Ganghofer reloaded: Ein neuer Blick auf den „Alpen-May“

Er war ein Star der Literatur jener Tage: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920). Mit über 40 Millionen verkauften Büchern bis heute bleibt er ein Bestseller-Autor mit einer Auflagenhöhe, von der gegenwärtige Schriftsteller nur träumen können. Er versorgte die Deutschen mit Berg- und Heile-Welt-Romantik, hatte mit seinem Stück vom Herrgottschnitzer in Ammergau in Berlin einen grandiosen Bühnenerfolg und bekam von Zeitgenossen, weil er der Lieblingsautor des Kaisers war, den Spitznamen „Hofganger“ verpasst. Sein Name ist, auch dank der zahlreichen (mehr oder weniger gelungenen) Verfilmungen seiner Bücher, zwar noch immer ein  Begriff  – auch wenn die wenigsten seine Bücher heute wohl noch lesen geschweige denn viel über den Erfolgsschriftsteller wissen.

Meist bringt man Ganghofer mit Oberbayern, beispielsweise mit der Gegend um den Tegernsee (Bild), zusammen. Dabei vergass er seine schwäbischen Wurzeln nie. Bild: Bild von Thanks for your Like • donations welcome auf Pixabay

Ein verbreiteter Irrtum: Der Schöpfer von Romanen wie „Schloß Hubertus“ und „Der Jäger vom Fall“ sei Oberbayer. Zwar starb Ganghofer vor über 100 Jahren in Tegernsee, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte und er liegt neben seinem Freund Ludwig Thoma auf dem Friedhof von Rottach-Egern begraben. Geboren jedoch ist er im bayerischen Schwaben – und dort bemüht man sich nicht nur um die Erinnerung an ihn, sondern auch um eine Befreiung des Volksschriftstellers vom Kitsch-Klischee. Mit einer wissenschaftlichen Tagung unter dem Titel „Total trivial? Ganghofer reloaded“ wollte Professor Klaus Wolf, Experte für bayerische Literatur an der Universität Augsburg, zum Jubiläum für einen neuen Blick auf Ganghofer sorgen – Corona-bedingt nun aufgehoben, aber nicht aufgeschoben. Wolf würdigt den Schriftsteller auch mit einem umfassenden Portrait in der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben (erscheint im Wißner-Verlag):

„Die große Welt war Ludwig Ganghofer somit zunächst nicht in die Wiege gelegt.
Sein Vater arbeitete als Förster, der sich um eine Reform des königlich-bayerischen
Forstwesens bemühte. Er war aber ein Reformer, der zunächst Anfeindungen auch
als Beamter ausgesetzt war und es erst in seinen letzten Lebensjahren zum Ministerialrat,
ja bis zum Adelstitel – allerdings ein nicht erblicher Adelstitel – unter
Prinzregent Luitpold brachte. Ludwig Ganghofer wuchs also tatsächlich in einem
damals gottverlassenen Nest, in einer dörflichen, bäuerlichen Gegend auf.“

Er zeigt auf, wie aus dem Bub vom Land ein junger Schriftsteller und Journalist wurde, der sich ganz dezidiert liberal und weltoffen positionierte – so hielt Ganghofer auch entschieden gegen den grassierenden Antisemitismus seiner Tage an. Und den vielschichtigen, liberalen, an technischen und ökologischen Fragen interessierten Ganghofer stellt man ebenfalls bei der Regio Augsburg in den Mittelpunkt. „Vieles, was mit dem Namen Ganghofer verknüpft ist, ist ganz aktuell“, betont Tourismusdirektor Götz Beck, „das reicht von der Sehnsucht nach einer intakten Natur bis hin zur Diskussion über den Heimatbegriff heute in einer globalisierten Gesellschaft.“

Wer auf Ganghofer-Spurensuche in Schwaben geht, wird an etlichen Orten fündig: Der „Alpen-Shakespeare“ erblickte in Kaufbeuren das Licht der Welt. Eine Tafel am Geburtshaus erinnert daran und natürlich ist ihm in der „Dichterstube“ im Stadtmuseum viel Raum gewidmet. Zu sehen ist dort unter anderem sein Schreibtisch mit dem bezeichnenden Motto: „Ohne Fleiß kein Preis“. Aus Kaufbeuren, konkret von der Deutschen Ganghofer-Gesellschaft und ihrem Vorsitzenden Karl Ilgenfritz, kam die Idee einer virtuellen Ganghoferstraße, die seit 2010 im Internet zu finden ist.

Doch die prägenden Jahre erlebte Ganghofer im Holzwinkel, „da entstand die Liebe zur Natur, die in seinem Werk so großen Raum einnimmt. Aber auch viele Erlebnisse, Eindrücke und Figuren aus dieser Zeit finden sich in den späteren Werken, natürlich literarisch verfremdet, wieder“, betont Professor Wolf.

Als Ludwig vier Jahre alt war, zog die Familie nach Welden, sein Vater, der später wegen seiner Verdienste als Forstreformer geadelt wurde, war dort als königlicher Revierförster tätig. Und das Kind wurde zu einem frühen Verfechter dessen, was heutzutage als „Waldbaden“ en vogue ist. In seiner mehrbändigen Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“, die zwischen 1909 und 1911 erschien, erinnert sich der erwachsene Ludwig:

„Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, daß ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, daß dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn soweit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert.“

In der Marktgemeinde Welden ist man natürlich stolz „auf unser berühmtestes Kind“, bemerkt Bürgermeister Stefan Scheider, „er wird entsprechend durch Hinweise im Ort, auch durch eine Ganghoferstraße, und viele Aktivitäten gewürdigt.“ Aber auch dem Politiker ist klar, dass man mit Blick auf seine Literatur jüngere Menschen erst einmal nicht begeistern kann. „Man muss sie neugierig machen auf die Person – beispielsweise indem darauf hinweist, dass Ganghofer mehr Bücher verkaufte als selbst Joan Rowling mit Harry Potter.“ Dass die Erinnerung an den Schriftsteller im Ort selbst so lebendig bleibt, ist laut Scheider wesentlich auch den Ganghofer-Freunden in Welden rund um Karl Höck zu verdanken: „Er hat praktisch alles erforscht, was es zu Ganghofers Zeit bei uns zu sagen gibt.“

Bild: Regio Augsburg Tourismus GmbH

Ob man das „Schweigen im Walde“ unbedingt gelesen haben muss, sei dahingestellt. Aber man kann es im wortwörtlichen Sinne auf Spuren des ganz jungen Ganghofers zumindest für ein paar Stunden genießen. 2015 wurde in Welden der „Ludwig Ganghofer Lausbubenweg“ eröffnet: Dort, im ehemaligen Refugium des kleinen Ludwigs, sind auf einem 3,5 Kilometer langen Rundweg mehrere Erlebnisstationen an den Erinnerungen des Schriftstellers ausgerichtet – man kann mit Tannenzapfen auf eine Nepomuk-Figur werfen, „Eierklauen beim Rollewirt“ oder einfach auch nur spielerisch den Wald entdecken. „Wenn man die Geschichten Ganghofers aus seiner Autobiographie im Ohr hat, dann bekommt so ein Waldspaziergang gerade für Kinder nochmal eine andere Qualität und einen Hauch von Abenteuer“, meint Götz Beck. Gemeinsam mit der Marktgemeinde und dem örtlichen Ganghofer Freundeskreis waren 2020 zum 100. Todestag etliche Veranstaltungen geplant – noch ist die Hoffnung da, dass diese 2021 nachgeholt werden können. „Sicher kann man mit seinen literarischen Werken junge Menschen nur bedingt erreichen – aber er war ein Vordenker, Reformer, ein moderner Mensch und diese Geschichten wollen wir erzählen“, betont Götz Beck.

Das wird auch deutlich in der Dauerausstellung im Landgasthof zum Hirsch in Welden: Am „Stammtisch“ wird darauf hingewiesen, dass der Autor von Heimatromanen durchaus ein Intellektueller war, der Rainer Maria Rilke entdeckte, der den wilden Wedekind ebenso förderte wie den Schlacks Karl Valentin. „Ganghofer wird einfach nach wie vor unterschätzt“, bedauert Klaus Wolf. „Das war ein Mensch, der an technischen Entwicklungen interessiert war, er warf einen sozialkritischen Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit, er thematisierte sehr früh schon auch die Probleme, die die Eingriffe der Menschen in die Natur mit sich brachten.“


Ganghofer in Welden

In der Marktgemeine Welden kann man selbst ganzjährig an vielen Stationen etwas über den Schriftsteller erfahren. Der kindgerechte Lausbubenweg ist mit dem Kinderwagen begehbar, etwas weiter führt ein Ganghofer-Rundweg von 5,5 Kilometern Länge. Unumgänglich ist ein Abstecher in den Landgasthof zum Hirsch: Dort wurde eine liebevoll gestaltete Dauerausstellung eingerichtet, die das Leben und Wirken der Försterfamilie in den Blick nimmt.

Wer möchte, kann sich im Hirsch auch einen i-Pod leihen und mit Ganghofer auf „Lauschtour“ gehen. Was sonst noch für Wanderer und Radler auf Ganghofers Spuren zu unternehmen ist, findet sich gebündelt auf einer Internetseite der Regio Augsburg: https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Bilder: Regio Augsburg Tourismus GmbH


Allerdings erkannte Ganghofer, der nach dem Besuch des Augsburger Realgymnasiums zunächst Maschinenbau studierte und erst später zu Literaturgeschichte und Philosophie wechselte, schnell, wie sich mit seinem schriftstellerischen Talent auch sehr viel Geld verdienen ließ: Statt der Hochliteratur widmete er sich dem Verfassen von Hochlandromanen. „Zu dieser Zeit herrschte, auch aufgrund der Industrialisierung, ein großes Bedürfnis nach einer heilen Welt und unverfälschter Natur“, so Wolf, „und das bediente er mit seinen Romanen.“ Mit Büchern aus dem Holzwinkel wäre ihm dabei wohl weit weniger Erfolg beschieden gewesen, die Alpen als Kulissen waren da schon gewinnbringender. „Er hat sich ganz bewusst für dieses Genre entschieden, weil er damit seinen durchaus aufwändigen Lebensstil – er führte ein gastfreundliches Haus in München und hatte ein großes Jagdhaus in Tirol – finanzieren konnte“, sagt der Literaturexperte. Diese Geschäftstüchtigkeit als Literat war schon damals außergewöhnlich – aber auch das ist vielleicht ein schwäbischer Zug in Ganghofers Schaffen.

Weitere Informationen:
Alles rund um Ganghofer in Welden und Umgebung:
https://www.augsburg-tourismus.de/de/ludwig-ganghofer

Dieser Beitrag erschien zuerst im Magazin „top schwaben“, Nr. 72.

LITERARISCHE ORTE: Waldeinsamkeit mit dem kleinen Ludwig

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Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Kommt man auf der schwäbischen Poststraße von Augsburg her, und fuhr man an den alten Schlössern von Hamel und Aystetten vorüber, so versinkt die Straße in dunklen Fichtenwäldern, die fast kein Ende mehr nehmen wollen. Das ist der Adelsrieder Forst. In der Mitte des Waldes stand ein Kreuz; da wurde vor hundert Jahren eine Bäuerin mit ihrer Tochter von Wölfen zerrissen. Dann wieder Wald und Wald, bis die dunkelgrünen Schatten sich endlich öffnen zu einem hellen, hügeligen Wiesengelände.

An diesem Tor des Waldes sagte wohl mein Vater damals bei jener Winterreise zu der Mutter: »Schau, Lottchen, da fängt mein Revier an! Und vier Stunden braucht man bis zur anderen Grenze.«

Man fährt an dem Dorfe Kruichen, an dem Mühlweiler Ehgarten vorüber; und nach einem Stündchen, das nur vierzig Minuten hat, kommst du im schmalen Tal der Laugna nach Welden im Holzwinkel.“

Ludwig Ganghofer, „Lebenslauf eines Optimisten“, 1909.

Er war der bayerische Karl May, ein Popstar der Literatur jener Tage: Ludwig Ganghofer (1855 – 1920), mit über 40 Millionen verkauften Büchern der Bestseller-Autor seiner Generation, der die Deutschen mit Kitsch und Bergromantik über Jahrzehnte hinweg versorgte. Schon in den Anfangszeiten des Kinos wurden der „Jäger vom Fall“ und andere Alpenschmonzetten verfilmt. Die cineastische Verarbeitung erreichte in den rührseligen 1950er-Jahren ihren Höhepunkt – aber selbst bis in unsere Tage ist Ganghofer, einer der am meist verfilmten Autoren, ein Fall für die Mattscheibe: 2012 flimmerte die Neuverfilmung „Nur der Berg kennt die Wahrheit“ durch die Wohnzimmer.

In dem meiner Oma selig standen mehrere der dunkelgrünen Bücher, die sie, die lange in Garmisch-Partenkirchen gearbeitet und schließlich einen Gebirgsjäger geehelicht hatte, im Schrank mit dem feinen Porzellan und den Souvenirs verschiedener Alpenausflüge aufbewahrte. Gelesen habe ich als Kind wohl einige, doch die Erinnerung daran komplett verloren. Irgendwas mit Herz, Schmerz, reichen und bösen Grundbesitzern, dekadenten Adeligen und armen, aber ebenso tugend- wie wehrhaften Mägden und Junggesellen.

Ob man das „Schweigen im Walde“ unbedingt gelesen haben muss, sei dahingestellt. Aber man kann es im wortwörtlichen Sinne auf Spuren des ganz jungen Ganghofers zumindest für ein paar Stunden genießen. Im 155. Geburtsjahr des Schriftstellers, der als Förstersohn in Kaufbeuren das Licht der Welt erblickte, wurde nahe bei Augsburg ein „Ludwig Ganghofer Lausbubenweg“ eröffnet. 1859 kam die Familie des „königlichen Revierförsters“ August Ganghofer nach Welden, ein kleiner Ort inmitten der sogenannten „Westlichen Wälder“, heute ein großer Naturpark mit vielen Erholungs- und Erlebnismöglichkeiten.

Der kleine Ludwig wurde mit der neuen Umgebung – vom städtischen Kaufbeuren in die 800-Seelen-Gemeinde Welden war es schon ein großer Schritt – gleich heimisch. Fast fünf Jahrzehnte später erinnert sich Ganghofer noch bildhaft und bildkräftig an seine Kindheit im „Holzwinkel“, an Land und Leute in seiner mehrteilig erschienenen Autobiographie „Lebenslauf eines Optimisten“:

„Der Schwabe – das ist ja an sich schon freundliche und gutmütige Menschenart. Und in dem stillen, aus dem Lärm der Welt hinausgeschobenen ›Holzwinkel‹ hatte sich dieser gute Schlag seit Urväterszeiten ungefährdet erhalten. Mit dem liebenswürdigen Temperament des Schwaben paart sich noch das heiter Nivellierende seiner Sprache. Alles Grobe bekommt da eine drollige Milderung. Besonders schön klang das Staudenschwäbisch da draußen im Kolzwinkel freilich nicht. Aber ungefährlich klang es. Und wenn ich in einem Nachbarsgarten auf den Birnbaum kletterte, jagte mir’s keinen sonderlichen Schreck ein, wenn der Bauer vom Scheunentor herüberdrohte: »Geahscht raa, odr i kei di naa!«“

Der Wald rund um Welden wurde zu seinem Refugium, hier zog er los, um mit seinen Freunden allerlei Unsinn zu treiben. An die „Lausbubenstreiche“ (mit seinem Vornamensvetter Ludwig Thoma hatte Ganghofer vieles gemein, später unter anderem auch den unverhohlenen Patriotismus und Kriegsverherrlichung) erinnert der Weg, der mit seinen rund 3,5 Kilometern keine allzu große Herausforderung darstellt und auch mit Kindern gut machbar ist. Trotz der Bemühungen des Tourismusverbandes, auch den Ganghofer im schwäbischen Bayern für die regionale Werbung zu nutzen: Allzu viel los ist auf den Wegen glücklicherweise nicht und so lässt sich bei einem Rundgang ein Hauch von Waldeinsamkeit spüren, so lässt sich auch nachvollziehen, was Ganghofer mit dem, mit „seinem“ Wald verband:

„Es mag wohl bald im ersten Sommer zu Welden geschehen sein, daß ich sehnsüchtig diesem winkenden Grün entgegenzappelte. Des Tages, der mir den Wald gegeben, weiß ich mich nicht mehr zu entsinnen. Aber ich glaube, daß dieser Tag mir den ersten Seelenrausch, das erste klingende Gefühl meines Lebens gab. Denn so weit ich mit klarem Erinnern zurückschaue in die Kindheit: immer steht mir zwischen schönen Dingen der Wald als das Schönste, und immer war mir da ein frohes Zittern im Blute, ein Jubelschrei in der Kehle, ein Staunen in den Augen, ein Gefühl der Erlösung in allen Sinnen, ein geflügelter Traum in all meinem Leben. Und das ist seit meiner Kindheit so in mir geblieben bis zum heutigen Tage – durch ein halbes Jahrhundert.“

Wer übrigens den Rundgang mit einem schwäbischen Essen beschließen will: Eine Adresse dafür wäre der „Landgasthof zum Hirsch“ in Welden, in dem auch eine kleine Ganghofer-Gedenkstätte zu finden ist.

Auch wenn Ganghofer später so brav über die Landschaft seiner Kindheit schrieb, er wollte, in mehr als einem Sinne des Wortes, hoch hinaus, nicht im kleingliedrigen Schwaben verbleiben. Lebens- und Wirkungsstätte wurden München und die Gegend um den Tegernsee im bayerischen Oberland sowie das österreichische Gaistal – wahre Fans finden auch hier ein Museum, in dem der Jäger vom Wald gewürdigt wird.


Weitere Informationen:

Ganghofer-Portrait im Literaturportal Bayern
„Lebenslauf eines Optimisten“ imProjekt Gutenberg
Ganghofer-Museum
in Kaufbeuren
Broschüre „Ganghofer in Welden“


 

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Peter Rosegger: Weltgift

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Bild von holzijue auf Pixabay

„Hadrian Hausler war mit seiner That überaus zufrieden. Jetzt hing er nicht mehr in der Luft, jetzt stand er fest auf der Scholle. (…) Welch eine Aufgabe! Sie, die heute noch lachen über den durchgebrannten Kompagnon Hausler, werden mir noch ein Denkmal setzen. Ein Denkmal war immer mein Ideal. Eins aus Erz auf Sandsteinsockel. Marmor hält nicht in diesem Klima.“

Peter Rosegger,, „Weltgift“, 1903, neu aufgelegt 2016 beim Septime Verlag.

Peter Rosegger? Irgendwo, irgendwann hatte ich das Vorurteil aufgegriffen, der Rosegger sei eine Art österreichischer Ganghofer und mich nie mit ihm beschäftigt. Meine Neugierde wurde durch den Septime Verlag in Wien geweckt – er gab nun den 1903 erstmals veröffentlichten Roman „Weltgift“ wieder heraus, verbunden mit dem Hinweis auf dessen sozialkritische Aktualität, die uns heute wieder ansprechen könnte.

Rosegger (1843 – 1918), als Waldbauernbub in eine Region mit hohem Analphabetismus hineingeboren, der kaum Chancen auf eine gute Bildung hatte, wurde durch sein erzählerisches Talent früh entdeckt. Einige Förderer und Gönner (darunter ein Bierbaron) ermöglichten ihm den Besuch der Grazer Handelsakademie. Von da an war kein Halten mehr: Rosegger avancierte schnell zum vielgelesenen Autor, ein Volksschriftsteller, der 1913 sogar für den Literaturnobelpreis im Gespräch war.

Parallelen zu Ganghofer gibt es durchaus, insbesondere in sozialen und politischen Fragen – Haltungen, vom Zeitgeist geprägt, die sich aus unserer heutigen Perspektive einer simplen schwarz-weiß Bewertung entziehen. Beide konservativ in ihren Ansichten, Rosegger monarchietreu, Ganghofer deutlich nationalistisch. Beide verfassten, angesteckt vom Weltenbrand, während des Ersten Weltkriegs kriegsverherrlichende Texte, obwohl Rosegger beispielsweise vor der Jahrhundertwende ein aktives Mitglied der pazifistischen Bewegung in Österreich war. Die Werke der beiden Autoren wurden posthum von den Nationalsozialisten für deren Zwecke vereinnahmt. Und beide sind bis heute schwer einzuordnen, werden je nach Standpunkt nach wie vor für gewisse Zwecke genutzt oder abgelehnt, wie auch ein Artikel anlässlich des 170. Geburtstages von Rosegger im österreichischen „Profil“ zeigt.

Parallelen im Werk sind zu finden in der Auseinandersetzung mit der sozialen Lage der Bauern, dem Auseinanderklaffen der Klassen, den Konflikten, die im Zuge der Industrialisierung entstehen, aufgezeigt oftmals am Gegensatz von Stadt und Land.

So begeht auch die Hauptfigur des Romans „Weltgift“, Hadrian („Hadri“) Hausler – kein Häusler, sondern Sohn aus gutem Hause, jedoch nirgends daheim und auch in sich unbehaust – Landflucht: Der Fabrikantensohn, seines verschwenderischen, sinnlosen Lebens in der Stadt überdrüssig, schlägt die Firmennachfolge aus und versucht in der österreichischen Provinz als Gutsherr Fuß zu fassen. Und scheitert auch daran grandios. Von einem betrügerischen Verwalter eh schon um das letzte Hemd gebracht, ruiniert ihn ein Hochwasser vollends. Einziger Halt ist sein junger Geselle Sabin, den der von der Frauenwelt enttäuschte Hausler- seine Geliebte heiratet des besseren Ertrags wegen seinen Vater- in fast schon homoerotischer Weise verehrt. Zwar ist diese – zudem einseitige Männerfreundschaft – zurückhaltend dargestellt. Doch sowohl dies als auch andere Szenen des Romans wurden bei dessen Erscheinen von der konservativen Öffentlichkeit als „lüstern“ empfunden. Gerald Schöpfer zitiert in seinem Nachwort zu „Weltgift“ aus dem „katholischen Schulvereinskalender“ von 1903:

„Darum findet sich in seinen Geschichten so manches, was ein reines Gemüt abstößt und ein gläubiges Herz im Innersten verwundet. Aber gerade diese pikante Sauce behagt dem lüsternen Gaumen der meisten Leser.“

Heute könnte wohl das persilreinste Herz kaum mehr erotisch Anstößiges in diesem Roman finden: Rund um Hausler finden sich allerlei junge Leute, bändeln an und heiraten am Ende ordnungsgemäß. Während die Städter, allen voran Hausler und seine ehemalige Geliebte, wegen ihrer Gewandung das „grüne Fräulein“ genannt, verderben.

Aber auch das sozialkritische Element ist eher durch die enthusiasmisierte Leseraugen zu entdecken: Mit dem Begriff „Weltgift“ meint Rosegger die „Verdorbenheit“ der Städte, die ländlichen Tugenden entgegengesetzt wird, die aber auch schon auf das Land zugreift:

„Es ist bekannt, daß im Landvolk das Ideal vom Guten mehr gilt, als das vom Schönen. Je ursprünglicher ein Volk, je mehr lebt es in der tüchtigen That, je weniger hat es mit der Kunst zu schaffen. Je mehr ein Volk sich verfeinert, um so mählicher entfernt es sich von dem Begriff Tugend, um so mehr nähert es sich dem, was man unter Brüdern Kunst nennt. In den Städten macht Tugend niemand mehr Freude, nur wenigen Ehre, sie ist verachtet wie eine altväterische Sache, und an ihre Stelle ist vielfach der Schönheitssinn getreten.“

Das ist das Problem dieses Romans: Man könnte in ihn alles Mögliche hineindeuten. Wenn einer der Bergbauernbuben, in der Stadt zum Mediziner herangebildet, seine Philosophie des Übermenschen, die Züge der Euthanasie in sich trägt, auspackt – dann weiß man nicht, soll es einen gruseln oder ist dies ironisch verpackte Zeitkritik. Vieles davon würde sich nur mit einer eingehenderen Beschäftigung mit der Biographie des Schriftstellers klären – dafür jedoch spricht mich dessen Werk wiederum nun doch nicht stark genug an.

Das Werk des einstigen Volksschriftstellers wird heute, so ließ ich mir sagen, allenfalls noch im österreichischen Fernsehen durch verkitschte Verfilmungen vermittelt. Jö schau – das ist allerdings auch nicht schön: Denn durch seinen eigenartigen Humor, der immer wieder zwischen den Zeilen herausspringt, vermittelt Rosegger durchaus, zumindest in „Weltgift“, dass da was Widerspenstiges in ihm lauert. Und diese feine Ironie wiederum macht den Roman durchaus als „Schmankerl“ lesenswert.

Die Verlagsangaben zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_weltgift.html

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LITERARISCHE ORTE: Ganghofer und Enzensberger unter einem Dach

Enzensberger und Ganghofer auf Augenhöhe: Allerdings nur räumlich, bedingt durch den Zufall der Geburt am selben Ort: Beide wurden geboren in Kaufbeuren, ehemals freie Reichsstadt, heute aufstrebendes Oberzentrum im Allgäu.

Das 2013 wiedereröffnete und neukonzipierte Stadtmuseum, für sein multimediales und familienfreundliches Angebot bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet, widmet nicht nur Adel & Bauern, Mönchen & Freiherrn, Fabrikanten & Arbeitern Raum, sondern auch einer ganz besonderen Spezies: Den Schriftstellern. Hans Magnus Enzensberger, Ludwig Ganghofer, Sophie von La Roche und Christian Jacob Wagenseil kamen in Kaufbeuren zur Welt, wenn auch keiner von ihnen, außer Wagenseil, länger dort lebte. Ihnen ist eine ganze Dichterklause, eine eigene Etage im Museum reserviert. Zuviel an literaturgeschichtlicher und wissenschaftlicher Information darf man sich freilich nicht erwarten – es sind kurze Darstellungen der berühmteren Schriftstellerpersönlichkeiten der Stadt, gestalterisch jedoch gut gemacht. Und animiert vielleicht doch den einen oder anderen dazu, (mal wieder) in einem der Werke zu lesen.

Hans Magnus Enzensberger
„Ich bin keiner von uns! Ich bin niemand!“: Mit diesem Zitat aus dem Gedicht „Schaum“ (1960) wird man in einer modernen Leselounge empfangen. Tatsächlich verbindet HME (Jahrgang 1929) mit seinem Geburtsort im Allgäu wohl wenig, die Kindheit verbrachte der Sohn eines Fernmeldetechnikers vor allem in Nürnberg. Mehr Biographisches findet sich im Literaturportal Bayern, in der Stadt Kaufbeuren führt eine Spurensuche selbst nicht weit. Im Museum gibt es „das Wort als Hardware“, klingen Enzensberger-Gedichte gegen die virtual reality an, erhebt der „Dichter im Keller“ seinen „Bleistiftstummel“ gegen die Befindlichkeit der Gesellschaft hoch.
Die Haltung, mit der HME gegen Missstände anschrieb, ihr wird eine Stimme gegeben:

„Lab` Dich an Deiner Ohnmacht nicht, sondern vermehre den Zorn.“
„Der Tag kommt, da sie wieder Listen ans Tor schlagen.“

Hier spricht der Schriftsteller durch sein Werk – man kann zuhören oder in seinen Büchern lesen, die im Raum verteilt sind. Eine weitere biographische Annäherung an Enzensberger ist als Projektarbeit mit Schülerinnen und Schülern geplant. Eine kluge Entscheidung – denn ob diese für den unmittelbaren Nachbarn zu begeistern wären, ich wage es zu bezweifeln, trotz angeborenen Hang zum Optimismus:

Ludwig Ganghofer (1855 – 1920)
„Ich wurde am 7. Juli 1855 zu Kaufbeuren geboren als unanzweifelbarer Schwabe. Kein Wunder also, daß ich ein Optimist wurde.“

„Der Jäger vom Fall“, „Das Schweigen im Walde“: Ich kenne die Bücher noch aus meiner Kindheit, nebst einigen weiteren bayerischen Originalitäten und der Bibel zählten sie zum überschaubaren Buchbestand der Großeltern. Man las den Ganghofer wie einen bayerischen Karl May, Abenteuergeschichten mit Moral in den Bergen. Punkt. Dass der Volksschriftsteller und Bestsellerautor unter Kitschverdacht noch einige Facetten mehr hatte, wird in der Ausstellung deutlich: So gewinnt man Einblick in ein privates Labor, das Ganghofer, der zunächst Naturwissenschaften studierte, hatte, erfährt von seinen Jahren als Dramaturg und Theaterdichter in Wien, aber natürlich auch von seiner Jagdleidenschaft und seiner patriotischen Hurra!-Begeisterung mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Ganghofer, der zuvor auch mit Frank Wedekind und Karl Valentin befreundet war, sich gegen Zensur und für Demokratisierung einsetzte, tritt mit seinem Freund Ludwig Thoma in die Deutsche Vaterlandspartei ein, die einen Siegfrieden propagiert, schreibt unter dem Titel „Eiserne Zither“ heroische Kriegslieder und wird als Freiwilliger als Kriegsberichterstatter eingesetzt.
So unterschiedlich also Lebensläufe und Haltung, vereint Ganghofer und Enzensberger doch eins: Beide wurden eher zufällig in Kaufbeuren geboren. Ludwig Ganghofer kam hier 1855 als Sohn eines Försters zur Welt, die Familie zog bald darauf in die Nähe von Augsburg. Wer ihm dort hin auch noch folgen will, der kann diese auf dem virtuellen „Ganghofer-Weg“ tun.

Sophie von La Roche (1730-1807) und Christian Jacob Wagenseil (1756 – 1839)
2015-04-07 10.36.49Sie schrieb den ersten erfolgreichen „Frauenroman“, gab die erste deutsche Zeitung von Frauen für Frauen heraus, reiste selbständig und schrieb darüber erfolgreiche Romane, ernährte die Familie zeitweise mit ihrem Schreiben mit: Sophie von La Roche, eine Tochter der Aufklärung. Auch sie verbrachte nur wenige Jahre in Kaufbeuren, der Vater, ein Arzt, zog bald nach ihrer Geburt nach Augsburg. Obwohl Sophie eine – für eine Frau seinerzeit – sehr gute Ausbildung erhielt, allzu weit ging die Freiheit dennoch nicht: Ihre erste Verlobung mit einem Italiener (ein Italiener!!! Unvorstellbar!) musste sie lösen, ihre zweite mit ihrem Cousin Christoph Martin Wieland (beide Familien hatten Wurzeln im oberschwäbischen Biberach a. d. Riß, dort empfiehlt sich ein Besuch im Wieland-Museum) löste sie dagegen aus eigenem Antrieb, weil der junge Mann ihr zu unbeständig erschien. Sie und Wieland blieben dennoch ihr Leben lang freundschaftlich verbunden, er erinnerte sich bis zu seinem Tod liebevoll an sie als die Person, die ihn zum Schreiben brachte.
Nach den beiden Verlobungen ging Sophie schließlich eine von Vernunft geprägte Ehe mit Hofrat Georg Michael Frank von Lichtenfels, genannt La Roche, ein. Die vier Männer in ihrem Leben – Vater, die beiden Verlobten und der Gatte – werden im Museum kurz vorgestellt, an einer Hörstation dreht sich zudem ein fiktives Tischgespräch der Autorin mit dem Ehepaar Herder, mit Goethe, Jacobi und Lavater um die Rolle der Frau.

Den Kaufbeurer Christian Jacob Wagenseil lernt Sophie von La Roche erst lange nach ihrem Wegzug aus ihrer Geburtsstadt kennen, sie pflegen einen intensiven Briefwechsel, der sich um die Themen der Aufklärung dreht. Wagenseil kehrte nach Studium und Lehr- und Wanderjahren 1779 in seine Geburtsstadt zurück, weil sich ihm hier die Aussicht auf eine städtische Anstellung auftat:
„W. hat sich in dieser Zeit um seine Vaterstadt, namentlich um die Erweiterung der Volksbildung, die Hebung des Schulunterrichts und die Besserung des heruntergekommenen Theaters namhafte Verdienste erworben und durch seine zahlreichen, theils populär-wissenschaftlichen, theils belletristischen Werke selbst zur Bereicherung der Lehrmittel beigetragen. Aber auch auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung hat er, besonders in den Kriegsjahren von 1790 bis 1804, seiner Vaterstadt hervorragende Dienste geleistet, wenn er auch oft genug nur Undank dafür erntete.“
Quelle: Deutsche Biographie

Unter anderem führte er die Pockenimpfung in Kaufbeuren ein, ließ den ersten Blitzableiter am Rathaus montieren und Frauen in Frauenrollen auf der Bühne zu. Wer den Film „Daheim sterben die Leut‘“ (1985) der Allgäuer Regisseure Leo Hiemer und Klaus Gietinger gesehen hat – der mag vielleicht ermessen, wieviel anstrengender der Kampf gegen Aberglauben und Vorurteile bei den Allgäuern rund zwei Jahrhunderte zuvor gewesen sein mag…

Freilich kann das Stadtmuseum die Lebensläufe der schreibenden Herrschaften nur streifen, neugierig machen, hinführen – wer sich mit dem einen oder anderen der Autoren schon beschäftigt hat, wird hier nichts Neues finden – außer vielleicht dem Anstoß, einmal doch das „Fräulein von Sternheim“ zu lesen oder auch einmal wieder einen Lyrikband von Enzensberger herauszukramen. Wer in Kaufbeuren noch mehr sehen will, dem sei insbesondere das Kunsthaus Kaufbeuren empfohlen – so wie ein kleiner Stadtrundgang: