Jürgen Neubauer: In Mexiko

„Nachmittags liege ich in der Hängematte und lese. Oder ich sitze drin auf der Empore und schreibe ein paar Zeilen in mein Laptop. Seit dem Temazcal treibt mich die Frage um, was ich denn wirklich in Malinalco suche. Dabei stoße ich auf andere, die auf der Suche nach sich selbst, einem sicheren Hafen oder etwas anderem nach Mexiko gekommen oder hier gestrandet sind. Die Spanier natürlich, die Gold und Ruhm suchten und in Mexiko ein Weltreich fanden. Maximilian von Habsburg, der sein Weltreich suchte und in Mexiko nur Trug und Tod fand. Alexander von Humboldt, der verstehen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, und in den mexikanischen Salons herumgereicht wurde. Die Mennoniten, die das Paradies suchten und in Mexiko Käse und Honig fanden. Die Kommunisten und Juden, die in Mexiko Zuflucht vor Hitlers Häschern suchten und eine neue Heimat fanden. Oder die Surrealisten, die in die Nacht des Unbewussten hinabsteigen wollten und feststellten, dass sie dazu in Mexiko nur auf die Straße gehen mussten. Es gibt nichts, was man in Mexiko nicht suchen und wenig, was man nicht finden kann – auch wenn beides nicht übereinstimmen muss.“

Jürgen Neubauer, „In Mexiko. Reise in ein magisches Land“, 2017, Verlag Twentysix, ISBN 9783740735227

Abgestoßen vom Moloch der Großstadt, abgekämpft vom Stress des Arbeitslebens, beschließen der Autor und Übersetzer Jürgen Neubauer und seine Frau Lulú der mexikanischen Hauptstadt den Rücken zu kehren. Ein Neuanfang soll es sein, der Umzug nach Malinalco, der als magisch um- und beworbenen Heimat der aztekischen Göttin Malinalxóchil.

„Auf unseren Wochenendausflügen haben wir uns ausgemalt, wie es wohl wäre, in diesem Dorf zu leben. Das Spiel endete immer in ungläubigem Lachen. Dass wir nun dorthin ziehen, damit überraschen wir uns selbst. Was wir dort suchen, das wissen wir auch nicht so genau. Lulú sich selbst. Und ich? Mindestens das Paradies.“

Zwar wird Malinalco, in dem das Paar schnell Anschluss findet zu jüngeren Einheimischen sowie zu einer Gruppe etwas skurriler wohlhabender Zugezogener, auch nur ein Paradies auf Zeit – doch die Monate hinterlassen einen prägenden Eindruck. In seinem „literarischen Reisebericht“ beschreibt Jürgen Neubauer Land und Leute so lebendig, so plastisch, dass man sich selbst in einem der Gemälde von Frida Kahlo oder Diego Rivera wähnt. Und dies, ohne auf die üblichen Mexiko-Klischees zurückzugreifen, sondern mit einem tiefen Verständnis für eine Kultur, in der es kein Widerspruch ist, für sein Seelenheil in einer der zahllosen Kirchen zu beten, zugleich das Terrain notfalls auch mit Gewalt gegen die Mönche zu verteidigen, im Jeep durch die Gegend zu brettern und zugleich bei Darmbeschwerden eine Heilerin aufzusuchen.

Doch auch das Dorf, das das Paar nach knapp einem Jahr wieder verlässt, verändert sich:

„Wie einst die Konquistadoren und die Bettelmönche sind die unsichtbaren Kräfte der Globalisierung und der Rationalisierung über Malinalco hergefallen und im Begriff, mit der Pest des Kapitals und der Religion der Selbstoptimierung auch noch die letzten Reste seiner Kultur auszulöschen. Dabei sind die Politiker von heute nicht besser als die Kaziken von damals, die ihr Dorf an die Eroberer verraten haben, um vielleicht ein Krümelchen vom Kuchen abzubekommen. Wahlen? Die Malinalca haben die Wahl zwischen Pocken, Masern und Keuchhusten.“

Jürgen Neubauer, der nach Stationen unter anderem als Buchhändler in London und Sachbuchlektor in Frankfurt seit 2004 in Mexiko lebt und den Blog „In Mexiko“ betreibt, schreibt lebendig, anschaulich und unterhaltsam über Begegnungen mit Menschen und Göttern, nimmt einen mit hinein ins Geschehen, sei es bei Führungen durch die antiken Stätten oder zu einem abgelegenen Wahlbüro, das am Ende des Tages nur eine Handvoll Stimmen auszuzählen hat. Diese Episoden bereichert der Autor zudem mit seinem tiefen Hintergrundwissen über die lange Geschichte Mexikos. In ausführlichen Kapiteln treten beispielsweise auch der oben genannte Habsburger, der nur ein kurzes Gastspiel als Kaiser von Mexiko hatte und 1867 hingerichtet wurde, oder auch der Revolutionär Zapata auf – in greifbaren, anschaulichen Schilderungen, die Lust machen, sich noch intensiver mit der mexikanischen Historie zu beschäftigen.

Ein umfangreicher Abschnitt ist einem deutschen Schriftsteller gewidmet, der heute in Deutschland beinahe vergessen ist: Gustav Regler (1898 – 1963), der 1940 nach Mexiko kam. Jürgen Neubauer hat sich intensiv mit ihm und seinen Werken beschäftigt und ich freue mich sehr, dass er für „Sätze&Schätze“ zum 120. Geburtstag von Regler am 25. Mai einen Gastbeitrag über den Autoren geschrieben hat.  Der Beitrag wird übermorgen bei mir erscheinen, parallel dazu gibt es auf Jürgens Blog etwas über Regler, dessen nicht weniger interessante Frau Mieke und deren mexikanische Eindrücke zu lesen.

Links:

„In Mexiko“https://inmexiko.wordpress.com/
„Aus Mexiko“
https://ausmexiko.wordpress.com/

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