Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club

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Einst war er, als in den USA die Prohibition und später die Prüderie herrschte, die erste Anlaufstelle nach der Grenze: Der berühmte Kentucky Club in Juárez. Es heißt, Marilyn Monroe habe hier eine Lokalrunde geschmissen, um ihre Scheidung von Arthur Miller zu feiern. Andere sprechen von Elizabeth Taylor gegen Eddie Fisher. Wie auch immer. Verbürgt ist, dass Liz Taylor mit Ehemann und Saufkumpan Richard Burton hier abhängte, Bob Dylan auf der Suche nach Inspiration war und Ronald Reagan nach Abkühlung von der mexikanischen Hitze. Angeblich wurde auch die Margaritha in dieser Lokalität erfunden. Kurzum: Der Kentucky Club war ein Ort, an dem man gerne war. Bis die Drogenkartelle kamen. Und Juárez zu einer der tödlichsten Städte Mexikos wurde. In Sichtweite: das texanische El Paso, Ort der Ruhe und – Bigotterie.

2012 wurde in der „Welt“ über die groteske Verschiedenheit der Nachbarorte, die nur durch eine Grenzbrücke getrennt sind, geschrieben:

„Der Krieg diverser Gangs und Drogenkartelle hat aus Juárez eine der gefährlichsten Städte der Welt gemacht. In El Paso herrscht Ruhe und ein fast gespenstischer Wohlstand. Es ist eine der sichersten Städte der USA.“

Die Grenze: sie ist auch in sieben Erzählungen, die der amerikanische Schriftsteller Benjamin Alire Sáenz unter dem Titel „Everything Begins and Ends at the Kentucky Club“ zusammenstellte, immer präsent. Das Buch erschien 2012 in einem kleinen Verlag in El Paso, blieb zunächst kaum beachtet, bis der Erzählband 2013 den renommierten Pen/Faulkner Book Award erhielt. Seit 2014 liegt er in deutscher Übersetzung vor.

Die Geschichten vom Leben an der amerikanischen-mexikanischen Grenze, das Gefälle von Reichtum und Armut, die Spirale aus Drogenkriminalität, Gewalt und dem Auswanderungswunsch jener, die sich befreien wollen aus den Krakenarmen der Kartelle, diese Geschichten treffen in das amerikanische Herz und in den mexikanischen Geist. Denn die Kehrseite der Medaille ist die Gewalt an Immigranten – so „markieren“ einige US-Boy einen jungen Mexikaner mit dem Messer -, der aggressive Versuch, sich abzuschotten, der Flucht in die Sucht, die Bigotterie auf der einen Seite der Grenze. Alire Sáenz erzählt von Paaren, die damit rechnen müssen, dass der, der auf der „falschen“ Seite lebt, eines Tages spurlos verschwindet.

Er erzählt von Menschen, die sich lieben, obwohl einer für die Kartelle arbeitet – und damit in ständiger Lebensgefahr schwebt.

Er erzählt von Jungen, die ihren Vätern nachtrauern – Dealern, die selbst in die Abhängigkeit verschwinden, Rednecks voller Homophobie, Männern, die eines Tages einfach nicht mehr da sind.

Die Gewalt beschreibt Alire Sáenz dabei nicht explizit. Vielmehr sind dies beinahe zurückgenommene, stille Erzählungen. Einzelschicksale, die den Zustand einer zerrissenen Gesellschaft widerspiegeln. Grenzgänger, verloren zwischen zwei Welten, ohne große Perspektiven, ohne Hoffnung. Wenn, dann tritt die Gewalt als Reflektion über die Gewalt in das Buch:

„Dann lösten sich meine Gedanken von der Unterhaltung und ich fragte mich, wie es wäre, jemanden eine Knarre an den Kopf zu halten, jemanden zu entführen, einen Menschen zu foltern. Wie es wäre, jemanden die Hände abzuhacken? Ich wusste, dass es eine Mailingliste für die Zählung der Toten gab, weil ich diese Mailingliste abonniert hatte. Das Problem war, dass die Toten keine Namen hatten. Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus.
Ich hatte eine ganze Liste mit diesen Namen.
Das alles, dachte ich, das alles kam durch Männer wie meinen Vater.“

Es sind leise, beinahe schon melancholische Geschichten, geprägt von einer stillen Trauer. Und über diese sowie über die Einsamkeit tröstet sich mancher im Kentucky Club hinweg – die Bar spielt keine Hauptrolle, ist aber Anlaufpunkt in jeder der einzelnen Geschichten.

Inzwischen, im Jahr 2015, hat sich die Lage in Juárez wieder etwas beruhigt – die Gefahr ist nicht mehr so hoch, zufällig Opfer von Querschlägern inmitten eines Bandenkrieges zu werden.

Die Menschen kommen zurück in den Kentucky Club.

Das Leben ist wieder da – was Alire Sáenz, der auch gegen den Niedergang seiner Region anschrieb, sichtlich freut:

We’re people who feel and breathe and die and suffer and hope for salvation and yearn for love,“ he says. „We’re not just a newspaper headline.“

Das Buch wurde von Sabine Hedinger übersetzt und erschien 2014 beim Ripperger & Kremers Verlag unter dem Titel „Alles beginnt und endet im Kentucky Club“. Eine Leseempfehlung für Fans amerikanischer Literatur!


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Leonora Carrington: Das Hörrohr

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„Natürlich handelt es sich dabei um eine Art von Meuterei, und wenn du von der Obrigkeit entdeckt wirst, könnten sie ihre Maschinenpistolen auf dich richten.  Ein gepanzertes Fahrzeug käme unter diesen Umständen sehr gelegen, vielleicht auch ein kleiner Panzer, obwohl es vielleicht einige Beschaffungsschwierigkeiten gäbe. Du müßtest die Armee um Hilfestellung bitten. Ich weiß nicht, ob sie Panzer ausleihen, vielleicht haben sie ein ausrangiertes Exemplar.“

Leonora Carrington, „Das Hörrohr“.

Nein, hier spricht nicht der Vertreter einer revolutionären Truppe, sondern eine feine ältere Dame. Die hochbetagte, ziemliche exzentrische Carmella schmiedet Ausbruchspläne für ihre nicht weniger hochbetagte und nicht weniger exzentrische Freundin Marian Leatherby. Diese ist in einem obskuren Altersheim namens „Bruderschaft zur Quelle des Lichts“ untergebracht, dort abgestellt von ihrem Sohn und dessen Familie. In dem Heim, geleitet von einem fragwürdigen Psychologen samt herrschsüchtiger Gattin, leben noch weitere außergewöhnliche Damen. Und an der Wand prangt das Portrait der Äbtissin Alvarez della Cueva vom Kloster der Heiligen Barbara vom Tartarus. Deren wilde Lebensgeschichte, geprägt von Orgien und schwarzer Magie, wird in die Rahmenhandlung eingebettet. Am Ende kommen solche magischen Kräfte, aber auch Mutter Natur den Damen im Altersheim zur Hilfe: Die ganze Welt erstarrt in einer Art Eiszeit, doch die kleine Truppe rund um die Greisinnen überlebt, gemeinsam mit einem kleinen Gefolge aus Ziegen, Werwölfen und Bienen.

Dieser Roman der englischen Schriftstellerin und Malerin Leonora Carrington (1917 – 2011) gilt immer noch als Geheimtipp. Schade eigentlich, dass dieses wunderbar versponnene, phantasievolle Werk nicht noch mehr Leserinnen und Leser findet – ist es doch, obwohl 1976 erschienen (in deutscher Sprache 1980 in der Übersetzung von Tilman Spengler), trotz seines surrealistischen Anscheins zugleich auch höchst politisch, höchst aktuell und zeitgemäß. Jetzt, da die Welt in den Händen älterer weißer Herrschaften zum Schlechteren zu kippen droht, lohnt es sich, dieses feministische Manifest einmal mehr zu lesen. Zumal „Das Hörrohr“ zugleich auch auf das Beste zu unterhalten vermag, witzig ist und ein wenig irre.

Der Aufstand der alten Damen ist geprägt vom Wunsch weiblicher Selbstbestimmung – etwas, was auch das Leben der Autorin prägte. Eine ihrer Figuren lässt sie dieses zur Heimleiterin sagen:

„Freiheit ist zwar etwas spät in unser Leben gekommen, doch wir haben nicht die Absicht, sie wieder aufzugeben. Viele von uns haben ihr Leben mit herrschsüchtigen und griesgrämigen Ehemännern verbracht. Als wir endlich von ihnen befreit waren, wurden wir von unseren Söhnen und Töchtern herumgestoßen, die uns nicht nur nicht länger liebten, sondern uns als Bürde und als Objekte der Lächerlichkeit und der Schande betrachteten. Können Sie sich in ihren wildesten Träumen vorstellen, daß wir nun, da wir die Freiheit gekostet haben, uns durch Sie und ihren lüsternen Mann herumkommandieren lassen?“

Herumkommandieren ließ sich Leonora Carrington wohl nicht, aber lange stand die begabte Malerin im Schatten eines Mannes: 1937 lernte sie während ihres Kunststudiums in Paris den 30 Jahre älteren Max Ernst kennen, drei Jahre lebten sie als Paar zusammen. Carrington, die ab 1942 in Mexiko lebte, wurde vor allem in Europa kaum als eigenständige Künstlerin wahrgenommen – sie war „die Partnerin von Max Ernst“.

Dabei ist ihr bildnerisches als auch ihr literarisches Schaffen höchst eigenständig und von einer spezifischen weiblichen Sicht auf die Welt geprägt. In ihrem Roman „Das Hörrohr“ gibt sie Einblick in ihre phantastische Welt:

„Das Innere der Arche war wie der Opiumrausch eines Zigeuners. Da gab es mit wundervollen Mustern bestickte Vorhänge, Parfümzerstäuber, die wie exotische Vögel geformt waren, Lampen mit beweglichen Augen wie Gottesanbeterinnen, Samtkissen in der Gestalt riesiger Früchte und Sofas, die aus kostbaren Hölzern und Elfenbein geschnitzten hingestreckten Werwolfweibchen ruhten.“

Carrington vereinte die traumhaft-abstrakten Grundzüge des europäischen Surrealismus mit den Erzählstrukturen des magischen Realismus der Künstler Südamerikas: Das Beste aus beiden Welten, zusammengeführt in einem eigenständigen Werk, dass es zu entdecken und zu genießen gilt. Ein schönes Portrait erschien 2008 in der FAZ (leider finde ich in der Online-Ausgabe den Namen der Autorin, des Autoren nicht), das auf die Bilderwelt der Künstlerin eingeht:

„Seit 1943 lebt Leonora Carrington, mit zwei Unterbrechungen nach dem Massaker an den Studenten 1968 und nach dem schweren Erdbeben von 1985, in Mexiko-Stadt. Als ich vor einigen Jahren ihr Haus in der Colonia Roma umschlich und Leute suchte, die mir über sie etwas erzählen wollten, konnte ich mir keinen Ort vorstellen, der für sie passender gewesen wäre als dieses von Mythen durchwobene Land, in dem die Geschichten der Olmeken, Tolteken, Azteken und Maya sich fortgeschrieben haben bis in die Gegenwart. Carringtons vom irischen Katholizismus der Mutter und keltischen Ammenmärchen geprägte Mythenwelt, die sie schon in den Bildern der Surrealisten wiedererkannt hatte, muss in Mexiko fruchtbaren Boden gefunden haben. In der Distanz zum „koscheren Surrealismus“, wie sie es nennt, entwickelte sie ihre ganz eigene Metaphorik; Tiere sind nicht nur Tiere und Menschen nicht nur Menschen, sondern Mischwesen, Lebende, das eine durchdrungen vom anderen, geheimnisvoll, unheimlich und immer auch komisch.“


Informationen zum Buch:

Leonora Carrington
Das Hörrohr
Bibliothek Suhrkamp

Nur noch antiquarisch zu erhalten.


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Was suchen wir hier? Gustav Regler in Mexiko

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Bild von Andii Samperio auf Pixabay

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Neubauer

Als Gustav Regler und seine Frau Marieluise im Frühsommer 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Mexiko kamen, hatten sie nicht die geringste Vorstellung, was sie dort erwartete und was sie dort sollten. „Was suchten wir drüben? Was erwarteten wir?“, schrieb Regler später. Die beiden waren nie auf den Gedanken gekommen, nach Mexiko zu gehen und wussten nichts von dem Land. Doch da Regler Kommunist war und in Spanien gegen Franco gekämpft hatte, ließen die Amerikaner die Flüchtlinge nicht bleiben, und so mussten sie nach Mexiko weiterreisen. Hier wurden sie als Antifaschisten mit offenen Armen aufgenommen.

Als jemand, der in Mexiko lebt und über das Land schreibt, interessiere ich mich fast naturgemäß für andere deutschsprachige Autoren, die über das Land geschrieben haben: Harry Kessler, der rote Graf, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Yucatán reiste; der Archäologe Eduard Seler, der wenig später die Huasteca erkundete; die Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker und B. Traven mit ihren abenteuerlichen Biografien; oder der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, der ein Jahr nach den Reglers nach Mexiko kam und für die kommunistische Exilzeitung landauf landab reiste.

Gustav Regler, der am 25. Mai 1898 in Merzig im Saarland zur Welt gekommen war, hat für mich jedoch einen ganz besonderen Reiz, weil er wider Willen nach Mexiko kam, und weil er ein Suchender war, der sich das Leben und Schreiben nie leicht machte. Immer saß er zwischen allen Stühlen, überall eckte er an, mit allem lag er überkreuz. Als einstiger Katholik hatte er sich mit Glaubenseifer in den Kommunismus gestürzt, und nach dem Hitler-Stalin-Pakt hatte er sich genauso leidenschaftlich mit den Genossen überworfen. Als die Vereinigten Staaten dem vermeintlich fanatischen Kommunisten die Tür wiesen, war aus ihm längst ein fanatischer Antikommunist geworden. Und dass dieser so europäische und rationale, wenngleich impulsive, dialektische Materialist nun ausgerechnet nach Mexiko kam, in dieses exotische, irrationale und magische Land, war nur eine weitere von vielen Verkantungen in seiner Biografie.

Schon die Ankunft der Reglers in Mexiko stand unter keinem guten Stern. Das einzige, was sie sich von dem Land erhofften, war „Erholung von der Gefahr und unseren utopischen Verirrungen“. Doch Erholung war ihnen nicht vergönnt, und die Verirrungen holten sie schon ein, kaum dass sie einen Fuß ins Land gesetzt hatten. Als sie im Zug vom Hafen in die Hauptstadt eine Zeitschrift aufschlugen, grinste ihnen die Leiche Trotzkis entgegen, der wenige Wochen zuvor in Coyoacán von stalinistischen Häschern ermordet worden war. Marieluise warf die Zeitung aus dem Fenster, doch das Unheil nahm seinen Lauf.

In der Hauptstadt suchten die Reglers zunächst die Nähe der anderen deutschen Flüchtlinge, doch schon bald bewahrheiteten sich die Ängste, wie Gustav später in seiner Autobiografie Das Ohr des Malchus schilderte:

Das gelobte Land war da! Man verabschiedete nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute; man konnte seine Erinnerungen abwerfen wie schmutzige Verbände. Wir lebten viele Monate in diesem Glück, aber dann brachten die Schiffe die früheren Freunde an die sicheren Ufer von Mexiko, und alles änderte sich. Die KP gab einen Geheimbefehl: „Regler ist nicht mehr mit uns, also ist er gegen uns.“ Bibelfeste Kommunisten! Sie hatten Erfolg. Am nächsten Tag war ich ein Himmler-Agent.

Marieluise drängte Gustav, die Stadt zu verlassen und in den Urwald zu ziehen. Stattdessen mieteten sie ein Gartenhäuschen zwischen San Ángel und Coyoacán im Süden der Hauptstadt, wo auch Frida Kahlo, Diego Rivera und viele andere Künstler lebten.

Hier war Marieluise – Mieke, wie sie genannt wurde – in ihrem Element. Als Tochter des Malers Heinrich Vogeler war sie in der Künstlerkolonie Worpswede aufgewachsen und selbst Malerin. Anders als Gustav ließ sie sich von Mexiko faszinieren, sog gierig alles Neue auf, flog an den Pazifik und stieg auf die Pyramiden von Teotihuacán. In Mexiko lernte sie Surrealisten wie Leonora Carrington, Remedios Varo, Alice Rohan, Wolfgang Paalen und Onslow Ford kennen und entdeckte eine neue Wirklichkeit für sich, die den armseligen Materialismus, dialektisch oder nicht, weit hinter sich ließ. Für sie und ihre neuen Freunde war Mexiko das surrealistische Land schlechthin, und ein weit aufgesperrtes Tor zum Unbewussten. Bei Wolfgang Paalen las sie den Satz „die Stufen der Pyramide, deren Gipfel über die Leere der Vernunft hinausragt“ und war begeistert.

Dorthin vermochte ihr der rationale Gustav nicht zu folgen. Auch von Coyoacán aus wetterte er gegen die einstigen Weggefährten und verstrickte sich in ideologische Handgemenge. Die Folgen ließen nicht auf sich warten. „Ein Pestkordon legte sich um unser Leben“, schrieb er später. Die Angst kam zurück, finstere Gestalten standen vor ihrer Tür. Während die Reglers unterwegs waren, räumten Einbrecher das Gartenhaus so gründlich aus, als seien sie mit einem Möbelwagen vorgefahren. Die Kommunisten agitierten weiter. Egon Erwin Kisch, zu Berliner Zeiten ein Freund von Mieke, warf Gustav in einem Zeitungsartikel vor, Kommunisten verraten zu haben, um in die Vereinigten Staaten ausreisen zu dürfen. Lüge oder nicht, diese Anschuldigung hatte lange Beine: Als Gustav wenig später ein Einreisevisum für die Vereinigten Staaten abholen wollte, zuckte der Konsul bedauernd die Schultern: abgelehnt. Am selben Abend eröffnete ihm Mieke, dass sie Brustkrebs hatte. Wie im Delirium dachten die beiden eine Nacht lang über Selbstmord nach, doch als am nächsten Morgen die Sonne aufging, entschieden sie für das Leben und für ihre neue Heimat Mexiko.

Jede Minute ist kostbar … Wenn wir es tun, ist alles für immer erloschen, Augen, Stimmen, die Farben – was ist der Sinn? … Warum sollten wir nach dem Norden ziehen? Hier ist unser Ägypten – Mexiko hat alles: unberührbare Berge, undurchdringliche Wälder, Felsen mit wehenden Wasserschleiern, Buchten, die nie ein Kriegsschiff verschmutzt hat, Indios, die Spielzeuge weben, Orchideen mit bienenkleinen Blüten, Dörfer, die noch im Anfang aller Zeiten liegen – warum weglaufen und nicht wissen, wohin man rennt?“

Wo sie nun schon einmal in diesem geheimnisvollen Land gestrandet waren, wollten sie es auch entdecken. Das sollte neuen Sinn stiften, wo es keinen mehr gab. Doch da Mieke bald zu schwach war, um selbst zu reisen, machte sie Gustav zu ihrem Auge und schickte ihn nach Papantla, Puebla, Oaxaca, und in immer neue Winkel. Während er unterwegs war, schrieb sie ihm Briefe, mit denen sie ihn wie an der Hand durch Mexiko führte.

So folgten mir Briefe auf meine Reisen, Ratschläge, die meine Abenteuer reicher gestalten sollten. Sie hatte sorgfältig den archäologischen Atlas des Landes studiert, ließ mich von unausgegrabenen Stätten wissen, lenkte mich von einer Gräberstadt zur anderen, verlangte Telegramme über Funde, die ich gemacht hatte, beschrieb mir die rätselhaften monticuli, denen ich am nächsten Tag begegnen würde, peitschte mich auf mit den Lockungen neuer Fata Morganas, ließ mich ihre Krankheit vergessen; die route imperial der wundersamen Entdeckungen schien kein Ende zu haben; immer tiefer führte sie mich ins Land hinein.

Wenn Gustav dann nach Hause kam, dann zeichnete und malte Mieke, was er ihr schilderte. Von ihrem kleinen Garten in Coyoacán aus spürte sie Mexiko und seine Magie inniger als er. Er wollte nicht mehr reisen, wollte nur bei ihr sein. Doch als im Februar 1943 in Michoacán ein neuer Vulkan aus dem Boden brach, drängte sie ihn, nach Uruapan zu fahren und ihr das Naturschauspiel zu beschreiben, und später schickte sie ihn nach Janitzio, um den Tag der Toten für sie zu sehen. So entdeckte schließlich auch Gustav Mexiko.

Aus dieser Zeit stammt eines der letzten gemeinsamen Fotos des Paars, das in ihrem Garten in Coyoacán aufgenommen wurde. Sie sitzt zerbrechlich auf einem Klappstuhl, einen Rebozo um die Schultern gelegt, während er neben ihr auf dem Boden kniet und liebevoll einen Arm um ihre Knie gelegt hat. Er scheint ihr etwas ins Ohr zu flüstern, sie lächelt verschämt und blickt zu Boden. Sie rang noch fast zwei Jahre lang mit dem Krebs, dann starb sie am 21. September 1945.

Nach ihrem Tod flüchtete sich Gustav in die Arbeit und folgte dem Weg, den ihm Mieke vorangegangen war. Jetzt kam er auf den Gedanken, über Mexiko zu schreiben. Zwei Jahre später war sein Reisebuch Vulkanisches Land fertig. Auch wenn er Mieke mit keinem Wort erwähnt, war das Buch sein Denkmal für sie, die ihn von ihrem Garten in Coyoacán ausgesandt hatte, um das Land für sie zu erkunden. Auf jeder Seite ist sie zu spüren, und auf jeder Seite fehlt sie.

Vulkanisches Land ist nicht einfach ein Reisebericht, sondern Reglers Ringen mit Mexiko und seinem eigenen Schicksal. Als Untertitel wählte er Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen, doch die Widersprüche sind vor allem seine eigenen – die eines in der Rationalität gefangenen Menschen in einem fremden Land, das ihm irrational erscheint. Kein Wunder, dass in seinem Buch recht wenig von der Sinnlichkeit und Sinnenfreude Mexikos zu spüren ist. Regler kennt kaum Geschmäcker und Gerüche, kaum Geräusche und Gefühle, kaum Formen und Farben. Er ordnet und ackert und grübelt und rechtet und windet und quält sich. In keinem Moment kommt er Mexiko so nahe, wie Mieke es war. Ihm geht ihre Seele ab. Und doch sieht er als Ungeborgener Dinge und spürt Abgründe, wie sie ein Kisch mit seinen ideologischen Gewissheiten nie gesehen hätte.

Das Buch war kein Erfolg, ebensowenig wie sein schmaler historischer Roman Amimitl, der ebenfalls 1947 bei einem kleinen Verlag im Saarland erschien. In Deutschland hatte man zu dieser Zeit andere Sorgen und interessierte sich nicht für ferne Länder. Für Gustav war es trotzdem eine Befreiung. Kaum war es erschienen, reiste er zum ersten Mal wieder nach Deutschland.

Bibliografie

Vulkanisches Land. Ein Buch von vielen Festen und mehr Widersprüchen (1947). Göttingen: Steidl, 1987.

Amimitl oder Die Geburt eines Schrecklichen (1947). In: Werke, Band 7. Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 1995.

Das Ohr des Malchus. Eine Lebensgeschichte (1958). In: Werke, Band 10, Basel/Frankfurt: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Jürgen Neubauer

Der Autor dieses Gastbeitrages, Jürgen Neubauer lebt seit 2004 in Mexiko. 2017 veröffentlichte er seinen literarischen Reisebericht „In Mexiko“, mehr dazu gibt es auch auf seinem Blog zu lesen: „In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/.
Da einer meiner Schwerpunkte als Leserin die Literatur der Weimarer Republik ist, war für mich Gustav Regler, über den Jürgen auch in seinem Buch schreibt, von besonderem Interesse. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag zu Reglers 120. Geburtstag und bedanke mich nochmals herzlich bei Jürgen für diese Bereicherung meines Blogs. Auch bei ihm wird heute ein Beitrag über Regler und dessen Jahre in Mexiko erscheinen – ich wünsche uns viele interessierte Leser!

Zum Beitrag: „Exil in Mexiko“: https://inmexiko.wordpress.com/2018/05/24/die-reglers/

 

 

Jürgen Neubauer: In Mexiko

„Nachmittags liege ich in der Hängematte und lese. Oder ich sitze drin auf der Empore und schreibe ein paar Zeilen in mein Laptop. Seit dem Temazcal treibt mich die Frage um, was ich denn wirklich in Malinalco suche. Dabei stoße ich auf andere, die auf der Suche nach sich selbst, einem sicheren Hafen oder etwas anderem nach Mexiko gekommen oder hier gestrandet sind. Die Spanier natürlich, die Gold und Ruhm suchten und in Mexiko ein Weltreich fanden. Maximilian von Habsburg, der sein Weltreich suchte und in Mexiko nur Trug und Tod fand. Alexander von Humboldt, der verstehen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, und in den mexikanischen Salons herumgereicht wurde. Die Mennoniten, die das Paradies suchten und in Mexiko Käse und Honig fanden. Die Kommunisten und Juden, die in Mexiko Zuflucht vor Hitlers Häschern suchten und eine neue Heimat fanden. Oder die Surrealisten, die in die Nacht des Unbewussten hinabsteigen wollten und feststellten, dass sie dazu in Mexiko nur auf die Straße gehen mussten. Es gibt nichts, was man in Mexiko nicht suchen und wenig, was man nicht finden kann – auch wenn beides nicht übereinstimmen muss.“

Jürgen Neubauer, „In Mexiko. Reise in ein magisches Land“, 2017, Verlag Twentysix, ISBN 9783740735227

Abgestoßen vom Moloch der Großstadt, abgekämpft vom Stress des Arbeitslebens, beschließen der Autor und Übersetzer Jürgen Neubauer und seine Frau Lulú der mexikanischen Hauptstadt den Rücken zu kehren. Ein Neuanfang soll es sein, der Umzug nach Malinalco, der als magisch um- und beworbenen Heimat der aztekischen Göttin Malinalxóchil.

„Auf unseren Wochenendausflügen haben wir uns ausgemalt, wie es wohl wäre, in diesem Dorf zu leben. Das Spiel endete immer in ungläubigem Lachen. Dass wir nun dorthin ziehen, damit überraschen wir uns selbst. Was wir dort suchen, das wissen wir auch nicht so genau. Lulú sich selbst. Und ich? Mindestens das Paradies.“

Zwar wird Malinalco, in dem das Paar schnell Anschluss findet zu jüngeren Einheimischen sowie zu einer Gruppe etwas skurriler wohlhabender Zugezogener, auch nur ein Paradies auf Zeit – doch die Monate hinterlassen einen prägenden Eindruck. In seinem „literarischen Reisebericht“ beschreibt Jürgen Neubauer Land und Leute so lebendig, so plastisch, dass man sich selbst in einem der Gemälde von Frida Kahlo oder Diego Rivera wähnt. Und dies, ohne auf die üblichen Mexiko-Klischees zurückzugreifen, sondern mit einem tiefen Verständnis für eine Kultur, in der es kein Widerspruch ist, für sein Seelenheil in einer der zahllosen Kirchen zu beten, zugleich das Terrain notfalls auch mit Gewalt gegen die Mönche zu verteidigen, im Jeep durch die Gegend zu brettern und zugleich bei Darmbeschwerden eine Heilerin aufzusuchen.

Doch auch das Dorf, das das Paar nach knapp einem Jahr wieder verlässt, verändert sich:

„Wie einst die Konquistadoren und die Bettelmönche sind die unsichtbaren Kräfte der Globalisierung und der Rationalisierung über Malinalco hergefallen und im Begriff, mit der Pest des Kapitals und der Religion der Selbstoptimierung auch noch die letzten Reste seiner Kultur auszulöschen. Dabei sind die Politiker von heute nicht besser als die Kaziken von damals, die ihr Dorf an die Eroberer verraten haben, um vielleicht ein Krümelchen vom Kuchen abzubekommen. Wahlen? Die Malinalca haben die Wahl zwischen Pocken, Masern und Keuchhusten.“

Jürgen Neubauer, der nach Stationen unter anderem als Buchhändler in London und Sachbuchlektor in Frankfurt seit 2004 in Mexiko lebt und den Blog „In Mexiko“ betreibt, schreibt lebendig, anschaulich und unterhaltsam über Begegnungen mit Menschen und Göttern, nimmt einen mit hinein ins Geschehen, sei es bei Führungen durch die antiken Stätten oder zu einem abgelegenen Wahlbüro, das am Ende des Tages nur eine Handvoll Stimmen auszuzählen hat. Diese Episoden bereichert der Autor zudem mit seinem tiefen Hintergrundwissen über die lange Geschichte Mexikos. In ausführlichen Kapiteln treten beispielsweise auch der oben genannte Habsburger, der nur ein kurzes Gastspiel als Kaiser von Mexiko hatte und 1867 hingerichtet wurde, oder auch der Revolutionär Zapata auf – in greifbaren, anschaulichen Schilderungen, die Lust machen, sich noch intensiver mit der mexikanischen Historie zu beschäftigen.

Ein umfangreicher Abschnitt ist einem deutschen Schriftsteller gewidmet, der heute in Deutschland beinahe vergessen ist: Gustav Regler (1898 – 1963), der 1940 nach Mexiko kam. Jürgen Neubauer hat sich intensiv mit ihm und seinen Werken beschäftigt und ich freue mich sehr, dass er für „Sätze&Schätze“ zum 120. Geburtstag von Regler am 25. Mai einen Gastbeitrag über den Autoren geschrieben hat.  Der Beitrag wird übermorgen bei mir erscheinen, parallel dazu gibt es auf Jürgens Blog etwas über Regler, dessen nicht weniger interessante Frau Mieke und deren mexikanische Eindrücke zu lesen.

Links:

„In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/
„Aus Mexiko“
https://ausmexiko.wordpress.com/

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