MeinKlassiker (39): Kommunikatives Lesen mit Max Frisch

Alexander Carmele von “Kommunikatives Lesen” stellt in der Reihe “Mein Klassiker” einen Roman von Max Frisch vor. “Was macht ihr mit der Liebe” war zunächst der Arbeitstitel, als “Stiller” wurde das Buch zu einem Publikumserfolg und brachte Frisch den Durchbruch als Schriftsteller.

Seit 2021 bloggt Alexander Carmele bei “Kommunikatives Lesen über Literatur. Was seine Beiträge ausszeichnet, ist die tiefgehende Auseinandersetzung mit den einzelnen Werken, die durchaus auch manchmal zu mehrteiligen Interpretationen führen kann, siehe zuletzt der “Dreiteiler” zu “Unendlicher Spaß” von David Forster Wallace.
Über sich selbst sagt Alexander: “Ich blogge, um die Lesefreude mit anderen zu teilen und, so es geht, meine eigene und die der anderen durch Querverweise zu vertiefen. Ich blogge also aus reinem Privatvergnügen und bin erstaunt und auch beglückt, über die schöne Wechselwirkung und friedlich-freundliche Umgangsweise in der Literatur-Bloggerwelt.”
Sein Klassiker ist “Stiller” von Max Frisch: “In Stiller wirft er alles, was ihm als Schriftsteller zur Verfügung steht, in die Waagschale.”


Ein Gastbeitrag von Alexander Carmele

Mit Stiller gelang Max Frisch 1954 der Durchbruch als Schriftsteller, nachdem er bereits einige Prosatexte (u.a. Jürg Reinhart, Antwort aus der Stille) und Theaterstücke (u.a. Santa Cruz, Nun singen sie wieder, Die Chinesische Mauer) veröffentlicht hatte, die zwar allesamt vom Fachpublikum positiv aufgenommen, von der größeren Öffentlichkeit aber eher ignoriert wurden. Stiller dagegen wurde auf Anhieb ein Erfolg und war Suhrkamps erster Roman mit Millionenauflage. Er verhandelt die zentrale Frage, wie sich Individuen in einer ausdifferenzierten Gesellschaft gegenübertreten, wie sie kommunizieren, lieben, zu lieben versuchen, dabei scheitern oder erfolgreich sind, und beleuchtet damit literarisch das von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre aufgeworfene Problem von Essenz und Existenz:

Ja; – wer denn soll lesen, was ich in diese Hefte schreibe! Und doch, glaube ich, gibt es kein Schreiben ohne die Vorstellung, daß jemand es lese, und wäre dieser Jemand nur der Schreiber selbst. Dann frage ich mich auch: Kann man schreiben, ohne eine Rolle zu spielen? Man will sich selbst ein Fremder sein. Nicht in der Rolle, wohl aber in der unbewußten Entscheidung, welche Art von Rolle ich mir zuschreibe, liegt meine Wirklichkeit. Zuweilen habe ich das Gefühl, man gehe aus dem Geschriebenen hervor wie eine Schlange aus ihrer Haut. Das ist es; man kann sich nicht niederschreiben, man kann sich nur häuten.
[Max Frisch aus: „Stiller“]

Inhalt/Plot:

Ein Ich-Erzähler findet sich in Untersuchungshaft wieder. Er, ein James Larkin White, wird für Anatol Ludwig Stiller gehalten, ein bekannter Zürcher Bildhauer und Ehemann von der Ballerina Frau Julika Stiller-Tschudy, der plötzlich und verdächtigerweise im Zusammenhang mit einer gewissen Smyrnow-Affäre vor sechs Jahren spurlos verschwunden ist. Der Ich-Erzähler bestreitet vehement mit Stiller identisch zu sein:

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab’s ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat […]

So beginnt der Roman. Der Ich-Erzähler schreibt Hefte mit seiner Geschichte und seinen Erlebnissen voll, die während der Untersuchungshaft stattfinden, und versucht sich gegen die Vorwürfe und Vorstellungen seiner Mitmenschen zu wehren, die in ihm besagten Stiller sehen und Erklärungen, Entschuldigungen und auch Geld erwarten. Vordergründig wird der Ich-Erzähler wegen seiner zweifelhaften Papiere festgehalten, hintergründig wegen der staatsgefährdenden Smyrnow-Affäre, im Grunde aber spielt sich ein Ehedrama im Züricher Gefängnis ab, als nämlich Julika aus Paris eintrifft und dem Ich-Erzähler Ausgang gewährt wird:

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Sie glaubte wohl, sie könnte mich wie ihren Stiller behandeln, und einen Augenblick lang hatte ich Lust, aus purem Trotz einen weiteren Whisky zu trinken. Ich tat es nicht. Denn Trotz ist das Gegenteil von wirklicher Unabhängigkeit. Ich lächelte. Sie tat mir leid. Ich begriff: ihr ganzes Verhalten bezieht sich nicht auf mich, sondern auf ein Phantom, und einmal mit ihrem Phantom verwechselt (denn wahrscheinlich hat es den Mann, den sie sucht, gar nicht gegeben!), ist man einfach wehrlos; sie kann mich nicht wahrnehmen. Schade! dachte ich.

Einerseits hingerissen, andererseits von Julika abgestoßen beginnt ein Wechsel- und Versteckspiel zwischen dem, was der Ich-Erzähler sein will, und dem, was seinen Mitmenschen und insbesondere Julika in ihm sehen, denn die Fußstapfen Stillers, in die er treten soll, sind alles andere als angenehm:

Irgendwie muß es mit diesem kleinen, geradezu winzigen und von Julika längst vergessenen Ausspruch [dass Sex sie etwas ekle] zusammenhängen, daß Stiller sich als ein stinkiger Fischer mit einer kristallenen Fee vorkam. Der Ausspruch fiel in ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Offenbar war Stiller nicht nur eine Mimose, ein Mann von krankhafter Ich-Bezogenheit und entsprechender Empfindlichkeit, so daß er Worte, die Julika möglicherweise jedem Mann hätte sagen können, ganz und gar auf sich bezog; er war obendrein auch noch ein Wiederkäuer, und das war für die arme Julika oft einfach unerträglich.

Vor allem wegen einer sich ankündigenden Tuberkulose entzieht sich Julika Stillers Liebeswünschen. Sie schiebt den Arztbesuch Monate auf, aus Angst, krankgeschrieben und aufs Sanatorium geschickt zu werden, was ihre Karriere als Tänzerin gefährden würde. Stiller fühlt sich übergangen, trinkt, ist frustriert und beginnt eine Affäre mit Sibylle, die er auf einem Maskenball und durch den Architekten Sturzenegger kennenlernt. Julika beginnt nach mehreren Wochen seine Untreue zu ahnen. Als sie irgendwann doch zum Arzt und nach Davos ins Sanatorium muss, schreibt Stiller weder Briefe noch kommt er zu Besuch. Er plant mit seiner Geliebten, Sibylle, nach Paris zu ziehen, was aber daran scheitert, dass Stiller bei seinem ersten Besuch auf Davos es nicht schafft, sich von Julika, die ihrerseits über ihr Karriereende trauert, zu trennen, obwohl diese ihn direkt auf seine Affäre anspricht:

»Wie geht es deiner – Dame?« fragte sie.
»Wen meinst du?« fragte er.
»Bist du noch immer verliebt in sie?«
In der Tat, Julika machte es ihm so leicht wie möglich, doch Stiller war ein fertiger Feigling; kein Wort davon, daß er die Dame [Sibylle] (wie sich später einmal herausstellen sollte) fast täglich traf. Er blickte Julika bloß an, schwieg.

Stiller enttäuscht Julika und auch Sibylle, die ihrem Ehemann Rolf bereits alles gestanden und für die Reise nach Paris alles vorbereitet hat. Rolf fährt daraufhin einige Tage nach Genua, kehrt aber zurück und entscheidet sich, wie Julika, die Affäre von Stiller und Sibylle auszusitzen. Als Stiller kurz darauf aus beruflichen Gründen doch in Paris weilt und Sibylle einlädt, platzt dieser der Kragen und lässt das Kind, das sie von Stiller erwartet heimlich abtreiben. Statt aber gemeinsam mit ihrem Ehemann in das neue, von Stillers Freund Sturzenegger geplante und gebaute Haus, umzuziehen, reist sie nach Pontresina, wo sie sich mit Stiller trifft und ihn ob seiner Armut und seiner Unmännlichkeit vor allen Leuten lächerlich macht:

Und dann, nachdem [Sibylle] fast nur mit einem Blick ›ihr‹ Filet Mignon bestellt hatte, nötigte sie den hilflosen Stiller, Schnecken zu essen, worauf Stiller ein wenig zweifelte, ob Schnecken und Châteauneuf-du-Pape zusammenpaßten; Stiller hatte noch nie Schnecken gegessen, wie er gestehen mußte, und kam sich minderwertig vor, also zu einer widersprechenden Meinung kaum berechtigt. […]  Stiller blickte sie an wie ein Hund, der die menschliche Sprache nicht versteht, und es fehlte wenig, daß Sibylle ihn gestreichelt hätte wie einen Hund. Sie tat es nicht, um keine Hoffnungen zu stiften.

Nachdem Treffen in Pontresina reist Stiller, ohne Sibylle Bescheid zu geben, kurzerhand nach Davos, gibt Julika seine Trennung von Sibylle bekannt und trennt sich auch von ihr, kehrt nach Pontresina zurück, übergibt Sibylle ein Geschenk aus Paris, aber ihre Beziehung lässt sich nicht mehr retten, zumal Sibylle ihm während seiner Abwesenheit untreu gewesen ist. Stiller verschwindet, und Sibylle beschließt in die USA zu ziehen und auf eigenen Füßen zu stehen, indes Julika völlig genest und mit einem Kollegen eine Tanzschule in Paris eröffnet. All dies wird dem Ich-Erzähler durch Julika, Rolf, den Staatsanwalt, und Sibylle zugetragen und von diesem nacherzählt. Doch der Ich-Erzähler besteht immer noch darauf, nicht Stiller zu sein:

Es ist schwer, nicht müde zu werden gegen die Welt, gegen ihre Mehrheit, gegen ihre Überlegenheit, die ich zugeben muß. Es ist schwer, allein und ohne Zeugen zu wissen, was man in einsamer Stunde glaubt erfahren zu haben, schwer, ein Wissen zu tragen, das ich nimmer beweisen oder auch nur sagen kann. Ich weiß, daß ich nicht der verschollene Stiller bin. Und ich bin es auch nie gewesen. Ich schwöre es, auch wenn ich nicht weiß, wer ich sonst bin. Vielleicht bin ich niemand.

Aber sechs Jahre, so schreibt Max Frisch in Stiller, reichen nicht aus, um sich völlig von seiner Vergangenheit zu befreien, und so holt sie ihn unverändert ein.

Stil/Sprache/Form:

Max Frischs Stil strebt keine Besonderheit an. Seine Erzählweise lebt mehr von Rhythmus, von Themenwahl und von der Behandlung derselben, von den Akzenten, die er setzt, von der Komposition, mit der er zwischenmenschlichen Problemen nachspürt, von diesem zirkelnden, sich wiederholenden, sich immer tiefer bohrenden Bestreben zu erkennen, was sich hinter den Masken der Menschen verbirgt. In Stiller wirft er alles, was ihm als Schriftsteller zur Verfügung steht, in die Waagschale. In anderen Romanen und Texten kehren einzelne Momente wieder. In Stiller sind sie alle miteinander vereint und verknüpft. Auch lässt er sich in seinem längsten Roman Zeit für panoramahafte Beschreibungen, wie Rolfs Blick aus der Rainbow Bar im Rockefeller Center:

Manchmal jagen Schwaden von buntem Nebel vorbei, als sitze man auf einem Berggipfel, und eine Weile lang gibt es kein Neuyork mehr; der Atlantik hat es überschwemmt. Dann ist es noch einmal da, halb Ordnung wie auf einem Schachbrett, halb Wirrwarr, als wäre die Milchstraße vom Himmel gestürzt. Sibylle zeigte ihm die Bezirke, deren Namen er kannte: Brooklyn hinter einem Gehänge von Brücken, Staten Island, Harlem. Später wird alles noch farbiger; die Wolkenkratzer ragen nicht mehr als schwarze Türme vor der gelben Dämmerung, nun hat die Nacht gleichsam ihre Körper verschluckt, und was bleibt, sind die Lichter darin, die hunderttausend Glühbirnen, ein Raster von weißlichen und gelblichen Fenstern, nichts weiter, so ragen oder schweben sie über dem bunten Dunst, der etwa die Farbe von Aprikosen hat, und in den Straßen, wie in Schluchten, rinnt es wie glitzendes Quecksilber.

Der größtenteils psychologisch schreibende Frisch hält in Stiller viele solcher pittoresken Szenen bereit: In Mexiko auf dem Friedhof zum Totentag und auf dem Marktplatz, die Wüsteszene, der Brand im Sägebergwerk, die Alpen, Pontresina, der sanfte Kampf um Aufmerksamkeit mit der Katze Little Grey. In vielen Szenen, aus verschiedenen Perspektiven wird die Welt von Stiller und Julika, von Sibylle und Rolf lebendig. Vor allem trägt dazu bei, dass die Welt je aus den Augen der handelnden Figuren beschrieben wird, sowohl die Gefühle, wie die Gespräche, wie die Umgebung bekommen eine eigene Färbung und Wirklichkeit.

Die unselige Begegnung in seinem Büro – nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus – wurde von seiner Frau natürlich etwas anders erlebt, als Rolf, mein Staatsanwalt, sie dargestellt hat; nicht von ihr (so versicherte Sibylle) ging das verstockte Schweigen aus, sondern von ihm. […] Es war nicht Rolf, es war eine Maske, die ihr lächerlich vorkam. »Du mußt tun, was du für richtig hältst«, sagte er nochmals, öffnete die Türe und ließ sie durchs Vorzimmer gehen, begleitete sie höflich zum Lift – Nun mußte sie also nach Pontresina.

Die Eheprobleme der vier Personen, die sich verwickeln, sich gegenseitig voller Misstrauen, aber auch voller Liebe und Freundschaft begegnen, das Auf und Ab, das niemand versteht, niemand begreift, bildet das literarische Zentrum des Romans. Sie wollen sich im Grunde nichts Böses. Sie neiden sich nicht einmal viel, bleiben nicht lange eifersüchtig. Stiller, die Figur, spricht zwar nie, aber auch für ihn, den eifersüchtigsten von allen, gilt, dass er lieber Frieden als Streit will, lieber zurücksteht, als auf ein vermeintliches Recht bestehen würde. Das ausgeklügelte Acht-Augen-Gespräch führt eine Utopie vor Augen, wie nachsichtig, geduldig sich Menschen begegnen könnten. Es kreiert ein vollständiges Bild, gerade indem es Lücken und Leerstellen, Pausen lässt. Die Beziehungen werden lebendig, durch den Freiraum, den der Ich-Erzähler den Figuren schafft, ohne jedoch narrativ gewollte Unklarheiten, vermeintliche Spannungsbögen zu erzeugen. Alles ist klar. Nur nichts ist einfach. Um dies zu unterstreichen, unterbricht Frisch die Erzählfragmente noch mit Phantastereien.

Ich sitze in meiner Zelle, Blick gegen die Mauer, und sehe die Wüste. Beispielsweise die Wüste von Chihuahua. Ich sehe ihre große Öde voll blühender Farben, wo sonst nichts anderes mehr blüht, Farben des glühenden Mittags, Farben der Dämmerung, Farben der unsäglichen Nacht. Ich liebe die Wüste. Kein Vogel in der Luft, kein Wasser, das rinnt, kein Insekt, ringsum nichts als Stille, ringsum nichts als Sand und Sand und wieder Sand, der nicht glatt ist, sondern vom Winde gekämmt und gewellt, in der Sonne wie mattes Gold oder auch wie Knochenmehl, Mulden voll Schatten dazwischen, die bläulich sind wie diese Tinte, ja wie mit Tinte gefüllt, und nie eine Wolke, nie auch nur ein Dunst, nie das Geräusch eines fliehenden Tieres […]

Die Abwechslung von Dialog, Phantasien, von Nacherzählung, Erinnerung, Reflexion erzeugt ein sinnerfülltes lockeres Gefüge, das allen Elementen Luft und Entfaltungsraum gibt. Hinzukommt der Wechsel vom Präsenz ins Präteritum, der Wechsel zwischen den Orten in der Schweiz und zwischen den Kontinenten, zwischen den Erzählperspektiven der einzelnen Beteiligten und das offizielle Auge des schweizerischen Rechtsstaates verkörpert durch den bemühten, aber verzweifelten Verteidiger Dr. Bohnenblust, der zwischen allen Instanzen vermittelt, aber am Ende nicht so recht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht. Es fehlt die Identität, die Eineindeutigkeit, die einfach gestrickte Kausalkette, die erst ein standesgemäßes Urteil ermöglicht.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Max Frischs Stiller kommuniziert vor allem mit den existenzialistischen Romanen seiner Zeit. Die Sprache, zumeist kühl, die Beschreibungen sehr auf das Verhalten gerichtet, der Blick in die Bewegungen des Gefühlslebens, das Aufbrechen alter Rollenmuster, die Vision einer freien Liebe, die nackte Selbsterkenntnis als Ziel teilt Frisch mit den anderen, explizit existenzialistischen Autoren und Autorinnen. Spezifisch für diese Romane ist die Beschreibung einer existenzialistischen, das ganze Leben umkrempelnde Krise. In Stiller übernimmt diese Aufgabe die immer wieder, von allen Personen im Roman nacherzählte Anekdote aus dem Spanischen Bürgerkrieg:

Der junge Stiller hatte eine kleine Fähre am Tajo zu bewachen, infolge Männermangel sogar allein. Drei Tage lang geschah nichts. Dann aber, als im Morgengrauen endlich vier Franco-Spanier sich am andern Ufer zeigten, ließ Stiller sie die Fähre benutzen, ohne zu schießen, wiewohl es für ihn, der in tadelloser Deckung lag, eine Leichtigkeit gewesen wäre, die vier Feinde auf der Fähre abzuschießen. Er hatte acht Minuten lang Zeit. Stattdessen ließ er sie an sein Ufer kommen, trat aus seiner Deckung, schussbereit, sowie die andern ihrerseits das Feuer eröffnen würden, und also bereit, erschossen zu werden.

Stiller, voller Männlichkeitsallüren, will sich beweisen. Es gelingt ihm nicht. Er will nicht töten. Er will nicht schießen. Er will sich am Morden und Schlachten nicht beteiligen und ergibt sich. Dass Nicht-Schießen-Können wird immer wieder aufgegriffen. Es steht für die Unfähigkeit, erfolgreich in der Gesellschaft teilzunehmen, erfolgreich die Rollen und Masken zu übernehmen, also die Befehle zu befolgen, die die Autoritäten ihm erteilen. Kontrastierend steht hier Jean-Paul Sartres Held Mathieu in Der Pfahl im Fleische aus seiner Tetralogie Wege der Freiheit:

[Mathieu] trat an die Brüstung und fing stehend an zu schießen. Es war eine ungeheure Revanche; jeder Schuss rächte ihn für einen früheren Skrupel […] Er schoss auf den Menschen, auf die Tugend, auf die Welt […] er schoss auf den schönen Offizier, auf alle Schönheit der Erde, auf die Straße, auf die Blumen, auf die Gärten, auf alles, was er geliebt hatte. Die Schönheit machte einen obszönen Kopfsprung, und Mathieu schoss weiter. Er schoss: er war rein, er war allmächtig, er war frei.
[Jean-Paul Sartre aus: „Pfahl im Fleische“]

Max Frisch schlägt ganz andere Töne an. Weniger ein Ernest Hemingway, weniger ein Jean-Paul Sartre, eher ein Albert Camus aus Der Fremde, aber vor allem ein Ernesto Sabato in seinem Erstlingswerk Der Tunnel, das sechs Jahre zuvor erschien. Dieser beginnt wie Stiller in einer Gefängniszelle. Der Maler Juan Pablo Castel hat den Mord an seiner Geliebten Maria gestanden und wartet auf den Prozess:

Und obwohl ich mir keine großen Illusionen mache über die Menschheit im Allgemeinen und die Leser dieser Seiten im Besonderen, ermutigt mich die schwache Hoffnung, dass mich vielleicht doch ein Mensch versteht. Auch wenn es nur ein Einziger ist. […] Ich kann bis zur Erschöpfung und brüllend vor einer Versammlung von hunderttausend Russen sprechen. Niemand würde mich verstehen. Sehen Sie, was ich damit sagen will? Es gab einen Menschen, der mich hätte verstehen können. Aber das war gerade der Mensch, den ich umgebracht habe.
[Ernesto Sabato aus: „Der Tunnel“]

Castel wie Stiller suchen eine innige Liebe, eine Verbindung, die ein tieferes, friedlicheres Empfindungsleben ermöglichen würde. Sie suchen nicht einfach nur Lust. Sie wollen nicht ‚einfach schießen‘. Sie streben danach ihre Person, die Welt, die Rollen und Masken zu transzendieren und projizieren diese Sehnsucht auf ihre Partnerinnen, die aber vor einer solchen Aufgabe gestellt nicht genügen, nie genügen können. Sowohl Julika wie Maria bezahlen mit ihrem Leben dafür. Hier konvergiert Stiller mit Ingeborg Bachmanns Malina, wenn Sibylle, nachdem Stiller ihr seine Trennung von Julika eröffnet hat, während diese wegen Tuberkulose in Davos um ihr Leben kämpft:

»Das ist doch Wahnsinn, Stiller, das ist doch Mord …«

Ingeborg Bachmann beendet ihren einzig vollendeten 1971 erschienen Roman Malina bekanntlich mit der Klarstellung: Es war Mord.
[Ingeborg Bachmann aus: „Malina“]

Stiller und Castel, im Gegensatz zu Mathieu, sagen sich zwar von der physischen Gewalt ab. Sie schießen nicht. Sie verzweifeln am Morden und Schlachten, aber lieben können sie deshalb noch lange nicht. Stiller versagt in den entscheidenden Momenten für Julika da zu sein. Er bleibt feige, flieht, flüchtet sich in Schweigen, in den Alkohol, in die Kunst. Er begeht keinen mörderischen Akt wie Castel, aber er zerstört Julikas Leben nichtsdestotrotz, wie er seinem Wärter Knobel darlegt:

»Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dazu genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dazu genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen. Alle diese Morde, versteht sich, vollziehen sich langsam.«

Max Frischs Stiller besitzt den Verdienst, auf diese Verletzungen und Wunden Aufmerksamkeit zu lenken, auf die vielen kleinen und großen Schändlichkeiten, die sich Menschen antun, ohne Böses im Sinn zu haben, auf die Qualen und Brutalitäten, sobald ein Mensch einen anderen für eine Selbstverständlichkeit nimmt und ihn nur zur Befriedigung der eigenen Eitelkeiten benutzt. Es endet meist für alle schlimm. So auch bei Frisch. Stiller bleibt allein.

Alexander Carmele
https://kommunikativeslesen.com/

Hildegard Keller & Christof Burkard: Frisch auf den Tisch

Hildegard Keller und Christof Burkard servieren Weltliteratur besonders schmackhaft – mit eigens für jeden Schriftsteller passend entworfenen Rezepten.

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Bild von Светлана Бердник auf Pixabay

„Diese in allen Wassern gewaschenen Nudeln müssen 20 Minuten über leichtem innerem Feuer des Lesers aufgesetzt werden. Die Mahlzeit ist nahrhaft wie ein Märchen.“

Walter Benjamin

Essen und Lesen gehen nicht nur phonetisch gut zusammen. Beides hat im besten Falle mit Genuss zu tun, beides schafft Pausen vom Alltag, bringt Zeiten der Muse. Ein gutes Buch macht meist Appetit auf mehr. Nicht umsonst spricht man von Lesefutter. Und die Gerüche und Gewürze eines leckeren Essens können einen für kurze Zeit in andere Länder und Welten entführen – etwas, das auch beim Kopfreisen mit guter Literatur passiert.

Dass Literatur auch durch den Magen geht, das beweisen die Maulhelden: Hildegard Keller, die Literaturwissenschaftlerin und Autorin, die Lesenden unter anderem durch den Literaturclub im Schweizer Fernsehen und vom Bachmannpreis bekannt sein wird, bildet mit ihrem Ehemann, dem Juristen Christof Burkard, in der Küche und auf der Bühne ein kongeniales Gespann.

Hinter die Kulissen, sprich auf den heimischen Herd des Paares, durfte das „Tagblatt“ blicken und berichtete:

“Ihre Aufgabenteilung: «Hildegard ist das literarische Gewissen», sagt Christof Burkard, «Christof ist der Menü- und Geschichtenerfinder», ergänzt Hildegard Keller. Gekocht wird aber nicht einfach, was in den Romanen gegessen wird, die beiden übersetzen Werke und Autoren in kulinarisch-literarische Performances.”

Etliche der kurzen Streifzüge durch die Literatur und die leckeren Rezepte, die davon inspiriert sind, veröffentlichten Keller & Burkard als Kolumne im „Literarischen Monat“. Sie gründeten zusammen 2019 auch die „Edition Maulhelden“, deren zweiter Titel „Frisch auf den Tisch“ eben nun jene „Weltliteratur in Leckerbissen“ serviert, ergänzt durch drei neue, weitere Gänge mit Max Frisch, Rosa Luxemburg und Walter Benjamin sowie einem ausführlichen Küchengeplauder der beiden Herausgeber.

Kolumnen um die großen Hechte der Literatur

Die Kolumnen drehen sich also um die großen Hechte der Weltliteratur und Kultur: Um den oben zitierten Walter Benjamin, viele Schweizer Autoren wie Friedrich Glauser, Gottfried Keller und Max Frisch sind vertreten, aber auch Ingeborg Bachmann, Hannah Arendt und Hildegard von Bingen haben ihren Auftritt an der literarisch-kulinarischen Tafel.

Ein abwechslungsreiches Menü, das den Leserinnen und Lesern da serviert wird, die einzelnen Gänge ganz unterschiedlich gewürzt: Mal mit einer dezenten Prise Ironie wie bei Max Frisch, mal mit Gewürzen und Gerüchen aus Nordafrika angereichert wie bei Glausers Taboulé oder einem Dessert, das wie ein Gedicht ist, für Ingeborg Bachmann. Allerdings eines, das sowohl Könnerschaft als auch Mut erfordert:

„Und wehe, wenn der Ofen während des Backens geöffnet wird, scheint Ingeborg Bachmann zu flüstern. Profiteroles sind Poesie pur und werden nicht ganz angstfrei hergestellt. Man kann an ihnen scheitern.“

In den locker-luftig geschriebenen Essays erfährt man auch allerlei Neues zu Leib- und Magendichtern. Von Robert Walsers Liebe zur Wurst ahnte ich bislang nichts. Wie man dagegen Kartoffelstock zu essen hat, das weiß man vielleicht bereits aus Kellers „Seldwyla“. Meine Lieblingsstelle in diesem Buch jedoch ist die, mit der Max Frisch ganz vortrefflich charakterisiert wird:

„Wie bringen wir diesen Frisch auf den Teller? Das Ringen mit der Form und der Kantigkeit des Lebensbei gleichzeitigem Hoffen auf die wahre Essenz lässt nur ein Gericht zu: Die gefüllten Teigtaschen à la Max – im Volksmund Ravioli – sind nichts anderes als Architektur auf dem Teller. Sie bilden ab, wie Faber sein Leben durch diese ziemlich schiefe Liebe erneuern will. Wilder Inhalt ist gebändigt im bürgerlichen Rechteck und schwimmt schließlich doch in einer schönen Brühe.“

Guten Appetit!

Übrigens: Das Buch im handlichen Format ist sehr schön gestaltet und ist mit seinen vielen liebevollen Details – freigestellten Zitaten, Illustrationen von Hildegard Keller und den Rezepten von Christof Burkard – etwas für literarische Feinschmecker.


Informationen zum Buch:

Hildegard Keller & Christof Burkard
Frisch auf den Tisch. Weltliteratur in Leckerbissen
Edition Maulhelden, Zürich, 2020
14×21,5 cm, gebunden, zweifarbiger Druck, Rezeptseiten in Farbe, mit bedrucktem Vorsatz, 13 Zeichnungen in Farbe, mit Lesebändchen, 144 Seiten
24,80 CHF, 21,— € (D), 21,50 € (A)
ISBN: 978-3-907248-01-0

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann?

Die “bruchstückhafte” Biographie der Literaturkritikerin Ina Hartwig wirft einen Blick auf die “dunkle” Seite der Bachmann – und lässt viele Fragen offen.

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Bild: Birgit Böllinger

„Am Rande der Veranstaltung (Anmerkung: Gemeint ist eine Wahlkampfveranstaltung 1965 in Bayreuth) sind etliche Fotografien entstanden, darunter eine besonders schöne Frontalaufnahme, in der ein ganzes Soziotop sich auf dem Sofa drängelt. Und wen sieht man direkt zur Rechten Willy Brandts sitzen? Niemand anderes als eine über das ganze Gesicht strahlende, fein frisierte, mit Perlenkette umhängte Ingeborg Bachmann.
Alle Krisen wirken wie weggewischt. Sie sitzt, wieder einmal Königin, genau in der Mitte des Bildes – eine demokratische Königin.“

Ina Hartwig, „Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken“


Gleich von vorneweg: Nein, wer Ingeborg Bachmann war, beantwortet auch dieses Buch nicht. Als ob überhaupt eine schriftliche Biographie einen Menschen gänzlich erklären könnte, das sei einmal  dahin gestellt. Doch die österreichische Schriftstellerin beschäftigt über ihr Werk hinaus wie kaum eine andere deutschsprachige Autorin die literaturwissenschaftliche Nachwelt – da wird einerseits ihre hermetische Lyrik nach Lebensspuren untersucht, werden ihre Prosatexte in Zusammenhang mit ihren schmerzhaften Lieben – Paul Celan und Max Frisch – in Zusammenhang gebracht, da wird ihr Nachlass, insofern ihn die Erben der Öffentlichkeit freigegeben haben, penibel durchforscht.

Bruchstückhafte Biographie hinterlässt Fragen

Das Feld der Veröffentlichungen über Bachmann ist weit – es reicht von Erhellendem, das einem als Leser beispielsweise die Gedichte weiter erschließen kann (so das hier erst kürzlich besprochene Buch „Wir sagen uns Dunkles“) bis hin zu Büchern, die eher einen bruchstückhaften Eindruck und das Gefühl, am Ende überwiegt denn doch die Spekulation, hinterlassen. Zu letzterem gehört leider auch das Buch der Literaturkritikerin Ina Hartwig.

 „In Ina Hartwigs Bachmann-Biografie fehlt dieses plausibel aus dem Werk und aus zuverlässigen Quellen erarbeitete Neue. Denn Ingeborg Bachmanns «Fluchtweg nach Süden», die Jahre in Neapel, Ischia und später in Rom sind durch den Briefwechsel mit Hans Werner Henze (2004) bereits gut erschlossen. Auch zu Bachmanns unstetem Leben, ihrem Unglück mit Männern, ihren Abstürzen in wüste Mengen von Alkohol und Psychopharmaka – dazu hat Ina Hartwig keine neuen Fakten zu bieten, weil auch ihr der freie Zugang zum Nachlass nicht gänzlich gewährt wurde“, urteilt Franz Haas in seinem Artikel „Das große Buch Bachmann“ am 7. Januar 2018 in der NZZ.

Ein etwas voyeuristischer Blick auf die Bachmann

Mir bietet dieses Buch nicht nur wenig Erhellendes zu den Schattenseiten im Leben der „Diva“, sondern konzentriert sich viel zu sehr darauf – auch wenn Hartwig, die sich selbst im Buch als „biographische Detektiven“ bezeichnet, ab und an versucht, die „bodenständige“, pragmatische und lebenszugewandte Seite der Ingeborg Bachmann hervorzuheben. Doch sie bedient zugleich den voyeuristischen Blick auf eine zutiefst unglückliche, zerrissene Frau. Dass Ina Hartwig immer wieder darauf zurückgreift, wie sehr das Leben der Dichterin „mystifiziert“ wurde, wie viele ihrer Zeitgenossen über den Drogenkonsum Bachmanns hinwegsahen, erscheint mir dabei fast wie eine Selbstvergewisserung der Biographin, hier müsse man einen Vorhang heben – dabei waren die Abhängigkeiten Bachmanns längst bekannt, in der Deutung des Werks und des Lebens bringt das wenig weiter.

Richard Kämmerlings beurteilt das Buch in der „Welt“ positiver, weil „spannend“ für die Leser, als Franz Haas. Und stellt am Ende doch die Fragen:

„Der Eindruck einer pasolinihaften Seite Ingeborg Bachmanns lässt sich nicht ganz vertreiben“, schreibt Ina Hartwig einmal. Wirklich? Wessen Fantasien sind dies denn eigentlich? Wo sind wir nun da gelandet, in welchem Fassbinder-Film? Haben wir nicht mit Mohnblüten begonnen? Am Ende kann Ina Hartwig die Frage, wer „die Bachmann“ denn nur wirklich war, nicht beantworten. Aber sie fügt dem in vielen Farben schillernden Mosaik einen schmutzig glänzenden Stein hinzu.“

Mag man an der Hinzufügung des schmutzig glänzenden Steins wenig Neues oder Wertvolles für die Bachmann-Lektüre empfinden, so bringt ein weiterer Stein auf dem Weg, den Hartwig hinzufügt, dagegen doch weiter: Das ist ihre Beschäftigung mit der Freundschaft (die Ina Hartwig gerne zur Beziehung ausdeuten würde) zwischen Ingeborg Bachmann und Henry Kissinger, anhand dessen, so Hartwig, „die Zeitgenossenschaft Ingeborg Bachmanns in ihrer vollen, abenteuerlichen Dimension hervortritt.“

Blick auf die politische Seite der Dichterin

Tatsächlich ist dies ein Gewinn bei der Lektüre dieser bruchstückhaften, zum Teil auch sprunghaft wirkenden Biographie: Der Blick auf die philosophisch und politisch denkende Dichterin, die sich mit Heidegger, Wittgenstein und Simone Weil beschäftigte, die sich wach und dezidiert zu Fragen der Nachkriegs- und Europapolitik, der Wiederaufrüstung und anderen brennenden politischen Themen äußerte.

„Um 1960 war noch völlig offen, was aus Europa werden könnte und werden sollte. Ein geeinigtes Europa, das war nicht nur die Antwort auf die Verheerungen des Nationalsozialismus und des Faschismus, sondern zugleich ein attraktives Zukunftsmodell für die zwischen Ost und West aufgeteilte Welt, deren Grenze mitten durch Deutschland lief. Alle politischen Bewegungen erzeugten erhebliches Misstrauen, und Bachmanns Freund Kissinger gehörte, von der anderen Seite des Atlantiks auf Europa schauend, zu den ganz besonders Misstrauischen. Dass Bachmann sich an seiner nordamerikanischen Perspektive abarbeitet und gleichzeitig versucht, eine europäische für sich zu entwickeln, dürfte der politische Nukleus dieser Überlegungen sein.“

Ina Hartwig resümiert am Ende ihres Buches:

„Ingeborg Bachmann war eine geerdete Persönlichkeit, kompliziert und schwierig zwar, gefährdet ohnehin, aber auch witzig, klug, praktisch, dem Alltag zugewandt und schon früh erstaunlich politisch denkend. Ihre sagenhafte Karriere war befeuert worden von den Aufmerksamkeitsströmen und Geldzuwendungen der transatlantischen Kulturpolitik des Kalten Kriegs, von der sie extrem profitierte als Dichterin, als Intellektuelle und nicht zuletzt als Freundin bedeutender Personen der Zeitgeschichte. Sie war ein Medienprofi und eine hellwache Beobachterin ihrer eigenen Epoche, was ihr bis zur Ermüdung besungenes Diventum am Ende doch sehr relativ aussehen lässt.“

Schade eigentlich, dass die Literaturkritikerin durch ihr beinahe zwanghaftes Entblättern der „dunklen Seite“ Bachmanns eher eine neue Note im Lied von der unglücklichen Diva anschlägt und trotz mancher Ansätze die politische, intellektuelle Dichterin wieder einmal dahinter zurücktritt.


Bibliographische Angaben:

Ina Hartwig
Wer war Ingeborg Bachmann?
S. Fischer Verlage, 2018
ISBN: 978-3-596-03270-9

#MeinKlassiker (23): Erikas Klassiker trägt den Namen Gantenbein

“Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.” Bloggerin Erika Mager über “Mein Name sei Gantenbein”.

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Bild von Martina Karlíková auf Pixabay

Erika Mager betreibt den Blog der Bücherei in Alfter-Oedekoven: “litblogkoeb”. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo das liegt (geschweige denn davon, dass es das überhaupt gibt) – aber schon der Name klingt so schön, das musste ich einfach nachschauen. Jedenfalls: Sollte ich jemals nach Alfter-Oedekoven kommen, wird mich mein Weg direkt in die Bücherei führen. Denn die hat, so denke ich mir beim Lesen von Erikas Blog, mit Sicherheit eine tolle Buchauswahl. Mit ihrem Klassiker sorgt sie für eine Premiere – es findet sich der erste Schweizer Autor in der Reihe.

„Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesehen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig.“ Erster Satz von Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, Suhrkamp, 1974 (meine Ausgabe).

img_20161116_085803Mein Klassiker also. Wer käme bei der Frage nach seinem Klassiker schon auf den Gantenbein? Sicher – auch ich hätte viele im Gepäck, von denen ich glaubhaft schreiben könnte. Thomas Mann hat in mir die Faszination von Sprache geweckt („Das Gesetz“), Doris Lessing meine Haltung zum Feminismus herausgefordert („Das goldene Notizbuch“), Virginia Woolf fragte mich nach meinem eigentlichen Geschlecht („Orlando“), Hermann Hesse hat mich zutiefst verwirrt („Der Steppenwolf“). Das könnte ich noch fortführen.

Aber der Gantenbein ist und bleibt „mein Klassiker“.

Ich habe ihn mit 17 getroffen – äh, gelesen. Schullektüre – na klar. Was dieses Buch bei anderen deswegen per se disqualifizierte, hat mich nicht abgeschreckt. Es schien zu mir zu sprechen, mich zu kennen.

Dabei ist es ein Männerbuch! Ein männlicher Autor schreibt über einen Mann, der sich die mögliche Geschichte eines anderen Mannes zusammenfabuliert. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er eine Geschichte dazu…“

Was hat das mit mir zu tun? Einem 17jährigen Mädchen? Der Begriff „Frau“ passte damals noch nicht zu mir.

Zuerst einmal gefiel mir die Sprache. Ich las bei einem berühmten Autor, wie man assoziierend aus Wörtern Bilder formt, schreiben kann, ohne einen Gedanken zu Ende führen zu müssen. Das konnte ich sicher auch. Mein Leben schreibend formen. Ich war nicht ein Mann mit Erfahrung, zu der er sich eine passende Geschichte konstruieren muss, sondern ein Mädchen am Beginn eines Lebens, das sich aus Geschichten eine mögliche Identität zusammenreimen könnte. Darum ging es mir. Ich verfolgte Gantenbein mit offenem Mund und stellte mir vor, dass ich meine Geschichte auch schon vorweg ausdenken könnte. Eine erstaunliche Erlösung in einer pubertären Hilflosigkeit – nicht Fisch, nicht Fleisch – noch nicht entschieden. Wer bin ich denn? Wer könnte ich sein? Mein Name sei Gantenbein? War es so einfach?

„Es ist wie ein Sturz … wie durch alle Spiegel, und nachher … setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.“

Wenn ich das Buch jetzt nach mehr als 30 Jahren wieder hervornehme und darin einzelne Passagen lese, kann ich einerseits die Faszination der 17jährigen verstehen, andererseits den Kopf schütteln über die verschwurbelten Altmännerfantasien des Icherzählers. So ein Text dürfte heute nicht mehr so geschrieben werden.

Und dann die Liebe! Frisch erzählt von Liebe in vielerlei Facetten. Das wird mich genauso begeistert haben, ich weiß es nicht mehr genau.

Wichtig, damals und auch heute noch, ist mir geblieben, dass man Geschichten erzählen, fabulieren, alle Möglichkeiten zu Ende denken kann – und dann auch einfach wieder abbrechen darf, wenn man mit einer Geschichte nicht weiterkommt. Alles erlaubt in der Literatur – und im Leben. Max Frisch hat mir durch diesen Text eine unerhörte Freiheit geschenkt.

Deshalb ist es #MeinKlassiker.

Erika Mager
https://litblogkoeb.wordpress.com/

Adolf Muschg: Glasperlenspiel und Lebenskunst

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg mit einem genauen Blick auf den Menschen und Mann Hesse in allen seinen Widersprüchlichkeiten.

Muschg
Bild: (c) Michael Flötotto

„Ich wüßte keinen deutschsprachigen Dichter des unseligen 20. Jahrhunderts, welcher der Heiligsprechung grundsätzlicher widerstrebte. Er hat sie nicht nötig, auch wenn er Gutgläubige manchmal selbst dazu verleitet hat. Aber es sind seine Widersprüche, die ihn immer noch lebendig machen.“

Adolf Muschg, „Glasperlenspiel und Lebenskunst“


Hermann Hesse ist einer jener Autoren, die immer noch zu lebhaften Streit unter Lesenden reizen können: Die einen lehnen in kategorisch ab, die anderen verehren ihn beinahe kultisch. Und dazwischen gibt es natürlich auch jene, die ihn einfach nur lesen  – und im besten Falle verstehen wollen. Der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg jedenfalls ließ sich vom Hesse-Kult nicht den genauen, analysierenden Blick auf den Menschen und Mann Hesse in allen seinen Widersprüchlichkeiten verstellen: Davon zeugen zahlreiche Texte, die der mittlerweile über 80jährige zeit seines Lebens über Hesse schrieb.

Aus seinen Essays und Reden spricht durchaus Wertschätzung und Bewunderung für den Mann mit dem Strohhut – aber eben nicht jene kultische Verehrung, die Hesse zeitweilen zu Teil wurde, sondern ein beobachtender Blick, der auch die Schattenseiten von Mensch und Werk mit in den Fokus nimmt. Klaus Isele, der in der Collection Montagnola deutsche und schweizerische Autoren editiert, hat in „Glasperlenspiel und Lebenskunst“ fünf Reden von Adolf Muschg aus den Jahren 2000 bis 2013 über Hermann Hesse aufgenommen.

Betrachtungen zu Hesses Leben und Werk

Ob sie, wie der Verlagstext meint, selbst für langjährige Hesse-Leser „eine Vielzahl neuer Erkenntnisse“ bereithalten, das mag ich nicht zu beurteilen. Doch auf jeden Fall machen sie Lust darauf, Hesse wieder einmal – und vielleicht mit anderen Augen – zu lesen. Selbst das „Glasperlenspiel“, das Muschg durchaus kritisch im ersten Essay des Bandes beleuchtet – jenes Hesse-Buch, das Muschg selbst als Spiel einordnet, ein Spiel mit Utopie und Entwicklungsroman. Die weiteren Reden beschäftigen sich weniger direkt mit dem Werk, sondern mit einzelnen Aspekten von Hesses Leben – Hesse als Briefschreiber und sein Verhältnis zu dem Psychiater Josef Bernhard Lang – sowie „Die Folgen einer Doktorarbeit“ für den jungen Siegfried Unseld und der Versuch eines Vergleichs von Hesse und Max Frisch.

Im Grunde sind diese Reden, zu verschiedensten Anlässen gehalten, doch weit mehr als das, was einer aus reiner Vortragspflicht heraus verfasst – man merkt, da hat sich einer in Hesse hineingedacht und hineingelesen, da hat sich einer intensiv mit Leben und Werk auseinandergesetzt. Und so beinhaltet die 2002 gehaltene Rede über Unseld und Hesse ein schönes Bekenntnis des lesenden Schriftstellers – er schreibt über seinen Vorgänger (nicht Vorbild, wohlgemerkt):

„Hesse mag dem literarischen Feinkostspezialisten nicht zu bieten haben, was er sucht; er mag im Universum der hohen Nasen kein Fixstern erster Güte sein – ich traue ihm zu, daß er das selbst gewußt hat und glaube, es hat ihn nicht gekümmert. Ihm genügte es, aus seinem Rohstoff – der war ihm gerade roh genug – ein eigenes Universum einzurichten, und sein Eigensinn war mehr als ausreichend, es mit allem zu bestücken, was ihm gut und teuer war. Und siehe, es darf uns, sobald wir seinen Blickpunkt einnehmen, gut und teuer bleiben, denn es ist ein Werk der Liebe – und die braucht, wie Hofmannsthal festgestellt hat, keinen Grund;  sie ist ihr eigener, und da Liebe generös ist, ein immer zureichender, sogar überflüssiger Grund.“

So braucht es auch keinen Grund, Hesse zu lesen und seine Bücher zu lieben – aber manchmal eines Anstoßes, einer Erinnerung – und dies bietet dieser schmale Band von Muschg, der sehr verdichtet und sehr klug so vieles über Hesse aussagt. Ein Höhepunkt unter den Essays ist tatsächlich jener über den Briefwechsel von Frisch mit Hesse: Ein spannendes Psychogramm dieser beiden großartigen und doch so unterschiedlichen Schriftsteller, das, obwohl Muschg mit Frisch befreundet gewesen war, fast intimer, vertrauter im Ton klingt, wenn er auf Hesse zu sprechen kommt. Vielleicht war Frisch ein Bruder im Geiste – Hesse jedoch, so scheint es durch, hat das Herz besetzt:

„Es besteht einigermaßen Gewähr, daß Max Frisch nie ausgelesen ist und daß seine Lektüre, im Sinne Benjamins, erst begonnen hat. Was die Lektüre des Älteren, Hermann Hesses, betrifft, so hat sie schon einige Runden schöpferischen Nachlebens hinter sich. Und es zeugt für seine Lebendigkeit, daß seine Wirkung auf Leser so widersprüchlich geblieben ist wie vor einem halben Jahrhundert. Diejenigen, die ihn aus ihrem Kanon abtransportieren wollten, sind tot, sein Werk ist es nicht. Aber auch die Verehrung derjenigen, für die er eine indiskutable Größe sein und bleiben sollte, hat er schon mehrfach überlebt.“


Bibliographische Angaben:

Adolf Muschg
Glasperlenspiel und Lebenskunst
Collection Montagnola, 2016

Über den Editor Klaus Isele: http://www.klausisele.de/