Marlen Schachinger im Gespräch: Über das Schreiben, ein gutes Leben, den Tod

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Bild von Pexels auf Pixabay

Im Herbst 2017 erschien im österreichischen Verlag Septime ein ungewöhnliches Buch: „Requiem – Fortwährende Wandlung“, wohl die erste rein literarische Totenmesse. Ein Experiment in mehrfacher Hinsicht. Streng angelehnt an die Form des kirchenmusikalischen Totengedenkens, wie es die katholische Kirche kennt, setzen sich hierin drei Schriftsteller mit den Fragen um Leben und Tod auseinander. Die Form gab Struktur für dieses Projekt gemeinschaftlichen Schreibens, das Markus Orths, Michael Stavarič und Marlen Schachinger zusammenführte.

Am Anfang war das Wort. Nun folgt die Melodie zu diesem ungewöhnlichen Requiem: Der österreichische Kammersänger Wolfgang Bankl trat an die Autoren mit dem Wunsch heran, das Werk unter dem Subtitel „sprach: KLANG“ zu vertonen. Eine produktive Zusammenarbeit kreativer Köpfe entstand. Eine erste Teilaufführung wird diesen Herbst im Österreichischen Kulturforum in Bratislava (13.10., 18:00 Uhr) über die Bühne gehen, die Uraufführung ist für 2019 bereits geplant.

Ich führte mit Marlen Schachinger ein Interview zu diesem außergewöhnlichen Requiem.

Frage: Wie Du in dem Video beschreibst, war ein erster Mosaikstein zur Entstehung des Buches eine Lesung mit Michael Stavarič. Ihr hattet euch eher scherzhaft darüber unterhalten, eine Lesung für die Toten zu schreiben. Das Buch selbst ist jedoch von großem Ernst, von Ernsthaftigkeit geprägt – konntet ihr im Arbeitsprozess dennoch eine Leichtigkeit beibehalten?

Antwort: Jeder Schreibprozess bedarf mehrerer Entwicklungsstufen, um zu gelingen. Des Scherzhaften, um neue Denkräume zu öffnen, des Ernsthaften, um in die Tiefe zu gehen. Im Hinblick auf den Arbeitsprozess an »Requiem« spiegelte sich dies darin, dass wir alle drei wussten, der Ernst sei die Prämisse, die Leichtigkeit jedoch unabdingbar notwendig. So ist es uns auch ein Anliegen, bei der Auswahl der Lesestellen für Veranstaltungen, unsere Leser*innen in diese doch oftmals schwierige, emotionale Thematik einer Auseinandersetzung mit dem Sterben hinein- und auch wieder hinauszubegleiten; mit einem leisen Schmunzeln, vielleicht sogar mit einem Auflachen. Unseres Erachtens besteht zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit kein Widerspruch. Oder man könnte auch sagen, dass Tragik und Komik zwei Blicke auf eine Landschaft sind. Sieh dich doch einmal um: Unser aller Leben ist von solch absurder Komik geprägt! Jeder einzelne Tag … Dies gerade in der Auseinandersetzung mit jenem Themenkreis – Sterben, Abschied, Wie leben?, Was hinterlassen? – im Blick zu behalten ist eine Lebensnotwendigkeit. Wie die Literatur …

Frage: Inwiefern unterscheidet sich so ein Schreibprozess zu dritt von der Arbeit alleine? War es gerade bei diesem Thema, einer Totenmesse, gut, vielleicht auch entlastend, sich mit anderen austauschen zu können?

Antwort: Nun, die Differenzen eines Arbeitsprozesses zu dritt gegenüber der gewohnten Einsamkeit am Schreibtisch sind eher struktureller Natur. Es gilt zum Beispiel abzuwarten, bis der eine Kollege mit seinem Textteil fertig ist – zumindest in einer Rohfassung. Der Zeitplan der Arbeit folgt also nicht bloß dem eigenen Gutdünken. Bei »Requiem« war es Markus Orths, der den Rahmen lieferte und damit die Basis des Gesamtwerkes. Basierend auf dieser Erstfassung machten sich Michael Stavarič und ich an die Arbeit, um Lesungsteil sowie Evangeliums-Pendant zu verfertigen. Was uns verblüffte, war die Tatsache, dass manche Komponenten, manche Textelemente bei allen dreien auftauchten, ohne dass wir dies je abgesprochen hätten. Damit wurde das finale Verweben der drei Teile natürlich ungemein erleichtert.

Erst in der Endphase, da wir Übergänge gestalten wollten, Verwebungen einsetzen, fand ein Austausch statt. Dieser ließe sich jedoch eher unter Korrektorat und Lektorat subsumieren. In die Sichtweise jedes Einzelnen auf die Thematik wollte ich nicht eingreifen.

Frage: Und hat sich Dein Blick auf den Tod, auf das Leben durch diese Art des gemeinsamen Schreibens konkret verändert?

Antwort: Ja, durchaus. Doch weniger aufgrund des gemeinsamen Schaffens, sondern vielmehr durch die thematische Beschäftigung mit dem Prozess des Sterbens als Abschied. Und das ist gut so: Neue Aspekte eines Themas, die während des Arbeitsprozesses sich auftun, motivieren zur Weiterarbeit und öffnen neue Denkräume. Sonst hätte ich dieses Projekt auch nicht umsetzen wollen. Ein Gutteil der Schreibmotivation ist eben Entdeckungslust. Was mich am Todes-Thema bislang überraschte: Zu Beginn meiner Beschäftigung war ich überzeugt, ich könne zwar kein ›Wozu?‹ beantworten,  hätte aber zumindest eine Ahnung, vielleicht sogar einen Begriff davon, was ›leben‹ hieße: eine ziemlich mühselige Angelegenheit, ein Balanceakt zwischen Sich-Abstrampeln und fortwährendem Kämpfen, 90% anstrengend, 10% entspannt, so ließe sich das Verhältnis pauschal formuliert zusammenfassen. Dachte ich. Nun, nach zwei Jahren der Beschäftigung mit jenem Thema würde ich sagen, es sind 90% Langmut (oder für diejenigen, die das Modewort eher verstehen: Gelassenheit) versus 10% K(r)ampf – maximal …

Frage: Wie kann man sich das ganz praktisch vorstellen: Nahm jeder von euch sich einen Teil der Totenmesse vor, um einen eigenen Text zu konzipieren, arbeitete daran eigenständig oder war es ein regelmäßiger Austausch, auch gegenseitige Kritik und Lektorat beinhaltend?

Antwort: Markus Orths, der sich vor allem für den Rahmen einer liturgischen Feier interessierte, begann. Er fertigte die Basis. Nach Lektüre dieses Rahmens begannen Michael Stavarič und ich parallel zu arbeiten. Wir sprachen da auch nicht viel miteinander ab, bloß die Bibelstellen, welche unseren jeweiligen Hauptfokus bilden sollten, damit hierin keine Überschneidungen geschehen mögen. Michael wählte sich Kain und Abel, ich das Buch Kohelet, zu dem ich seit vielen Jahren einen affinen Bezug habe, gerade weil es keine eindeutige Antwort geben will, weil es mehr ein philosophisches Nachsinnen ist.

Erst als alle drei Rohfassungen unserer Passagen fertiggestellt waren, tauschten wir uns miteinander aus. Dadurch, dass zufällig bereits Bezüge zueinander in allen drei Teilen existierten, war das Verweben ein eher einfaches Unterfangen. Mittels dieser wertschätzenden Kritik der anderen beiden erarbeitete alsdann jede/r für sich die Finalfassung.

Frage: Es ist, wie ihr annehmt, die erste Totenmesse, die nur als Text entstand – ich empfinde das Buch als sehr melodisch, habe einige Passagen daraus laut gelesen. Nun wird der Prozess quasi umgekehrt – euer Requiem wird vertont. Wie sehr seid ihr in die Arbeit des Komponisten mit eingebunden?

Antwort: Ich bin in diesen Arbeitsprozess eingebunden, und finde dies auch ungemein spannend, da eine Vertonung für mich Neuland ist. Kammersänger Wolfgang Bankl, der bei unserer Uraufführung als Gast anwesend war, trat wenig später mit dem Wunsch an mich heran, aus meiner Passage »Windhauch« eine vertonte Variante erarbeiten zu dürfen. Seither trafen wir einander mehrfach, tauschten uns aus. Wobei hier anzumerken wäre, das sprichwörtliche Heft habe hierbei naturgemäß Wolfgang Bankl in der Hand. Ich fungiere in diesem Zusammenspiel eher als Echoraum, sei es um Nuancen abzustimmen, hier die Erlaubnis zur Tilgung eines Wortes, zur Wiederholung eines Satzelements zu geben. Da Wolfgang Bankls Konzept einen Wechsel zwischen Gesang und Rezitation vorsieht, um dem Textwerk seinen Klangraum zu lassen, ist jede gesungene Aufführung auch eine vorgetragene …

Frage: Wird sich der Text durch die Vertonung verändern, werden, wie ich annehme, andere Akzente gesetzt?

Antwort: Minimal; und erstaunlicherweise kaum nennenswerte Veränderungen. Hier ein ›und‹ gestrichen, dort eine Wiederholung gesetzt – viel mehr Textarbeit forderte Wolfgang Bankl nicht ein. Für mich persönlich war dies ziemlich frappierend, ging ich doch zuerst intuitiv davon aus, dass meine Kohelet-Variation mehr oder weniger gänzlich umzuschreiben sein würde. Das war nicht der Fall. Nun, gegen Ende dieser Zusammenarbeit bin ich klüger geworden – so könnte man es nennen. Oder aber: Diese Herangehensweise hat auch mit Wolfgang Bankls Respekt vor Literatur zu tun, dass er in ein Kunstwerk nur dann eingreifen mag, wenn es ihm unabdingbar nötig scheint. Und damit dass er ein Meister seines Faches ist – er könnte auch das Telefonbuch singen, und es wäre faszinierend, ihm zu lauschen!

Frage: Als Chorsängerin bist du ja auch in der Musik zuhause – hattest du bereits beim Schreiben Melodien im Kopf, im Ohr? Und wenn ja, wie sehr beeinflusst das nun die Herangehensweise an die Vertonung?

Antwort: Für mich ist jedes Sprachkunstwerk immer die Erschaffung eines Klangraumes, meine Vorarbeiten im Bauplan ähneln der Erschaffung einer umfangreichen Komposition, und meine Notizen am Rand der Lesungspassagen haben durchaus den Charakter des Arbeitens an einer Partitur. In der Zusammenarbeit mit Wolfgang Bankl erhielt ich den Eindruck, dass er jenen Klangraum intuitiv erspürt – wenn ich dies mal so unwissenschaftlich und etwas pathetisch sagen darf …

Das klingt nun vielleicht alltäglich, ist es trotzdem nicht. Manchmal werden unsere Werke in Ausschnitten ja bei Radiosendungen von Schauspieler*innen gelesen, und mehr als einmal reagierte ich darauf mit – ich würde es nicht Ärger nennen, aber Verwunderung: Wenn ich hörte, wie sie die Interpunktion zum Beispiel schlicht ignorierten, mit ihren Vorstellungen eines Sprachmusters ignorant darüber hinwegpreschten. Oder die Debatten mit manchen Herausgeber*innen, die ein Textwerk aus unzähligen eingereichten Arbeiten auswählen, um dieses eine für eine Anthologie anzukaufen. Dann erhält man die Fahnen und sieht: Moment! Da wurde automatisiert jedes Redezeichen, einfache und doppelte nivelliert. Oder ähnliche Originalitäten! Als bestünde keine Differenz zwischen allen existenten Zeichen der Interpunktion oder als würde sich eine Literatin nichts zu ihrem Einsatz überlegen, sondern Zeichensetzung nach Zufallsprinzip über den Text streuen … Deshalb sind für mich solch andere Erfahrungen der Zusammenarbeit immer sehr erfreulich: Sie zeigen mir, dass es noch Menschen gibt, die ein Kunstwerk mal zuerst betrachten wollen, ihm lauschen, bevor sie es sich aneignen.

Frage: Euer Requiem ist ja kein klassischer „Trauergesang“, der den Tod in schwarzen Farben malt und dafür ein besseres Leben im Jenseits verspricht.

Antwort: Danke! Vielleicht auch deshalb nicht, weil wir an kein Jenseits glauben? Also, ich zumindest nicht. Und bitte auch keine Wiedergeburt, man verschone mich damit. Dieser einmalige Tanz ist mir komplex und schwierig und wundervoll genug! Ihn einmalig gelungen zu gestalten, das ist mir ausreichend Herausforderung …

Frage: Das Buch kreist ja stark auch um die Fragen; Wie ein gutes Leben VOR dem Tod führen? Wie mit Abschieden als Lebender umgehen? Das Buch lässt der Trauer ihren Raum, aber auch der Lebensfreude, genauso jedoch – und dies ist wohl der religionskritische Aspekt – hadert er mit einem Gott und dessen Herrschaftsanspruch über Leben und Tod. Kann es gelingen, dieses breite Spektrum an Emotionen, die der Text beinhaltet, in einen kompositorischen Rahmen zu bringen?

Antwort: Doch, ich denke schon. Möglicherweise auch, weil jedem von uns dreien ein Aspekt relevanter war als ein anderer. Mich zum Beispiel beschäftigt seit jeher die Frage des »Wie leben?«, sodass es final ›gut‹ genannt werden könne. Vielleicht, weil ich für mich die Augen in jenem Gefühl schließen möchte: Gut ist es und genug jetzt.

Will jemand an einen Gott glauben, sieht er oder sie darin eine Stütze: meine Güte, warum nicht? Solange man andere nicht bekehren will … Ich persönlich stamme aus einer sehr religiösen Familie – mein Vater ist katholischer Pfarrer ohne Amt, meine Schwester Pfarrassistentin. Mir ist deshalb auch ein respektvoller Umgang mit Religion relevant. Auch wenn ich nicht gläubig bin. Respektvoll, aber nicht unkritisch. Daher hatte ich mit Absicht für dieses Projekt von Beginn an Kolleg*innen gesucht, die selbst keiner Religionsgruppe zugehören, die jedoch gewillt waren, feinfühlig und respektvoll damit umzugehen. Von Gesprächen mit Michael Stavarič wusste ich, dass ihn die wahnhafte Seite interessierte; und Kain und Abel als Frage der sozialen Verantwortung füreinander. Von Markus Orths wusste ich, dass er ebenso wie ich aus einem religiösen Elternhaus stammt und gleichfalls während späterer Jugendjahre eine geistliche Laufbahn andachte. Als ich ihn fragte, ob er an einer Mitarbeit Interesse habe, sagte er sogleich zu und teilte mir im nächsten Satz mit, sein Vater sei vor wenigen Monaten verstorben. So wurde »Requiem« für ihn auch Teil dieses Abschieds von seinem Vater, eine Liebeserklärung an jenen Mann, der ihn prägte, der sein Schreiben begleitet hatte, von allerersten Versuchen an. Diese déclaration d’amour schloss auch seine eigenen Kinder ein …

Du fragtest mich zuvor, ob und wie die Arbeit an »Requiem« etwas verändert habe, in unserem Denken. Vielleicht sollte ich hier noch hinzufügen, dass es – auch für mich – jenes Werk ist, welches mir am nächsten kommt, es ist mein Tod, der darin erzählt wird, mein Partner, dem ich wünsche, er möge alsdann mit einer gewissen Leichtigkeit damit umgehen können. Meine déclaration d’amour an ihn, ja, so könnte man es sagen.

Frage: „Requiem“ – die katholische Totenmesse – gibt Titel und Form eures Buches. Ganz offen gefragt: Ist dies in einer überwiegend agnostischen bzw. kirchen- und religionskritischen Welt nicht geradezu ein Wagnis, sich so direkt auf die Liturgie der heiligen Messe zu beziehen?

Antwort: Vielleicht. Das mag durchaus sein. Aber ohne Wagnisse entstünde keine Literatur. Oder keine, die dieses Nomen verdient. Eine Reibung ohne Bezugsfläche wäre keine, daher entschieden wir uns absichtlich für diese Form, um sie mit neuen Inhalten zu füllen. Es ist gut, dass manche darin eine Provokation sehen – sei es in der Anmaßung, ein Evangelium zu verfassen oder in der Wahl einer liturgischen Feier als Rahmen.

Und nein, ich bin nicht der Ansicht, dass Religion im weitesten Sinn passé sei. Ganz im Gegenteil. Just in Zeiten des Wandels finden religiöse Gruppierungen jedweder Art enormen Zustrom, möge es sich dabei nun um eine der bekannten Weltreligionen oder um esoterisch verbrämte Glaubensrichtungen handeln. Es mag manchem sauer aufstoßen, dass ich, als Agnostikerin, diese diversen spirituellen Varianten wie Geistheiler *innen und Katholik*innen, Engelsbeschwörer*innen und Muslime, Körperfetischist*innen, Sportfans und mosaisch Gläubige nebeneinander stelle. Damit kann ich gut leben. – Nebeneinander! Nicht auf eine Ebene!Nebeneinander, weil all diesen Glaubenskonzepten neben einer Reflexion über das eigene Leben, die ich relevant finde, eben auch die Übertragung einer Verantwortung, zumindest in Teilen, an eine übergeordnete Instanz immanent ist, und das scheint mir bedenklich. Diese übergeordnete Instanz hat zu oft in unserer Historie dafür herhalten müssen, dass sich Menschen berufen fühlten, ihr Denken abzugeben und sich final aus der Verantwortung zu schleichen.

Dafür wird man heutzutage für die Anmaßung, ein Evangelium zu verfassen, im abendländisch-christlichen Raum nicht mehr geviertelt und gesteinigt. Stell dir vor, wir hätten uns als Rahmen einen islamischen gewählt … Für den christlichen hingegen wird man höchstens abgelehnt. Aus zweierlei Gründen: Weil Literaturhäuser zum Beispiel in der Auseinandersetzung damit keine Literatur sehen. Weil Veranstalter*innen dieses Werk fürchten: Es würde manche Besucher*innen verunsichern, deshalb wolle man keine Lesung daraus verantworten. Verunsicherung aber scheint mir eine gute Sache. Keine angenehme Situation, das nicht. Doch sinnvoll! Mir ist das ganze Leben und die Menschen darin eine permanente Auseinandersetzung mit Verunsicherung. Sicherheit? Gibt es nur im Tod! Die hat man dafür alsdann länger. Ist ja auch was …

Oder andersherum erzählt: Ein katholischer Pfarrer meinte mir gegenüber im Dialog: ›Hadern und Zweifeln, die Bibel ist voll davon. Was soll eine Religion taugen, die dies nicht aushält?‹

Frage:  Tod und Leben als zwei Ansichten einer Landschaft, zwei Seiten der Medaille: Die Religion kann den Menschen einen Halt und eine Aussicht geben, die mit der Endlichkeit des Lebens hadern. Aber braucht es die Religion, um ein gutes Leben zu führen?

Antwort: Meines Erachtens: nein. Absolut nicht. Ein gutes Leben, im Sinne eines reflektierten Seins, sich selbst und aller Konsequenzen bewusst seienden Da-Seins, das bedarf in meinen Augen keiner Religion; auch keiner spirituellen Gemeinschaft. Dass es für manche hilfreich sein mag, sie sich darin und alsdann wohler fühlen – nicht nur aber auch, weil sie glauben, einen Teil der Verantwortung abgeben zu dürfen – das steht auf einem anderen Blatt. Dass gerade dieses Miteinander in Zeiten der Vereinsamung, in unserem Jahrhundert des Egozentrismus vielen wichtig ist, kann ich hingegen gut nachvollziehen. Der Mensch ist kein Einzelgänger, sondern ein soziales Wesen. Er bedarf des Du, um sich zu erkennen.

Neulich besuchte ich zur Recherche für einen Roman eine Esoterik-Messe. Am erschreckendsten war für mich (unter anderem) dort ein Stand, der Kleidung mit der Aufschrift ICH vertrieb. T-Shirts, Pullover, Jacken – und mittig prangte groß auf jedem Stück in Blockbuchstaben jenes Personalpronomen. Als bedürfe es in unserer Zeit nicht weitaus eher eines bewusst wahrgenommenen DU! – konservativ? Ja, vielleicht bin ich das. In diesem Teilaspekt auch gerne. – Und ebenso gerne hätte ich dort einen Pinsel genommen und wäre mit roter Farbe zu Werke gegangen, hätte neben das Ich rechts wie links ein DU gesetzt  … Aber das führt nun vom Thema weg.

Ob man der Religion bedarf, in welcher Form auch immer, das hat ein jeder und eine jede doch selbst zu entscheiden – und diese Entscheidung ist respektvoll zu akzeptieren, solange davon kein anderer Mensch in seinem gestaltenden Sein beengt wird, denn die Freiheit meines Ichs endet eben genau dort, wo diejenige eines anderen Ichs beginnt. Dort hinein unbedingt fluten zu wollen, das ist in meinen Augen jedoch eine bedenkliche Konsequenz aller fundamentalistischen, missionarischen Glaubensrichtungen, und Religionen oder religionsersetzende Überzeugungen – und hierzu zähle ich auch die gesamten Spielformen des Gesundheitswahns – tendieren bedauerlicherweise stets dazu, das eigene Denken zu verteidigen und andere dazu bekehren zu wollen.

Ich persönlich denke, für mich ist die Kunst jener Raum, dessen ich bedarf, um mit der Endlichkeit umzugehen. Ich brauche die Reflexion, die sich mir darin bietet. Das Erproben divergierender Lebenskonzepte. Ja, ich würde sagen, als Literatin habe ich diesen ungemein bereichernden Vorteil mich nicht begrenzen zu müssen, ich kann im Kontext des literarischen Schaffens Mann sein, Frau sein, religiös sein, Atheistin sein – oder eben sterben. Und für Leser*innen in meinen Erzähluniversen eine Welt erschaffen, die ihnen dieses Durchdenken und Erleben gleichfalls ermöglicht.

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_requiem.html

Marlen Schachinger zu „Requiem“:
https://www.youtube.com/watch?v=GRooOq6EWhs

 

 

 

Wilhelm Schmid: Unglücklich sein. Eine Ermutigung.

Warum Sinn nicht das Wichtigste im Leben ist:
Die Frage nach dem Sinn und die möglichen Antworten darauf.

Was häufig gemeint ist, wenn nach „Glück“ gefragt wird, ist eigentlich „Sinn“. Es ist die Frage nach dem Sinn, die moderne Menschen in wachsendem Maße umtreibt. Viele bevorzugen aber die Rede vom Glück, denn das ist das Wort, das in aller Munde ist und das jeder gut zu verstehen scheint. Sinn hingegen erscheint weniger greifbar, schon die bloße Frage danach macht nicht wenigen Menschen Angst, denn sie ahnen Abgründe, die sich damit auftun können. Die Dringlichkeit des Strebens nach Glück kann als ein Indiz für die Verzweiflung gelten, die die Entbehrung von Sinn hervorruft.

Sinn, der in tiefster Seele zu fühlen ist

Tief innerlich in seiner Seele, in diesem Raum, dessen eigentümliche Energie in der Bewegung von Gefühlen zum Ausdruck kommt, ist ein Mensch berührt vom Sinn, den alle Arten von Beziehungen stiften können, nicht nur momentan, sondern auch über ganze Zeitspannen hinweg und vielleicht das ganze Leben hindurch: Sinn im gesamten Leben. Beziehungen „machen Sinn“, insofern sie Zusammenhänge begründen, erfahrbar in Begegnungen, die gesucht werden, in Gesprächen, die geführt werden, in Umgangsformen, die beachtet werden, beginnend zwischen zweien. (…) Umso mehr jedoch die starke, gefühlte Bindung, die von herausgehobener Bedeutung für das jeweilige Selbst ist und einen innigen Zusammenhang bewirkt, in dem auch gegensätzliche Gefühle ihren Platz haben: Menschen, die Liebe füreinander fühlen, stellen sich die Frage nach dem Sinn nicht mehr – denn sie fühlen sich in dessen Besitz, daran ändern auch gelegentliche Unlustgefühle und Auseinandersetzungen nichts.

An der Fülle von Glücks- und Lebenskunstratgebern, die in größeren Buchhandlungen heutzutage zu finden sind, laufe ich meist achtlos vorbei. Käufliche Heilsversprechen, die den Lesenden meist noch unglücklicher machen: Jeder ist seines Glückes Schmied, wird da oft suggeriert, und wer diese Selbstoptimierung nicht hinbekommt, versagt in unserer Glücksindustrie.

Dieser gewollten Ignoranz meinerseits fiel bislang auch Wilhelm Schmid zum Opfer. Doch da der Philosoph ab und an auch Vorträge in seiner alten Heimat Bayerisch-Schwaben hält, kam ich nicht an ihm vorbei. Eingenommen haben mich: Eine klare, verständliche Sprache, eine Intelligenz, die sich nicht verkleiden muss, ein dem Leben zugewandter Pragmatismus, der Gelassenheit vermittelt und verdeutlicht, warum Glück nicht das Wichtigste im Leben ist.  Eine Lebenskunstphilosophie, die auch zum „Unglücklichsein“ ermutigt. Die zeigt, wie das allseits vorausgesetzte und eingeforderte „Streben nach Glück“ Menschen in die Irre führt, wenn „das Glück“ mit Heilsversprechen, Ansprüchen und Vorstellungen überfrachtet wird.

„Was kann dieses Buch dazu beitragen, dass Sie ihr Glück finden können? Einen Moment des Nachdenkens, sonst nichts. Eine kleine Atempause inmitten der Glückshysterie, die um sich greift. Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten ist, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können. Fluten von Diskursen brechen über die Menschen herein, um ihnen zu sagen, was das Glück denn sei und was der richtige Weg dazu wäre. Klar ist dabei vor allem eins: Es steht nicht gut um das Glück.“


Es steht nicht gut um das Glück zunächst auch bei „Die Glücklichen“, unserer Gemeinschaftslektüre hier.
Mehr über Wilhelm Schmid findet man dort:
http://www.lebenskunstphilosophie.de/

Bild zum Download: Kerzen


 

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Steven Bloom: Das positivste Wort der englischen Sprache

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Bild von Dean Moriarty auf Pixabay

„Als Maggie ging, wußte Norman nicht, was er fühlte. Er arbeitete weiter an seinem Roman über das Postamt, und obwohl es während der nächsten Jahre Frauen gab, fühlte er sich keiner so nahe wie seinen Figuren.
Das Dunkel der Nacht kam sehr gut an, und Norman bewarb sich mit Erfolg an einem kleinen, aber renommierten College zwei Zugstunden von New York entfernt.
Als er eines Tages eine Mitteilung des Fachbereichs las, merkte er beim Blick auf das Datum, dass er, wie auch immer, zweiundvierzig geworden war.“

Steven Bloom, „Das positivste Wort der englischen Sprache“, 2015, Wallstein Verlag.

Vor allem Männer, die über die Mitte des Lebens hinaus sind, sollten dieses Buch lesen. Man steht auf, macht seinen Job, versucht, irgendwie durchzukommen, kleinere und größere Ereignisse und Katastrophen verschwimmen irgendwann im Fluss der Zeit – und ehe man sich versieht, ist man Vierzig plus, ein Sonderling und ziemlich einsam. Norman Goldstein ist so ein Typ, beinahe ein „Stoner“, etwas tapsig, unbeholfen, aber auch stoisch bis hin zum zeitweiligen Gefühlsautismus, dabei aber auch überaus sympathisch. Dieser Goldstein scheint durch sein Leben zu gehen und sich meistens zu wundern, was ihm geschieht (oder vielmehr: nicht geschieht):

„In der Mensa der Fakultät wurde er eines Tages Ohrenzeuge einer Diskussion über die „Neue Enthaltsamkeit“ und war überrascht, dass es noch andere gab, die wie er waren. Seine Enthaltsamkeit war jedoch schon über zehn Jahre alt. Sie war das Geschenk, das er sich zu seinem fünfzigsten Geburtstag gemacht hatte.“

Vor allem die Frauen, die ihm geschehen:

Ehrlich gesagt, sagte Maggie, hast du bei manchem keine Wahl. Ich war auch mal verheiratet, ich lebe auch schon zu lange allein. Ich leide auch an einer Unterversorgung mit Zärtlichkeit. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass ich keine verkorkste Lebensphilosophie habe. (…)
Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich dich herumkommandiere, sagte Maggie, als sie in einem Restaurant in Chinatown saßen, denn das ist nicht zu übersehen. Ich tue es aber aus dem besten aller möglichen Gründe: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Das stammt von Gott persönlich, Norman.

Dass das mit Maggie – wie mit den Frauen zuvor – nicht gut ausgeht, liegt auf der Hand…

Erst als ihn eine späte Liebe ereilt, entdeckt Goldstein „das positivste Wort der englischen Sprache“: „YES“. Die temperamentvolle, wesentlich jüngere Kollegin Vashti holt den Bildungs-Eremiten aus seiner Höhle, überrollt ihn mit ihrer Lebensfreude, nimmt ihm förmlich an der Hand, rüttelt und schüttelt ihn aus seiner Lethargie.

Vashti spießte ein Stück Kiwi mit der Gabel auf.
Dein Gesicht, sagte sie, ist wie ein offenes Buch. Irgendetwas plagt dich.
Ich fühle mich dir näher, sagte Norman, als ich mich je einem Menschen gefühlt habe, und trotzdem hält mich etwas zurück.
Liebe, sagte Vashti, ist ziemlich beängstigend. Du liebst mich doch, oder?
Ich wünschte, ich könnte einfach ja sagen.
Dann sag es halt.
Mit „yes“, sagte Norman, endet der Ulysses. Er wollte, sagte Joyce, sein Buch mit dem positivsten Wort der englischen Sprache enden lassen.
Es ist ein gutes Wort, Norman, sagte Vashti.

Endlich angekommen beim positivsten Wort der englischen Sprache, erfährt Norman tragischerweise ein großes, finales „No“: Vashti stirbt.

Es ist dem Talent des Steven Bloom zu verdanken, dass man diesen schmalen Roman zuklappt, und neben der Melancholie über ein Unhappy End (das Bloom leise, wehmütig ausgleiten lässt), auch ein Gefühl der Heiterkeit mitnimmt. Wie Vashti ihren Norman, so kann auch dieses Buch schütteln und rütteln. Es fordert die Frage heraus: Was stellst Du mit deinem Leben an?

Dabei ist „Das positivste Wort der englischen Sprache“ kein melancholisches Buch an sich. Bloom hat ein außerordentliches Talent für witzige Dialoge, stellt seinem Stadtneurotiker Norman zynische und lakonische Gesprächspartner an die Seite, lässt in dem schmalen Werk eine ganze Reihe bunter, schillernder Typen auftreten: Die linksliberalen jüdischen Eltern, den gewitzten Hausmeister, rassistische Vermieter, abgetackelte Spieler, versoffene irische Dozenten. Seitenweise prallvolles Leben, kapitelweise amerikanische Geschichte im Vorbeigehen – von der latent und offen rassistischen New Yorker Gesellschaft der Nachkriegsjahre, über die Aufbruchsstimmung unter Kennedy, die Emanzipation unter Martin Luther King, bis zur revisionistischen Reagan-Ära spannt sich der Bogen. Ulrich Rüdenauer schrieb in der Zeit über das Buch:

Sein neuer Roman ist zugleich sein ambitioniertester, zumindest was die darin erzählte Zeitspanne angeht, und sein zurückgenommenster. Er beginnt in den sechziger Jahren und umfasst ein halbes Jahrhundert, in dem wir den jungen Norman Goldstein auf seinem Weg durchs Leben begleiten. Das positivste Wort der englischen Sprache ist ein schmaler Entwicklungsroman, der wie nebenbei die Geschichte Amerikas des letzten halben Jahrhunderts miterzählt. Episoden und Lebenssplitter werden aneinandergereiht, dazwischen immer wieder kleinere und größere Lücken gelassen, die dem Buch bei aller chronologischen Strenge eine reizvolle Offenheit geben. 

Unterschlagen hat Rüdenauer dabei, dass der schmale Roman auch witzig und überaus unterhaltsam ist, vor allem dann, wenn Norman, der Schüchterne, von seinen Gesprächspartnern förmlich überrollt wird.

Das positivste Wort der englischen Sprache ist – trotz der ihm innewohnenden Melancholie – der positivste Roman der englischen Sprache, den ich in letzter Zeit gelesen habe. Volle Leseempfehlung daher.

Mein Dank an den Wallstein Verlag für das Rezensionsexemplar (Verlagsangaben zum Buch hier). Und für die Entdeckung des Autoren: Steven Bloom, 1942 in Brooklyn geboren, lebt seit Jahren in Heidelberg, schreibt in amerikanischem Englisch (Übersetzerin Silvia Morawetz), seine Werke erschienen bislang jedoch bei deutschsprachigen Verlagen, nicht jedoch im angelsächsischen Raum.

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Franz Kafka: Kleine Fabel

„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.


Bild zum Download: Graffiti Neuburg a.d. Donau


 

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Bertolt Brecht – Vergnügungen

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Bild: Birgit Böllinger, Kalligraphie: Petra Schneider-Lammer

Seit einiger Zeit stehen die Brechtschen Vergnügungen (hier ein Link mit zahlreichen weiteren Links zu Text und Interpretationen) auf meinem Schreibtisch. Eines der schönsten, tollsten, besten und hilfreichsten Geschenke der vergangenen Jahre, wunderbar umgesetzt von einer begabten Freundin. Morgens, wenn ich die Arbeit beginne, fällt mein Blick auf diese Kalligraphie. Und erinnert mich jeden Morgen daran, dass es wenig mehr braucht außer wacher Sinne (was morgens für mich noch schwer ist), um Vergnügungen zu empfinden. Dass die einfachen Vergnügungen die besten sind. Brecht war etwa 56 Jahre alt, als er dieses Gedicht schrieb, fast schon am Ende seines Lebens. Ein wenig jünger bin ich noch, nicht viel. Und trotzdem treibt mich immer wieder eine klammheimliche Vergnügungssucht um. Das sind die Tage, an denen ich die Dinge übersehe, die gut sind. Mäkelig bin. Wenn ich meine, es fehle etwas in meinem Leben. Dann tut es gut, dieses Bild morgens und abends zu lesen.
Würde ich meine Vergnügungsliste aufstellen, sie wäre der Brechtschen nicht so unähnlich. Die Zeitung bräuchte ich nicht, diese Kalligraphie aber schon. Sie bereitet mir jeden Tag eine große Vergnügung.
Und welches Dichter-Zitat begleitet Euch am Schreibtisch, am Arbeitsplatz, in der Wohnung, durch die Tage?

 

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Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Geduld

Und ich möchte dich,
so gut ich kann bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste
in deinem Herzen,
und zu verstehen.
Die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer fremden Sprache
geschrieben sind.
Forsche jetzt nicht nach Antworten,
die dir nicht gegeben werden können,
weil du sie nicht leben könntest.
Und es handelt sich darum,
alles zu leben.
Vielleicht lebst du dann
allmählich – ohne es zu merken –
eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke war ein Viel-Brief-Schreiber. Rund 7000 Briefe sind erhalten – und beinahe jeder Brief auch ein Gedicht. Sie gelten als Teil seines literarischen Werks, legen Zeugnis ab vom sprachlichen Stilvermögen, aber auch vom menschlichen Einfühlungsvermögen dieses Dichters. Man möchte selbst Empfänger dieser tiefen Lebensweisheiten gewesen sein.

Reich davon sind die zehn „Briefe an einen jungen Dichter“: Franz Xaver Kappus stand an einem Scheideweg zwischen Offiziers- oder Schriftstellerlaufbahn, als er sich hilfesuchend an den acht Jahre älteren Rilke wandte. Der war zu dieser Zeit bereits unter anderem mit dem „Buch der Bilder“ hervorgetreten und steckte während des Briefwechsels mitten im „Malte Laurids Brigge“. In ihrem Austausch tat Rilke jedoch viel mehr, als dem Jüngeren literarische Ratschläge zu geben – vielmehr reflektierte er über:

Das Leben – „Warum eines Kindes weises Nicht-Verstehen vertauschen wollen gegen Abwehr und Verachtung, da doch Nicht-Verstehen Alleinsein ist, Abwehr und Verachtung aber Teilnahme an dem, wovon man sich mit diesen Mitteln scheiden will.
Denken Sie, lieber Herr, an die Welt, die Sie in sich tragen, und nennen Sie dieses Denken, wie Sie wollen; mag es Erinnerung an die eigene Kindheit sein oder Sehnsucht zur eigenen Zukunft hin, – nur seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken.“

Die Kunst – „Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs liegt sein Urteil: es gibt kein anderes. Darum, sehr geehrter Herr, wußte ich Ihnen keinen Rat als diesen: in sich zu gehen und die Tiefen zu prüfen, in denen Ihr Leben entspringt; an seiner Quelle werden Sie die Antwort auf die Frage finden, ob Sie schaffen müssen.“

Die Liebe – „Auch zu lieben ist gut: denn Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist, das Äußerste, die letzte Probe und Prüfung, die Arbeit, für die alle andere Arbeit nur Vorbereitung ist.“

Die Einsamkeit – „Aber vielleicht sind das gerade die Stunden, wo die Einsamkeit wächst; denn ihr Wachsen ist schmerzhaft wie das Wachsen der Knaben und traurig wie der Anfang der Frühlinge. Aber das darf Sie nicht irre machen. Was not tut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. Insich-Gehen und stundenlang niemandem begegnen, – das muß man erreichen können. Einsam sein, wie man als Kind einsam war, als die Erwachsenen umhergingen, mit Dingen verflochten, die wichtig und groß schienen, weil die Großen so geschäftigt aussahen und weil man von ihrem Tun nichts begriff.“

Das Suchen und Finden – „Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Suchen und Finden muss man für sich selbst. Aber Rilke und seine Briefe können dabei ein wunderbarer Wegbegleiter, Lotse und Krücke zugleich sein.

Zwischen 1903 und 1908 schrieb Rilke an Kappus insgesamt zehn Briefe. Sie sind bei Wikipedia abrufbar:
http://de.wikipedia.org/wiki/Briefe_an_einen_jungen_Dichter.

Wer das gedruckte Wort vorzieht, für den gibt es die Rilke-Briefe mit einem Vorwort von Kappus bei der Insel-Bücherei:
http://www.suhrkamp.de/buecher/briefe_an_einen_jungen_dichter-rainer_maria_rilke_8406.html


Bild zum Download: Mauer


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