Ralph Dutli: Die Liebenden von Mantua

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Mantua bei Nacht, romantischer als der Roman. Bild von Rosy Torelli auf Pixabay

„Und bestimmt ruft dein Phantasma des liebenden Steinzeitpaares nach einem Roman, nicht wahr? Wie wär´s mit Die Liebenden von Mantua? Klingt auch in anderen Sprachen gut: The Lovers of Mantova oder Les Amants de Mantoue. Und dann werden dir natürlich die Mantuaner dankbar sein für Gli Amanti di Mantova. Sie werden dir lastwagenweise ihre trockenen, aber schmackhaften Torten schicken, du hast sie wohl noch nicht probiert, diese Erzeugnisse mit dem mürben Namen Sbrisolona.“

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, 2015, Wallstein Verlag.

Selbstreferentielle Bezüge, Sprachspielereien, Perspektivwechsel, Metaphorisches beinah auf jeder Seite, Alliterationen schon am Frühstückstisch:

„Märchenhaftes Mandelhörnchen trifft sakralen Espresso.“

Ralph Dutli zieht in diesem, seinem zweiten Roman, alle Register seines sprachlichen Könnens. Der Übersetzer von Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa, der Essayist und Lyriker, ist augenscheinlich sprachverliebt und hochgebildet. Und hatte sich für sein Buch augenscheinlich viel vorgenommen.
Zu viel?

Die Liebe über den Tod hinaus: Eine romantische Idee. Die Vorstellung wurde befeuert, als 2007 in der Nähe von Mantua ein Steinzeit-Paar in inniger Umarmung gefunden wurde. Die Wissenschaft holt im Roman die Romantiker auf den Boden der Tatsachen zurück: Die Beiden waren wohl getrennt bestattet worden und dann schlicht und einfach nur ineinander gerutscht. So kann es gehen mit romantischen Ideen – und so kann es auch gehen mit einem philosophisch-kunsthistorisch angehauchtem Buch über die Liebe: Sie lösen einen Erdrutsch, ein Erdbeben aus und scheitern, wenn es schlecht läuft, an ihrem eigenen Konzept.

„Der Wirklichkeit selbst sind die Pferde durchgegangen. Sie selbst hat die Zügel schießen lassen. Jetzt soll sie sehen, wie sie weiterkommt. Sie hat sich vergaloppiert.“

Mein Eindruck: Beim Schreiben vergaloppierte sich die Phantasie dieses sprachmächtigen, zur Poesie begabten Autoren mit seiner Leidenschaft für Kunst und Kultur. Er ver-fabulierte sich. Das Buch will alles sein: Liebesroman, Erzählung einer Männerfreundschaft, Kriminalgeschichte, kunsthistorisches Essay. Und so verheddern sich die Handlungsstränge und Parallelerzählungen, wird realistisches Erzählen und jenes aus der Traumperspektive vermischt, blieb bei mir am Ende vor allem ein Eindruck zurück: Mantua wäre mal `ne Sache für eine Kulturreise.

„Was für eine hirnrissige Komödie!“

seufzt Raffa, der Erdbebenforscher, bei der ersten zufälligen Wiederbegegnung mit seinem langjährigen Freund, dem Schriftsteller Manu, anno 2012 in Mantua. Der Ausruf bezieht sich auf Manus Spiel mit Identitäten – für jeden neuen Roman legte er sich eine neue zu. Solange, bis er hinter diesen verschwindet – auch in „Die Liebenden von Mantua“ bleibt er blass, bleibt vieles blass, die Erkenntnis nur: Getrieben sind sie alle von der Liebe.

Manu verschwindet (im Roman) denn auch tatsächlich: Gekidnappt ebenso wie das Steinzeitpaar von einem sinistren Conte, der eine „Religion der Liebe“ begründen will, deren schriftlichen Grund Manu legen soll. Der Conte: ein Blaubart, mehrfach geschieden, die letzte Geliebte unter mysteriösen Umständen ermordet. Raffa bändelt derweil mit der mysteriösen Lorena an, Hotelangestellte und Fachfrau für die neolithische Kunst Maltas. Deren Schwester wiederum beim Conte arbeitet – und beim Versuch, Manu und das Steinzeitpaar aus den Fängen des Conte zu erlösen, von dessen Hand mit einem Pfeil (nicht Amors`) getötet wird. Manu überlebt.

Was sich in der ironischen Verkürzung wie eine etwas hanebüchene, sprich hirnrissige, Detektivkomödie liest, hat durchaus mehr Substanz: Da treten die „Sleeping Lady“ von Mantua, Vergil, der Maler Andrea Mantegna auf, da werden ganz nebenbei etliche Epochen der Kunstgeschichte erläutert und entblättert, da wird ein Motiv – die Liebe – nicht nur über Epochen, sondern über ganze Zeitalter hinweg verknüpft. Raffa und Lorena beim Besuch im Palazzo del Te:

„Renaissance ist Überbietung, die Erweiterung aller Grenzen, sie glaubten wirklich, sich alles erlauben zu können, Guilio wollte das lebendige, farbige Fleisch, Mantegnas strenge antike Statuen sollten verblassen, nur bewegte Muskeln und wippendes Gewebe zählten jetzt, schwingend, federnd, tanzend, lockend, bis zum schieren Bildwitz, an der Grenze zur Karikatur, Guilio Pippi hat seine vatikanischen Liebesgraffiti keinesfalls vergessen.“

Es ist, als sei auch Ralph Dutli ein Renaissance-Mensch, der in diesem Roman alles überbieten will, der die Grenzen erweitern möchte, alles an Wissen über Mantua und seine Geschichte in eine schwingende-federnde Sprache packen will. Nur schade, dass diese geballte Wucht des Wissens die Leichtigkeit des Sujets beinah erdrückt. Die Liebe, das eigentliche Motiv, der Antrieb schon der Steinzeitmenschen, der auch den homo sapiens immer noch umtreibt, sie wirkt in diesem Roman mehr und mehr seltsam versteinert. Man wünschte sich die Leidenschaft und Sinnlichkeit, die Romeo in seinem Mantuaer Exil umtreibt.

„Nichts ist schwerer als leicht zu sein.“

Das sagt sich der verliebte Raffa. Für mich auch ein Programm für diesen Roman. „Man begreift, „Die Liebenden von Mantua“ sind auch ein gewitzter und intelligenter Kunstreiseführer“, hieß es in einer Besprechung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 27. August. D`accord. Nur: Eben auch mit der Sinnlichkeit eines Baedeker, erotische Metaphorik erstickt unter fast schon barocken Wortkaskaden:

„Er sah sie schlafen, nackt oder mit dem ironischen Hauch eines Höschens, Anmut des Schlafs, ihre eine Hand zwischen den Erdbeerhügeln, die andere unter den Kopf oder unters Kissen geschoben, er muss an die Sleeping Lady denken, aber Lorena ist nicht die neolithische Statuette, die auf die Ankunft der göttlichen Botschaft wartet, eher zierlicher Meteorit, der dem Morgenlicht entgegendöst, um aufzuschrecken und an die Arbeit zu eilen. Er weckt sie zart, indem er mit angewärmten Fingerkuppen über ihren Rücken gleitet und versucht, sie nicht zu kitzeln. Was heißt Haut nicht alles.
Kätzchenritual morgens vor dem Aufbruch. Aprikosenwäldchen. Listige Reibgeräusche, unsichtbares Frühstück des Ohrs. Er wollte sein Erdbeben nicht vergessen. Sie musste gehen. Weinbergpfirsich, Limette. Sie duftete nach diesem ungläubigem Rätsel.“

Ungläubiges Rätsel? Nichts ist schwerer als leicht zu sein. Und offenbar nichts schwerer, als leicht über die Liebe auch in Zeiten der Schwere und der Steinzeit zu schreiben…

Ralph Dutli, „Die Liebenden von Mantua“, Wallstein Verlag

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