Johann Wolfgang von Goethe – Gingo biloba

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Bild von Ulrike Leone auf Pixabay

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wies den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen?
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwey? die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Frage zu erwiedern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern
Dass ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe

Gegenüber der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar steht jener als Naturdenkmal geschützte Gingko-Baum, der vielfach mit Goethes Gedicht aus dem Jahre 1815 in Zusammenhang gebracht wird. Und auch wenn das zweigeteilte Blatt zu einem weiteren Wahrzeichen der Stadt geworden ist (ein privat geführtes Museum in der Altstadt über die Mythen und Erzählungen, die sich um diesen aus China stammenden Baum ranken, angeschlossen ist ein etwas touristisch überladener Gingko-Shop) – die Inspiration holte Goethe sich andernorts.

Jetzt, im Frühjahr, macht der Gingko noch nicht soviel her – im Herbst dagegen wird die Verfärbung der Blätter spektakulär. In Weimar sind sowohl das Goethe- als auch das Schillerhaus im Gingko-Herbst-Gelb gestrichen – goldene Zeiten.

Der Gingko (den Goethe des besseren Lautfalls wegen kurzerhand zum „Gingo“ umbenannte) war in jener Zeit an Fürstenhöfen und in den Gärten der besseren Gesellschaft „en vogue“. Goethe verfasste diese Zeilen als Handschrift am 15. September 1815, beigefügt waren zwei Gingko-Blätter. Diese stammten sicher nicht aus Weimar, auch nicht, wie lange angenommen, von einem Baum in Heidelberg, sondern vermutlich aus einem Garten in Frankfurt am Main. Welcher Gingko ausschlaggebend war für diese wunderbaren Zeilen, die von Liebe und Freundschaft sprechen, ist im Grunde nur ganz, ganz wichtig für wahre Goethe-Forscher. Viel interessanter ist doch, an wen sie gerichtet waren: Denn Goethe war einmal mehr verliebt.

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1814 und 1815 begegnete er mehrfach der Schauspielerin und Sängerin Marianne von Willemer, diese zunächst die langjährige Geliebte, dann die Gattin eines Frankfurter Bankiers, mit dem Goethe befreundet war. Es besteht die Fama, Willemer habe seine Marianne flugs geheiratet, als Goethe ihr nach der ersten Begegnung begann, offensiv den Hof zu machen – es muss ihn (einmal mehr) blitzartig erwischt haben. Erst nach ihrem Tod 1860 wurde bekannt, dass etliche Zeilen der „Suleika-Lieder“ im „West-Östlichen Divan“ (in dem auch das Gingko-Gedicht zu finden ist), aus ihrer Feder stammten – damit ist Marianne von Willemer unter den vielen Musen Goethes die einzig (bekannte) Mitautorin.

Vom regen Gedankenaustausch, der geistigen Verwandtschaft, aber auch der gegenseitigen Anziehungskraft zwischen den Beiden zeugen jene Zeilen:

Goethe alias Hatem:
Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der größte Dieb,
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.

Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Dass ich nun, verarmt, mein Leben,
Nur von dir gewärtig bin.

Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Karfunkel deines Blicks
Und erfreu in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.

Marianne von Willemer alias Suleika:
Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht die Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solch ein Raub erfreut!

Und wozu denn auch berauben?
Gib dich mir aus freier Wahl,
Gar zu gerne möchte ich glauben –
Ja! Ich bin`s die dich bestahl.

Was so willig du gegeben
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb ich freudig, nimm es hin.

Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.

Marianne von Willemer schrieb dies als „Suleika“ an ihren Hatem (JWG) – ein Liebesdialog, ein sinnliches Zwiegespräch, aber auch Sublimation nicht ausgelebter körperlicher Liebe. Der Hatem nahm die Zeilen unter seinen Namen in den „Divan“ auf – Marianne wusste davon. Sie wollte selbst aber das Geheimnis der wahren Identität der „Suleika“ gewahrt wissen und nahm es mit ins Grab.

 

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