Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

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Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

„Ein wenig Hoffnung schöpfte ich, als ich zu einem Sommerfest eingeladen wurde. Auf dem Sommerfest würden bestimmt ein paar in Frage kommenden Frauen herumflirren und Nachtfalterblicke aussenden. Ich fürchtete mich vor meinen humoristisch gemeinten Reden, die sich bei solchen Anlässen unangenehm in den Vordergrund schoben. Ich hörte mich schon jetzt, wie ich zu einer alkoholisierten Frau sagte: Ich habe den seriösen Paarungsdrang eines Maikäfers und biete problemfreie Anhänglichkeit. Am liebsten wollte ich mich nach solchen Sätzen selber ohrfeigen, wenn derlei nicht noch peinlicher gewesen wäre.“

Wilhelm Genazino, „Außer uns spricht niemand über uns“, Hanser Verlag, 2016.

Kennt man einen, kennt man alle. Nein, ich meine nicht die Männer an sich. Sondern jene Männer in den Genazino-Romanen der vergangenen Jahre, die sich, bis auf einige wenige Ähnlichkeiten, so ähneln wie … na eben ein Genazino-Mann dem anderen.

Auch im erst vor wenigen Tagen veröffentlichten neuesten Roman des Wahl-Frankfurters ähneln sich Konzept und Interieur: Ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Radiosprecher, Modeschauen-Moderator und Gedichte-Vorleser gerade so durchschlägt. In einer Gewohnheitsbeziehung verharrend. Mit lockeren Zähnen und dem nahenden Alter hadernd. Und dazu noch: Die Stadt, das Spazierengehen, der Müll.

Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino auch mit diesem Buch auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler. Doch irgendwann, ich muss es mit schmerzendem Leserherzen gestehen, wird man der ewig lebenslustlosen Helden dieser Romane müde. Und gerade dieses Buch wirkt, als wäre sein Schöpfer selbst beim Schreiben müde geworden, zermürbt von der anhaltenden Alltagsuntauglichkeit seiner Protagonisten. Waren in den vorhergehenden Romanen die Spaziergangs-Assoziationen und die Liebeswirren noch von einer gewissen erzählerischen Stringenz, so wirkt dieser Roman, so schmal er auch ist, verheddert, undurchdacht, so zerrissen wie das Seelenleben seines Helden.

Dieser wird durch den Suizid seiner Partnerin in eine Krise geworfen: Es fehlt ihm etwas „Körperliches (Carola)“, der Verzicht auf Frauen, „eine“ Frau zu finden als Ersatz (gleich welche), will ihm aber auch nicht gelingen. Er wehrt sich gegen eine Trauerbehaftung und wird dennoch zur „Ein-Personen-Peinlichkeit“. Es ziehen die Geliebten vergangener Tage, Freundinnen, ältere Frauen, die den Jungen verführten, usw. am geistigen Auge des Mannes vorüber – nichts davon wirkt besonders lustvoll, lebenslustvoll. Eine neue Frau findet sich zunächst auch nicht, zumal sich auch die Suche danach nur halbherzig gestaltet. Und wer will schon mit einem Kerl, der mit Tomatenflecken auf der Hose, löcherigen Unterhemden und einem anhaltenden Missmut kokettiert, Maikäfer-Tänzchen wagen? Kurzum: Der Sexualtrieb ist noch so ziemlich der einzige Antrieb, der bei diesem Genazino-Helden nicht im Halbschlaf schlummert. Und Thema des Buches ist die Pein des Nicht-Ausleben-Könnens.

Aber selbst wenn das Begehren ein Objekt findet, wirkt das irgendwie und irgendwann schal… Am Ende schläft er mit der Schwiegermutter, der ganze Akt verschmilzt in der Vorstellung zu einer Liebeshandlung mit der eigenen Mutter. Endlich, möchte man als Leser sagen: Unterschwellig wartet dieser Ödipus-Komplex schon seit etlichen Büchern Genazinos auf eine Auflösung.

Man könnte dem Buch zugutehalten, dass es die beiden stärksten Triebe der Menschen, Todesangst und Paarungswillen, in knappster Form miteinander verknüpft. Aber ganz ehrlich? Das Ganze wirkt bis zum Finale uninspiriert und blutlos.

Jörg Magenau urteilte in der Süddeutschen Zeitung:

„All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann.“

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