Katherine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

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Lieber Max,

wie Du sehen kannst, schreibe ich auf dem Geschäftspapier meiner Bank. Dies ist notwendig, denn ich habe eine Bitte an Dich und möchte dabei die neue Zensur umgehen, die äußerst streng ist. Wir müssen für den Augenblick aufhören, uns zu schreiben. Selbst wenn ich kein offizielles Amt bekleidete, wäre es für mich unmöglich, mit einem Juden zu korrespondieren. (…) Was die strikten Maßnahmen betrifft, die Dich so mit Sorge erfüllen: Ich mochte sie zu Beginn auch nicht, doch mir ist inzwischen ihre schmerzliche Notwendigkeit klargeworden. Die jüdische Rasse ist ein Schandfleck für jede Nation, die ihr Unterschlupf gewährt. Ich habe niemals einen einzelnen Juden gehaßt – ich habe Dich immer als einen Freund geschätzt, aber Du weißt, daß ich mit aller Aufrichtigkeit spreche, wenn ich sage, daß ich Dir nicht wegen, sondern trotz Deiner Rasse gewogen war. (…).

Wie immer,
Dein Martin Schulse

1938 veröffentlichte die New Yorker Zeitschrift „Story“ die Erzählung einer bis dahin völlig unbekannten Autorin: Die ehemalige Werbetexterin Kressmann Taylor war auf einige Briefe gestoßen, die sie zu ihrer Geschichte anregten, einem fiktiven Briefwechsel zweier Männer, zunächst Freunde und Geschäftspartner, die ein dramatisches Ende nimmt. „Adressat unbekannt“ erregte großes Aufsehen, die erste Buchveröffentlichung hatte einen rasenden Absatz: Mit ihrer sprachlich ganz einfachen, aber lebendigen Shortshortstory traf Kressmann Taylor offenbar bei vielen Lesern einen „moralischen“ Nerv. Das Erstaunliche daran: Nicht nur das frühe Erscheinungsdatum 1938 (zwar war auch in den USA schon die schwierige Situation der Juden in Deutschland bekannt, wie dramatisch es stand, wurde jedoch auch dort erst nach den Pogromnächten im November 1938 öffentlich klar), sondern auch die Zeichnung der Figuren. „Der Nazi“, das ist in dieser Briefnovelle nicht das blutrünstige Monster oder der eiskalte, Monokel-tragende Todesengel, wie ihn Hollywood gerne zeichnete, sondern ein ganz „normaler“ Biedermann. Ein banaler Böser.

In nur 18 Briefen und einem Telegramm entwickelte die Autorin eine Erzählung über die Brüchigkeit von Freundschaft in finsteren Zeiten, über fehlende Loyalität, über Opportunismus und Mitläufertum, über mangelndes Mitgefühl – das ist anrührend, empörend, spannend und dramatisch.

Max Eisenstein und Martin Schulse betreiben 1932 gemeinsam eine Galerie in San Francisco. Während der Jude Max Eisenstein in den USA bleibt, kehrt Schulse mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Nur wenige Monate später hat sich der Opportunist zum Vollblut-Nazi entwickelt, kündigt die Freundschaft auf, geht auf Distanz. Da erreicht ihn eine letzte dringende Bitte seines ehemaligen Freundes aus den USA: Er möge seiner Schwester Griselle, die noch in Deutschland ist, zur Flucht helfen – Schulse verweigert dies nicht nur, sondern liefert die Frau, mit der er einst ein Verhältnis hatte, sogar den Nazi-Schergen aus. Doch dies ist noch nicht der Höhepunkt der kleinen Briefnovelle – Kressmann Taylor gab der Geschichte nochmals eine überraschende Wende, die hier jedoch nicht verraten sein soll.

Trotz der zahllosen Leser geriet die Erzählung später in Vergessenheit – bis sie 1992 erneut in „Story“ abgedruckt und schließlich auch in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Denn, so Story-Herausgeberin Lois Rosenthal, die Briefnovelle ist von hoher Aktualität:
„Die neonazistischen Strömungen im wiedervereinten Deutschland, das erneute Aufkeimen von antisemitischen Haltungen in Osteuropa und die zunehmende Popularität der weißen Supermatisten in den Vereinigten Staaten klangen wie ein unheimliches Echo der Vergangenheit.“

Erschienen bei Atlantik – mehr Information zum Buch hier.

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