Ein kleines Theater, ein großes Buch und viele Kindheitserinnerungen: Herzfaden

Bild: Florian Pittroff

Als Literaturblog aus Augsburg kommt man an diesem Roman natürlich keinesfalls vorbei. Und wer wäre prädestinierter dafür, über ihn zu schreiben, als Gastautor Florian Pittroff, der die Augsburger Puppenkiste und ihre Macher seit Kindesbeinen kennt?

Eines gleich vorweg: Das Buch ist eine wunderbare Würdigung einer der wichtigsten deutschsprachigen Kulturinstitutionen der frühen Bundesrepublik. Es ist die Geschichte eines einmaligen Theaters und der Familie, die es gegründet und berühmt gemacht hat. „Herzfaden – Roman der Augsburger Puppenkiste“ ist zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020.

Das Buch hat zwei Handlungsebenen. Auf der ersten Ebene erzählt der Autor die Geschichte der Familie Oehmichen und die der Augsburger Puppenkiste. Auf einer zweiten Ebene gerät ein junges Mädchen nach einer Vorstellung der Augsburger Puppenkiste durch eine verborgene Tür auf einen märchenhaften Dachboden, auf dem viele Freunde warten: Prinzessin Li Si, Kalle Wirsch und das Urmel. Vor allem aber die Frau, die all diese Marionetten geschnitzt hat – über 6000 sollen es gewesen sein – und nun ihre Geschichte erzählt. Der Buchtitel kommt natürlich auch nicht von ungefähr: „Der Herzfaden?“, fragt Hatü. „Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ „Das hast du dir ausgedacht, Papa. (…)“

Die Biographie der Familie Oehmichen hat mich echt bewegt. Sie beginnt im 2. Weltkrieg, als Walter Oehmichen, ein Schauspieler des Augsburger Stadttheaters, in der Gefangenschaft einen Puppenschnitzer kennenlernte und für die eigene Familie ein Marionettentheater baut. In der Bombennacht 1944 verbrennt es zu Schutt und Asche. „Herzfaden“ erzählt von der Wiedergeburt dieses Theaters und von der Kraft der Fantasie in dunkler Zeit. Thomas Hettche schießt aber nicht Fakten, Fakten, Fakten aus dem 2. Weltkrieg aus der Hüfte, sondern er erzählt bedachtsam und behutsam. Wie ist das, wenn die Freundin plötzlich verschwindet, wenn die Nachbarn zu Rechtlosen werden. Und was passiert in einer Kinderseele, wenn die Flugzeuge kommen:  „Vorhänge aus Brandfontänen jagen (…) gen Himmel, der blutrot ist.“.

Es sind die einfühlsamen Momente, die dieses Buch so liebens – und lesenswert machen und die ganze Magie dieser besonderen Kiste aufleben lassen. „Alle versammelten sich jetzt um ihn (Walter Oehmichen). Viele würden ihn fragen, beginnt er, weshalb er kein richtiges Theater mehr machen wolle. Aber ihm sei klar geworden, dass Puppentheater noch mehr Theater sei als Menschentheater. Marionetten seien die ehrlicheren Schauspieler“.

Als Augsburger habe ich mich sehr auf das Buch gefreut und wenn dann auch noch die Plätze, Orte und Straßen aus meiner Heimatstadt darin vorkommen, ist es wie ein Eintauchen in die Heimatstadt: „Wenig später tauchte rechter Hand der Siebentischwald auf, (…) dann das Rote Tor. (…). Es gibt Bilder vom Schwarzmarkt am Augustusbrunnen.“

Für mich war es ganz wunderbar, dieses Buch zu lesen, auch oder gerade deshalb, weil ich in meiner Kindheit Hannelore Marschall, Hanns Marschall, Walter Oehmichen und viele der Buchprotagonisten persönlich kennenlernen durfte. Nicht zuletzt auch Klaus und Jürgen Marschall. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ich kann mich gut erinnern, Hannelore Marschall saß meist in ihrem Atelier und hat geschnitzt und geraucht und geschnitzt und aus einem rohen Holzblock wurden bedeutende Charaktere, die fast jeder kennt und die niemand missen möchte. Sie hatte übrigens auch einen Löwenanteil daran, dass sich die Puppenkiste gewandelt hat. Nicht nur klassische Märchen standen fortan auf dem Spielplan, sondern auch „Der kleine Prinz“ oder „Jim Knopf“.

Und ganz zum Schluss sei noch erwähnt: Die Zeichnungen auf dem Umschlag, auf dem Einband und im Buch selbst sind von Matthias Beckmann, Homepage des Künstlers: http://www.matthiasbeckmann.com/.

Florian Pittroff

Homepage: https://flo-job.de/

Informationen zum Buch:

Thomas Hettche
Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2020
288 S., 24,00 €, als E-Book 19,99 €

#VerschämteLektüren (10): Burroughs? Selby? Céline? Bukowski? Ellroy? Jungs, lernt mal von Cecil Brown!

mermaid-2447688_1920-1024x683

Bild von Kurt Wiedwald auf Pixabay

Es gibt ja Nordlichter, die meinen immer noch, München sei nur die Weltstadt mit Herz, Schmerz, Nerz. Blau-weißer Schickimicki. Dass München aber auch ganze andere Saiten aufziehen kann (und das nicht nur musikalisch) und ganz andere Seiten hat, das zeigt Gerhard Emmer auf seinem Blog KULTURFORUM. Reinschauen lohnt sich nicht nur für Einheimische!

Gerhard bringt für die #VerschämteLektüren ein besonderes Schmankerl aus dem Greno Verlag (ebenfalls ein Stück Kulturgut aus Bayern, das es allerdings leider, leider nicht mehr gibt!):

Ich bin eine Weile vor der Bücherwand gestanden und habe überlegt, was zu dem Thema passen könnte. Mehrere Bücher sind in die engere Auswahl gekommen:

„Mauern“ von Hubert Selby (unter anderem: grauenvolle Vergewaltigungsszene!), „Naked Lunch“ von William S. Burroughs, sein Drogen-, Gewalt- und Psychopathen-Hauptwerk, dass ich offen gestanden aufgrund seiner vielen Handlungsstränge, Erzählebenen und der eingesetzten Cut-Up-Methode nie zur Gänze kapiert habe, oder auch irgendwas von Charles Bukowski. Auf alle Fälle sollte es etwas aus meinen Anfangsjahren als (ernsthafter) Leser sein (Karl May und Jules Verne kamen natürlich schon vorher dran…)  – und es war klar, es musste etwas aus der Abteilung „Schmutz und Schund“ sein, sonst hätte es ja nix Verschämtes (Heutzutage im gesetzten Alter lese ich selbstredend nur noch Qualitätsveröffentlichungen… ;-))).

Letztendlich bin ich bei folgendem Schmöker gelandet, er hat die von mir gestellten Anforderungen perfekt erfüllt:
Cecil Brown – Leben und Lieben des Mr. Jazzarsch Nigger (1987, Greno Verlag; Originaltitel, Erstveröffentlichung: The Life and Loves of Mr. Jiveass Nigger, 1969)
Kurzinfo zum Autor: *1943, Bolton, North Carolina; Afro-Amerikanischer Autor von Novellen, Short Stories und Drehbüchern; lebt in Berkeley, Kalifornien, wo er als Professor an der University of California unterrichtet.
Das Werk: Ein unsäglicher,  politisch völlig unkorrekter Schelmenroman über den schwarzen Schwerenöter und Vollzeitgigolo George Washington, der im Kopenhagener Exil jede Frau beschläft, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dargebracht in einer unverblümten, mitunter extrem unflätigen Sprache, in den Schilderungen sexueller Praktiken ungeschönt und an etlichen Stellen geradezu pornographisch. Dabei flott zu lesen. Wenn es nicht in Dialogen in ausfallenden Gewaltausdrücken extrem zur Sache geht, ist das Werk durchaus literarisch anspruchsvoll geschrieben.  1969 von einem afroamerikanischen Literaten verfasst, schwingt der in den sechziger Jahren schwelende Rassenkonflikt innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft permanent als Rahmen, in den die Geschichte eingebettet ist, mit.
Welchen LeserInnen kann man das Buch ans Herz legen? Freunden der skandalträchtigen Kriminal-Romane des französischen Schriftstellers Boris Vian, Lesern der Krimis über die Harlem-Detektive Gravedigger Jones und Coffin Ed Johnson des afro-amerikanischen Autors Chester Himes, allen, die mit der grandiosen Menschheitsbeschimpfung „Reise ans Ende der Nacht“ des französischen Misanthropen  Louis-Ferdinand Céline glücklich wurden – und auch das Vertrautsein mit den Werken von Charles Bukowski und einem seiner größten Verächter, James Ellroy, kann auf keinen Fall schaden.
1987 im inzwischen aufgelösten Greno Verlag veröffentlicht und längst nicht mehr aufgelegt, aber über Antiquariate bzw. Amazon sicher noch als Second-Hand-Ausgabe zu beziehen.
„Ich schwör’s bei Gott, dieser Kerl, das ist das schlimmste Schandmaul, das die Welt gesehen hat, er hat bestimmt schon geflucht, als er auf die Welt kam; als seine Mutter, Miss Lillybelle Washington, diesen Heidenbengel in die Welt setzte, war gewiß das erste was er von sich gab ein Fluch, und die Hebamme und seine Mutter und wer da sonst noch rumstand, hat er wahrscheinlich erst mal angerotzt, weil sie ihn überhaupt rausgeholt haben, so einer ist das nämlich, mußt du wissen. Ich kenn‘ keine Menschenseele in der Gemeinde, die er nicht schon zur Sau gemacht hat, und auch keine Katze und keinen Hund. Aber der Herrgott wird über diesen Nigger kommen, wart’s nur ab, heimsuchen wird er diesen Nigger, und wie! Als er mir zum ersten Mal unter die Augen kam, da hat er meine Brüder angepöbelt, mitten auf der Straße, und ich hab‘ mich gefragt, was hat dieser Nigger da rumzupöbeln? Aber, hab‘ ich mir gedacht, das ist nun mal die Jugend, er ist ja noch jung, und dann war ich so idiotisch und hab den Idioten geheiratet.“ (…)
(Cecil Brown – Leben und Lieben des Mr. Jazzarsch Nigger, Prolog)
Hier geht es zum Blog KULTURFORUM: https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/