Ein Gastbeitrag von Theo Breuer zu „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller und seiner Literatour 2022

Seit einiger Zeit freue ich mich über einen regelmäßigen Austausch mit dem Schriftsteller Theo Breuer, der im Zuge meiner Pressearbeit für Literaturverlage entstand. Schon früh in diesem Jahr informierte mich Theo Breuer über sein Vorhaben, sein erstaunliches jährliches Lesepensum als Essayzyklus 2022 in der Literaturzeitschrift Matrix zu veröffentlichen und gab mir, mit der Bitte um Einschätzung, die Texte zu lesen. Auch hier nochmals vielen Dank für dieses wunderbare Vertrauen und dass ich diese Literatour begleiten durfte. Ich war von der Idee, die Lektüren mit dem eigenen Alltag zu verknüpfen und dadurch ein Lesetagebuch zu erschaffen, begeistert, ebenso wie von der poetischen Sprache, die den Lyriker durchklingen lässt.
Im Dialog entstand die Idee, diesem Zyklus nach der Veröffentlichung in Matrix noch ein weiteres Forum zu geben. Neben einem Newsletter, den Theo Breuer nun in der Adventszeit verschickt, stellte er mir seinen Text zum Download auf meinem Blog zur Verfügung. Sein Wunsch war es, seine Gedanken zu „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller als Beispiel zu veröffentlichen, die gesamte Lesereise findet sich zum Download hier:


Ein Gastbeitrag von Theo Breuer

Ich betrachte das Buch Was wir scheinen, blicke der Frau in die Augen, lese Titel, Untertitel : Hannah Arendt ∙ Poetische Denkerin, mache mir Gedanken über die Wörter ›lyrisch‹ / ›poetisch‹, ›Lyrik‹ / ›Poesie‹, auch im Zusammenhang mit essayistischem Schreiben, das mich, zum Beispiel, das Mäandern gelehrt hat, das auch für Harald Gröhler längst schon selbstverständlich ist beim Verfassen literarischer Texte : Sie mäandern manchmal und steuern dann nicht schnurstracks auf ein Ende zu, sondern sie nehmen manches mit auf. Vorläufig versteh ich die Wörter gewiß keinesfalls als unmittelbare Synonyme. Sinnverwandt mögen sie sein, aber Vorsicht, lieber noch ein bißchen weitergrübeln. Warum denk ich da jetzt dran? Deshalb: Ich frage mich, ob lyrisch denken, poetisch sinnieren etwa eine Art Sinnestäuschung, Chimäre, Trugbild sei, gar eine Flucht aus Raum, aus Zeit, hinein in Traum – und weit, oder sind das Lyrische, das Poetische wirklicher als die Wirklichkeit, die das lyrische Luftbild, die poetische Phantasie gleichsam zurückholen ins ›reale‹, ›tatsächliche‹ Tagesgeschehen – und somit das Sehen verändern, die menschlichen Beziehungen, das Verhältnis zur Welt. Ob Gedicht oder Roman : Wo diese Fragen nicht mitschwingen im komplexen Geflecht der Wörter – handelt es sich da möglicherweise nicht um literarische Texte im engeren Sinne? Poems, including stories and songs, are more capable of forming, formulating, expressing and communicating care, carefulness, and caringness, and doing so more honestly, truthfully, intensely, fully and profoundly, than any other linguistic expression. (Richard Berengarten) Unmittelbar nach diesem Gedankenschub les ich in Harald Gröhlers Erzählung Eine Selbstmörderin : Dank Goethe ist die Ilm hier nicht begradigt. Das macht mir den Herrn von Goethe schon sehr real. Na also. Also was? Was wir scheinen. Auf dieses Buch hab ich, ohne es zu ahnen, seit Jahren gewartet. Vielleicht schon, seit ich Arendts Vita activa oder Vom tätigen Leben las *, spätestens jedoch, seit ich den Film Hannah Arendt mit Barbara Sukova sah. Was ich nicht wußte : Hannah Arendt, die mir die Banalität des Bösen begreifbar machte, schrieb auch Gedichte. Alles, wirklich alles dreht sich um Sprache, les ich auf Seite 17. Ein Satz, sieben Wörter, und die poetische Existenz dieser Frau scheint auf : zielklar, sichtbar, wahr. Hildegard E. Keller gelingt mit dem romanesken Sprachkunstwerk Was wir scheinen die kongeniale Nachempfindung von Wesen, Wirken und Wollen der worttollen Hannah Arendt. Eine poetische Liebesgabe. Lesen!


* Die drei Grundtätigkeiten Arbeit, Herstellen, Handeln sind nun nochmals in der allgemeinsten Bedingtheit menschlichen Lebens verankert, daß es nämlich durch Geburt zur Welt kommt und durch Tod aus ihm wieder verschwindet. Was die Mortalität anlangt, so sichert die Arbeit das Am-Leben-Bleiben des Individuums und das Weiterleben der Gattung; das Herstellen errichtet eine künstliche Welt, die von der Sterblichkeit der sie Bewohnenden in gewissem Maße unabhängig ist und so ihrem flüchtigen Dasein so etwas wie Bestand und Dauer entgegenhält; das Handeln schließlich, soweit es der Gründung und Erhaltung politischer Gemeinwesen dient, schafft die Bedingungen für eine Kontinuität der Generationen, für Erinnerung und damit für Geschichte.

Hildegard E. Keller: Was wir scheinen. Hannah Arendt · Poetische Denkerin. Roman. 574 Seiten. Broschur. Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln 2022.


Theo Breuer, Jahrgang 1956, schreibt in erster Linie Gedichte und Essays. Seit 1988 veröffentlicht er Ge­dichtbücher (auch visueller Art) sowie essayistische Monographien zur zeitgenössischen Literatur. Breuers Bücher erscheinen seit 2012 im Pop Verlag: Das gewonnene Alphabet (2012); Zischender Zustand ∙ Mayröcker Time (2017); Scherben saufen (2019); Winterbienen im Urftland Empfundene/erfundene Welten in Norbert Scheuers Gedichten und Geschichten (2019), nicht weniger nicht mehr (2021) sowie Vorschlag zur Blüte (2023). Im siebenteiligen Essayzyklus L·i·t·e·r·a·t·o·u·r »22«, in dem rund 88 – fast ausschließlich 2022 erschienene – Bücher vorstellt werden, hat Theo Breuer es in erster Linie auf die Sprache abgesehen, die er in den jeweiligen Büchern vorfindet: »Ohne den Schall der Sprache geht gar nichts«, heißt es bereits im Vorwort.


#VerschämteLektüren (9): Asarhaddon + Sardur oder: Wir hatten ja nichts

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Glutäugige Prinzen vernebelten die Sinne von Schulmädchen. Bild von Maaark auf Pixabay

„Bei den Göttern, was du sagst, ist wahnsinnig. Wir schlafen mit unseren Sklaven, ja, aber doch nicht mit –“ Sardur versagte die Stimme und Schweiß stand ihm auf der Stirn, „– niemals mit einem Freund oder einem Ebenbürtigen“, beendete er heiser den Satz.
Asarhaddon lächelte überlegen. „Dann darfst du getrost deine Bedenken beiseite legen, denn wir sind ja weder Freunde noch bist du mir ebenbürtig.“

SCHON DAS KURZE ZITAT klingt vielversprechend – da steuern wir doch auf eine ECHTE Schmonzette hin. Zu verdanken haben wir dies Elisabeth Dietz vom BÜCHER Magazin. In den einschlägigen Social media-Kanälen besser bekannt als (ed) – schlagfertig, äußerst humorvoll und konstruktiv kritisch. Und wie der Kurzbeschreibung des Blogs zu entnehmen ist, neben Graphic Novels und Internetangelegenheiten auch zuständig für Hochliteratur sowie Abseitiges – und das beweist die „brillante Erzählerin“ (in der Tat!) auch bei #VerschämteLektüren:

„Kommt, Kinder, rückt näher ans Feuer. Nicht zu nah! Und gebt mir die Schnabeltasse. Nein, die andere! Doch, darf ich. Vor allem nachmittags. Der Dokter hat mir gar nichts zu sagen. Also. Als ich jung war, so richtig erbärmlich jung, war das Internet hierzulande weitgehend unbekannt. Richtig, das heißt: kein Youporn. Leider auch kein Scarleteen. Kein Tumblr. Tja.

Im Sachkundeunterricht lehrte man uns die Unterleibsmechanik von Menstruation, Zeugung und Geburt. Psychologisch relevante Informationen bezogen wir aus einem Aufklärungsbuch, das meine Mutter mir aus den Fünfzigern heruntergereicht hatte („Dass ein Mädchen eine junge Frau geworden ist, erkennt man daran, dass sie zu ihrer Freundin nicht sagt ‘Dein Hut gefällt mir nicht!‘, sondern ‘Dein anderer Hut gefällt mir besser!'“) und zerfledderten Ausgaben der Coupé, die wir unter den Matratzen von Jugendherbergsbetten fanden. Das nicht vollkommen heterosexuelle Kind orientierte sich an Carsten und Käthe aus der „Lindenstraße“ und Billy und Andrea aus dem „Marienhof“. Nichts hatten wir.

Dann fand Karo Kaltschnee, die immer wacher und weiter war, in der Bibliothek des Gymnasiums „Der König von Assur“ von Jutta Ahrens. Der Text ging durch die sechsten Klassen wie ein Feuer durch eine Scheune im Hochsommer mittags um halb zwei. Ähem.

„Der König von Assur“ spielt 660 vor Christus und erzählt die Geschichte des assyrischen Herrschers Asarhaddon. Der Mann ist anmutig, sarkastisch und höchster Priester des grausamen Gottes Aschschur, dem zu Ehren er Sklaven und Kriegsgefangene tagelang raffiniert zu Tode foltert. Der Plot – hm. Stellt euch Schlachten vor, brennende Städte, Staatsoberhäupter, die einander damit drohen, die Straßen des jeweils anderen mit den Häuten der Bevölkerung zu pflastern, und die Pest. Und Sex. Sex in Palästen, Pferdeställen und Seuchenhäusern, Sex in Gefangenschaft, in der Wüste und in brennenden Städten. 846 Seiten Sex und Gewalt, rauschhaft, ausufernd, getragen von einer ungeheuren Liebe zum Detail.

Ob uns das erschreckt hat? Pustekuchen! Wir schlugen einen Porno auf und sahen eine Romanze. Asarhaddon ist ein Monster auf der Suche nach Liebe, wir waren elf, wir fühlten mit ihm. Auf Seite 458 begegnet er Sardur, einem stolzen, dunkeläugigen churritischen Prinzen, und die Beziehung dieser beiden ist so flackernd wie die von Billy und Andrea niemals hätte werden können. (Obwohl Andrea Billy einmal in einer heißen Sauna einschloss, ich glaube, aus Eifersucht. Es wurde aber niemand verletzt.) „Asarhaddon + Sardur“ schrieb ich in meine Schulhefte. „Asarhaddon + Sardur, Asarhaddon + Sardur, Asarhaddon + Sadur“. All die Nebenfiguren, die Jutta Ahrens so detailverliebt aufschlitzt, verbrennt, zertrümmert, pfählt, häutet und in heißem Öl erstickt, interessierten mich nicht, die Sinnlichkeit der Folterszenen beunruhigte mich erst viel später.

Ein Buch, das innerhalb weniger Wochen von sämtlichen Kindern eines Jahrgangs ausgeliehen wird, erregt Aufmerksamkeit. Eines Tages war „Der König von Assur“ verschwunden. Der zuständige Lehrer beantwortete die Frage nach seinem Verbleib mit einem gemeinen Lächeln. Zwei Tage später verschwanden auch „Das Schwert der Amazone“ und „Die Frauen von Isis“ von Marion Zimmer-Bradley. Die Frage nach ihrem Verbleib beantworteten wir mit einem gemeinen Lächeln. Beide Bücher sind hier. In meinem Regal. Sicher ist sicher.“

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