Literaturstipendium für Theres Essmann

Eine tolle Anerkennung erhielt nun Theres Essmann für ihre literarische Arbeit: Heute teilte die baden-württembergische Kunststaatssekretärin Petra Olschowski mit, dass Theres Essmann eines der Literaturstipendien des Landes Baden-Württemberg erhält. Außerdem kann sich Frank Rudkoffsky über ein Vollstipendium freuen sowie die beiden Stipendiaten Cihan Acar und Valentin Moritz, die sich ein Stipendium teilen. Mit der Auszeichnung ist eine gemeinsame Lesereise in Baden-Württemberg verbunden.

Theres Essmann beeindruckte die Jury mit ihrem ausgereiften Stil, ihrer treffenden Sprache und der gekonnt aufgebauten Handlung der klassischen Novelle „Federico Temperini“. Das Debüt erschien im Frühjahr beim Verlag Klöpfer, Narr. Mehr zum Buch findet sich hier:
Theres Essmann, „Federico Temperini“.

Mit den Literaturstipendien zeichnet das Land Baden-Württemberg Nachwuchsautorinnen und -autoren aus, die mit ihrer schriftstellerischen Arbeit überzeugen und eine Affinität zu Baden-Württemberg haben, beispielsweise durch Geburt, Wohnort, Ausbildung oder Schwerpunkt ihres Schaffens.

Der Jury gehörten als fachkundige Persönlichkeiten des kulturellen und geistigen Lebens in diesem Jahr Oswald Burger (Literarisches Forum Oberschwaben), Dr. Beate Laudenberg (Literaturwissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe), Annette Maria Rieger (freischaffende Journalistin und Autorin), Ruth Wieczorek (Stadtbibliothek Stuttgart) und Werner Witt (Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg) an.

Bild: Rüdiger Nehmzoff

Theres Essmann, 1967in Nordwalde geboren, studierte Germanistik und Philosophie in Tübingen. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der freien Wirtschaft und als Referentin für kreatives Schreiben, konzentriert sich aber zunehmend auf ihr Schreiben. 2018 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sie lebt in Stuttgart.

Deniz Ohde: Streulicht

Bild: Bild von Ralf Vetterle auf Pixabay

„Niemand hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand; der Scheffel war der Satz selbst, der Scheffel waren die Wände, gegen die nachts die Aschenbecher flogen, der Scheffel war »Sei still« und »Sprich lauter«, zwei Forderungen, die ich gleichzeitig erfüllen sollte. Paradox oder nicht, schlussendlich war es meine eigene Schuld, dass ich Ihnen nicht Folge leisten konnte.“

Deniz Ohde, „Streulicht“

Es ist kein Roman der lauten Töne, dieses einprägsame Debütwerk von Deniz Ohde, es ist tatsächlich ein „leise schreiendes“ Buch, wie es Stefan vom Blog „Poesierausch“ bezeichnete. Und ein Debüt, das einen so sehr einnimmt beim Lesen, dass es zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Und das einen in der Konsequenz gerade dazu zwingt, genauer hinzuschauen, sensibler zu werden für das, was Ausgrenzung und Alltagsrassismus tatsächlich bedeuten.

Die Ich-Erzählerin in diesem Entwicklungs- und Bildungsroman trägt von Beginn an ein Stigma: Der Vater Alkoholiker, die Mutter der Armut und der Enge der Türkei entflohen, das Elternhaus ein Messiehaushalt, vom Vater und dem langsam dahinsiechendem Großvater vollgemüllt. Obwohl das Mädchen, das im Streulicht einer Industrieanlage im Ruhrgebiet aufwächst, Freunde aus der Mittelschicht hat, obwohl sie sich unbewusst anzupassen versucht, leise bleibt, zurückgenommen, instinktiv nicht auffallen will, trägt sie das Stigma an sich: Das Aussehen, die ärmliche Kleidung, die mit den Modetrends nicht mithalten kann und nach Zigarettenrauch stinkt, allein schon der Vorname, der genügt, um zu zeigen, dass sie anders ist. Als im Schulhof das erste Mal das „K“-Wort fällt, wird von allen Seiten beschwichtigt: Die Lehrerin bezeichnet die Rangelei unter Schülern, die Aggression als „Unfall“, die Mutter meint, das sei ein Schimpfwort, mit dem die Tochter nicht gemeint sein könnte: „Du bist Deutsche“.

Ganz behutsam, in immer dichteren Kreisen, steuert Deniz Ohde auf den Kern ihrer Erzählung zu: Was es bedeutet, qua Herkunft festgelegt, etikettiert zu sein, immer wieder auf unsichtbare Grenzen zu stoßen. So begreift die Ich-Erzählerin nicht, was ihr und anderen die Lehrer bei der Aufnahme auf das Gymnasium sagen wollen, als sie ihren Schülerinnen und Schülern immer wieder predigen, sie gehörten nun zur „zukünftigen Elite“.

„Es handelte sich dabei um eine implizite Aufforderung, so viel ahnte ich damals schon, aber welches Verhalten genau von mir verlangt wurde, was genau damit zusammenhing, dass ich zur Elite gehören sollte, verstand ich nicht, und es war auch keine Frage, die ich mir bewusst stellte, sondern vielmehr eine allgemeine Ratlosigkeit, die sich daraus ergab.“

Verstärkt wird diese Ratlosigkeit durch unachtsame Äußerungen der besten Freundin, für die Reitunterricht und Ballett Selbstverständlichkeiten sind, von kleinen Bemerkungen, die auf ihr Äußeres abzielen, von der Scham und den Zuständen zuhause, die verhindern, dass jemand von außen in dieses Haus kommen kann.

„Es hatte etwas mit meinem geheimen Namen zu tun und damit, dass ich wenig Gemüse aß, dass mein Vater mir alle paar Wochen etwas Obst schnitt und der Meinung war, so bliebe ich gesund, dass ich zum Mittagessen Tiefkühlpizza bekam und niemand in unserer Wohnung an irgendeinem Tisch aß, weil diese voller Zeitungen und leerer Döschen waren.“

Und doch, trotz all der Hindernisse, die zwischenzeitlich zum Schulversagen und Arbeitslosigkeit führen, bringt die Protagonistin einen ungeheuren Bildungswillen und charakterliche Stärke mit. Auf dem zweiten Bildungsweg holt sie den Schulabschluss nach, kommt an die Universität, lässt das Streulicht hinter sich – um natürlich auch an dem neuen Ort an die alten Muster und Grenzen zu stoßen. Das Kind, das früh weiß, dass es „mindestens dreihundert Kilometer Distanz zwischen mir und dem Ort schaffen würde“, wird zur Erwachsenen, die befürchtet, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, „als mich an den Ort zu gewöhnen.“ Und doch liegt, als sie ihren Vater besucht, auch etwas Tröstliches in dem Satz, den er ihr beim Weggehen mitgibt: »Wenn`s nichts wird, kommst wieder heim.«

Der bereits mit dem Literaturpreis 2020 der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnete Roman ist ein Buch der leisen Töne, der langsamen Entwicklung, der dennoch mit beeindruckender Klarheit von einer Gesellschaft erzählt, die auf der Illusion basiert, es bestünden Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle. Ruhig, fast schon bedächtig, und mit ganz feinen, beinahe schon poetischen Alltags- und Umgebungsbeschreibungen, die auch die Industriebrache in ein weicheres, ein Streulicht tauchen, widerlegt Deniz Ohde mit diesem beeindruckenden Roman diese Grundannahme. „Streulicht“ beeindruckt mit der Klarheit, mit der einem vor Augen geführt wird, wie unterschwellig Klassifizierung geschieht und wirkt.

Birgit Böllinger

Informationen zum Buch:

Deniz Ohde
Streulicht
Suhrkamp Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 284 Seiten, 22,00 Euro
ISBN 978-3-518-42963-1

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IM LYRIKRAUM: Walle Sayer

Sayer

Unspektakulär kommen sie daher, unaufgeregt und irgendwie auch „schwäbisch“-bedächtig, die „Mitbringsel“ von Walle Sayer. „Mitbringsel“, das sind kleine Betrachtungen über das Leben auf dem Lande, zu einer Kindheit und Jugendjahren in einem überschaubaren Raum, das sind Miniaturen von Land und Leuten – mal universell, mal ganz exakt verortet wie der Anblick einer Frauengruppe im Heimatmuseum oder des Platzwartes auf dem Fußballplatz. Das alles ist konkret und doch übertragbar: Augenblicke, die im alltäglichen, im normalen Leben stattfinden, hier und anderswo. Mich spricht diese Ruhe an, diese Genauigkeit des Beobachtens, die Liebe zum Detail. Und natürlich ist es für mich herkunftsbedingt besonders schön, in einigen Zeilen Dialektwörter vorzufinden, „Bäbbigsüßes“ und „schleckig“ beispielsweise.

Das ist poetisch, ruhig und manches Mal voll hintersinnigem Witz:

Kleine Aufrechnung (Auszug)

Seine Schnäpschen, ihre Schnäppchen.
Ihr Beleidigttun, seine Ehrenkäsigkeit.
Seine Kegelbrüder, ihre Betschwestern.
Ihr umsomehrer, sein nichtsdestotrotz.

Der Beschäftigungstherapeut verordnet Nichtstun (Auszug)

Also wiegt man
Schneeflocken ab,
schöpft Wasser mit dem Sieb,
entrümpelt eine ausgeräumte Wohnung (…)

Aus: Walle Sayer, „Mitbringsel“.

Als „Mitbringsel“ bezeichnete auch die Jury zum Gerlinger Lyrikpreis Sayers Gedichte:

„unscheinbare Dinge, unspektakuläre Ereignisse und gemeinhin Übersehenes bringt er uns vor Augen, zeichnet alltägliche Details mit knappen, präzisen Strichen. Wenige Zeilen genügen dem Meister der kleinen Form für seine lyrischen Feinarbeiten, die etwa ein Kerngehäuse sezieren und in eine Streichholzschachtel passen.“

Jurymitglied und Lyrikkenner Michael Braun charakterisiert den Dichter und sein Werk treffend in einem Beitrag für den SWR (dort sind auch weitere Gedichte aus „Mitbringsel“ zu lesen):

„Mit ganz wenigen Strichen kann er ein ganzes Weltgebäude skizzieren. Und dabei bewahrt er sich die zentrale Eigenschaft, die für das Schreiben von Gedichten unerlässlich ist: die Fähigkeit zum Staunen, jenen innigen Blick auf die Dinge, der unser Alltagsuniversum so ausleuchtet, als sähe man all diese Gegenstände zum ersten Mal.“

Informationen zum Autor: Walle Sayer bei Literaturport

Informationen zum Buch:
Walle Sayer
Mitbringsel
Verlag Klöpfer, Narr / 2019
Gebunden, Lesebändchen, 121 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-7496-1011-2


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#BLOGBUSTER! Ein Autor auf Spuren seiner Figur: „Junge, fall nicht!“

Ich leide an extremer Höhenangst. An schlechten Tagen kann sogar eine Rolltreppe im Kaufhaus, ein gläserner Aufzug, ein Blick aus dem Fenster eine Herausforderung sein. Und doch würde ich es gern wissen, wie es wohl sein mag, auf den höchsten Dächern zu balancieren? Ein Gefühl grenzenloser Freiheit? Flucht vor der Bodenschwere?
Daniel Faßbender, dessen Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ ich für den Blogbuster-Literaturpreis vorgeschlagen habe, schien mir davon erzählen zu können. Doch bald stellten wir fest: Ein Interview in klassischer Frage-Antwort-Manier würde viele Worte beinhalten. Aber kaum das Gefühl der Erfahrung an sich, des Dabeiseins vermitteln. Also stieg Daniel auf ein Kölner Dach, ein ziemlich hohes Dach, und ließ mich daran teilhaben, wie es ist, dieses gefährlich-schöne Gefühl des Beinahe-Fallens. Und gibt damit zugleich eine weitere Kostprobe seines schriftstellerischen Talents:

Und plötzlich ist die Angst echt. Meine Hände krallen sich in die Verkleidung des Dachrandes und ich vermeide es, nach unten zu schauen. Der Blick in die Ferne, der geht. Der Blick in die Tiefe, schwierig. 65 Meter. Mein Erzähler würde darüber lachen. Er setzt sich auf 65 Meter hohe Dächer, um zu entspannen. Aber ich bin nicht er und vor allem bin ich kein Roofer.

Ich höre hinter mir die Drohne schwirren und meine Hände krallen sich noch etwas fester um das Blech. Ich habe Angst, dass die Drohne außer Kontrolle geraten könnte, in mich hineinfliegt und ich vor Schreck nach vorne falle. Und Fallen ist… nein so weit wird es nicht kommen. Die Drohne fliegt mit genug Abstand an mir vorbei und macht ihre Bilder.

Die Idee war, Fotos für ein zu Interview machen und Videos für verfilmte Leseproben zu drehen. Ich hätte auch am Boden bleiben und von der Geschichte erzählen können. Aber dort ist es eng, dort erzählen alle von ihren Geschichten. Ich wollte da hin, wo meine Geschichte spielt. Möglichst weit nach oben, auf ein Dach. Ich wollte in meine Geschichte und alle dorthin mitnehmen. Die Werbung für die Geschichte sollte Teil der Geschichte sein. Ein Gesamtkonzept, ein Sog der Tiefe, der alles durchzieht, was mit der Geschichte zu tun hat.

Jedes Jahr kommen mehr als 75.000 neue Bücher auf den Markt – und das ist nur die Spitze des Textbergs. Unter der verlegten Oberfläche warten noch hunderttausende, vielleicht Millionen Manuskripte auf Beachtung, darauf, irgendwann vom Manuskript zum Buch zu werden. Will ein Text unter hunderttausenden Texten wahrgenommen werden, muss es schnell gehen. Niemand wartet auf ihn, mag er noch so großartig sein – vor allem dann nicht, wenn der Autor unbekannt ist. Bilder gehen schnell. Bilder können in Sekunden ein Gefühl auslösen, Bilder können wortloser Pitch sein. Wer weiß schon auf Anhieb, was ein Roofer ist? Erklärungen sind umständlich, Erklärungen kosten Zeit. Zeit gibt mir niemand. Aber wenn man mich dort oben, am Rand eines Hochhausdaches sieht, weiß man ohne Erklärungen, worum es geht: Junge, fall nicht!

Nun sitze ich also dort am Rand des Daches und die Geschichte beginnt nicht mehr mit dem ersten Wort und endet nicht mehr mit dem letzten Punkt. Ich stecke nun mitten drin und bin meinem Erzähler gefährlich nah. Ich war an vielen der Orte, an denen er war, ich habe seine Albträume geträumt, ich habe ihn in Abgründe gestürzt und ihm wieder hoch geholfen – nur die Ränder der Dächer, die Bereiche, die nicht gesichert waren, die habe ich ihm allein überlassen.

Ein Polizeihubschrauber nähert sich, kreist für ein paar Runden über das Dach. Menschen auf Dächern sind verdächtig. Menschen gehören aus der Sicht von Hubschrauberpolizisten nicht auf Dächer. Die Besatzung sieht die Ausrüstung für den Dreh und ich signalisiere, dass alles in Ordnung ist und ich nicht die Absicht habe, zu springen. Der Hubschrauber dreht ab. So langsam gewöhne ich mich an das Randgefühl und blicke immer häufiger nach unten. Ich höre den verdünnten Straßenlärm, aber er geht mich nichts an. Der Rest der Welt verliert an Wichtigkeit. Das Dach, die Möglichkeit einer Insel mitten in der Innenstadt. Man kennt die domestizierte Version in Form von Dachterrassen, und für Dächer mit Panoramascheiben und Gittern zahlt man Eintritt wie für den Zoo. Aber Dächer in freier Wildbahn? Sie sind die weißen Flecken der Großstadt, unbekannte, mystische Orte über unseren Köpfen. Dächer haben ein Buch verdient und einen Protagonisten, der sie stellvertretend für alle erkundet, denen dazu der Mut fehlt. Allerdings gibt es ein Problem. Wir Menschen sind übermütige Schwachköpfe. Wenn es höher geht, wollen wir höher. Wir akzeptieren aus unserer Natur heraus keine Grenzen. Mein Erzähler auch nicht. Ich lasse ihn also die schwachköpfigen Schritte in viel zu großer Höhe wagen, die ich mich jetzt dort oben nicht traue. Noch nicht. Denn auch ich werde übermütiger, schwachköpfiger und stehe mittlerweile auf der Blechverkleidung. Für Momente vergesse ich sogar den Dreh und die Einstellungen, die ich noch abarbeiten muss und genieße es entgegen jeder Vernunft, dort oben zu stehen. Ich genieße es in 65 Metern Höhe am Abgrund zu stehen. Ich bin einer der Schwachköpfe. Wie mein Protagonist! Das wird mir jetzt am Abgrund bewusst. Wenn ein paar Kleinigkeiten in meinem Leben anders gelaufen wären, wäre ich jetzt vielleicht ein echter Roofer und nicht nur einer, der über Roofer schreibt. Aber ohne dieses Potential, ohne meine Schwachköpfigkeit hätte ich vermutlich nie den Text schreiben können, für den ich jetzt dort oben stehe. Es brauchte 65 Meter, ein halbe Stunde zwischen ängstlichem Krallen und übermütigen Schritten auf dem Blech, um mir das bewusst zu machen.

„Fallen ist sterben“, der erste Satz des Textes geht mir plötzlich durch den Kopf. Es ist einer der Sätze, die es dort oben zu bebildern gilt. Ich schaue herunter und das mulmige Gefühl ist auf einmal zurück. Der Schwachkopf in mir wird kleinlaut, mein Erzähler erscheint mir gar nicht mehr so nah. Ich schüttle mich, ein Schauer oder der Wunsch wieder klar zu werden – ich weiß es nicht und trete zurück auf den sicheren Teil des Daches. Ich bin nicht mein Erzähler und vor allem bin ich kein Roofer.

Ein Text von Daniel Faßbender

Mehr zum Literaturpreis:
http://blogbuster-preis.de/

#BLOGBUSTER! Sag mal an Daniel: Roofen oder Schreiben – was ist Fiktion, was Realität?

Daniel Faßbender hat mich mit „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ begeistert. Das Manuskript um einen jungen Mann, der sich in der Roofer-Szene bewegt, hatte es mir vom ersten Satz an angetan – und so wurde dieser Roman mein Favorit für den Literaturpreis Blogbuster. Weil der Text selbst von einer so ungewöhnlichen Szene erzählt, haben Daniel und ich uns entschieden, ihn auch außergewöhnlich in Szene zu setzen: Ein Interview fast ohne Worte über den Dächern von Köln.

Daniel, Dein Text handelt von einem Roofer. Kennst Du das aus eigener Erfahrung?

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Alle Bilder: Markus Syska

Roofen, Freiheit über den Dächern, und der Handlungsort Stockholm. Gibt es dafür spezielle Gründe?

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Dein junger Protagonist ernährt sich überwiegend von Kakao und Zimtwecken. Ist das auch Dein täglich Brot?

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Gibt es für Dich literarische Vorbilder?

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Arbeitest Du bereits an einem neuen Manuskript?

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Was bedeutet schreiben für Dich?

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Und hier gibt es noch eine sensationelle Leseprobe:

 

#BLOGBUSTER! Die weltbeste Geschichte vom Fallen. Und von allen.

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Bild von Catta Kvarn auf Pixabay

„Fallen ist sterben. Und nein, da fehlt kein wie. Fallen ist nicht wie sterben. Fallen ist sterben.“

Wieviel von den ersten Sätzen abhängt. Sie sind es, die den Leser fesseln müssen, die seine Aufmerksamkeit einfangen müssen. Hätte man mich vor Tagen noch gefragt, was ich von Roofern, Lockpicking, vom Tindern und von Hoodies weiß, ich hätte müde abgewinkt: Das ist nicht meine Welt, es gibt so vieles anderes, das mich interessiert, das ich lesen möchte.

Doch schon mit seinen ersten Sätzen hat mich Daniel Faßbender erwischt – aufgefangen im freien Fall durch das Blogbuster-Lesen, um so ungefähr im Bild zu bleiben. Ich war noch auf der Suche nach „dem“ Manuskript, nach „meinem“ Blogbuster-Roman unter den vielen Exposés, die für den Preis eingesandt wurden, als ich auf diesen ersten Satz stieß. Fallen? Sterben? Vorsichtige Neugierde war geweckt. Würde der Text halten können, was der Einstieg versprach? In der weltbesten Geschichte vom Fallen heißt es selbst gegen Ende:

„Mehr als ein Anfang war das nicht, Anfänge waren instabil, aber sie eröffneten Möglichkeiten. Allen Anfängen wohnte immer auch die Möglichkeit eines Happy Ends inne, aber natürlich auch die Möglichkeit der völligen Katastrophe.“

Um es kurz zu machen: Für „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ erhoffe ich mir ein Happy-End. Für mich hat dieser Text ziemliches Potential: Sprachlich, stilistisch und er ist kohärent & konsequent – ein Entwicklungsroman der Gegenwart. Der Autor zieht dieses, sein Ding, ohne inhaltliche und stilistische Brüche bis zum Ende durch. Die Psychologie der Figuren passt, die Entwicklung des Protagonisten ist stimmig. Das liest sich durchgängig, das liest sich gut.

Ein 21jähriger Ich-Erzähler, der irgendwie lose in der Luft, konkreter in der Stockholmer  Luft hängt. Die einzigen Freunde: Ein Kumpel aus der Schule, ebenso sehr Nerd wie der Protagonist und ein etwas versponnener Dachhüttenbewohner, eine Art Karlsson vom Dach. Der Erzähler ernährt sich hauptsächlich von Zimtwecken und Kakao, trägt Marken-Sneakers, H&M-Mütze und Ray Ban Wayfarer und hält sich gerne über den Dächern von Stockholm auf – denn dort findet er „eine ganze Welt ohne andere Menschen, ein riesiger Abenteuerspielplatz nur für mich.“

Roofing – ich musste, offen gestanden, zuerst nach dem Begriff googeln – betreibt er allenfalls solo, allein für sich. Erst als er auf die drei Jahre ältere Bojana trifft, kommt ein Halt, ein doppelter Boden in sein Leben. Der ihm dann kurz darauf wieder entzogen wird. Ein Familiengeheimnis, eine Lebenslüge, die sein sowieso schon fragiles Lebenskonzept ins Schwanken bringt. Und ihn beinahe an den Abgrund drängt:

„320 Meter. Das war fast elfmal der Tod meines Vaters und ich würde ihn überwinden.“

Ob Geschichten von Roofern, Büromäusen oder Erdbeerfröschchen handeln, ist (manchmal) zweitrangig. Das wichtigste Merkmal einer Geschichte ist: Sie muss gut erzählt sein. Daniel Faßbender kann das – er treibt seine Story voran, bleibt im Jargon und schafft doch zugleich auch Stimmungen und Bilder, die einfach einnehmend sind:

„Ganz langsam wurde es dunkel auf dem Dach und die Geräusche unter uns veränderten sich. Es redeten Fernsehstimmen in Wohnungen statt Menschen auf der Straße, Kinder waren gar nicht mehr zu hören und auch das Motorenbrummen der Autos wurde seltener. Wir saßen immer noch am Rand des Daches, dort, wo wir vor der Fernsehturm-Aktion ganz oft gesessen hatten und ich fragte mich, warum das so selten geworden war. Er nahm einen weiteren Schluck Kakao, lobte erneut die Vorzüglichkeit dieser Medizin und fand, dass wir richtig gute Freunde seien. Ich fand das auch.“

Mein Blogbuster-Kandidat steht also nun fest. Hinter dem Manuskript steckt Daniel Faßbender. Der 37jährige Journalist volontierte und arbeitete viele Jahre bei einer großen Boulevard-Zeitung, hospitierte im Lektorat eines Literaturverlages und hat Vergleichende Literaturwissenschaft, Politik und Geschichte studiert. Nach dem Studium reiste er als schreibender Seemann um die Erde. „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ wäre sein literarisches Debüt.

Noch ein paar Worte zur Blogbusterei an sich: Ich schrieb schon einmal einen Beitrag über meine Gedanken zum literarischen Jurieren – hier nachzulesen:
https://saetzeundschaetze.com/2016/04/26/freude-und-urteil-literarisches-jurieren-hat-zwei-seiten/
Ähnlich erging es mir nun auch mit dem Blogbuster und den Manuskripten, die mir anvertraut wurden. Ich möchte mich einfach nochmals bei allen Autorinnen und Autoren bedanken, die den Schritt gewagt haben und ihre Arbeit aus den Händen gaben und zitiere mich dazu ausnahmsweise selber:

Jeder Text verdient, unabhängig vom Geschmack des Lesers, Respekt. „Achtsamkeit“ – da passt das Wort. Geschriebenes verdient es, achtsam und aufmerksam gelesen zu werden. Es muss mir nicht gefallen. Es kann auch sprachlich missglückt sein – aber jemand hat sich hingesetzt, eine Zeit seines Lebens in einen Text investiert, sich Gedanken gemacht. Schreiben ist Arbeit – aber eine zunächst „intime“ Arbeit. Und diese Arbeit aus der Hand zu geben, jemanden darüber urteilen zu lassen, das erfordert Mut respektive Wagemut. Und davor habe ich hohe Achtung.

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

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Bild von Wengen auf Pixabay

„Jedes Erdgeschoß, jeder Keller ist in einen Souvenirshop umfunktioniert worden. Früher waren das kühle Räume für die Waren mit vielleicht ein paar Bottichen neben dem Eingang oder Wassertröge, in denen glubschäugige Fische schwammen. Heute quellen die Erdgeschosse über, quellen mit unsäglichem Ramsch zum Eingang hinaus, übermannshoch ist das Zeug gestapelt; vor allem beschallt jeder Ladenbesitzer in absolut irrsinniger Lautstärke die Straße. Eine Ohrhölle.“

Für den Roman „Apostoloff“ erhielt Sibylle Lewitscharoff 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Also lange, bevor sie mit ihren rhetorischen Ausfällen im März 2014 in Dresden für einen Eklat sorgte. Wer ihren preisgekrönten Roman unter dem Eindruck der Dresdner Rede nochmals liest, wird feststellen: Die Grundmisanthropie bis hin zum Weltekel sind schon in diesem Werk zu finden. Geht man davon aus, dass die Ich-Erzählerin des Romans autobiographische Züge trägt, so ist vieles von dem, was die Autorin seither öffentlich äußerte, in diesem Buch bereits angelegt: Eine gewisse Arroganz gemischt mit Minderwertigkeitskomplexen, stets eine explosive Mischung. Verdruckte Sexualität, unausgelebte Sehnsüchte und eine allgegenwärtige Verdrossenheit, sich austobend am Leben und der Welt.

Sibylle Lewitscharoff läuft dann zu Hochform auf, wenn sie ihre Protagonistin über das Mutterland Bulgarien schimpfen lässt: Eine heruntergekommene Ohrhölle, bebunkert mit scheußlichen Fassaden am Schwarzen Meer, bevölkert mit suspekten Gestalten, ein Land, in dem man Charme und Liebreiz lange suchen muss. Zwei längst erwachsene Schwestern lassen sich durch dieses Land, die Heimat des verstorbenen Vaters, chauffieren. Von einem, dessen Vater ausgerechnet den Namen „Kristo Apostoloff“ trägt.

Wie ein guter Apostel will Rumen, der Sohn, Apostoloff jr., durchaus missionieren, sprich, die verlorenen Töchter für dieses Bulgarien einnehmen. Keine Chance, nicht mal durch Liebeständelei: Die zwei Damen, ausgerechnet aufgewachsen und schwäbisch sozialisiert in Degerloch, haben, so unterschiedlich sie sind, eines gemeinsam: Ein Vaterproblem. Dieser, der Bulgare, entschied sich, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Das hinterlässt Lücken, das hinterlässt Fragen. Aber eine Klärung und Analyse der Familientristesse darf man vom Buch nicht erwarten. Dem Unglück wird begegnet durch das Komödiantische und Groteske. Durch Wortkaskaden und Sprachfassaden einer begabten Schwätzerin.

Man kann begeistert sein– eine, die erzählen kann, die fabuliert, dass es eine Lust ist. Man kann aber auch müde werden vom Monologisieren um des gut formulierten Monologs willen. Kein Buch für jede Stimmung. Die sprachliche Bravour bringt die Fassade zum Bröseln, die Mauersteine der Geschichte werden einfach zusammengeschwätzt.

Eloquent und rastlos – ein rhetorischer Sturm.

Im Lichte der späteren Ereignisse haftet dem Urteil von Elmar Krekeler in der Welt am Sonntag über den Roman inzwischen etwas Zwiespältiges an. Er schrieb über Lewitscharoff und Apostoloff: „Wenn sie wütend ist, wenn sie Gift und Galle spuckt, wenn sie rast, dann wird sie immer größer, richtig gut und unheimlich komisch.“ Vielleicht gab es zuviel Anerkennung der Kritik für das Wüten der Autorin, die inzwischen darin wenig Grenzen mehr zu kennen scheint. Und verunsichert reagiert, wenn ihr Empörung entgegenschlägt – denn wofür sie sich einstmals hochgelobt glaubte, dafür kassiert sie nun öffentliche Prügel. Sie habe doch nur geäußert, was sie denke, und das müsse doch erlaubt sein – diese Reaktion der Autorin auf den Sturm der Empörung spricht Bände. Sie hat, so scheint es mir, eine wesentliche Grenze nicht erkannt.

Denn es ist die eine Seite, über fiktive Gestalten so zu schreiben: „sie spottet, hetzt, zetert, singt, kichert, schimpft, schwärmt, deklamiert, agitiert und zieht sämtliche Register der aristotelischen Redekunst. Ein Sturm geht auf uns nieder, ein töchterliches Redegeprassel … “ (Maike Albath über „Apostoloff“ in der Frankfurter Rundschau). Doch spotten, hetzen, zetern, schimpfen und deklamieren über „echte“ Menschen, sich in diesem Modus in gesellschaftliche Themen einzumischen, ist eine ganz andere Kategorie.

Am öffentlichen Umgang mit der Causa Lewitscharoff lassen sich etliche Doppelmoralitäten erkennen – wie einer zum literarischen Star gepuscht und dann wieder fallengelassen wird wie eine heiße Kartoffel. Wie sich die Feuilletonisten meist einheillig einig sind im positivem Urteil und ebenso einhellig der Boulevard in der öffentlichen Verurteilung. Den Unsäglichkeiten der Aussagen der Sibylle Lewitscharoff folgten die  Unsäglichkeiten der medialen Reaktionen.

Doch, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Wer aufmerksam las, konnte die Verbitterung und Weltablehnung der Autorin bereits im hochgelobten „Apostoloff“ erkennen.

„Ebenso eloquent wie rastlos“, urteilte die Zeit über die Ich-Erzählerin. Sibylle Lewitscharoff habe für diesen Roman allem Anschein nach tüchtig in der Kiste mit Familienstoff gekramt. „So geht die Romanfahrt flott voran, vorbei an ostsozialistischen Scheußlichkeiten sonder Zahl, die Schwarzmeerküste ist eine einzige Enttäuschung, nur den Ikonen von Arbanassi wird ein gewisser Zauber und dem Schafskäse eine einzigartige Qualität bescheinigt. Sibylle Lewitscharoff kann schreiben und schäumen, ohne Frage. Sie formuliert einfalls- und anspielungsreich, bissig, launig verspielt und aus einem Geist, wie er nicht nur in den Bezirken weiblichen Schreibens eher selten vorkommt. Da herrscht ein kaltblütiges Sprachregiment, dem jede Schandtat recht ist, solange sich damit nur Sätze erzeugen lassen, die strotzen vor Witz, Gescheitheit und Schlagfertigkeit.“

Literaturästhetisch betrachtet, so urteilte Eberhard Falcke 2009 in der Zeit, „erscheint das schön und schrecklich, bewundernswert und nervtötend zugleich. Ganz abgesehen davon, dass die erzählerische Opulenz gedanklich doch etwas mager ausfällt und die virtuose Rhetorik zuweilen ein wenig hohl tönt. Wenn zum Beispiel ein Essen mit dem Satz beschrieben wird: »Mit unseren Genicken hängen wir müde über den Tellern«, dann fragt sich doch, wo da die Köpfe geblieben sind.“

Die Köpfe waren beim Quasseln, ist doch klar.

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