#MeinKlassiker (24): Wolfgang Borchert und ein eindringlicher Appell an die Leser heute

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Als mich Birgit von Sätze&Schätze fragte, ob ich nicht auch einen Beitrag schreiben wolle, war ich zunächst ratlos. Ich hatte schon hin und wieder überlegt, welchen Klassiker ich wählen würde, bin aber nicht so recht einig mit mir geworden. Auch schien mir die Messlatte der vorgestellten Beiträge zu hoch, als dass ich da mithalten könnte.

Doch mit einem Mal war die Sache klar. Es gab keine Zweifel mehr. Kein dicker Wälzer, sondern die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert „Nachts schlafen die Ratten doch“ musste es sein.

Der Text wurde 1947 veröffentlicht und spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Trümmern einer deutschen Großstadt. Der kleine Bruder eines neunjährigen namenlosen Jungen liegt verschüttet unter einem zerbombten Haus. Um ihn vor den Ratten, die sich nach Aussage seines Lehrers von Toten ernähren, zu schützen, bewacht der Junge den Bruder und weigert sich beharrlich, den Platz zu verlassen. Er raucht – ein Hinweis, dass seine Kindheit schon zu Ende ist. Vor der Zeit gealtert. Hier trifft er auf einen ebenfalls namenlosen älteren Mann, der ihn mit dem (falschen) Hinweis beruhigt, dass nachts die Ratten schlafen und der übermüdete Junge deshalb abends nach Hause gehen und sich ausschlafen kann. Er verspricht ihm für den anderen Tag, ein Kaninchen mitzubringen. Das Tier als Symbol für das Leben – eine Zukunftsperspektive, die der Mann dem Jungen bietet.

Die Geschichte besteht überwiegend aus Dialogen, sehr knapp und lakonisch, sachlich, mit wenigen Erklärungen, und dennoch schwingen im Hintergrund so viele Emotionen mit. Für mich ist das ganz große Kunst – jenseits von Geschwafel die Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Kriegsnachwirkungen ohne große Gefühlsausbrüche sichtbar zu machen. Und deshalb umso eindringlicher in seiner Wirkung.

Ich habe den Text, wie so viele, in der Schule kennen gelernt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schullektüren berührte mich diese Geschichte sehr. Im Laufe der Jahre kam sie mir hin und wieder ins Gedächtnis. Ich kann sie nicht vergessen. Auch meine Kinder lasen sie in der Schule. Alles wiederholt sich.

Auch jetzt wieder erinnere ich mich an sie. Wenn es um die vermeintliche Lügenpresse oder Ausländer geht, gibt es Demonstrationen. Andersdenkende werden nieder gebrüllt. Das Gespräch wird verweigert. Wo ist der Aufschrei auf den Straßen gegen die Kriegshölle von Aleppo? Was ist das für eine seltsame Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Kindern? Dieser Mangel an Empathie? Eine ganze Generation wächst mit Traumata auf, ohne Eltern, ohne Dach über dem Kopf, ohne Schule. Eine Untersuchung hat einmal gezeigt, dass sich Kriegstraumata vererben, selbst wenn nachfolgende Generationen in Frieden leben. Mangelnde Bildung macht den Weg frei für Verführer, für Terroristen, die sie für ihre Zwecke missbrauchen. Was kommt da noch auf uns zu? In welche Welt wird mein noch ungeborener Enkel ankommen?

Lasset die Kindlein zu kommen, heißt es in der Bibel. Er soll die Wertschätzung der Kinder im Christentum verdeutlichen. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um diesen Satz zu bejahen. Die Kinder brauchen wieder eine Lobby. Deshalb muss dieser Text von Borchert weiter gelesen werden.

„Nachts schlafen die Ratten doch“ ist eine der bekanntesten Kurzgeschichten Wolfgang Borcherts. Wie alle Werke des Autors zählt sie zur Epoche der Trümmerliteratur. Sein Werk ist geprägt von seine Kriegserfahrungen und dennoch zeitlos. Sein Aufbäumen gegen den Krieg – „Sag nein!!“ – ist heute noch aktuell. Deshalb passt er als Klassiker in diese Reihe. Weil man seinen Text zu allen Zeiten wieder modern finden kann.

Er hat nur wenig hinterlassen. Mit 26 Jahren stirbt er an einer kriegsbedingten Krankheit.

Eine frohe Weihnacht wünsche ich allen! Trotz alledem. Und vielleicht als Lektüre unterm Tannenbaum „Das Gesamtwerk“ von Wolfgang Borchert, herausgegeben 2009 von Michael Töteberg, erschienen im Rowohlt-Verlag.

Marion Birkenfelder-Linn
https://gazelleblockt.wordpress.com/

#MeinKlassiker (23): Erikas Klassiker trägt den Namen Gantenbein

Erika Mager betreibt den Blog der Bücherei in Alfter-Oedekoven: „litblogkoeb“. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das liegt (geschweige denn davon, dass es das überhaupt gibt) – aber schon der Name klingt so schön, das musste ich einfach nachschauen. Jedenfalls: Sollte ich jemals nach Alfter-Oedekoven kommen, wird mich mein Weg direkt in die Bücherei führen. Denn die hat, so denke ich mir beim Lesen von Erikas Blog, mit Sicherheit eine tolle Buchauswahl. Mit ihrem Klassiker sorgt sie für eine Premiere – es findet sich der erste Schweizer Autor in der Reihe.

„Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesehen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.“ Erster Satz von Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1974 (meine Ausgabe).

img_20161116_085803Mein Klassiker also. Wer käme bei der Frage nach seinem Klassiker schon auf den Gantenbein? Sicher – auch ich hätte viele im Gepäck, von denen ich glaubhaft schreiben könnte. Thomas Mann hat in mir die Faszination von Sprache geweckt („Das Gesetz“), Doris Lessing meine Haltung zum Feminismus herausgefordert („Das goldene Notizbuch“), Virginia Woolf fragte mich nach meinem eigentlichen Geschlecht („Orlando“), Hermann Hesse hat mich zutiefst verwirrt („Der Steppenwolf“). Das könnte ich noch fortführen.

Aber der Gantenbein ist und bleibt „mein Klassiker“.

Ich habe ihn mit 17 getroffen – äh, gelesen. Schullektüre – na klar. Was dieses Buch bei anderen deswegen per se disqualifizierte, hat mich nicht abgeschreckt. Es schien zu mir zu sprechen, mich zu kennen.

Dabei ist es ein Männerbuch! Ein männlicher Autor schreibt über einen Mann, der sich die mögliche Geschichte eines anderen Mannes zusammenfabuliert. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu…“

Was hat das mit mir zu tun? Einem 17jährigen Mädchen? Der Begriff „Frau“ passte damals noch nicht zu mir.

Zuerst einmal gefiel mir die Sprache. Ich las bei einem berühmten Autor, wie man assoziierend aus Wörtern Bilder formt, schreiben kann, ohne einen Gedanken zu Ende führen zu müssen. Das konnte ich sicher auch. Mein Leben schreibend formen. Ich war nicht ein Mann mit Erfahrung, zu der er sich eine passende Geschichte konstruieren muss, sondern ein Mädchen am Beginn eines Lebens, das sich aus Geschichten eine mögliche Identität zusammenreimen könnte. Darum ging es mir. Ich verfolgte Gantenbein mit offenem Mund und stellte mir vor, dass ich meine Geschichte auch schon vorweg ausdenken könnte. Eine erstaunliche Erlösung in einer pubertären Hilflosigkeit – nicht Fisch, nicht Fleisch – noch nicht entschieden. Wer bin ich denn? Wer könnte ich sein? Mein Name sei Gantenbein? War es so einfach?

„Es ist wie ein Sturz … wie durch alle Spiegel, und nachher … setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“

Wenn ich das Buch jetzt nach mehr als 30 Jahren wieder hervornehme und darin einzelne Passagen lese, kann ich einerseits die Faszination der 17jährigen verstehen, andererseits den Kopf schütteln über die verschwurbelten Altmännerfantasien des Icherzählers. So ein Text dürfte heute nicht mehr so geschrieben werden.

Und dann die Liebe! Frisch erzählt von Liebe in vielerlei Facetten. Das wird mich genauso begeistert haben, ich weiß es nicht mehr genau.

Wichtig, damals und auch heute noch, ist mir geblieben, dass man Geschichten erzählen, fabulieren, alle Möglichkeiten zu Ende denken kann – und dann auch einfach wieder abbrechen darf, wenn man mit einer Geschichte nicht weiterkommt. Alles erlaubt in der Literatur – und im Leben. Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.

Deshalb ist es #MeinKlassiker.

Erika Mager
https://litblogkoeb.wordpress.com/

#MeinKlassiker (22): Für Peter Brunner ist das #MeinBüchner

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Dass der Autor und Blogger Peter Brunner für die Reihe #MeinKlassiker etwas über ein Werk Büchners schreiben würde, war naheliegend – schließlich ist der Mitbegründer des Hessischen Literaturrates ein profunder Büchner-Kenner, der sich insbesondere der Erforschung der Büchner-Familie gewidmet hat. „Neues aus dem Büchnerland“ erfährt man auf seinem informativen Blog: http://geschwisterbuechner.de/.

Für seinen Beitrag hat Peter Brunner jedoch weder „Dantons Tod“ noch den „Woyzeck“ gewählt, sondern eine Streitschrift, die bis heute in ihrem Ton und ihrer Ernsthaftigkeit überzeugt und zum Nachdenken über damalige wie aktuelle Verhältnisse anregt:

Auch Literatur. Georg Büchners „Hessischer Landbote“

Am 1. August 1834 wird am Gießener Selterstor der Theologiestudent Karl Minnigerode verhaftet. Bei ihm finden sich in Taschen, den Stiefeln und im Mantelfutter an die 150 Exemplare einer illegalen Flugschrift. Sie trägt die Überschrift

Friede den Hütten!  Krieg den Pallästen!

In den folgenden Tagen und Nächten entfalten die Verschwörer, die den Text verfasst und unter strengster Geheimhaltung in Offenbach hatten drucken lassen, fieberhafte Aktivitäten, um alle Beteiligten zu warnen und Indizien, aus denen auf sie geschlossen werden konnte, zu vernichten. Der achtseitige Text, von dem zwischen 1.500 und 2.000 Exemplaren ge­druckt worden waren (später erscheint in Marburg eine zweite Auflage), wird konspirativ verbreitet. Es ist bis heute unklar, wie viele Exemplare die eigentli­chen Adressaten, die hessischen Bauern und Tagelöhner, tatsächlich erreicht haben und welche Wirkung sie machten. Die Behauptung, alle Empfänger hätten sie ängstlich abgewiesen oder sogleich den Behörden abgeliefert, ist in keinem einzigen Fall belegt.

Der Butzbacher Pfarrer Friedrich Weidig, ein ausgewiesener Republikaner, hatte bis dahin mehrere Ausgaben seines kritischen „Leuchter und Beleuchter für Hessen (oder der Hessen Nothwehr)“  drucken und verteilen lassen. Im Frühsommer 1834 war er durch Süddeutschland gereist und hatte in Wiesbaden an der Gründung eines „Preßvereins“ teilgenommen. Es sollten gleichzeitig im Ausland, womöglich in Straßburg,  eine Zeit­schrift „auf Intelligentere berechnet“ und im Inland illegale Flugschriften „für die niederen Volksklassen“ herausgege­ben werden. Mit dem Entwurf einer solchen Flugschrift traf er am 3. Juli auf der Ruine Badenburg bei Gießen eine Gruppe kurhessischer und hessen-darmstädtischer Oppositioneller, um eine „Filiale“ dieses Preßvereins zu gründen. Den Entwurf für das Flugblatt hatte der junge Medizinstudent Georg Büchner aus Darmstadt verfasst. Büch­ner, Arztsohn aus Darmstadt, hatte sein Medizinstudium in Straßburg begonnen und dort Kontakt zu oppositio­nellen Kreisen gepflegt. Seit Oktober 1833 studiert er in Gießen, wo ihn der rebellische Theologiestudent August Becker mit Weidig bekannt macht. Im April 1834 hatte er nach seiner Rückkehr in Darmstadt eine revolu­tionäre „Gesellschaft der Menschenrechte“ gegründet. Ein von ihm verfasster Text, auf den die Revolutionäre schwören, soll noch Jahrzehnte später kursiert sein; er ist leider verloren. Büchner findet für das Flugblatt einen neuen, direkten Ton, mit dem er die „Geringen“ ansprechen will, und bedient sich statistischer Zahlen, die ihm Weidig verschaffte, um die schreiende Ungerechtigkeit der Verhältnisse zu erläutern. So entsteht ein Text, dessen scharfer Ton unter den Versammelten gleichzeitig euphorisch bejubelt und scharf kritisiert wird. Den Bürgerlichen unter ihnen geht insbesondere die Zielrichtung gegen „die Reichen“ zu weit, weil auch unter diesen Bündnisgenossen zu finden seien; im gedruckten Text findet sich schließlich die Formulierung „die Vor­nehmen“, die sich insbesondere gegen den Adel richtet. Die Büchnerforschung und -Literatur ist voll von Re­cherchen und Unterstellungen darüber, wieviel Büchner eigentlich in dem Text steckt. Umfangreiche Studien versuchen meist, Büchner die „linken“, Weidig die „christlichen“ Textteile zuzuordnen. Unbestritten ist aber auch, dass Büchner selbst durchaus bibelfest war. Vom Mitverschwörer August Becker wissen wir, dass Büch­ner mit dem schließlich gedruckten Endergebnis sehr unzufrieden war; der Arzt Leopold Eichelberg, der am Badenburg-Treffen teilnahm, distanzierte sich andererseits: Büchner schien die mit aller Vehemenz überspru­delnde jugendliche Kraft, welche sich hier im Zerstören gefiel, während sie sonst ebenso leicht die ganze Welt liebend zu umarmen sucht (nach Hauschild, Georg Büchner, 1993, S. S. 360). Selten ist bisher in der Diskus­sion um die Genese des gedruckten Textes die eigene Erfahrung politischer Diskussion um den Text einer ge­meinsamen Veröffentlichung eingeflossen – womöglich, weil sie den Schreibenden schlicht fehlte. Dabei ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass ein gemeinsam zu verantwortender Text nicht die Fassung be­hält, die er als einzeln Verfasster hatte. Dass dies Verfasser regelmäßig schmerzt, liegt in der Natur der Sa­che: die mit aller Vehemenz übersprudelnde jugendliche Kraft steht nicht gerade für Bereitschaft zu Selbst­kritik und Einsicht.

Außer Frage steht allerdings, dass die literarische Qualität, die den „Landboten“ zu einem bedeutenden Schatz der deutschen Geschichte und Literatur macht, Georg Büchner zu verdanken ist.

Was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind alle; die Ordner im Staate sind die Gesetze, durch welche das Wohl aller ge­sichert wird und die aus dem Wohl aller hervorgehen sollen. Seht nun, was man in dem Großherzogtum aus dem Staat gemacht hat; seht, was es heißt: die Ordnung im Staate erhalten! 700.000 Menschen bezahlen da­für 6 Millionen, d.h. sie werden zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht, damit sie in Ordnung leben. In Ord­nung leben heißt hungern und geschunden werden. Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht ha­ben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in Kraft zu erhalten. Ihre Anzahl ist Legion: Staatsräte und Regierungsräte, Landräte und Kreisräte, geistliche Räte und Schulräte, Finanzräte und Forsträte usw. mit al­lem ihrem Heer von Sekretären usw. Das Volk ist ihre Herde, sie sind seine Hirten, Melker und Schinder; sie haben die Häute der Bauern an, der Raub der Armen ist in ihrem Hause; die Tränen der Witwen und Waisen sind das Schmalz auf ihren Gesichtern; sie herrschen frei und ermahnen das Volk zur Knechtschaft. Ihnen gebt ihr 6.000.000 Fl. (Gulden – pb) Abgaben; sie haben dafür die Mühe, euch zu regieren; d.h. sich von euch füttern zu lassen und euch eure Menschen- und Bürgerrechte zu rauben. Sehet, was die Ernte eures Schweißes ist!

Dieser Ton war auf deutsch noch nie gehört worden, und er ist bis heute ein Fanal geblieben. Noch als 1850, 16 Jahre und eine deutsche Revolution später, Georg Büchners Geschwister eine erste Werkausgabe veröffentlichen, kürzen sie den Text und streichen aus Angst vor Zensur und Strafverfolgung alle Bezüge auf ihr Heimatland Hessen, und als ihn über sechzig Jahre später 1896 der hessische Sozialdemokrat Eduard David drucken ließ, brachte ihn das noch immer in ernsthafte Schwierigkeiten.

Bis vor kurzem wurden übrigens trotz allen akademischen Kopfzerbrechens die wenigen überlieferten Exem­plare nie gründlich und vollständig „kollationiert“, also miteinander verglichen; erst der Offenbacher Druckfor­scher Klaus Kroner machte die überraschende Entdeckung, dass es mindestens ein Exemplar gibt (im Münch­ner Staatsarchiv), bei dem die Überschrift „Krieg den Pallästen“ nicht mit einem Ausrufe- , sondern mit einem Fragezeichen endet. Kroner nimmt das zum Anlass für Spekulationen über den Drucker und den Druckort; es könnte aber auch Anlass zu erneuter Diskussion über die Haltung der Revolutionäre bieten; bisher wurde der Fund dahingehend nicht angemessen gewürdigt. Der Doyen der Forschungsstelle Georg Büchner, Burghard Dedner, schrieb mir dazu im November 2013: Nein, wir haben das Münchener Exemplar nicht kollationiert. Und auf die Drucktypen haben wir ebenfalls nicht geachtet. Die Polizei übrigens auch nicht. Viel kann man da­mit wohl auch nicht anfangen, außer man achtet auf einzelne beschädigte Typen.

Der Landbote ist der einzige Text Georg Büchners, von dem wir sicher wissen, dass Fremde deutlich in seine Gestalt eingegriffen haben. Er ist auch der einzige Text, der der tagespolitischen Agitation dient. Ob er selbst, geschweige denn seine späteren literarischen Schriften ein politisches Ziel verfolgten, ist ebenso umstritten wie die Frage, ob und mit welcher Position beispielsweise seines „Danton“ er selbst sich identifizierte. In Len­zens Leben und Sein fühlte er verwandte Seelenzustände, und das Fragment ist halb und halb des Dichters eigenes Portrait schreibt der Bruder Ludwig im Vorwort der Werkausgabe von 1850. Einen vergleichsweise deutlichen zeitgenössischen Hinweis haben wir weder von einer anderen Person noch zu einem anderen Werk Büchners (und Ludwig Büchner wollte seinen Bruder sicher nicht als schizophren diagnostizieren…), und so ist es kein Wunder, dass beispielsweise „Danton“-Aufführungen bis heute deutlich zu verstehen geben, ob die Regie Büchner auf der Seite Dantons oder Saint Justs sieht. Insbesondere die Geschichte der Inszenie­rungen zwischen 1945 und 1989 in den beiden deutschen Staaten macht das deutlich. Die Frage nach Büch­ners politischer Haltung bleibt offen und bietet besonders in der Belletristik über ihn Raum zu je sehr zeit­genössischen Spekulationen.

Auf welcher Seite der Autor der revolutionären Passagen des Landboten 1834 stand, wird allerdings von ihm selbst beantwortet:

Ihr bücktet euch lange Jahre in den Dornäckern der Knechtschaft, dann schwitzt ihr einen Sommer im Weinberge der Freiheit und werdet frei sein bis ins tausendste Glied.

Immer wenn ich Wagner höre, spüre ich den inneren Drang, in Polen einmarschieren zu müssen soll Woody Allen gesagt haben. Immer, wenn ich den „Landboten“ lese, denke ich, dass es Zeit wird, aufzustehen und Nein zu sagen. Das macht Büchners Hessischen Landboten zu „meinem Klassiker“.

Peter Brunner
http://geschwisterbuechner.de/
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#MeinKlassiker (21): Norman Weiss ist für Kabale und Liebe

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Norman Weiss berichtet auf seinem Blog Notizhefte über Bücher, Museen, Ausstellungen, Theaterbesuche und alles sonst, was das Leben bereichert. Eine Kulturwebsite im besten Sinne also. Dass bei ihm die Klassiker in vielerlei Form lebendig sind und gepflegt werden, sieht man an seiner Buchauswahl.
Norman war einer der ersten Blogger, der von sich aus signalisierte, er würde gerne mit einem Beitrag an der Reihe #MeinKlassiker beteiligt sein – was mich sehr gefreut hat. Und als kleiner Wink an alle Mitlesenden: Wer Lust hat und seinen Klassiker vorstellen will, ist herzlich eingeladen.

Die Aktion #MeinKlassiker, die Birgit von Sätze&Schätze erfolgreich ins Leben gerufen hat, ist eine feine Sache mit sehr interessanten Ergebnissen und Auswahlentscheidungen. Ich habe mich für einen Text entschieden, der sich kontinuierlich auf den deutschen Bühnen hält und seinen Status als Klassiker in wechselnden Umgebungen behauptet.

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Mir persönlich bedeutet das Stück sehr viel:

Das 1784 uraufgeführte Stück „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller begleitet mich seit der Oberstufe, damals las ich natürlich zum Vergleich auch die ältere „Emilia Galotti“, aber sie konnte sich nicht gegen Luise Millerin durchsetzen. Im Schultheater war ich alternierend Ferdinand („Du bist blaß, Luise?“) und sein Vater („Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogthum!“), bei Lesungen im Deutschunterricht glänzte ich als Hofmarschall („Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen – es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr – wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte – Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!“) und als Kammerdiener der Lady Milford („Legt’s zu dem Übrigen!“). Das prägt für ein Leben und macht es dem Lessingschen Text heute noch schwer.

So schrieb ich im Januar 2014 in einem Beitrag über Lessings Emilia Galotti.

Schiller, der jugendliche Rebell und Idealist, der studierte Mediziner und Militärarzt, der unbesoldete Professor für Geschichte, Briefpartner und künstlerischer Widerpart Goethes, Zeitschriftenherausgeber, Dramatiker – ihm wird 1792 von der französischen Nationalversammlung das Bürgerrecht der Französischen Republik verliehen, 1802 erhebt ihn der Herzog von Weimar in den Adelsstand. Er stirbt 1805, sechsundvierzig Jahre alt.

„Kabale und Liebe“ wird 1784 in Mannheim uraufgeführt. Es thematisiert Gegenwartsthemen der damaligen Zeit: Hofintrigen, Verschwendungssucht, Mätressenwirtschaft, Gewaltherrschaft und Willkür, Standesschranken. Alles Themen, die für Schiller und seinen Helden Ferdinand ihre Rechtfertigung verloren haben. Der junge Mann, dem die privilegierte Standesposition das Nachdenken ermöglicht und nicht ausgetrieben hat, stellt die Systemfrage und will sich nicht arrangieren. Nicht beruflich, nicht persönlich. Seine Träume sind ohne Realitätsbezug, von übersteigerter Schwärmerei – letztendlich ist er, so wird es sich zeigen, ein Schwächling.

Schiller zeichnet seine Figuren mit dem breiten Pinsel: Hofmarschall von Kalb ist die (bravourös gestaltete) Karikatur des Höflings, den nicht einmal sein Spießgeselle, der Präsident, ernst nimmt. Dieser, eigentlich eine Vorbildfigur des Ançien Regime (er hat studiert, arbeitet rational und methodisch), wird vor allem im Konflikt mit dem Sohn als überholt, als verstockt und unmenschlich gezeichnet und damit insgesamt negativ konnotiert. Lady Milford, die Mätresse des bühnenabwesenden Fürsten, wird pathetisch als stolze Tochter Britanniens mit Resten von Anstand und Moral, die sich unter dem Luxusleben erhalten haben, präsentiert, scheint aber doch dem Untergang geweiht. Luise ist eigentlich eine Nichtgestalt, die meist recht passiv Gerechtigkeit erbittet. Im Gespräch mit der Lady gewinnt sie stärker Kontur. Die Eltern Luises geben Raum für Zeitkolorit und lassen Schiller Kritik üben („Halten zu Gnaden!“). Wurm – der Name sagt eigentlich schon alles – ist Profiteur und Diener der Macht; Luise hat für ihn nur Abscheu übrig.

Politischer Wandel, Rebellentum und Generationenkonflikt lassen das Stück auch nach mehr als zweihundert Jahren aufführungswürdig und zugänglich erscheinen. Doch das Pathos der Schillerschen Sprache ist für manche Leser und Zuschauer ein kaum zu überwindendes Hindernis, wie ich schon oft in Gesprächen gehört habe. Das führt immer häufiger zu einem Stück „nach Schiller“, aber dann kann ich mir auch den Tatort anschauen.

Ein bürgerliches Trauerspiel, so untertitelt Schiller sein Drama, und unterstreicht damit seinen aufklärerischen, weltverändernden Anspruch. Die Gesellschaftsstruktur ist überlebt, von innen faul und reif für ihre Ablösung. Sie soll freilich durch edle Geister, so wie Ferdinand sich sieht, menschenfreundlich reformiert werden. Konkreter wird es nicht, gefährlich genug war der Text in den Augen der Zeitgenossen bereits.

Neben den politischen Aspekten des Wandels thematisiert Schiller aber auch den Generationenkonflikt und ergreift eindeutig Partei für die Jungen. Die alten Männer sind entweder schlecht (Präsident), lächerlich (Kalb) oder zwar gut, aber von gestern (Miller), die Mutter Luises ohne Überblick, die nicht mehr ganz junge Lady Milford ist nicht eindeutig eine Verworfene, sondern die Umstände wecken ihr lange verschüttetes Ehrgefühl und Gerechtigkeitsempfinden.

Das Gespräch der Lady mit dem Kammerdiener des Fürsten in der zweiten Szene des zweiten Aktes, in dem es um den Handel mit Soldaten an den König von England geht, der sie in Amerika gegen die Aufständischen einsetzt, ist kurz, aber immer wieder eindringlich. Schiller thematisiert in zugespitzter Form Vorkommnisse, die damals hoch umstritten, aber nicht unüblich waren: Am 15. Januar 1776 hatte Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel  mit seinem Schwager König Georg III. von England sogenannte Subsidienverträge geschlossen und sich verpflichtet, ihm etwa 12.000 Mann zu überlassen. Dabei handelte es sich jedenfalls nicht ausschließlich oder überwiegend um Zwangsrekrutierungen. Schiller nutzt die Darstellung, um die absolutistische Herrschaft des Fürsten besonders deutlich zu machen. Er erfaßt damit eigentlich sehr gut, was Reinhart Koselleck wie folgt formuliert:

„Der Staat hatte sich gewandelt; er wurde korrupt: aber nur, weil er absolutistisch blieb. Das absolutistische System, die Ausgangssituation der bürgerlichen Aufklärung, blieb erhalten bis zum Ausbruch der Revolution: es bildet die eine Konstante unserer Untersuchung. An ihr wird sukzessiv und in verschiedenen Beispielen die politische Entfaltung der Aufklärung gemessen. Die Aufklärung entwickelte ein Eigengefälle, das schließlich zu den politischen Bedingungen selber gehörte. Der Absolutismus bedingt die Genese der Aufklärung; die Aufklärung bedingt die Genese der Französischen Revolution.“(Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, 1959, Diss.Heidelberg 1954, Taschenbuchausgabe 1973, S. 4f.)

Die schwach konstruierte Intrige – Ferdinand soll Luise abspenstig gemacht werden – gelingt, weil der Mann eifersüchtig und eitel ist. Luise, die unter Zwang und aus Angst um Vater und Mutter einen Liebesbrief an den Hofmarschall schreibt, erscheint ihm als lasterhafte Schlange und Metze. Verblendet wie er ist, erkennt er ihre Liebe nicht.

Am Ende sterben Luise und Ferdinand an vergifteter Limonade, der Präsident wird nach Ferdinands Anklage abgeführt und letztendlich wird sich nur der Fürst noch einmal über die Runden retten können, sich aber eine neue Mätresse suchen müssen.

Norman Weiss
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#MeinKlassiker (20): Für Claudia Pütz waren Lessing und Nathan der Weise eine Offenbarung

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Bei Claudia Pütz sagt der Untertitel des Blogs „Das graue Sofa“, was Programm ist: Das Lesen zeitgenössischer Literatur. Aber Claudia liest durchaus „anders“: Überwiegend Bücher, die politisch relevante oder gesellschaftlich wichtige Fragen aufgreifen, Literatur, die einen Blick auf unsere Welt wirft und zu Diskussionen anregt. Dafür schätze ich „Das graue Sofa“ sehr – einfach ein sehr besonderes, anspruchsvolles und kluges Möbelstück in unserer Buchblogger-WG. Und ich war äußerst gespannt darauf, welchen Klassiker Claudia wählen würde. Klar war mir nur eins: Es wäre sicher ein Werk, dass uns auch heute noch viel über menschliches Miteinander und gesellschaftliche Bedingungen zu sagen hätte. Und wieder einmal hat Claudia mit ihrer Wahl alle meine Wünsche erfüllt:

Immer wieder ist zu lesen, dass es Bücher gebe, deren Inhalt den Leser so beeindrucke, dass er nach der Lektüre ein ganz „anderer Mensch“ sei. Das ist ein sehr hoher Anspruch an Literatur und so ist ja schon eine besondere Wirkung, wenn die Lektüre eines Buches dem Leser einen neuen, anderen Blick auf die Welt gewährt, wenn sie einen Zipfel des Vorhangs zur Erkenntnis ein Stückchen hochgehoben hat.

Viele Romane oder Dramen mit einer solchen Wirkung kann ich gar nicht benennen und neuere, aktuelle Werke sind kaum dabei. Aber das allererste Mal, dass ich wusste, dass ich etwas ganz Besonderes gelesen habe, dass da ein Inhalt ist, der mich ganz besonders bewegt und ein neues Stück Welt aufschließt, das war bei G. E. Lessings „Nathan der Weise“. Im Deutschkurs habe ich „Nathan“ lesen müssen, und ein Müssen war es zunächst tatsächlich, so wie das ja häufig ist bei Schullektüren. Abgehärtet von der Sprache „Macbeths“ hat mich wohl weder der Blankvers noch die altertümliche Sprache irritiert. Und vielleicht habe ich beim ersten Lesen auch noch gar nicht ermessen können, wie sehr ich noch beeindruckt sein werde. Aber ein Unterricht, in dem wir den einschlägigen Auszug aus Kants „Was ist Aufklärung“ gelesen haben, ein Unterricht, von dem ich meine, mich noch genau erinnern zu können, wie das Tafelbild zur Ringparabel aussah, hat mich in Spannung und Aufregung versetzt. Hier habe ich etwas erfahren, dass mich zutiefst beeindruckt und sicherlich ganz besonders geprägt hat.

Aufgewachsen in den 1960er und 70er Jahren in einer eher konservativ-spießbürgerlichen Familie, die mit Büchern und Bildung nicht viel zu tun hatte, als Mädchen außerdem, dem nicht gar so viel zugetraut wurde, ist mir der Begriff der Aufklärung vorgekommen, wie eine Offenbarung. Da forderte Kant doch tatsächlich dazu auf, sich „des eigenen Verstandes zu bedienen“, unabhängig von den „Vormündern, die die Oberaufsicht […] gütigst auf sich genommen haben.“ Da hat es also von Jahrhunderten eine Zeit gegeben, in der die Idee entstand, dass jeder Mensch für sich selbst Entscheidungen treffen sollte, ja musste, dass es kein Problem darstellte, bei solchen Entscheidungen auch mal zu stürzen, „denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich auch gehen lernen.“

Wie die Gedanken der Aufklärung aus der philosophischen Theorie zumindest in der Literatur lebendig werden können, davon erzählt Lessings „Nathan der Weise“. Die Geschichte spielt zur Zeit des dritten Kreuzzugs um 1192 in Jerusalem. Dort hat der muslimische Herrscher Jerusalems, Sultan Saladin, einen gefangen genommenen Tempelritter begnadet. Das allein ist schon ungewöhnlich, genauso ungewöhnlich sind aber auch seine Beweggründe, denn es wird erzählt, der Tempelritter sehe seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich. Nun irrt der Tempelritter durch Jerusalem, immerhin ein Soldat der feindlichen Armee. Aber eben auch ein Ritter mit Tugend und Ehre, der aus einem brennenden Haus eine junge Frau, Recha, rettet. Einen Dank ihrer Hauswirtschafterin, später auch des Vaters, lehnt er ab, von Juden will er weder Dank noch Geld. Der Vater der jungen Frau ist Nathan, ein Kaufmann, der erst nach dem Brand von einer Geschäftsreise zurückkehrt. Er ist reich, aber, vielleicht durch seine Reisen bis nach Babylon, auch weltoffen und tolerant, sodass seine Nachbarn ihn als den Weisen bezeichnen. Von Reichtum und Weisheit wiederum hat auch Sittah gehört, die Schwester des Sultans, die nach Finanzquellen für den teuren Krieg gegen die Kreuzritter sinnt, und den Bruder nun überredet, es sich – wie auch immer – von Nathan zu holen.

Das also sind die Konfliktlagen zu Beginn des Dramas. Die Handlung, immer wieder weiter getrieben von Liebe, von Intrigen und befeuert durch die Religionskonflikte, könnte schnell in ein GZSZ-Dramolett abrutschen, wenn nicht Nathan immer wieder durch seine besonnene Art und besondere Gesprächsführung für Erkenntnis und Aufklärung sorgen könnte: Die Engelschwärmerei Rechas kann er auflösen, indem er Recha vor Augen führt, welche Folgen Schwärmerei haben kann, wenn sie dazu führt zu übersehen, dass es ein Mensch ist, der vielleicht Hilfe braucht. Den Vorurteilen des Tempelherrn kann er begegnen, indem er sich als dankbarer und freundlicher Mensch erweist, der sich auch durch dessen abweisend-barsche Haltung nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und dem Sultan, der ihn durch die Frage, welche denn die richtige Religion sei, in die (finanzielle) Falle locken möchte, erzählt er die alte Geschichte von einem Vater, seinen drei Söhnen und dem einen Ring. Aus dem lässt der Vater zwei Duplikate fertigen, weil er doch alle gleich liebt, und bedenkt nicht die Erbstreitereien, die zuverlässig nach seinem Tod beginnen, denn einer unter den Brüdern muss doch wohl den richtigen, den echten Ring haben. So ziehen sie, wie im wahren Leben, vor Gericht.

Es sind die Figuren des Dramas, ihre Vorurteile, ihre Interessen, ihr Ringen um die richtige Entscheidung, die das Drama bis heute spannend und aktuell machen: Sultan Saladin und Sittah, die drauf und dran sind, ihre Macht um eines Vorteils willen zu missbrauchen; Daja, die christliche Amme Rechas, die, vom letzten Kreuzzug nach Palästina gespült, endlich wieder zurück nach Europa möchte und dies nur durch Ränke erreichen kann; der Tempelherr, bei seinem Onkel, auch einem Kreuzritter, aufgewachsen und zum Ritter erzogen, der nun mit Nathans Toleranzideen konfrontiert wird und immer wieder zurückfällt in alte Verhaltensmuster; der Patriarch der Stadt, der Fundamentalist, der fordert, „der Jude“ müsse verbrannt werden, weil er ein vermeintlich christliches Mädchen adoptiert und nun ganz ohne Religion hat aufwachsen lassen.

Nathan setzt dem allen eine ganz andere Sichtweise entgegen: Seiner Tochter erklärt er, dass die religiöse Schwärmerei dazu führen kann, dass einem Menschen aus Fleisch und Blut die notwendige Hilfe verweigert wird:

„Begreifst du aber, /Wie viel andächtig schwärmen leichter, als / Gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch / Andächtig schwärmt, um nur, – ist er zuzeiten / Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst – Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

Hier wird schon die Auffassung deutlich, dass jeder eine Verantwortung trägt für sich und seine Mitwelt, dass es eben gerade nicht reicht, eine Religion nur zu denken, nicht aber ihre Ideen auch im tatsächlichen Handeln zu leben. In diesem Sinne löst Nathan auch die Frage nach der einen richtigen Religion, die der Sultan ihm gestellt hat: Jede Religion „eifere“ darum, so lässt er den Richter zu den drei Brüdern sprechen, ihre Vorstellungen und Glaubenssätze so positiv nach außen zu leben, dass sie in den Augen der Betrachter „angenehm werde“. Auch hier verlangt Nathan also, dass ein jeder zunächst gut handle, um sich so ein gutes Ansehen „zu erwerben“. Indem dies in einem Prozess des Wetteiferns geschehen soll, verlangt Nathan nicht, sich einander anzugleichen, sondern erkennt die Unterschiedlichkeit der Religionen durchaus an.

Wir wären weiter in unserer Welt, wenn diese Ideen der Aufklärung gerade im Moment nicht so in Vergessenheit gerieten. Respekt und Toleranz, die Wertschätzung des Gegenübers, noch dazu, wenn er ein irgendwie „Anderer“ ist, eine Kommunikation miteinander, ein Austausch von Argumenten und ein Ringen um Verständnis – das alles sind Werte, die, so scheint es gerade, in unserer gesellschaftlichen Debatte mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Gehört und – fanatisch – bejubelt werden die, die laut sind, die Tabus brechen, die alles und jeden diffamieren, die pauschalieren und Respektlosigkeit als normalen Umgangston sehen. Dass wir es auch anders können, dass es möglich ist, den Menschen zu sehen bevor wir seine Herkunft oder Religion sehen, sein Geschlecht oder sein Lebenskonzept bewerten und ihn so vor-verurteilen, dass jeder – andererseits – auch die Aufgabe und Verantwortung hat, seine gute Seite zu zeigen, das können wir in Lessings „Nathan“ immer wieder nachlesen.

Heute, da ich selbst Lehrerin bin und in dieser Rolle die Schülerinnen und Schüler immer wieder mit Romanen und Dramen konfrontiere, die sie sich selbst nie ausgesucht hätten, wünsche mir, dass auch in meinem Unterricht der eine oder die andere von Lessings „Nathan“ so fasziniert wird wie ich damals. Dass sich hoffentlich auch für sie der Vorhang der Erkenntnis ein Stückchen gehoben hat. Und dass sie dabei mithelfen, denjenigen, die den Humanismus immer mehr vergessen, etwas entgegenzuhalten.

Auch Lessing wusste schon darum, dass eine Kommunikation mit Fundamentalisten kaum möglich ist: Nathan und der Patriarch treffen in dem Drama kein einziges Mal aufeinander.

Claudia Pütz
https://dasgrauesofa.com/


#MeinKlassiker (19): Manhattan Transfer – eine Komposition der Großstadt

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Hinter dem Blog „Feiner reiner Buchstoff“ stecken mehrere Autoren – was für eine interessante Mischung in der Buchauswahl sorgt. Ich finde hier immer wieder schöne Leseanregungen. Mit Brigitte, kurz Bri, eine „der üblichen Verdächtigen“, verbindet mich ein intensiverer Austausch, da wir beide eine Neigung zur amerikanischen Literatur und eine fast schon schwärmerische Verehrung für den großen Gatsby hegen … eigentlich habe ich auch mit diesem für den Klassiker gerechnet, aber lest selbst, was Bri dazu zu sagen hat:

Mehrfach haben wir es bereits auf unterschiedlichen Literaturblogs oder anderen Plätzen im weiten WorldWideWeb angesprochen: die Omnipräsenz der rasch aufeinander folgenden und sich abwechselnden Novitäten der verschiedensten Verlagshäuser. Und das damit einhergehende Verwaisen der sogenannten Backlist – die in manchen Verlagen leider immer kürzer wird. Bücher, die aufgrund ihrer inhaltlichen Thematik oder zur Zeit ihres Erscheinens neue konzeptionelle Möglichkeiten eröffneten, sind meiner Meinung nach wichtige Grundpfeiler für den weiteren Bau der literarischen Kathedrale und deshalb lieferbar zu halten.

Aus diesem Grund habe ich mich erstens sehr gefreut, als Birgit von Sätze&Schätze fragte, ob ich einen Klassiker zu ihrer Reihe #meinKlassiker beitragen möchte und zweitens sofort ja gesagt. Obwohl sie mir vorschlug, meine Bibel Den großen Gatsby vorzustellen, habe ich mich für ein anderes Buch entschieden, das #meinKlassiker sein sollte: Manhattan Transfer von John Dos Passos. Weshalb? Mal sehen …

Manhattan Transfer erschien 1925 und was Dos Passos in diesem großartigen Werk geschaffen hat, gab es vorher nicht. Er komponierte die Klänge der Großstadt – in diesem Fall New York – so geschickt zu einem Text, dass die Vielstimmigkeit der individuellen Leben während der Lektüre hörbar wird. In keinem der von Manhattan Transfer inspirierten nachfolgenden Romane (zum Beispiel Döblins Berlin Alexanderplatz) spüre ich das Leben, die Zeit, die Umstände so intensiv, fühle mich nirgends so eingebunden in eine lang vergangene Zeit wie in diesem.

Wir nähern uns dem Geschehen von Staten Island – mit Blick auf die Fähren, die tagtäglich Unmengen von Menschen transportieren, die über den titelgebenden Umsteigebahnhof in alle Richtungen in New York ausgespuckt werden – hauptsächlich aber in Manhattan verweilen. Insgesamt begleiten wir das Leben dort über ca. 30 Jahre – einsetzend vor dem 1. Weltkrieg – diese Zeit bildet den Rahmen für eine tatsächlich erzählte Zeit von ca. 5 Jahren, die nicht intensiver sein könnten.

sdc13521Fast atemlos folgte ich bereits bei der ersten Lektüre den Lebenswegen derer, die sich eine erfolgreiche Jagd nach Glück, Macht oder einfach nur etwas Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, ersehnten und doch so oft strauchelten. Dem Rhythmus der Großstadt, der sich von dem heutiger Metropolen erstaunlich wenig unterscheidet, kann ich mich nicht entziehen.  Wie aus den Augenwinkeln nehme ich dabei über die collageartig eingeführten Schlagzeilen, Schlagertexte oder den Klang des gesprochenen Slangs meine Umgebung war. Sie stürmt geradezu unabwehrbar auf mich ein. Eine unglaublich intensive Authentizität umgibt mich in der Lektüre. Würde ich mich dem entziehen wollen, ich könnte es nicht. Denn was den Roman auch über 90 Jahre nach seiner Veröffentlichung ausmacht, ist seine Ehrlichkeit, seine Dringlichkeit, die so zeitlos ist und ihn deshalb so modern hält. Auf fast erschreckende Weise zeigt er auf, dass sich unsere Lebenswirklichkeit in diesen letzten fast 100 Jahren kaum verändert hat. Immer noch sind die meisten von uns auf der Jagd, immer noch fühlen sich viele von den Möglichkeiten der Metropolen angezogen und immer noch bleiben zu viele auf der Strecke, werden nicht mitgenommen von denen, die es könnten.

Dos Passos ist für mich einer der besten, schärfsten Beobachter, auf der Höhe seiner Zeit, mit Weitblick, der durch Reisen gewann, mit Anspruch auf die Spiegelung der Wirklichkeit, ohne zu beschönigen. Die einzelnen Episoden, aus denen er einen Roman erschaffen hat, verzahnt er mühelos miteinander und unterstreicht so ihre Gleichzeitigkeit. Komplexität und Opulenz ohne chaotische Verwirrung oder lose Stränge sind das Ergebnis. Das ist Kunst und die kommt bekanntlich  von Können – nicht von Wollen.

Jede erneute Lektüre lässt mich ob der Reichhaltigkeit dieses Kaleidoskops staunend zurück – und wenn das kein Grund dafür ist, Manhattan Transfer zu meinem Klassiker zu machen, dann weiß ich auch nicht.

Am Ende des Romans, der seit diesem Jahr nicht nur in einer zerlesenen Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1982, sondern auch in einer wunderbaren Neuübersetzung, die nicht durch gewagte zeitgeistige Wortwahl, sondern durch geschmeidigen Lesefluss überzeugt, in meinem Regal steht, verlasse in den Moloch Großstadt, wie ich gekommen bin: mit der Fähre. Die Vielstimmigkeit verliert sich in Stille, ich lasse sie hinter mir, zumindest für kurze Zeit und sicher nicht zum letzten Mal.

Brigitte von Freyberg
https://feinerbuchstoff.wordpress.com/

#MeinKlassiker (18): Mit der Glasglocke fand Jana Issel Zugang zu Klassikern

Auf ihrem Blog „Wissenstagebuch“ bietet Jana Issel „eine Gabel für die Suppe der Weisheit“. Ich bin erst vor kurzem auf ihren Blog gestoßen und löffle seither die Suppe gerne mit: Jana schreibt über die Lektüren, die ihr begegnen – nicht an Neuerscheinungen orientiert, nicht am Mainstream. Mir macht es viel Freude, im Wissenstagebuch zu blättern – ich stoße da auf viele mir unbekannte Bücher, aber auch auf Besprechungen, die mich an Gelesenes erinnern und Lust machen, wieder mal in den Tiefen des eigenen Regals zu stöbern. Für die Reihe #MeinKlassiker hat sich Jana Issel ein Roman herausgepickt, der seit seinem Erscheinen seine Leser intensiv zu berühren vermag:

„Die Glasglocke“ las ich zum ersten Mal im Alter von neunzehn Jahren. Genauso alt wie die Protagonistin, wenn auch bedeutend weniger verzweifelt. Immer wieder war mir der Titel begegnet: In vielen Filmen und Serien liest die junge nachdenkliche Frau Sylvia Plaths einzigen Roman. Ich meine, ihn sogar einmal in der Hand von Lisa Simpson gesehen zu haben.

Jung, vermeintlich nachdenklich und sowieso schon hoffnungslos an das Lesen verloren – da kam „Die Glasglocke“ genau richtig. Einige Zeit zuvor hatte ich Salingers „Der Fänger im Roggen“ gelesen und konnte nicht umhin, Parallelen zu entdecken. „Die Glasglocke“ aus weiblicher Perspektive hat mir damals mehr zugesagt, beide Bücher fand ich aber großartig. Sylvia Plaths Roman um die junge, schriftstellerisch ambitionierte Esther Greenwood, die mit den strengen Konventionen der US-amerikanischen 50er kämpft und dabei in einem Strudel aus Depressionen versinkt, hat mich fasziniert. Er hat mich zum ersten Mal dazu veranlasst, dem Leben eines Autors nachzuforschen. Im Anschluss an die Lektüre besorgte ich mir eine Plath-Biographie und verfolge noch heute jede Nachricht, die nach dem Suizid der Autorin durch die Medien geistert, mit Interesse.

Das Buch hat mich auch leichter Zugang zu anderen Klassikern finden lassen. Nachdem ich Dostojewskis „Schuld und Sühne“ einige Jahre zuvor mehr resignierend zur Kenntnis genommen als genossen hatte, zeigte mir Plaths Roman, dass „Klassiker“ sich, genauso wie andere Bücher auch, durchaus unterscheiden, einige tatsächlich schwierig zu lesen sind, herausfordernd, andere wiederum seichter, entspannter. „Die Glasglocke“ hat da das Tor zur Klassikerwelt endgültig aufgestoßen und gezeigt, dass hier eine Auswahl nach persönlichem Geschmack und auch Lebensalter nicht schaden kann. Ein guter Einstieg also.

Der Roman selbst lässt den Leser nicht kalt. Man will Esther Greenwood manchmal schütteln, manchmal in den Arm nehmen. Ihr sagen, sie solle nicht so hysterisch sein, ihr aber auch Zuspruch geben und die gesellschaftlichen Normen, in denen sie feststeckt, die sie einengen, sie einzig und allein in die Küche zu verbannen versuchen, verdammen. Einiges kann man nachvollziehen, einiges erlebt man als Mädchen vielleicht gar selbst, wenn auch in abgeschwächter Form. Der autobiographische Einschlag der „Glasglocke“ ist unverkennbar und beide – das Schicksal Plaths als auch das ihrer Figur Esther – haben mich berührt. Die Protagonistin hat in jedem Fall einen Sympathiebonus: Was kommt besser an beim bibliophilen Leser als jemand, der um jeden Preis schreiben will?

Gerhard Emmer hat in seinem Beitrag zum Kuckucksnest hinsichtlich Salingers „Fänger im Roggen“ angemerkt, das Buch funktioniere nur in der Adoleszenz. Ob das auf „Die Glasglocke“ ebenfalls zutrifft, ist vermutlich eine Geschmacksfrage des der Adoleszenz entwachsenen Lesers. Esther Greenwoods Gefühlswelt mag auf den erwachsenen Leser tatsächlich übertrieben emotional wirken, ja geradezu von einem zu Tode betrübten Grundton geprägt sein. Vielleicht möchte man ihr sagen: Mädchen, warte ab, das wächst sich raus. Dementgegen steht, wie ich finde, die Lebensgeschichte der Autorin selbst, die man nicht umhin kommt, in Betracht zu ziehen. Das wächst sich eben nicht raus, sondern kann, wie in Plaths Fall, gar tragisch enden. Ob die Geschichte auch in der Hand eines erwachsenen Mannes wirkt, nun, da heißt es wohl, Erfahrungsberichte abzuwarten.

Seit meiner eigenen Lektüre habe ich das Buch unzählige Male empfohlen und einmal – passender- vielleicht auch unpassenderweise – zu einem neunzehnten Geburtstag verschenkt. Ich wünsche ihm noch viele junge und alte Leser jeden Geschlechts.

Jana Issel
https://wissenstagebuch.wordpress.com/


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#MeinKlassiker (17): Marc Richter präsentiert mit Stephen King einen ungewöhnlichen Gast

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Bild von gmill auf Pixabay

Marc Richter vom Blog „Lesen macht glücklich“ ist immer für eine Überraschung gut. So zog er auch bei #VerschämteLektüren keinen unterirdischen Kitschroman, keine Schmonzette oder ein gar seltsames Kinder- oder Jugendbuch aus dem Hut, sondern überrumpelte uns mit Günter Grass. Und auch bei #MeinKlassiker geht Marc andere Wege, als erwartet – lest hier, womit er uns diesmal glücklich macht:

Birgit von „Sätze und Schätze“ hat wieder aufgerufen zu einem Thema zu schreiben. Diesmal geht es um Klassiker und ganz speziell um DEN Klassiker, der im eigenen Bücherkanon als solcher verortet ist. Da mich die Texte zu diesem Thema bisher sehr interessierten und ich auch sonst bei den Aktionen, die Birgit startet, gerne mitmache, steuere auch ich zu dieser Rubrik etwas bei. Aber ganz nach meinem Credo: Werfe alles über den Haufen, was unter der Definition Klassiker läuft und wie diese Rubrik aufzufassen ist, werde ich in diesem Text ein Buch in den Vordergrund rücken, welches in der jüngeren Vergangenheit erschienen ist, keinen politischen, keinen zeitgenössischen oder überhaupt einen Hintergrund aufzuweisen hat, der ernsthafter Literatur zu eigen ist. Es ist einfach eine Geschichte, die sich um das Überleben der Menschheit dreht und die mich so in ihren Bann gezogen hat, dass diese Geschichte für immer in meinem Kopf festzementiert sein wird. Er ist der Autor, bei dem immer wieder der Streit ausbricht, ob das überhaupt ernstzunehmendes Schreiben ist, welches er betreibt. Ich finde, es ist ernst zu nehmen und wer diesen Autor unterschätzt, macht etwas verkehrt. Es geht um Stephen King und das Buch, welches ich in dieser Reihe als ungewöhnlichen Gast sehe, ist „The Stand – Das letzte Gefecht“.

14, ein Alter, in dem die meisten Menschen schon den einen oder anderen Klassiker unter der Jugendliteratur gelesen haben. Ich dagegen habe Jules Verne links liegen gelassen, Karl Mays Winnetou verstaubte in meinem Regal und vom Räuber Hotzenplotz hatte ich nur mal so im Entfernten etwas gehört. Wer jetzt meint, ich hätte bücherseitig gesehen eine arme Jugend beziehungsweise Kindheit gehabt, der irrt (kleine Anmerkung: Ich hole jetzt alles über meine eigenen Kinder nach!). Es hat mich zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht interessiert. Ich habe Bücher aus dem seichten Fantasybereich gelesen und diese dann auch gerne mehrmals.

Ein erstes Mal lief mir Stephen King mit seinem Buch „Es“ vor die Augen. Alle sprachen darüber. Über den wohligen Grusel, den die Geschichte um den Clown Pennywise auslöste. Ich fand keinen Zugang zu diesem Werk und hatte mit Stephen King in dem Moment eigentlich schon abgeschlossen. Zu umfangreich, zu langatmig, zu detaillierte Beschreibungen. Das sind alles Faktoren, die mich damals störten und die ich heute an seinem Schreiben so schätze. Dann, im schon angesprochenen Alter, war ich mit meinen Eltern in Stuttgart (schon komisch, wie sich bei speziellen Büchern einbrennt, WO man sie gekauft hat und in welchem Zusammenhang) und da in einer dieser riesigen Einkaufstempel unterwegs. Dort lachte mich in schmutzigem Gelb die ungekürzte Ausgabe des Buches „The Stand“ an. Ich schaute mir an, um was es in dieser Geschichte geht und war Feuer und Flamme, es mit Herrn King noch einmal zu probieren. Der erste Anlauf ging in die Hose, denn nach faszinierend temporeichen Start ging es wieder in die schon beschworene Langatmigkeit und Vielbeschreiberei über, die mich wieder einmal unendlich langweilte. Das Buch wurde beiseitegelegt und fast vergessen, bis zu einem erneuten Leseanlauf. Und diesmal klappte es, ich überwand mich, nahm mir stückchenweiße diesen dicken Brocken vor (auf Deutsch zirka 1200 Seiten) und las ihn innerhalb von zwei Wochen aus.

Doch was macht das Buch nun in meinen Augen zu einem der modernen Klassiker der Weltliteratur? Und warum ausgerechnet dieses Buch und nicht das um einiges öfter genannte „Es“? Zum einen, weil es hier um den uralten Kampf von Gut gegen Böse geht. Eigentlich der klassischste aller Konflikte. Auf jeder dieser zwei Seiten sammeln sich Personen, um einem großen Wortführer zu folgen, die ihre Armeen in die letzte Schlacht um die Menschheit schicken werden. Entweder geht die Menschheit dabei vollends vor die Hunde oder die Menschlichkeit wird bewahrt. Das, was heute in Endzeitfilmen oder Serien wie zum Beispiel „The Walking Dead“ bis ins Kleinste durchzelebriert wird, erschafft King in einem einzigen Buch. Man mag einwenden, dass es sprachlich nichts zu bieten hätte oder einfach zu viele Wörter für so wenig Inhalt verwendet werden. Doch das stimmt in diesem speziellen Fall nicht, denn King versteht es, ein komplexes Ensemble zusammenzuhalten und diesen Figuren mit einer bildlichen, umfangreichen Sprache Tiefe zu verleihen. Und das ist der zweite Grund, warum „The Stand“ für mich neben all den zeitgenössischen Büchern ein moderner Klassiker der Literatur ist. Man kann sich mit den einzelnen Persönlichkeiten auf die eine oder andere Art identifizieren, kann ihre Handlungen unter den gegebenen Umständen nachvollziehen, bringt ihnen entweder Sympathie oder wünscht ihnen die Pest an den Hals. Außerdem ist es auch noch spannend geschrieben und beschreibt ein ungewöhnliches Szenario so, dass man es sich jederzeit auch in der Wirklichkeit vorstellen könnte.

Insgesamt war dieses Buch ein Wegweiser für mich, denn ich bin mit diesem Werk den komplexen, dicken Büchern verfallen und hatte lange Zeit ein Misstrauen gegenüber den Geschichten, die weniger als 400 Seiten brauchten, um etwas zu erzählen. Stephen King im Speziellen habe ich somit zu einem Zeitpunkt in mein Leben gelassen, in dem andere schon lange wieder aufgegeben haben, diesem Autor die Stange zu halten. Ein Fehler, wie sich aktuell zeigt, denn sein Alterswerk strotzt nur so vor ungewöhnlich guten Werken und ich finde, er wird im Alter sogar besser und sollte in einem Atemzug mit anderen großen amerikanischen Autoren genannt werden. Nicht nur, weil er ein Werk in erstaunlicher Zahl vorzuweisen hat, sondern, weil er auch gut schreiben kann.

P.S.: M-O-N-D

Marc Richter
https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/


#MeinKlassiker (16): Florian L. Arnold reist in die Gelehrtenrepublik

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Bild von Achim Scholty auf Pixabay

Florian L. Arnold ist ein Multitalent. Zu seinen Fähigkeiten gehören: Zeichnung & Illustration, Satire, Schriftstellerei, Selbstausbeutung, fruchtloses Jammern und Ignorieren der herrschenden Verhältnisse.
Wer nun meint, ich stellte meinen Gastautoren etwas gröblich vor – Florian charakterisiert sich so auf seiner Homepage selbst: http://www.florianarnold.de/
Ich kenne ihn nicht fruchtlos jammernd, sondern äußerst anpackend: Unter anderem als Initiator der Literaturwoche Donau und neuerdings als Verleger gemeinsam mit Rasmus Schöll. Ihrem Verlag „Topalian & Milani“ habe ich – ich schrieb bereits davon – mein schönstes Buch des Jahres zu verdanken. Seinen Roman „Die Ferne“ habe ich in diesem Jahr mit Genuss gelesen – und war daher auch sehr gespannt auf seinen Klassiker:

„Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“
Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist „Mein Klassiker“

Mit 19 oder 20 las ich „Die Gelehrtenrepublik“ das erste Mal und  durchstieß die an der Oberfläche des Romans schillernden Gewebe von  Ironie und Kritik nicht, hatte auch noch zu wenig Sinn für die  sprachlichen Delikatessen, die der Autor so großzügig in seinen Texten  ausbreitet. Dennoch: das Buch ließ nicht los, wollte wieder gelesen und  verstanden werden.
Das neuerliche Lesen einige Jahre später entflammte eine Liebe zum Schmidtschen Kosmos, die mit jedem Jahr weiter wächst und mich unterdessen seine Bücher genießen läßt wie einer, der verdurstend eine Wüste durchwandert, sich an den ersten Schlucken Wasser nach der Tortur erfrischt. Warum, geht es mir bei jedem Satz des Meisters herum, findet sich heute kein solcher Schmidt mehr, der so virtuos mit Stoffen und Sprache zu spielen versteht?

Mag sein: Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“ ist keine „aktuelle“ Literatur, aber ihre Darstellung eines historischen Konflikts ist in diesen Tagen, da sich die Großmächte angiften wie zuletzt vor 40 Jahren, sehr eindrücklich und zeigt, daß Konflikte, die wir überwunden glaubten, jederzeit wieder aufbrechen können. Schmidts Roman aus den 50er Jahren ist, bei aller Zuspitzung auf den historischen Konflikt von Ostblock und Westen, heute wieder sehr passend. Seine abstrahierende, zugleich durch Humor, Skurrilität und Satire gewürzte Erzählung appelliert an das zeitlose Vernunftideal der Aufklärung. Zugleich wird deutlich, wie pessimistisch Schmidt die menschliche Entwicklung sieht. „Die Gelehrtenrepublik“ ist mit ihren Verweisen in die Vergangenheit ein wichtiges und künstlerisch hochrangiges Stück Literatur, das sich unverändert als dystopische Vision einer (unverändert: nahen) Zukunft liest.

Nach einem nicht näher beschriebenen Atomkrieg haben sich die Gräben zwischen den Systemen der USA und der Sowjetunion tiefer aufgetan als zuvor. Europa ist Geschichte, zerteilt durch Kleinkonflikte und Verseuchung. Die USA sind weitgehend unbewohnbar geworden, in unzugänglichen Korridoren hausen Kreuzungen von Mensch und Tier und der Mond – nun Müllhaufen der geschieterten Menschheit – ist von einem roten Fleck entweiht, der, ähnlich dem „Roten Fleck“ auf dem Jupiter, als  Sinnbild einer zerstörerischen und unbegreiflichen Macht zu verstehen ist: „In den Krater Wargentin, im Süden, hatten beide Staaten, USA und UDSSR, angeblich ihr ‚gesamtes spaltbares Material’ geschossen… Das Ergebnis war ein rechter Halemaumau in jener Wallebene gewesen, auch bei Neumond sichtbar (…), dabei konnte sich jedes Kind am Arsch abklavieren, daß man die Versuchsexplosionen bloß in den interplanetarischen Raum  verlegt hatte (..)“.

Schmidts sprachliche Kraft muß kaum noch einmal betont werden. Mit jedem Satz erschafft er Welten. In lakonischen Einschüben und seinen in die mitunter ungeheuerliche seelische Untiefen eröffnenden Dialoge einprasselnden Satzzeichen stecken meisterliche Andeutungswelten. Einmal mehr, wie in fast all seinen Werken, ist die Natur die einzige Macht, der alles sich beugen muß. Verheert, pervertiert und doch in  ihrer Mächtigkeit ungebrochen gebiert sie neues Leben – Mutationen, denen sich der Ich-Erzähler annähert, die er zuletzt sogar als „menschlicher“ begreift als die verbliebene Menschheit selbst. Die sich, eine dieser hellsichtig-ironischen Analysen Schmidts, unbelehrbar weiter allein um sich selbst dreht.

Dies der Rahmen für den eigentlichen Witz, die Insel, irgendwie zusammengebaut aus allen Trauminseln der gesammelten Literatur, angefangen bei Schnabels „Felsenburg“, die Schmidt so sehr schätzte, bis  hin zu Gullivers fliegenden Inseln, die ja auch schon Sinnbild eines Eskapismus waren. Schmidts Trauminsel ist aus Metall, ist riesig,  verkommen, heißt IRAS („International Republic for Artists and  Scientists“). Man höre: Nicht die Politiker, die Reichen und die vermutet Wichtigen retten sich in Schmidts Utopie, sondern die Wissenschaftler, die Künstler, die Musen! IRAS ist der durchorganisierte Hort der Restvernunft, und bildet doch mit feiner Schmidt’scher Ironie die ganze Unvernunft des Menschen ab. Es gibt „Zonen“, es gibt  Überwachung, Mißtrauen, Soldaten, Ränke und Intrigen. Keiner könnte das in so wenigen wohlgesetzten Worten so geistreich zwischen deftiger  Satire, zarter Traurigkeit und visionärem Ausblick schweben lassen wie  Schmidt. IRAS ist ein einziges Scheitern, orientierungslos dahinschwimmend: „Wir drehen uns! : Auf der Stelle?“

Die Hauptfigur, ein Mann namens Winer, so viel sei verraten, bricht Tabus, und nicht wenige davon. Zentaurenstämme, Spinnenkolonien und Schmetterlingsmenschen, allesamt Mutationen, entstanden in der Folge des Atomaren Krieges, finden seine Sympathie. Das ist in dieser bizarren neuen Welt verwerflich. Aber er übertritt alle Gebote, als er sich in ein Zentaurenmädchen (Thalja) verliebt und sogar Sex mit ihr hat. Das  Ablehnen der Tiermenschen fällt Winer immer schwerer, am Ende verliert er sich an die „tierische Seite“, auch hier eine weitere liebevolle Referenz an „Gulliver“. Zugleich aber durchstrahlen die Ereignisse des Holocaust, des Kalten Krieges immer, selbst in den heitersten Momenten der „Gelehrtenrepublik“, den Text. Auch die Tiermenschen sind getrieben von Mordgier, Mißgunst, niederen Instinkten. Das Paradies, das Winer für kurze Augenblicke bei den Mutantenwesen zu finden meint, ist nur eine andere Form der menschengemachten Hölle. Die Möglichkeit einer besseren Realität kann nur ein Traum bleiben („Einmal lebt’ich wie Götter’ !!!“).

Nur einem so akribisch alle Bedeutungsgeflechte durchdringenden Autor wie Schmidt konnte es gelingen, ein Stück „utopischer Literatur“ zu schreiben, das den Leser mit schönen wie erschreckenden, mit eiskalten wie herzenswarmen Szenen in ständiger wohliger Unruhe hält. Die fieberige Sprache macht mit geradezu chirurgischer Präzision die größten Greuel sichtbar. Und Schmidts „veräußerte innere Monologe“ halten das  Beschriebene auf der menschlichen Ebene, im Gedankenkreis des Möglichen.

Ein Roman der Ungeheuerlichkeiten, der alle Möglichkeiten und Techniken neuzeitlicher Romankunst in sich vereint: etwa das mutwillige Spiel mit der Fiktion und das Erzählen über das Erzählen. Die unerschöpfliche Erfindungsgabe und Sprachkraft macht diesen gewiß nicht „einfach“ zu lesenden modernen Klassiker zu einem hinreißenden literarischen Spiel. Alle wirklichen und möglichen Welten sind im Universum dieses Romans  „Die Gelehrtenrepublik“ enthalten.

Florian L. Arnold
www.florianarnold.de
www.literaturport.de/Florian-L..Arnold/
www.wortknecht.com


#MeinKlassiker (15): Sabine Delorme und die größere Hoffnung

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

Was diese Frau so alles treibt – dieser Filmtitel würde auch auf Sabine Delorme passen. Auf ihrem Blog „Binge Reading & More“ berichtet sie regelmäßig in der Rubrik „Meine Woche“ über ihre Aktivitäten und ich habe jedes Mal beim Lesen das Gefühl, ihr Tag muss 24 Stunden haben. Und neben den ganzen anderen Kleinigkeiten liest die Frau noch eine ganze Menge – zum Beispiel extra jetzt für die Reihe #MeinKlassiker ein ganz besonderes Buch:

Eigentlich wäre es wohl logischer gewesen, bei Birgits #MeinKlassiker einen zu nehmen, den man sehr liebt und vielleicht mehrfach gelesen hat. Kam ich aber irgendwie nicht drauf. Ich habe von Anfang an die Idee gehabt, einen Klassiker zu nehmen, den ich schon lange lesen wollte und der schon viel zu lange bei mir im Regal stand und mich vorwurfsvoll anschaute.

Mit Ilse Aichingers „Die größere Hoffnung“ wollte ich endlich eine Lücke schließen, der ich mir auch seit der Lektüre von „Ingeborg Bachmanns Wien“ noch einmal bewusster geworden bin. Ich kannte bislang fragmenthaft Aichingers Lebensgeschichte und hatte ein paar ihrer wunderbaren Gedichte gelesen. Bevor ich auf „Die größere Hoffnung“ eingehe, noch ein paar Worte zu ihrem persönlichen Hintergrund, der locker Filmmaterial für 1-2 Streifen bieten würde: die Geschichte von den Zwillingsschwestern, die als junge Frauen unter der Nazi-Herrschaft in Österreich getrennt und Jahre später erst wieder vereint werden. Eine auf dem besten Weg, eine berühmte Schauspielerin zu werden, die andere eine der berühmtesten österreichischen Schriftstellerinnen.

Ilses Schwester Helga lebte in London, seit sie 1939 mit dem letzten Kindertransport dorthin gebracht wurde. Sie lebte dort mit ihrer Tante Klara, einer Linguistin, die Wien ein Jahr zuvor verlassen hatte. Ilse und der Rest der Familie sollten eigentlich kurz darauf nach London ausreisen, doch es war zu spät. Die Grenzen waren geschlossen, die Familie eingeschlossen und insbesondere die jüdische Großmutter der beiden Mädchen in Gefahr. Ihre Mutter Berta war eine der ersten weiblichen Ärzte in Österreich und gleichzeitig auch Komponistin. Besonders gruselig fand ich die Tatsache, dass Ilse und Helga als Kinder Josef Mengele trafen, einen Kollege ihrer Mutter. Mengele erlangte später insbesondere durch seine schrecklichen Versuche an Zwillingen grausame Berühmtheit.

Nachdem Ilse die Schule beendet hatte, arbeite sie in den ersten Kriegsjahren in einer Knopffabrik in Wien. 1942 wurde sie von einem befreundeten Deutschen darüber informiert, dass der Bezirk, in dem ihre Großmutter lebt, von der Gestapo durchsucht werden würde. Ilse versuchte, ihre Großmutter zu warnen, doch sie kommt zu spät. Ihre Großmutter, zu dem Zeitpunkt mit einer Lungenentzündung im Bett liegend, ihr Onkel Felix und ihre Tante Erna waren mitgenommen worden. Nur ihre Mutter Berta konnte sich verstecken, die zu dem Zeitpunkt einen Nachbarn besucht hatte.

Sie schafft es noch, einen Blick auf ihre Familie zu erhaschen bevor sie weggebracht wird und die Bilder, wie die drei eingepfercht in einen Viehtransporter wegfahren, werden sie ein Leben lang verfolgen. Sie wird nie erfahren, was aus ihrer geliebten Großmutter sowie Onkel und Tante wird. Im Roman wird die Großmutter nicht abtransportiert, sondern nimmt sich aus Angst vor Deportation das Leben.

Nach den Deportationen versuchte Ilse Aichinger den Kopf einzuziehen und bloß nicht aufzufallen im besetzten Wien. Sie sehnte sich nach ihrer Großmutter, nach ihrer Zwillingsschwester, mit der sie durch das Rote Kreuz in Kontakt bleiben konnte. Wie ihre Protagonistin Ellen hofft auch Ilse, mit einem Kindertransport in die Freiheit zu gelangen.

Ilse Achingers Stil wurde häufig mit Franz Kafka verglichen mit Blick auf den Symbolismus und Bildsprache und auch ich habe mich beim Lesen von „Die größere Hoffnung“ des Öfteren an Kafka erinnert gefühlt. Der Roman ist ein surrealistischer Bericht, aus der Sicht des Mädchens Ellen erzählt. Sie ist ein Mischling und lebt in Wien, das von den Nazis besetzt ist. Ihren Freunden ist alles verboten, sie haben Angst vor der Gestapo und müssen einen Davidstern tragen. Da sie „nur“ Halbjüdin ist, unterliegt sie nicht den Rassegesetzen und hat daher das Gefühl, nicht komplett zu ihren Freunden zu gehören. Als ihre Freunde verhaftet und die geliebte Großmutter tot ist, läuft sie durch die heftig umkämpfte Stadt auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg …

“Ihre Schuld war geboren zu sein, ihre Angst war, getötet,  und ihre Hoffnung, geliebt zu werden: die Hoffnung, Könige zu sein. Um dieser Hoffnung willen vielleicht wird man verfolgt.“

Der Roman hatte nach Erscheinen nur recht wenige Leser, die Kritiken waren durchwachsen und es ist nie ein riesiger Bestseller geworden. Mich hat das Buch tief berührt. Ich habe unendlich viele Sätze markiert, brauchte immer wieder Pausen zwischen den einzelnen Kapiteln, ein Buch das unbedingt häufiger gelesen werden sollte.

Ilse wird Weihnachten 1947 endlich mit ihrer Zwillingsschwester vereint. Die Reisebeschränkungen der Nachkriegszeit und Geldknappheit hatten eine frühere Wiedervereinigung unmöglich gemacht. Ilse und ihre Mutter reisten 1947 nach Dover, ein Ort, den Ilse ein Leben lang mit Freiheit und Güte gleichsetzte und dem sie in ihrer Kurzgeschichte „Dover“ ein Denkmal setzt. Ilse trat anfangs in die Fußstapfen ihrer Mutter und studierte Medizin, ein Studium, das sie allerdings nach 5 Semestern abbrach, um sich voll und ganz auf die Literatur zu konzentrieren.

Zum ersten Mal in meinem Leben ist im Übrigen eine Autorin gestorben, während ich gerade ihr Buch las, das war ein ausgesprochen seltsames Gefühl und passte seltsam zu der bedrückenden Atmosphäre des Buches. R.I.P. Ilse.

Sabine Delorme
https://bingereader.org/