#VerschämteLektüren (20): Der Krimiblogger mag es auch mal cozy – Ludger Menke und Inspector Jury.

awesome_1420392727025

Bild: Karl Ludger Menke

Allen meinen Leserinnen und Lesern hier wünsche ich ein SUPERGUTES NEUES JAHR!!! Ich hoffe, Ihr seid gut gerutscht, hattet einen guten Start in 2015 und seid auch bereit für eine neue Runde an verschämten Lektüren.
Zum Start in 2015 wird es spannend mit Ludger Menke alias Krimiblogger. Ludger schreibt über Kriminalliteratur auf mehreren social media-Kanälen – am besten mache man sich ein Bild über seine Aktivitäten unter krimiblog.com.
In einem Interview im  Forum SteglitzMind sagt Ludger über sich:
„Mein Aliasname Krimiblogger verrät es: Ich mag Krimis, Thriller, Spannungsromane und auch Schund. Was genau Krimi ist, kann ich nicht sagen, meine Blogs spiegeln auch meine Suche nach Definitionen und Begriffserklärungen wider. Im Laufe der Zeit bin ich vorsichtiger geworden, ein Buch als „Krimi“ zu bezeichnen. Daneben versuche ich aber auch über den literarischen Tellerrand zu schauen.“
Wenn einer gesteht, „Schund“ zu mögen, dann macht das durchaus neugierig, was Ludger wohl bei den verschämten Lektüren auspackt. Here we go:

Sie sind die “guilty pleasures” der Krimileser, Krimikritiker hingegen rümpfen oft die Nase über sie: die Cozies. Rätselkrimi, Landhauskrimi, Häkelkrimi – so lauten die Etiketten, mit denen im Deutschen die kuscheligen Spannungsromane bezeichnet werden. Cozies gehören schon lange zu den Unterarten der Kriminalliteratur. Bereits im “Goldenen Zeitalter” der Detektivgeschichten, zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert, wurden massenhaft Cozies veröffentlicht. Nicht nur berühmte Autoren wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers (red. Anmerkung: Bei Sätze&Schätze rangiert sie unter der Kategorie „Flutschbuch“:
http://saetzeundschaetze.com/2014/09/21/flutschbuch-11-dorothy-sayers-hochzeit-kommt-vor-dem-fall/)
oder Margery Allingham schrieben damals die mittlerweile oft als harmlos verspotteten Geschichten, auch längst in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie Mavis Doriel Hay, John Bude oder John G. Brandon erreichten mit ihren Geschichten ein großes Publikum.

Die Tradition der Mordsgeschichten, die in der Regel im ländlichen England spielen, deren Morde zwar skurril ausschauen, aber kaum detailliert geschildert werden, und bei denen es meistens einen kleinen und überschaubaren Kreis von Verdächtigen gibt, wurde bis heute von Schriftstellern fortgesetzt. Die US-amerikanische Autorin Martha Grimes, 1931 in Pittsburgh geboren, begann Anfang der 1980er Jahre mit der Veröffentlichung ihrer Inspektor-Jury-Reihe, die mittlerweile 22 Bände umfasst. “The Man With a Load of Mischief” heißt ihr erster Roman, der 1987 in der Übersetzung von Uta Goridis unter dem Titel “Inspektor Jury schläft außer Haus” bei Rowohlt erschien. Und in ihm finden sich alle wichtigen Aspekte, die einen guten Cozy ausmachen: Der Krimi spielt im ländlichen und hübsch verschneiten Long Piddelton, bizarre Morde an Zugereisten geschehen in den örtlichen Pubs, eine exzentrische Gesellschaft von Schriftstellern, Schauspielern und Adeligen beherrscht das Geschehen und selbstverständlich muss einer von ihnen die Morde – denn natürlich bleibt es nicht bei einem Toten – begangen haben. In dieses schaurige Spektakel schickt Scotland Yard den charmanten Inspektor Richard Jury als Aufklärer, der sich, wie es sich für einen Cozy gehört, in eine der Verdächtigen verliebt, der Lyrikerin Vivian Rivington.

Neben ihr zählen der windige Kriminalschriftsteller Oliver Darrington und seine gar reizende Sekretärin Sheila Hogg, der attraktive Wirt und ehemalige Schauspieler Simon Machett, der schwule Antiquitätenhändler Marshall Trueblood, die exzentrische Lady Agatha Ardry und ihr Neffe, Melrose Plant, der freiwillig seinen Adelstitel abgegeben hat, zu dem Ensemble der Verdächtigen. Wie es sich für einen Cozy gehört, führen die aktuellen Verbrechen – ein Opfer wird an einer Skulptur an einer Kneipe zur Schau gestellt, ein anderes Opfer landet mit dem Kopf in einem Bierfass – zurück zu Gewaltverbrechen in der Vergangenheit. Angereichert wird diese harmlose und kurzweilige Mörderjagd mit literarischen Anspielungen. Melrose Plant, der sich zum mitermittelnden Freund von Inspektor Jury mausert, zitiert mühelos französische Lyriker, dezente Hinweise zu Agatha Christie und Arthur Conan Doyle werden gestreut und selbstverständlich spielt Shakespeare eine wichtige Rolle, denn der Schlüssel zur Aufklärung der aktuellen Morde könnte in einer “Othello”-Aufführung liegen, die bereits vor vielen Jahren über die Bühne ging.

Dem strengen Blick eines Literaturkritikers können diese literarischen Anspielungen wohl kaum genügen. “The Man With a Load of Mischief”, ist, wie fast jeder Cozy, Unterhaltungsliteratur, die sich mit Klischees schmückt und die keinen literarischen Anspruch hat. Stilistisch ist der Roman handwerklich sauber und unaufregend verfasst, Martha Grimes stellt das Ensemble-Spiel ihrer Figuren in den Mittelpunkt und geht vor allem der Frage nach, wie sich Menschen verhalten, wenn sie mit Mord konfrontiert werden. Der Roman – wie fast alle Inspektor-Jury-Bücher – hat kaum einen politischen oder gesellschaftlichen Anspruch, wirkt in sich sogar eher konservativ und verklärend. Dennoch habe ich mich über zwanzig Jahre nach meiner ersten Lektüre auch beim erneuten Lesen gut amüsiert. Wie so oft bei Unterhaltungsliteratur sind es oft die Freiräume, die der Autor seinen Lesern lässt. Grimes schafft skurrile Figuren und beschreibt dennoch nicht alles bis ins Detail, sondern lässt ihren Lesern den Platz für eigene Bilder. Vielleicht liegt darin die Kraft und das Geheimnis guter Cozies: Das Erschaffen der Landschaften und der Personen. Doch zum Leben erweckt sie letztlich erst der Leser in seinem Kopf. Und das macht mir auch heute noch, nach vielen, vielen kriminalliterarischen Meisterwerken, immer noch einen Heidenspaß!

P.S.: Wer die deutschen Ausgaben heute sucht, der schaue in Antiquariaten bitte nach den alten Ausgaben mit den schönen Umschlag-Illustrationen von Bruce Meek. Leider wurden die späteren Jury-Romane mit Umschlägen versehen, die an die bunten Zeichnungen von Meek nie heranreichten. Und Meek gab mit seinen Bildern die Atmosphäre der Grimes-Romane perfekt wider.

Bibliographische Angaben:
Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – Boston : Little, Brown & Company, 1981. – ISBN: 0316328804

E-Book-Ausgabe: Martha Grimes: The Man With A Load of Mischief. – New York: Scribner, 2013. – ISBN 978-1-4767-3294-7

Deutsche Ausgabe: Martha Grimes: Inspektor Jury schläft außer Haus / Deutsch von Uta Goridis . – Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987, ISBN 3-499-15947-3

Und hier geht es zum lesens – UND! – sehenswerten Blog von Ludger: https://krimiblog.com/