Vorhang auf für „Cinema“

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„Im Kino gewesen. Geweint.“

Lange, lange ist es her, dass Franz Kafka diese Worte in sein Tagebuch schrieb. Das Kino war für ich, wie Hanns Zischler in dem wunderbaren Band „Kafka geht ins Kino“ schreibt, ein Fluchtpunkt. Das Kino: Ein Sehnsuchtsort. Einsam sein zu können, ohne sich einsam zu fühlen, im Dunkeln für zwei Stunden in fremde Welten versinken, eine Eintrittskarte raus aus der Realität. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Kino geweint habe, es muss beim „englischen Patienten“ gewesen sein. Das Kino hat für mich viel von seiner Magie verloren, die großen „Filmpaläste“ der heutigen Zeit scheue ich wie der Teufel das Weihwasser. All die Popcornschmatzer, Gummibärchentütenraschler, Handylichterwinker, Colarülpser, Dauerquassler, sie nerven mich unendlich. Am liebsten hätte ich wohl das Kino für mich allein.

Ein wenig davon, wie das war, als man in die Programmkinos seiner Stadt schlurfte, sich gespannt in den Kinosessel lümmelte, als mit dem Vorspann die Stimmen verstummten und jeder auf die Leinwand starrte, etwas von diesem speziellen Kinogefühl bringt eine Lyrikanthologie der beiden nimmermüden Herausgeber Dinçer Güçyeter und Wolfgang Schiffer zurück. Ein Eindruck, den wohl auch Bettina Baltschev vom Deutschlandfunk hatte:

Dass das Nachdenken über Film bei so manchem Dichter, und wahrscheinlich auch bei so manchem Leser, nostalgische Gefühle auslöst, verwundert nicht. Erinnerungen an Nachmittagsfilme, an Spätfilme, an Technicolor oder an die letzte Reihe im Vorstadtkino erzählen von einer verschwundenen Welt. Eine Welt, die einige jüngere Dichterinnen und Dichter wohl nur noch vom Hörensagen kennen, weshalb sie sich gleich neueren Formaten widmen, Serienhits wie „True Detective“, „Mad Men“ und „Monk“.

64 Lyrikerinnen und Lyriker nähern sich in „CINEMA“ auf ihre ganz eigene Weise der Kunstform des Films. Das ist formal wie inhaltlich weitgefasst und spannend – die Gedichte reichen vom Lang- und Prosagedicht bis hin zum gereimten Kurzzeiler. Das offene Format – eingeladen wurden zeitgenössische Dichterinnen und Dichter, sich frei assoziierend mit ihren Texten zu beteiligen – ermöglicht auch inhaltlich eine große Spannbreite:

„Die hier Vorgestellten jedoch haben mit ihren bis auf wenige Ausnahmen unveröffentlichten Texten von der kurzen Notiz über die lange Kindheitserinnerung bis zur literarischen Sinfonie, mit ihren lyrischen Antworten auf Kur- und Dokumentarfilme, auf Pornos und Hochglanz-Kino, auf TV-Serien, den Fernseh-Tatort, den Amateurstreifen und das 3D-Dolby-Surround-Spektakel, auf Western, Liebesfilme und Krimidramen, sie haben CINEMA in der Summe eine Hommage geschrieben, deren poetische Stimmen so vielfältig sind und eindringlich werden können wie die bewegten Bilder, die sie – wer weiß, vor wie langer Zeit bereits – auf den Weg gebracht haben.“

Diese Vielfalt macht diesen Kinogang zu einem echten Überraschungsei. Da erinnert sich Jörg Sundermeier, Verleger des „Verbrecher Verlags“ an den Tupfenrock seiner Mutter:

Tupfenrock,
Bunt
Wie ein Heimatfilm.

und Silke Vogten, die „angepisst“ am Flughafen von Helsinki sitzt, „wo ich unfreiwillig gelandet bin“, ist plötzlich mit sich und der Welt versöhnt, weil:

„ich sehe in Wolken die vorüberziehen
und dann denke ich an Aki Kaurismäki
an einen schwarzen Hund so
unvergesslich im Leben der Bohème

und bin von 0 auf 100 mit allem versöhnt.“

Diese biographischen Texte zeigen, wie sehr das Kino, der Film in unseren Alltag, in unser Denken und unsere Auffassungen von der Welt hineingreift, der Film vielleicht als präsenteste und prägendste Kunstform. Sie zeigen aber auch die enge Verknüpfung von Film und Lyrik: Sofort hat man beim Lesen die bunten Tupfenröcke vor Augen, sofort sieht man den schwarzen Hund – Lyrik vermag Bilder in uns wachzurufen, die einen eigenen, inneren Film in Gang setzen.

Neben bereits sehr bekannten Namen aus der zeitgenössischen Lyrik wie beispielsweise Kerstin Becker, Nora Gomringer und Ulrike Almut Sandig, deren Langgedicht „Gesänge des Funkturms“ (das vom 1927 entstandenen Film „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ inspiriert ist) allein schon den Kauf dieser Anthologie für jeden Lyrikleser und Kinogänger nötig macht, ist „CINEMA“ auch ein „Who is who“ der zeitgenössischen Lyrikszene, die im Literaturbetrieb eben meist nur eine Nebenrolle spielt.

Wer in diesem Film sonst noch seinen Auftritt hat, ist auf der Homepage des Verlags zu finden. Ich habe mich sehr gefreut, auch auf Gedichte von Marina Büttner zu stoßen – offenbar teilen wir unseren Filmgeschmack. Die Blogbetreiberin des feinen Blogs „Literatur leuchtet“ hat ein Hommage-Trio, eng an den Filmen bleibend, für die Anthologie geschrieben. Ihre Verbeugung vor dem wunderbaren Film „Die Poetin“ über Elizabeth Bishop ist ein kleines Kunstwerk:

the art of losing isn`t hard to master
so nebenbei: vergiß mich

und halte eine hand und lass
mich. der abstand
– versatzpfand –
zu dir fällt in den bereich
des unausweichlichen
des alltäglichen vergehens und vergessens.“

In ihrer ansonsten wohlmeinenden Kritik bezeichnet Bettina Baltschev „die sicher gut gemeinte Offenheit für alle denkbaren Themen und Formen“ als „Geburtsfehler“ der Anthologie, sie führe „zu einer gewissen Beliebigkeit“. Ich empfinde dieses anders: Für mich ist „CINEMA“ wie ein Gang ins Kino – man ahnt, was einen erwartet, und wird dennoch von Szene zu Szene neu überrascht.


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Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

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„Dr. Finch streckte die Beine aus. „Es ist ziemlich kompliziert“, sagte er, „und ich möchte nicht, dass du dem leidigen Irrtum verfällst, dir auf deine Komplexe etwas einzubilden – du würdest uns damit bis ans Ende unserer Tage langweilen, also lassen wir die Finger davon. Die Insel eines jeden Menschen, Jean Louise, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“
Das war neu, aus seinem Munde. Aber lass ihn reden, irgendwie wird er den Weg ins 19. Jahrhundert finden.
„…und du, die du mit einem eigenen Gewissen geboren wurdest, hast es irgendwann an das deines Vater geheftet, wie eine Klette. Als Heranwachsende, als Erwachsene hast du deinen Vater mit Gott verwechselt, ohne es selber zu merken. Du hast ihn nie als einen Mann mit dem Herzen und den Schwächen eines Mannes gesehen.“

Es ist wohl über kein anderes Buch in den letzten Wochen so viel gesprochen und geschrieben worden wie über jenes: Harper Lees Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter“. 1960 veröffentlichte sie „Wer die Nachtigall stört“, jenen Südstaaten-und Anti-Rassismus-Roman, der ein Jahr später mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde, sich mehr als 40 Millionen Mal verkaufte, dessen Verfilmung mit Gregory Peck als integrem Anwalt Atticus mit drei Oscars gekrönt wurde und in dessen Folge Jahr für Jahr zahlreiche Amerikaner ihren Nachwuchs „Atticus“ taufen liessen. Und dann kam: Nichts mehr. Es schien, als sei Harper Lee mit Mitte 30 angesichts des eigenen Erfolgs verstummt.

„Ich hatte gehofft, dass die Kritiker mich einen schnellen, barmherzigen Tod sterben lassen würden, aber gleichzeitig hoffte ich auch, dass jemand „Wer die Nachtigall stört“ ausreichend lieben würde, um mir Mut zu machen. Als dieser Fall dann tatsächlich eintrat, war es auf eine Art nicht weniger anstrengend, als das Szenario, das ich mir zuvor ausgemalt hatte.“

Zwar gab es in der Folge noch die Ankündigung eines Romans und eines Sachbuches, doch die Veröffentlichungen blieben aus. Harper Lee, die bis zu ihrem Erfolg in New York gelebt hatte, zog schließlich wieder in ihre Heimatstadt zurück, nach Monroeville, jenem Südstaatenstädtchen, das die Schriftstellerin und ihr Freund aus Kindertagen, Truman Capote, zu einem literarischen Pilgerort verwandelt hatten. Monroeville – das ist auch Maycomb, dieser fiktionale Ort, der sozusagen eine literarische Wiederauferstehung feiert: Erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Pulitzer-Erfolg, wurde der Erstling von Harper Lee veröffentlicht. „Gehe hin, stelle einen Wächter“, entstand bereits Mitte der 50er-Jahre, spielt aber Jahre nach der „Nachtigall“. Die Lektorin hatte das Manuskript als unausgereift empfunden und Harper Lee vorgeschlagen, aus den Kindheitspassagen ein eigenes Buch zu machen – die „Nachtigall“. Jetzt wurde dieses Manuskript, das gescheiterte Debüt sozusagen, doch noch veröffentlicht.

Scout (Jean Louise), die burschikose Kleine, ist eine nicht weniger burschikose 26jährige, die für einige Sommerwochen in ihren Heimatort zurückkehrt. Ihr Bruder Jem ist bereits verstorben, Kindheitsfreund Dill – hinter dem eindeutig Truman Capote steckt – ist nach dem Krieg irgendwo in Europa geblieben und Atticus, der Übervater, scheint zwar körperlich angeschlagen, aber geistig immer noch ungebrochen. Bis Scout hinter die Fassade blickt.

Fritz Göttler schrieb dazu in einem bemerkenswerten Beitrag unter dem Titel „Heldenverkehrung“ in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli 2015:

„Es ist ein unerbittliches Coming-of-Age für Jean Louise, für den Leser, von dem der „Wächter“ erzählt.“

„Genauso plötzlich, wie ein grausamer Junge die Larve eines Ameisenlöwen aus ihrem Sandloch zerrt, um sie zappelnd in der Sonne liegen zu lassen, wurde Jean Louise an einem schwülen Sommernachmittag um genau 14.18 Uhr aus ihrem friedlichen Dasein gerissen und musste fortan zusehen, wie sie ihre empfindliche Epidermis so gut wie möglich schützen konnte.“

Jean Louise findet im Wohnzimmer ihres Vaterhauses eine Broschüre mit dem Titel „Die schwarze Pest“, erlebt in jenem Gerichtssaal, in dem einst Atticus einen Schwarzen gegen den Mob verteidigte, wie ebendieser Vater an einem Tisch mit Rassisten und Ku-Klux-Klan-Anhängern sitzt und sich letztlich als Vertreter der Rassentrennung entpuppt, weil er insgeheim doch Vorurteile hegt. Eine, so meint Göttler, durchaus weit verbreitete Haltung unter den Liberalen der 50er-Jahre in den Südstaaten.

Fritz Göttler stellt das Buch in Bezug zum Zeitgeschehen:

„Der Roman spielt in einem prekären Moment der amerikanischen Geschichte. Nach Jahrzehnten der strikten Rassentrennung und – diskriminierung beginnt die Regierung in Washington, Gesetze für die Gleichstellung der Afroamerikaner durchzusetzen, was den Wahlzensus angeht oder den Anspruch auf Bildung – und es gibt im Süden Widerstand dagegen. Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich, mit Martin Luther King. Maycombs Hauptstraße mündet auf den Highway nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo 1955 die Afroamerikanerin Rosa Parks ihr Recht auf einen „weißen“ Busplatz beanspruchte, wohin zehn Jahre später die Märsche von Selma führten.“

Jean Louise, geprägt von New York und dem Norden, sagt, sie kenne nur eine Art der Farbenblindheit, und zwar die, was schwarz und weiß anbelange. Atticus dagegen fühlt sich, wie wohl so manch anderer, durch die neuen Gesetze bedroht, reagiert mit Vorbehalten und latentem Rassismus.

Ein letztes Mal Fritz Göttler:

„Das Ende einer Jugend, die so glücklich war, dass ganz Amerika und ein großer Teil der Welt sie teilen wollte, die Dekonstruktion eines Mythos.“

Wir haben uns das Buch ebenfalls angesehen.

Birgit: Es wurde als DAS internationale Romanereignis angekündigt, dieses bislang unveröffentlichte Manuskript von Harper Lee. Ein Ereignis ist es – aber mehr aus literaturhistorischer (oder auch aus literatur-voyeuristischer) Sicht denn aus rein literarischen Gesichtspunkten heraus gesehen. Es gab gute Gründe dafür, dass Lektorin Theresa von Hohoff das Manuskript 1957 zurückwies. Das Buch wirkt unausgereift, ein eigentlicher Spannungsbogen baut sich nur mühsam auf, zu viel Abschweifiges, die Charaktere wirken unrund, mit manchmal zu groben Pinsel gezeichnet, die Dialoge streckenweise hölzern. Die wohl schnell zu bewerkstelligende Übersetzung kann ich in ihrer Qualität nicht beurteilen. Doch insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Da ist etwas unfertig, bis hin zum offenen Schluss. Als habe sich da eine junge Frau impulshaft ihre Empörung von der Seele geschrieben – die Empörung über ihre Herkunft aus einer von Rassismus geprägten Region, die Empörung über den Sturz ihres persönlichen Helden, die Empörung über ein kleingeistiges und engstirniges Milieu. Am Ende des Buches kommen Atticus und seine Tochter zu einer Art Waffenstillstand. Der letzte Satz des Buches lautet:

„Sie ging um das Auto herum, und als sie sich hinters Lenkrad schob, achtete sie diesmal darauf, sich nicht den Kopf zu stoßen.“

Für mich klingt das beinahe wie eine Metapher für das Leben der Autorin selbst: Nur niemanden mehr vor den Kopf stoßen, vor allem auch nicht sich selbst?
Wie ihre literarische Figur Scout wagte sich Harper Lee, wohl im Schlepptau ihres Jugendfreundes Truman Capote, nach New York, zoge vom schwül-schwülstigen Südstaatenmilieu in die große, weite, intellektuelle und liberale Welt. Aber anders als Capote konnte sie sich offenbar nie ganz von ihrer Herkunft abkapseln, arrangierte sich irgendwie, kehrte zurück. Mag der „Wächter“ als Akt der Rebellion interpretiert werden, so ist die „Nachtigall“ trotz ihrer antirassistischen Haltung ein Akt der Verklärung, wenn man die beiden Bücher autobiographisch interpretiert. So war Harper Lees eigener Vater Vorbild für Atticus in der „Nachtigall“, ein Zeitungsverleger und Anwalt, der gegen den Rassismus ankämpfte.

Wieviel von Amasa Coleman Lee ist auch im Atticus des „Wächter“ zu finden?
Verstummte Harper Lee nicht nur angesichts des Erfolgs der „Nachtigall“, der schwer zu toppen gewesen wäre, sondern auch, weil sie über die tatsächlichen Verhältnisse nicht schreiben konnte, weil Blut dicker ist als Wasser?
Wollte sie durch ein überarbeitetes, ehrliches „Wächter“-Buch niemanden vor „den Kopf stoßen“, wollte sie sich bewusst mit diesem Milieu der scheinbar aufgeklärten Weißen in ihrer Heimat irgendwie arrangieren, war die Rebellion in ihr verstummt?

Und: Wieviel von Truman Capote steckt tatsächlich in den beiden Büchern? Ein Rezensent sah in der zuweilen aufblitzenden warmherzig-poetischen Sprache des „Wächters“ einen Beleg dafür, dass die Gerüchte, T.C. habe wesentliche Teile der „Nachtigall“ mitgeschrieben – ein Gerücht, dass der notorische Geschichtenerzähler Capote (mehr dazu in George Plimptons Capote-Buch) selbst wohl auch nie ganz aus der Welt bringen wollte – nichtig seien. Für einen Beleg halte ich das nicht – wer die Sprache Capotes aus der „Grasharfe“ und anderen Erinnerungen an seine Kindheit kennt, der findet Übereinstimmungen. Und wieso sollte er nicht auch beim Erstling seiner Kindheitsfreundin geholfen haben?

Dass der „Wächter“, unabhängig von seiner Qualität, zu einem Verkaufserfolg werden würde, das war klar. Die Fragen, die das fast 50jährige Schweigen von Harper Lee aufwerfen, kann das Buch freilich nicht beantworten. Das könnte eben nur eine: Jene fast 90jährige Dame, die, von einem Schlaganfall getroffen, inzwischen in einem Altenheim lebt. Und immer noch schweigt. Und so bleibt am Ende noch eine Frage übrig: Tat man der alten Dame, tat sie sich einen Gefallen damit, dieses Buch jetzt doch noch an die Öffentlichkeit zu bringen? Der „Wächter“: Er wirft jetzt aus vielerlei Gründen dunkle Schatten auf die Nachtigall.

Claudio: Ein Jahr nach Ferguson – und immer noch werden fast 100 Schwarze jährlich von weißen Polizisten getötet. Unzählige weitere Gewalttaten, die rassistisch bedingt sind, gehören zum Alltag in den USA. Dies mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen der „Nachtigall“. Und deshalb ist es gut, dass der „Wächter“ gerade jetzt erschienen ist. Zeigt das Buch doch, wie tief der Rassismus in den USA (aber nicht nur dort) ist und war. Selbst bei Menschen, bei denen man es nicht vermutet. Atticus, der Übervater, wird vom Sockel gestoßen, die weiße Weste zeigt Flecken. Biedermann und die Brandstifter. Atticus wird im „Wächter“ zu einem jener, die auch hierzulande sagen: „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, die Menschen aus Syrien tun mir furchtbar leider, ABER…“. Dieses „ABER“ also zeigt, wie wenig Platz unter dem Mantel der human-humanistischen Haltung, die Atticus trägt, tatsächlich für „die anderen“ ist.

In der „Nachtigall“ klingt Atticus noch so:

„Es gibt Dinge in unserer Welt, über denen die Menschen den Kopf verlieren. Sie können dann einfach nicht mehr gerecht sein, selbst wenn sie es wollten. Steht in unseren Gerichtshöfen das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen, dann gewinnt unweigerlich der Weiße. Das ist eine Tatsache, wenn auch eine sehr häßliche.
(…)
Gerade vor Gericht sollte allen Menschen, von welcher Farbe des Regenbogens sie auch sein mögen, das gleiche Recht zuteil werden. Nur neigen die Leute leider dazu, ihre Vorurteile mit auf die Geschworenenbank zu nehmen. Du wirst später tagtäglich Weiße sehen, die Schwarze betrügen. Aber eines möchte ich dir sagen, und bitte, vergiß es nicht: Wenn ein Weißer – ganz gleich, wie angesehen, wie vornehm, wie reich er ist – einem Schwarzen so etwas antut, dann gehört dieser Weiße zum Pack.“

Ich empfand diese Figur, den moralischen aufrechten Verfechter humanistischer Gesinnung, den intellektuellen Vertreter der Menschlichkeit versus eher dumpfe Weiße mit rassistischer Gesinnung, immer schon als seltsam überhöht. Zuviel des Guten. Und jetzt zeigt dieses frühe Buch dieser Chronistin einer Art Südstaatenromantik (nach dem Motto „So lange es wahre Helden gibt, werden Rassenkonflikte überwunden“) einen anderen, vielleicht echteren Atticus: Der, der unter der liberalen Anwaltrobe tiefverwurzelte, über Generationen verfestigte Vorurteile in sich trägt. Zwar sind ihm in der Theorie alle Menschen gleich, in der Praxis sieht es jedoch anders aus: Das Recht auf Wahlbeteiligung, die Fähigkeit zur Bildung spricht Atticus der schwarzen Bevölkerung ab. Sicher, auch er will sich letzten Endes mit dem „weißen Pack“ des Klan nicht gemein machen – aber ebenso wenig möchte er wohl einem schwarzen Kollegen auf der Anwaltsbank gegenübersitzen. Und so ist er im Grunde ein Vertreter des übelsten Rassismus: Den, den man kaum erkennt, der im Geist vorhanden ist und sich in seinen Anschauungen von Generation zu Generation fortsetzt.

Schmunzeln musste ich, als die Marketingmaschine für dieses Buch anlief: Selten, dass es ein Roman in die altehrwürdigen Nachrichtensendungen unserer Öffentlich-Rechtlichen schafft. Gezeigt wurden US-Amerikaner, die am Erscheinungstag Schlange standen. Eine Dame äußerte – fast schon ein wenig hysterisch – ihre Angst, was aus „ihrem Atticus“ wohl im „Wächter“ geworden sei. Nun, die Angst hatte ihre Begründung. Und vielleicht auch etwas Gutes: Wenn das Buch dazu beiträgt, die Diskussion um offenen und verdeckten Rassismus in den USA weiterzuführen, dann ist es trotz seiner offensichtlichen Mängel (sprachlich und inhaltlich) noch ein spätes Geschenk von Harper Lee an ihre Heimat.

Wir danken dem DVA-Verlag (hier Verlagsangaben zum Buch) für das Besprechungsexemplar.

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Peter Wawerzinek: Schluckspecht

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„Nichts dagegen zu sagen gibt es zum Film mit Nicholson in der Irrenanstalt. Der gefällt ihr ausnehmend gut. Den kann sie sich immer wieder ansehen. Der hat so viel mit dem Leben zu tun, seiner zeitweiligen Vergeblichkeit. Dass man nicht aufhören darf, an die Flucht zu glauben. Die sanften Berge. Das schöne Licht der Sonne, die sich auf dem Wasser eines kleinen Baches spiegelt. Die gleiche Landschaft taucht zum Schluss wieder auf, wenn der mächtige Indianer das eckige Monstrum von Waschbecken samt Sockel aus der Verankerung im Fußboden reißt und durchs Anstaltsfenster wuchtet, durchs Loch in die Freiheit springt, mit federndem Schritt davonläuft. Die Irrenanstalt sieht dem Ulenhof ähnlich. (…)
Man zählt, sagt sie, wenn man sich therapieren und vom Alkohol wegbringen lässt, nicht mehr zu den Verrückten, nicht mehr zu den Normalen, ist ein menschliches Zwischending. Alle Schluckspechte werden aus dem Nest gekickt.“

Peter Wawerzinek, „Schluckspecht“, Galiani Berlin, 2014.

Ein Buch, das umhaut. In einem Zug gelesen – gelesen wie ein süchtiger Schluckspecht. Ein Buch, das sich einer gewöhnlichen Besprechung beinahe entzieht. Denn die Handlung, sie ist schnell umrissen, wäre schnell erzählt, wäre eigentlich so eintönig, wie es der Alltag eines suchtkranken Menschen unter Umständen ist – weil die, die die Sucht am Wickel hat, von ihr täglich beherrscht werden, weil es da wenig anderes gibt. Wäre da nicht die Sprache dieses Dichters, für den das Schreiben selbst zur heilsamen Therapie wurde.

„Also sitze ich auf des Doktors Rat hin an meinen Schreibtisch und schreibe den Verlauf meines Lebens bis zu jenem Punkt nieder, an dem mir alle Fäden aus den Händen glitten (…). Und schreibe wie im Rausch im Schreibzimmer, das nicht viel größer ist als das Cockpit eines Flugzeugs. (…). Nachdenken führt in ungeahnte Tiefe.“

Peter Wawerzinek beschreibt in „Schluckspecht“ seine eigene Suchtlaufbahn und den Ausstieg daraus – als Stipendiat in Wewelsfleth lebt er nahe des Heims „Eulenhof“. Dort gelingt ihm der Weg vom Vollrausch hin zum kontrollierten Trinken. Zu dieser Zeit hatte er bereits mit „Das Kind, das ich war“ einen Namen in der Literaturszene. Trotzdem lebte er weiter im Rausch, überwand diesen erst durch eine langjährige Behandlung. Noch in der Therapie schreibt Wawerzinek das mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnete Buch „Rabenliebe“. Und nun „Schluckspecht“ als literarisches Dokument einer Rückkehr – ins literarische Leben, ins rauschfreie Leben.

Wie Wawerzink, selbst 30 Jahre am Trinken, das erzählt, wie er den langsamen Weg hinein und den noch längern aus der Sucht heraus in Worte gefasst hat: Sprachmächtig, burlesk, tragisch-komisch, voller Trauer und voller Lebenslust.

Und ohne Schonung für sich selbst:

„Am Zerfall ist nichts heilig. Der Zerfallene ist ein verworfener Satz, flüchtig zu Papier gebracht. Am Anfang ist der Säufer noch Mensch. Am Ende ist dieser Mensch nur noch Säufer.“

Wie die Alkoholsucht sich einschleicht:

„Tante Luci hat immer gesagt, man bekommt es mit, wenn einem die Liebe erscheint, man ist bis dahin von Blindheit geschlagen. Die Liebe kommt einfach so auf einen zu. Die Liebe ist plötzlich da. (…). Und alles mache die Liebe schön. Und es würde einem so richtig warm ums Herz, und die Liebe beflügelt einen, und man möchte, wenn man die Liebe gespürt hat, fortan nicht mehr ohne Liebe sein. Denn nur die Liebe führe einen sanft bei der Hand in unbekannte Bereiche. Genauso geht es mir mit der Schwarzen Johanna. Sie ist meine erste Liebe, auch wenn sie kein Mädchen ist.“

Wohin die Sucht führt, wenn für keine andere Liebe mehr Platz ist:

„Meine psychische Gesamtsituation ist nicht die allerbeste. Ich lasse mich gehen. Aus der Unklammerung der Kumpels in die selbst auferlegte Einsamkeit, ins Sololeben übergewechselt, bin ich nicht mehr in der Lage, Ordnung zu wahren, mit System den Tag zu bestreiten. (…) Mir fehlt es an Ordnungssinn, der Wohnschlauch ist lang und eng, müllt schnell zu. Ich liege ausgestreckt in stabiler Seitenlage. Die Wange ruht auf der linken oder auf der rechten Hand, je nachdem. Ich wasche mich nur kurz, wenn ich zur Kneipe gehe. Ich bin tagelang zu Hause, gehe nicht an die Tür.“

Aber es geht auch der Weg heraus – wenn er auch lange dauert, von Rückfällen und Verlusten geprägt:

„Und langsam rede ich es mir auch nicht mehr ein, sondern spüre die Kraft, die in mir wächst. Und kann erste positive Energien abrufen, mich überwinden. Und es fehlt mir nichts zum Leben. Dann aber überkommt es mich hinterrücks, von weiß nicht woher, in Clifden angekommen. Ich steige vom Rad ab und gehe in den Pub. Und trinke, weil mir danach ist, ein Bier. Und der Doktor redet nicht dagegen, sondern trinkt mit. Und das ist genau das, was mir das Bier verleidet und am nächsten Tag so zusetzt. Dass ich mich besaufen durfte. (…). Und der Doktor hat die Fenster aufgerissen. Und hakt nicht nach, stochert nicht in der Wunde, setzt mir nicht zu, stellt keine Fragen, dass es mir peinlich ist, ich aus dem Zimmer stürme, am Strand all meine Last herausschreie, wie die Welle gischte, brande, gegen mich schäume.“

Peter Wawerzinek hat es geschafft. Man wünschte jedem, der an dieser Krankheit leidet, er fände einen Doktor: Der das Fenster zum Leben wieder öffnet.

„Schluckspecht ist Beichte, Befreiungsschlag und Beschreibung eines jahrzehntelangen Leidenswegs, durch den grammatischen Kunstgriff des Präsens nah und listig an den Leser gerückt. (…) Der Roman umreißt die enge Welt, in der Peter Wawerzinek als haltloser Trinker ziemlich genau drei Jahrzehnte lang lebte. Er erzählt die Geschichte seiner Sucht weder als Heroenstück noch als Verteufelungsschrift.“

So ein Zitat aus dem Magazin Profil von der Verlagsseite. Mehr zum Buch dort: http://www.galiani.de/buecher/peter-wawerzinek-schluckspecht.html

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