Gesellschaft, die zwischen absoluter Pluralität und individueller Verlorenheit pendelt: Scheinbar geht alles und doch weiß der Mensch an sich damit wenig anzufangen. Diese grenzenlose Freiheit – die Sexualität ist bei Houellebecq dafür die geeignete Metapher – die sich in spießiger Dekadenz, in Orientierungslosigkeit und Einsamkeit erschöpft. Zumal „Freiheit“, „Pluralismus“ etc.  Gängelbändel sind, dem Einzelnen Wahlmöglichkeiten nur vorgetäuscht werden, Entscheidungsfreiheit als politische Fata morgana. Dies in nüchterner, präziser Sprache geschrieben, in wenigen Seiten verdichtet, macht die Qualität dieses Debütromans aus. Dazu ironische Seitenhiebe auf die Literatur:

„Das fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman allerdings einige Schwierigkeiten mit sich. Wie soll man es anstellen, diese heftigen Leidenschaften zu erzählen, die sich über mehrere Jahre erstrecken und deren Wirkungen manchmal über Generationen hinweg spürbar sind? Von den Sturmhöhen haben wir uns weit entfernt, das ist das mindeste, was man sagen kann. Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müßte eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.“

Das ist die Ironie: Seit seinem Debütroman 1994, dem dieses obige Zitat entnommen ist, schreibt Houellebecq Roman um Roman über: Das Nichts. „Unterwerfung“, so habe ich aus manchen Kritiken geschlossen, ist nicht mehr oder weniger als eine dystopische Variation davon. Eine Satire auf den Untergang tradierter Werte und Gesellschaftsformen. Nach dem dramatischen zeitlichen Zusammentreffen des Erscheinen des Romans und der Pariser Anschläge war die mediale Hysterie groß: Was darf ein Roman? Wo liegen die Grenzen? Dazu schrieb Nils Markwardt eine sehr intelligente Reflektion: „Moral ist der falsche Maßstab“.

D`accord. Literatur darf alles, muss nichts – insofern kostet Houellebecq den Pluralismus, den er oftmals so schwarz zeichnet, als Autor bis zur Neige und Schmerzgrenze aus. Es liegt  dagegen in meiner alleinigen Entscheidung als Leser, welche Dosis davon ich zu mir nehme. Und auch dazu finde ich bei Markwardt einige Sätze, die ich unterstreichen kann, die im Grunde der Grund sind, warum ich mich inzwischen lesend von Michel Houellebecq verabschiedet habe:

„Man kann in Unterwerfung, so wie eigentlich auch bei fast allen anderen Romanen Houellebecqs, eine Reihe von Dingen ärgerlich, platt oder ermüdend finden. Beispielweise den quengeligen Vulgär-Nietzscheanismus oder die immer gleiche, abgegriffene Zivilisationskritik, die erkenntnistheoretisch nicht über das Lamento eines frustrierten Kneipenphilosophen hinauskommt.“ 

Adieu, tristesse. Denn Kritik ist gut, aber Erkenntnis ist besser – aber was letzteres anbetrifft, da bietet mir der traurige Nörgler zuwenig Gewinn.

 

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