Literarische Orte: Hier kam Hermann Hesse unters Rad.

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„Im Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn. Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung innig zusammengewachsen. Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und sehr stillen Platz.“

„Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im Hintergrunde die Stirnseite der Hauptkirche mit einer spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen, entzückenden Schönheit ohnegleichen. Auf dem mächtigen Dach der Kirche reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht begreift, wie es eine Glocke tragen soll. Der unversehrte Kreuzgang, selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod, eine köstliche Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium, Abtwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. Der weite Vorplatz liegt still und leer und spielt im Schlaf mit dem Schatten seiner Bäume…“

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So idyllisch, wie Hermann Hesse Kloster Maulbronn in „Unterm Rad“ (die beiden einführenden Zitate sind aus diesem Roman) schildert, so ist es auch immer noch – auch wenn der Komplex, der seit 1993 zum Weltkulturerbe gehört, anders als zu Hesses Zeiten, inzwischen vermehrt Touristen anlockt. Das alte Gemäuer, der weite Platz – sie strömen nach wie vor eine Ruhe aus, die sich auch auf die Grüppchen, die durch das Kloster und das Gelände schlendern, überträgt.

Trotz der Spiritualität und Schönheit, die den Ort prägt – Hermann Hesse erlebte hier keine gute Zeit. Der im nahegelegenen Calw geborene Sohn eines evangelischen Missionars wird als 14jähriger in das evangelisch-theologische Seminar (das übrigens bis heute existiert) in Kloster Maulbronn gebracht. Die geistige Enge der Lehrer, seine Suche nach Gleichgesinnten unter den Seminaristen, die Verlassenheit und Verlorenheit, die den sensiblen Jungen plagt – dies alles verarbeitet Hermann Hesse später (1906) in dem Roman „Unterm Rad“.

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„Seit langer Zeit hat man dieses herrliche, weltfern gelegene, hinter Hügeln und Wäldern verborgene Kloster den Schülern des protestantisch-theologischen Seminars eingeräumt, damit Schönheit und Ruhe die jungen Gemüter umgebe. Zugleich sind dort die jungen Leute den zerstreuenden Einflüssen der Städte und des Familienlebens entzogen und bleiben vor dem schädigenden Anblick des tätigen Lebens bewahrt.“

Hesse flieht im März 1892 aus dem Seminar, kehrt kurz zurück und muss es dann wegen seiner anhaltenden depressiven und aggressiven Stimmungen im Mai 1892 endgültig verlassen. Kurz darauf unternimmt Hermann Hesse einen Suizidversuch und wird in eine Nervenheilanstalt verbracht.

Sein enger Freund Hugo Ball schreibt in der Biographie „“Hermann Hesse – Sein Leben und sein Werk“, die 1927 erschien:

„Wenn es (…) nun in Hesses Leben einen Haupt- und Generalpunkt gibt, den der Dichter noch nicht erschöpft und aufgelöst hat; wo dem Biographen noch etwas zu sagen bleibt, so ist es diejenige Zeitspanne, zu deren Beschreibung ich jetzt komme: die Zeit der Berufswahl und der anschließenden Wirren; die Zeit der Gärung und der Loslösung vom Vaterhaus, und mit einem Worte: Maulbronn.
(…)
Die Darstellung des Landexamens und der Seminaristenzeit in „Unterm Rad“ ist lebensgetreu. Nur heißt der Vater Joseph Giebenrath und ist nicht Missionsprediger, sondern Zwischenhändler und Agent. Nur ist das Erlebnis in einer Art Spaltung der Persönlichkeit, die auch sonst in Hesses Büchern, so im „Lauscher“, im „Demian“, in „Klein und Wagner“ hervortritt, an zwei Freundesgestalten verteilt. Die Flucht des Hermann Heilner aus Maulbronn ist des Dichters eigene Flucht aus dem Seminar. Aber auch die seelischen Wirrnisse und Leiden des zurückbleibenden Hans Giebenrath sind diejenigen des Dichters.“

In seinem „Kurzgefaßten Lebenslauf“ sagt Hermann Hesse 1925 über diese Wirrnisse:

„Von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, daß ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle. Zu dieser Klarheit kam aber allmählich eine andere peinliche Einsicht. Man konnte Lehrer, Pfarrer, Arzt, Handwerker, Kaufmann, Postbeamter werden, auch Musiker, auch Maler oder Architekt, zu allen Berufen der Welt gab es einen Weg, gab es Vorbedingungen, gab es eine Schule, einen Unterricht für den Anfänger. Bloß für den Dichter gab es das nicht! Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre, ein Dichter zu sein. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich; es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr.“

Dieses Wissen, in Maulbronn auf ein „falsches“ Leben vorbereitet zu werden, der Druck, die Erwartungen der Familie und der Lehrer zu erfüllen, dies alles führte zum Zusammenbruch. Dass Hesse schließlich aus diesem Dilemma herausfand, dafür können wir Leser heute dankbar sein.

Seine Erinnerungen an die Maulbronner Zeit verarbeitete er später in einem melancholisch-versöhnlichem Gedicht: „Im Maulbronner Kreuzgang“ (Auszug):

Und alles ist so schön und still geblieben.
Nur ich ward älter, und die Leidenschaft,
Der Seele dunkler Quell in Haß und Lieben,
Strömt nicht mehr in der alten wilden Kraft.

Hier ward mein erster Jugendtraum zunichte.
An schlecht verheilter Wunde litt ich lang.
Nun liegt er fern und ward zum Traumgesichte
Und wird in guter Stunde zum Gesang.

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