Michaela Karl: „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“

„Maeve Brennan wurde nie explizit mit Aktionen oder Ideen der neuen Frauenbewegung in Verbindung gebracht, und doch war sie eine Feministin durch und durch – lange bevor der Feminismus als Idee wieder en vogue wurde. Ihre Arena waren ihre Kurzgeschichten und die seelisch verkrüppelten Frauenfiguren, die sie zeichnete. Frauen, denen das Recht auf ein eigenständiges Leben verwehrt worden war. Frauen, denen man schon als Kind verboten hatte, zu fühlen, zu reflektieren und zu kommunizieren. Sie beschreibt, was aus Frauen wird, die einer derart rückwärtsgewandten Erziehung ausgesetzt waren, und wieviel Unheil sie im Leben anderer Menschen anrichten.“

Michaela Karl, „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“, Hoffmann und Campe, 2019.

Als Anfang der 2000er-Jahre Maeve Brennan (1917 – 1993) „wiederentdeckt“ wurde – auch weil sie in einer anderen Meisterin der Kurzgeschichte, Alice Munro, eine Fürsprecherin fand – erlag auch ich dem melancholischen Charme ihrer Kurzgeschichten (dank der Übersetzungen im Steidl Verlag, der zuletzt, 2013, sämtliche Erzählungen von ihr in zwei Bänden übersetzte).

Viel wusste ich jedoch nicht über die Journalistin, Schriftstellerin und Stilikone des New Yorks der 1950er und 1960er-Jahre, gerade so viel, als dass ihre Erzählungen auch auf einen irischen Hintergrund hinweisen und dass vielleicht, vielleicht auch nicht, auch sie eines der vielen Vorbilder für Truman Capotes „Holly Golighty“ gewesen sein könnte.

In ihrer fast druckfrischen Biographie „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“  (erschienen am 1. April) bringt Michaela Karl, die sich bereits der amerikanisch-literarischen Hautevolee mit Büchern über Dorothy Parker sowie Zelda und F. Scott Fitzgerald gewidmet hatte, uns die „langatmige Lady“ näher.

So lautet ihr Pseudonym für eine Kolumne des „New Yorker“, für den Maeve Brennan jahrzehntelang schrieb. Dass die junge Frau, die im Alter von 17 Jahren mit ihrer Familie aus Irland in die USA gekommen war, ihre Karriere als Modejournalistin bei „Harper`s BAZAAR“ starten würde, das war ihr keineswegs in die Wiege gelegt. Hineingeboren wurde sie in einen wahrhaft revolutionären Haushalt:  Ihr Vater setzt sich auf Seiten des „Irish National Volunteer Corps“ politisch, journalistisch und wohl auch militant für ein unabhängiges Irland ein, ihre Mutter gründet das Frauenbataillon „Cumann na mBan“. Michaela Karl führt dankenswerterweise ausführlich in die Hintergründe des irischen Konflikts und die Rolle der Brennans ein.

Als erwachsene Frau mausert sich Maeve Brennan vom irisch-katholischen „Landei“ zum schillernden Schwan: In den Fakten präzise, aber dennoch von leichter Hand, gespickt mit vielen Details aus der Welt der amerikanischen Journalisten und dem Manhattan der 1950-er Jahre, zeigt Michaela Karl auf, wie aus der von der Arbeit besessenen Journalistin eine frühe „Influencerin“ wurde: Was sie trug – stets das „kleine Schwarze“ und eine Perlenkette – war eigentlich gegen den Trend jener Zeit, wurde jedoch zum Stil einer Generation bis hin zu den ikonographischen Fotos von Audrey Hepburn.

Dass nicht nur die öffentliche Person Maeve Brennan, die in Sachen Spitzzüngigkeit und Trinkfreudigkeit als legitime Nachfolgerin von Dorothy Parker galt, zu ihrem Recht kommt, sondern auch die erst spät gewürdigte Schriftstellerin ist ein Verdienst der Biographie: Michaela Karl zitiert umfangreich aus den Kurzgeschichten Brennans, beispielsweise aus ihren beiden Zyklen über zwei unglückliche irische Paare, und führt dies mit der Biographie der Schriftstellerin zusammen.

Michaela Karl kristallisiert den Charakter einer starken Frau heraus, die so leben wollte, wie sie es sich gewählt hatte: Unabhängig, selbstbestimmt, ihre Single-Dasein genießend, die selbstgewählte Einsamkeit auskostend, und doch von einem Kranz treuer Freunde umgeben. Und:

„Ganz egal, was das Leben für Maeve Brennan bereithält, ihre Arbeit bleibt das Allerwichtigste: „Meine Schreibmaschine steht in meinem Zimmer. Ich hänge an ihr wie ein Seemann an seinem Kompass“, schreibt sie aus den Hamptons (…).“

In den 1970-er Jahren lässt ihreSchaffenskraft jedoch nach und versiegt schließlich vollständig: Nach einem Nervenzusammenbruch begibt Maeve Brennan sich aus eigener Entscheidung das erste Mal in psychiatrische Behandlung, weitere Klinikaufenthalte folgen.

„In den kommenden Jahren entschwindet Maeve langsam dem Blickfeld ihrer Freunde und dem Gedächtnis der Stadt. Psychisch labil irrt sie durch Manhattan, taucht wie ein Geist aus längst vergangener Zeit an manchen Tagen vor dem Gebäude des New Yorker auf, um stundenlang auf der Straße vor dem Eingang zu sitzen. Nun, da sie das Gebäude nicht mehr betreten darf, ist sie wirklich heimatlos geworden. Die einstige Stilikone ist mittlerweile völlig heruntergekommen und verwahrlost.“

Ein tragisches Ende, zu dem jedoch Michaela Karl klare, deutliche Worte findet, die einer gängigen Interpretation – dies sei der Preis für ein ausschweifendes Leben – widersprechen:

„So fremdbestimmt sie am Beginn ihres Lebens auch war, als ihre nationalistischen Eltern die Unabhängigkeit Irlands über das Wohl ihrer Eltern stellten, so sehr schwamm sie sich später frei. Dass sie im letzten Drittel ihres Lebens mit einer heimtückischen Krankheit zu kämpfen hatte, die ihr diese hart erkämpfte Selbstbestimmung sukzessive raubte, ist tragisch. Noch tragischer ist allerdings, dass in Berichten über Maeve Brennan diese Entwicklung oftmals als Folge eines unangepassten Lebens gedeutet wird. Zwischen den Zeilen schwingt ein verheerender Tenor mit: Ein Leben gegen die herrschenden Konventionen zu führen wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. (…) Eine solche Auslegung ihres Lebensweges bedeutet im Umkehrschluss, dass es für Frauen klüger ist, sich zu fügen – ein eigener Kopf wird am Ende rollen.“

Und so macht die Biographin nochmals explizit deutlich:

„Maeve Brennan hat nicht aus Verzweiflung und Heimatlosigkeit im Wahnsinn Zuflucht gesucht, sondern sie litt an einer psychischen Erkrankung, die in den letzten Jahren ihres Lebens ihre glücklich verteidigte Autonomie zunichte machte.“

Vom Kind irischer Unabhängigkeitskämpfer zur Stilikone im vibrierenden Manhattan bis hin zum Ende in der Obdachlosigkeit: Ein Leben wie ein tragisch-schöner Roman. Michaela Karl hat daraus eine einfühlsame und detailgetreue Biographie gemacht. Wer Maeve Brennan kennenlernen will, dem sei dieses Buch empfohlen.

Bibliographische Angaben:

Michaela Karl
„Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen.“
Hoffmann und Campe, 2019
22,00 Euro, 352 Seiten, gebunden, Lesebändchen
ISBN 978-3-455-50414-9

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Tobias Premper: Mississippi Orangeneis Blues

MISSISSIPPI ORANGENEIS BLUES

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Eine Fahrt mit dir und dem Kleinen auf dem Mississippi, wir füttern uns gegenseitig mit Orangeneis und irgendwer spielt den Blues.

Tobias Premper, „Mississippi Orangeneis Blues“, 2016, Steidl Verlag

Wenn ein Buch nur dies sein kann: Du blätterst es auf, an einer beliebigen Stelle, Bilder entstehen, für Minuten bist du entführt in eine andere Welt. Wer dem derzeit grauen Wetter und seiner ebenso nassen wie bleiernen Wolkendecke entfliehen will und faktisch nicht kann, wer den Mississippi Orangeneis Blues und eine Sehnsucht nach Realitätsflucht in sich trägt, dem empfehle ich die Miniaturen von Tobias Premper.

Doch Obacht: Mit seinen Kürzestgeschichten, die manchmal nur wenige Sätze umfassen, selten mehr als eine halbe Seite einnehmen, entführt Premper keinesfalls in ein vermeintliches Paradies oder heile Welten. Sie erzählen von Sehnsüchten, von kleinen wie großen Träumen, vom Alltag, dem man entfliehen will, von Orten, an denen man nie ankommt.

Schwankend zwischen „ALTE ORDNUNG“:

Find Dein Tor, geh hindurch und bleib dort!

und einer „LIEBESERKLÄRUNG“, die den Wunsch nach Verrücktheiten beinhaltet:

Ich will mit dir nach Usbekistan und den Nomaden heißen Tee über die Turbane schütten. (…) Und im Traum springen wir über wilde Kaninchen und schweben selbst über unseren Verstand hinaus.

Tagträumer und versponnene Seelen werden an diesen Miniaturen ihre Freude haben: Immer wieder durchbricht Tobias Tremper scheinbar alltägliche Szenen mit einem feinen Sinn für das Absurde. Schon der Prolog wirkt wie ein Gemälde von Matisse. Oder meinetwegen auch Dalí. Eine Blume wächst aus einem Zeh. Tote Enten treiben in einem Bassin. Eine Frau und ein Kind auf einem Elefanten. Träumt der namenslose Ich-Erzähler oder ist er schon wach? Nichts ist, wie es scheint, nichts bleibt, wie es war, gebrochene Atmosphäre schon am aufbrechenden Morgen:

MORNING HAS BROKEN

Ich saß in einem Café und frühstückte. Gelobt die Amsel, die draußen vor dem Fenster sang, und die beiden Frauen am Nachbartisch, eine schöner als die andere. Ganz still und unbeweglich saßen sie da, und die Musicbox spielte etwas von Duke Ellington. Plötzlich hakte die Platte, und ein kahlköpfiger Zwerg mit Schnauzbart kam zu meinem Tisch. Er roch nach Schweiß und trug rote Damenschuhe. Der Kleinwüchsige fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe, aber ich sprang auf und lief nach draußen. Hätte ich ein Auto gehabt, ich wäre bis zum Kap Deschnjow gefahren. Ich besaß jedoch nicht einmal ein Fahrrad. Dann begann es, aus heiterem Himmel honigsüße Tropfen zu regnen, und ich dankte dem Herrn.

„Mississippi Orangeneis Blues“ ist kein Buch, das man in einem Stück wegliest – sondern eines, in dem man immer wieder blättert, auch zufällig Seiten aufblättert, um je nach Stimmungslage und Leselust sich auch in die eigenen Weltfluchtgedanken hineinzulesen. Um sich dann an komplizierten Tagen still und leise seufzend zu sagen:

OHNE TITEL #3

Wenn das Leben nur dies sein könnte: Salat aufessen, Liebe machen.

Den poetischen Miniaturen ist anzumerken, dass sie einem Lyriker entsprungen sind: Der Bildende Künstler und Schriftsteller hat einige Gedichtbände und gibt seit 2006 Boxenbücher heraus – in der Auflage limitierte Text- und Bildeditionen, die zum Teil auch Originalzeichnungen beinhalten. Einen Eindruck davon gewinnt man auf seiner Homepage: http://www.tobiaspremper.com/

„Mississippi Orangeneis Blues“ erschien, wie bereits sein Debütroman „Erst einmal für immer“ und weitere Bücher mit Kürzestgeschichten beziehungsweise Notizen im Steidl Verlag.

Über die Prosa von Tobias Premper zeigte sich David Hugendick begeistert, verweist in einem Artikel auf die Tradition der Vignette bei anderen Großen der Literatur wie Tucholsky, Lichtenberg und Daniil Charms:

„Im besten Fall können solche Vignetten wahre Erkenntnisbomben sein, in denen bisweilen mehr steckt als in 563 Romanseiten voller serienmäßig zartfühlender Gesellen. (…) Premper, in Celle geboren, nach Berlin umgezogen, hat ebenfalls eine Neigung zur fröhlichen Skurrilität, zur in Raum und Zeit unfixierten Momentaufnahme, die man nicht zu einem großem Bild zusammenfügen muss und auch gar nicht soll. Alltag, Märchen, Dialog, eine in Gold gerahmte Flüchtigkeit, deren Moral oder Sinn der Autor bisweilen provokant verweigert. Oder er knüpft ganze Sinngirlanden, um sie am Ende mit Witz zu zerreißen.“

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/Tobias-Premper-Durch-Baeume-Hindurch

In diesem Sinne: Immer wieder einmal in den Miniaturen geistig Spazierengehen, mit Tobias Premper durch die Straßen flanieren, und dabei über Lakritze schleckende Verlobte, Käferinnen im Rentner oder einfach auch über das „NICHTS“ stolpern, schmunzeln, wehmütig lächeln, träumen, bummeln.


Verlagsangaben zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Mississippi-Orangeneis-Blues-0108233138.html

Bild zum Download: Schwarzdrossel


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