Bernhard Ulbrich über Konflikt, Krise, Kehrtwende und Katharsis

Für leidenschaftliche Leser ist der Blog litbiss von Bernhard Ulbrich eine feine Adresse: Da finden sich bekannte Namen wie John von Düffel und Jonathan Frantzen neben poetischen Abschweifungen und humorvollen Kolumnen, Unbekanntes und Lyrisches lässt sich entdecken, Buch und Bild kommen zusammen. Man merkt: Hinter litbiss steckt ein kreativer Geist. Im „LesKreis“, der sich auch im wahren Leben und nicht nur im Netz trifft, werden Bücher zudem sehr intensiv analysiert.

Es freut mich sehr, hier einen Gastbeitrag von Bernhard Ulbrich in Form der Leskreis-Analysen veröffentlichen zu dürfen. Er beschäftigte sich mit der Novelle „Federico Temperini“ von Theres Essmann, erschienen bei „Klöpfer, Narr“.


GASTBEITRAG

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln, lebt alleine, hat Probleme. Er ist schon länger geschieden. Sein geliebter Sohn Leon lebt bei seiner ex-Frau Irene, die vor Jahren mit Ulrich eine neue Beziehung eingegangen. Er kämpft um die Gunst seines postpubertären Sohnes. Beide planten, eine Tour durch Kanada zu machen, was nun der Stiefvater mit Leon realisiert. Jürgen fühlt sich abgehängt.

Der Anruf eines Kunden mit Namen Federico Temperini bringt Änderung in Gang. Er ist ein Mann alter Schule, der ihn als Chauffeur für die Fahrten zu den Konzerten in der Philharmonie bucht. Die Gespräche während der Fahrten sind zunächst reserviert. Es entspinnt sich aber bald eine wundersame, die Leben von Fahrer wie Fahrgast durchleuchtende Geschichte. Wir werden neugierig gemacht.

Als ich ihn so am Arm hatte, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass der alte Herr etwas von mir wollte. Und dass ich keinen blassen Schimmer hatte, was. Nur dass es mehr war als Taxifahren. (39)

Man wird förmlich in die Entwicklung hinein gezogen. Jürgens Freund Wolfgang meint:

Der Typ hat dich ganz schön am Wickel.“ Und Jürgen selber denkt sich: Und zieht mich in etwas hinein, … (56)

Wir merken wieder auf: Da muss noch etwas Unerwartetes kommen. Und die Neugier lässt uns weiterlesen. Nebenbei erfahren wir etwas über Paganini und sein enormes, musikalisches Talent, denn:

Am Ende führten alle Wege zu Paganini. (38)

Microsoft PowerPoint - lbRez_Essmann-Plot-200524-brmuEs erhellen sich die Hintergründe, weil der Alte peu-à-peu Informationen über sein Leben mitteilt. Das bringt Jürgen des Nachts ins Träumen:

Ein Taxi hält am Wiesenrand, als ob er ein Bürgersteig wäre, die Fond-Tür geht auf und Paganini steigt aus, seine Geige in der Hand. Er sieht aus wie Temperini, trägt seinen Hut, seinen Mantel. (59)

Noch ein Fingerzeig. Aber wofür?

Jürgen beginnt, in Paganinis Biographie zu lesen. So kann er sich auch einbringen:

Ich glaube, Paganini hat seine ganze verdammte Seele in das Geigenspiel gepackt. (98)

Das drückt er zwar burschikos aus, trifft aber den Kern der Sache. Genie als die vollkommene Einheit von Wollen, Können und Tun.

Wir erfahren auch, dass der kauzige Alte, der sich wie Paganini in Schwarz kleidet, ebenfalls ein begnadeter Geiger war. Er nennt es:

Kongenial. Die Kritiker nannten mein Paganini-Spiel immer wieder kongenial. (109).

Und ebenso wie Paganini musste er seine Karriere wegen einer unheilvollen Erkrankung der linken Hand aufgeben. Die Ähnlichkeiten mehren sich, bis Jürgen sein Heureka-Erlebnis hat. Er liest alte Rezensionen.

Und dann las ich: „Federico Temperini, Solist.“ Ich schaute in die schwarze Leere vor meinem Fenster, …, und ich dachte: Natürlich. Natürlich, du Depp. (101)

An dieser Stelle legt man das Buch zur Seite und denkt verwundert: wieso Depp? Und der Blick fällt auf das Cover mit der offenen Hand und auf den Begriff „Novelle“. Ist sie nicht charakterisiert durch die vier „K“: Konflikt, Krise, Kehrtwende, Katharsis? Und plötzlich winken Parallelen. Bezogen auf unsere Hauptfigur Jürgen stellt sich der Konflikt mit seiner Frau Irene dar als das Gerangel um die Zeit, die Jürgen mit seinem Sohn Leon verbringen darf. Dieser Konflikt steigert sich über die Jahre bis zur Krise, denn Leon wird mit seinem Stiefvater statt mit Jürgen die Kanadareise unternehmen. Jürgen fürchtet, auch noch die Liebe seines Sohnes zu verlieren. Und dann der innere Wendepunkt, ausgelöst durch Temperini, der Jürgen den Horizont erweitert und ihn von den persönlichen Problemen ablenkt, wie ein Katalysator. Dank seiner hat Jürgen eine Erkenntnis: Natürlich, Natürlich, du Depp.

Dieser Katalysator namens Federico Temperini wird in der Novelle derart gleichartig zu Niccolò Paganini im äußeren Erscheinungsbild wie im musikalischen Talent gezeichnet, dass man stutzt: Das ist gewollt! Könnte es sein, dass uns die Autorin im Realismus des heutigen Stadtlebens einen magischen Aspekt untergeschoben hat? Eine Inkarnation des Paganini? Die Beziehungsprobleme werden dadurch relativiert, der Protagonist wird „ver“-führt, sich mit der Genialität von Paganini zu befassen. Für ihn eine unerwartete Horizonterweiterung. Neuer Blick auf das eigene Leben, auf das Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater wie auch das zu seinem Sohn.

Es stellt sich eine Entspannung ein, eine Katharsis. Sein ach so klein geratener Vater hatte nämlich auch dem großen, noch genial geigenden Herrn Temperini als Chauffeur gedient. Jürgen ist verwundert:

Was wissen Söhne schon über ihre Väter. (121)

Diese Erkenntnis gilt auch für das Verhältnis zu seinem Sohn Leon.

Auch wenn es wehtat. Was immer passiert war oder noch passieren würde, es war nur ein Ausdruck dessen, was war, wie es war: Leo hatte zwei Väter. Ich war einer von beiden. (134)

Auf dieser Basis müsste man sich zusammenraufen können.

Wenn Sie nun wissen wollen, wie alles ausgeht, nehmen Sie die Novelle in die Hand und lesen selbst. Es lohnt sich!

© 31.5.2020  Bernhard R. M. Ulbrich / litbiss.de


Zum Blog von Bernhard R. M. Ulbrich gelangt man hier: http://www.litbiss.de/

Bücherhamstern (10): Palladio

Was geschieht, wenn ein Musiker unendlich reich wird und abhebt? Ein doppelbödiger Debütroman aus dem Hause Klöpfer, Narr.

COV_Ertle_PalladioDas Buch

Peter Ertle erzählt in seinem Romandebüt von Anton Goldfall, der als Popmusiklegende der 90er Jahre unendlich reich geworden ist. Jetzt sitzt er inmitten seines „Palladio“ im Westend wie einst John Lennon im Dakota Building. Ein auf sich selbst und seine Widersprüche zurückgeworfener Millionär mit Extravaganzen, der mitten in einer Lebens-, Sinn- und Ehekrise feststeckt und nicht so richtig weiß, ob er seinen Reichtum verdient hat.  Und während er laut über den Ruhm, die Kunst und sein Dasein nachdenkt, wird seine Realität immer brüchiger: Was, wenn wir nur eine Illusion unserer selbst sind? Ein tragikomischer Schelmenroman, der die Musik und das Lebensgefühl der 90er Jahre zurückbringt und damit die Frage: Wann haben wir endlich genug von allem?

Der Verlag

Klöpfer, Narr wurde im April 2019 in Tübingen gegründet und knüpft mit seiner Autorenschaft an das literarische Programm des Verlags Klöpfer & Meyer an.

Die Buchhandlungen

„Palladio“ ist ab sofort druckfrisch bestellbar u.a. über Raban Buchcafé im Französischen Viertel in Tübingen (info@raban-buchcafe.de, 07071-1467232) und die Quichotte Literarische Buchhandlung (office@quichotte-buch.de, Telefon: +49 (0)7071-992837).

 Informationen zum Buch:

Peter Ertle
Palladio
A Day In The Life After The Goldrush
Klöpfer, Narr Verlag, April 2020
183 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen, 22,00 €
ISBN 978-3-7496-1031-0

http://www.kloepfer-narr.de


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.