Petra Morsbach: Justizpalast

„Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik: am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.“

Petra Morsbach, „Justizpalast“, Knaus Verlag, 2017.

Ein Richter, eine Richterin, so lautet die hehre Vorstellung, müsse möglichst frei sein von sozialen und beruflichen Problemen, um sich die innere Unabhängigkeit bewahren zu können. Wer Recht sprechen und Gerechtigkeit ausüben will, sollte schon per se einen möglichst ausgeglichenen Charakter mitbringen, Intelligenz und Einfühlungsvermögen gleichermaßen in die Waagschale der Justitia werfen.

Aber Richter sind auch nur Menschen. Dies lehrt uns der jüngste Roman von Petra Morsbach, der mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2017 von Deutschlandradio und der Stadt Braunschweig ausgezeichnet wurde und auf der Shortlist zum Bayerischen Buchpreis steht, auf amüsante, ironische Art und Weise.

Die Schriftstellerin zeichnet das Portrait einer bayerischen Richterin von der Kindheit bis zum Berufsende. Das Parkett des Gerichtssaals erhält so einen doppelten Boden: Da ist zum einen die überlastete Fleißarbeiterin im Bienenstock der Justiz, die sich in einer Männerwelt durchzusetzen hat und erst spät ihr privates Glück findet. Und zugleich gibt der gut recherchierte Roman einen Einblick in das Wesen der deutschen Rechtsprechung, der einem schon die eine oder andere Illusion zu rauben vermag.

Über neun Jahre hat Petra Morsbach für das Buch recherchiert, Dutzende von Richtern befragt: Eine Hintergrundarbeit, die sich bezahlt gemacht hat. Der Roman, der nicht linear erzählt ist, birgt ein ganzes Kaleidoskop von Typen in sich: Vom staubtrockenen, lebensfeindlichen Juristen über den Idealisten, der die Justiz als Bastion des zivilisierten Miteinander verteidigt bis hin zum Opportunisten, der, wenn es seiner Sache dient, sich auch der politischen Einflussnahme beugt.

Für Thirza Zorniger, selbst Kind einer chaotischen Künstlerehe, beim schweigsamen, verbitterten Großvater, der unter Hitler „Recht“ sprach, aufgewachsen, ist das Recht vor allem Bändigung des chaotischen Lebens. Als junge Frau lautet ihr Leitmotiv:

„Recht sprechen! Denn Thirza wollte für Gerechtigkeit sorgen.“

Es ist nicht so, dass der Juristin im Laufe ihrer Karriere – Zivilrichterin am Amtsgericht, Staatsanwältin, Beisitzerin am Landgericht in einer Zivilkammer im Justizpalast, Familienrichterin am Amtsgericht, Oberregierungsrätin im Justizministerium und schließlich Vorsitzende Richterin am Landgericht in einer Zivilkammer – der Gerechtigkeitssinn verloren ginge. Er wird eher zeitweise in den Mühlen der Justiz etwas klein gemahlen: Vom hohen Anspruch hin zur täglichen Kärrnerarbeit. Wie es hintern den Türen des Justizpalastes zugeht, das beschreibt Petra Morsbach mit viel trockenem Humor, pointiert und mit Sinn für das Absurde:

„Bei uns gehen die Regalhalter kaputt, und die Regale stürzen ab. Es braucht ein halbes Jahr, bis ein Handwerker kommt. Wie können wir die Würde des Gerichts vertreten, wenn uns die Verwaltung so würdelos behandelt?“

In mancher Rezension wurde das Buch trotz allgemein guter Kritiken als „überfrachtet“ und „überladen“ bezeichnet – ein Urteil, das ich nicht teilen kann. Die Erzählweise von Morsbach trägt auch durch enervierende Gerichtsverhandlungen mit enervierenden Angeklagten und noch mehr enervierenden Anwälten, der sanft ironische Ton macht auch Laien das trockene Gerichtswesen erträglich. Tatsächlich ist „Justizpalast“ in meinen Augen ein gelungenes Abbild deutscher Rechtsprechung, gefangen zwischen dem Ideal und den täglichen Plagen. Stark wird dies jeweils dort, wo die ruhige, besonnene Thirza mit ihrem temperamentvollen Kollegen Blank diskutiert:

„Genug“, sagte Thirza. „Wir sind kein Sachbuch. Was hat das alles in einem Roman zu suchen?“ „Liebe Kollegin! Kardinalfrage! Wie geht die Justiz mit Mächtigen um, die das Recht beugen? Justiz hat idealerweise für Gerechtigkeit zu sorgen und die Rechte der Schwachen gegen die Gier der Starken zu verteidigen. Der Urzustand ist Gewalt. Wenn man dabei bleiben will, braucht`s keine Justiz.“

Der Roman als Verteidigungsschrift und als Bestandsaufnahme: Erst vor kurzem machte der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Jens Gnisa, darauf aufmerksam, dass auf die Justiz ein erhebliches Personalproblem zukommt: Rund 40 Prozent aller Richter und Staatsanwälte gehen in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand, zugleich aber knirsche es jetzt schon aufgrund der Überlastung der Gerichte an allen Ecken und Ende, Nachwuchs kommt kaum nach.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Petra Morsbach auch von brennender Aktualität. Denn im Ernst: Trotz aller Unzulänglichkeiten des Gerichtswesens – wie sähe unsere Gesellschaft aus ohne die „Grottenolme“ der Justiz, ohne die Frauen und Männer im Talar?

Lassen wir nochmals Thirza Zorniger und Blank – ganz am Ende des Romans – zu Wort kommen, freuen sich über einen Sieg der Justiz über die Politik:

„Nur drei Sätze, weil sie ermutigend sind! Wissen Sie, unser Staat hat doch einige Juristen hervorgebracht, die funktionieren. Das Unrecht geht immer weiter, aber das Bemühen um Gerechtigkeit auch! Darf ich?“, fragte Blank erwartungsvoll. Auch Blank freute sich. Beide, die angeschossene Richterin und der ramponierte Schicksalsgefährte, saßen auf der spartanischen Sitzgruppe im toten Ende des Ganges und freuten sich. „Wunderbar“, sagte Thirza. „Wenn das ein Roman wäre, müsste er hier enden.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Justizpalast/Petra-Morsbach/Knaus/e336781.rhd

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache: Ich mag lakonischen, trockenen Humor, hier trifft Petra Morsbach bei mir voll ins Schwarze.
Ein Plus für die Figurenzeichnung: Lebendige Charaktere, auch Sympathieträger(innen) mit Ecken und Kanten.
Ein Plus für die Struktur: Komplex, trotz nichtlinearer Erzählweise ergeben die Sprünge und Rückblenden ein rundes Ganzes.
Ein Plus für den Inhalt: Die großen Fragen werden aufgeworfen: Die nach Recht und Gerechtigkeit, die Rolle von Justiz und Politik, die Rolle der Frau (Thirza beschäftigt sich im Studium mit Gustav Radbruch, der 1922 das „Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege“ erließ.
Ein Plus für gesellschaftliche Relevanz: Aktuelle, wichtige Thematik (Arbeitsbelastung und Personaldünne in einer der wichtigsten Säulen des demokratischen Rechtsstaates), die so in den Fokus von Leserinnen und Lesern gerückt wird.
Und, als Blödel-Plus: Zwar werden mit dem Bayerischen Buchpreis deutschsprachige Neuerscheinungen gewürdigt, aber nachdem der „Justizpalast“ in München spielt, gewinnt Petra Morsbach für mich als bayerische Buchpreisbloggerin natürlich einen Heimvorteil. Bevor bei uns noch ein Österreicher gewinnt!

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/


 

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Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Florian_Nemec

Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Miroslav Nemec, den viele als Ivo Batic aus dem Münchner „Tatort“ kennen, hat einen Krimi geschrieben. Dass er sich nun – ganz als er selbst – zur Hauptfigur seines Romans macht und dabei natürlich in Sachen Mord ermittelt, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Nemec soll bei einem „Mörderischen Wochenende“ aus einem Krimi von Henning Mankell lesen und über „Mord in Fiktion und Wirklichkeit“ diskutieren. Und so fährt er an einem Freitag im August in das Berghotel „Falkneralm“, zu dem nur eine einsame Steilbahn führt. Doch das Wochenende wird alles andere als erfreulich: Nicht nur kommt ein gewaltiger Gewittersturm auf, plötzlich kommen nacheinander auch drei Gäste zu Tode. Unfall oder Mord? Die Berchtesgadener Polizei hakt den Fall schnell ab. Doch der Fernsehkommissar und Schauspieler Miroslav Nemec und die Polizeimeisterin Bergending aus Augsburg beginnen zu zweifeln, ob wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Die Ermittlungen beginnen.

Der Roman „Die Toten von der Falkneralm“ verwischt die Grenzen zwischen der realen Person Miroslav Nemec und seiner fiktiven Hauptfigur. Gut dargestellt ist dabei die unterschiedliche Wahrnehmung des ermittelnden Fernsehstars durch die Menschen, auf die er im Roman trifft. Manch einer denkt sich, der Schauspieler Nemec wolle sich ja nur wichtigmachen bei der Aufklärung des Falles im Berghotel „Falkneralm“. Andere gehen davon aus, wer einen Kommissar im deutschen Fernsehen spielt, der müsse sich auch ein bisschen mit Polizeiarbeit und Aufklärung auskennen. Miroslav Nemec und der Leser hängen zwischen diesen beiden Gegensätzen fest.

Im Laufe der Geschichte bekommt man zudem Einblicke in das „echte“ Leben des Schauspielers. Miroslav Nemec berichtet über seine Kindheit, über Frau und Kind („Sie hatte Mila extra früher aus dem Kindergarten abgeholt, damit sie sich noch vom Papa richtig verabschieden konnte“), über Kollegen am Theater oder die Arbeit am „Tatort“:  „Dummerweise war gestern nicht, wie ursprünglich geplant, der letzte Drehtag für den Tatort gewesen“.

Als Leser dachte ich manches Mal, dies seien eigentlich alles Dinge, die besser in eine Biographie passen würden. Der Kriminalfall an sich ist weder furchtbar originell noch schrecklich spannend. Die Sprache des Buches wirkt – trotz Hilfe durch einen Ghostwriter – mitunter etwas holperig und nicht ganz ausgereift. Trotzdem eine unterhaltsame Angelegenheit.

Das Buchcover, in grün gehalten, Grafik und Schrift angepasst an die Buchcover der Edgar Wallace Krimiklassiker, ist allerdings sensationell!

Und dennoch, das Buch lässt einen irgendwie zwiespältig zurück – frei nach Bert Brecht: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Das Buch erschien im Knaus Verlag, Informationen samt Leseprobe sind hier zu finden.

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff, www.flo-job.de