Isaac B. Singer: Feinde, die Geschichte einer Liebe

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Bild von alanbatt auf Pixabay

„Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich zu jenen zähle, die sich einbilden, Literatur könne neue Horizonte und Perspektiven erschließen – philosophische, religiöse, ästhetische und auch soziale. Die Geschichte der alten jüdischen Literatur kannte keinen Unterschied zwischen Dichter und Propheten. Nicht selten wurde unsere alte Dichtung zum Gesetz, zum Leben selbst.“

Dies sagte Isaac Bashevis Singer (1904-1991) in seiner Rede in Stockholm, als er 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wie die Literatur ins Leben eingreifen kann – davon später mehr. Vorab nur dieses: Unter all den Büchern Singers, die ich gelesen habe – „Max, der Schlawiner“, „Die Familie Moschkat“, „Jakob, der Knecht“ – und seinen Erzählungen ist mir der Roman „Feinde, die Geschichte einer Liebe“ das liebste. Und dies nicht aus rein literarischen Gründen, aber auch.

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“, das ist eigentlich die Geschichte dreier Lieben und im Mittelpunkt ein entscheidungsschwacher, wankelmütiger, aber dennoch liebenswerter Held, den man gerne an die Hand nehmen würde, um ihm bei seinen Irrungen und Wirrungen zu begleiten. New York, 1949: Herman Broder, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt, weil ihn Yadwiga, das christliche Dienstmädchen seiner Familie auf dem Dachboden eines Bauernhauses versteckte. Nach Ende des Krieges erfährt er, dass seine Ehefrau Tamara erschossen wurde, auch die beiden Kinder wurden ermordet, kein Mitglied seiner Familie überlebte. Mit Yadwiga emigriert er in die USA, er heiratet sie aus Dankbarkeit und Pflichtgefühl. Das Drama dieser Ehe: Sie liebt ihn, immer schon, er sie nicht. Zuviel trennt das analphabetische polnische Mädchen und den gebildeten Mann, der sich jetzt als Ghostwriter für einen Rabbi durchschlägt – um dem engen Heim zu entkommen, gibt er sich Yadwiga gegenüber als Büchervertreter aus.

„Jedesmal, wenn er fortging, verabschiedete sie sich von ihm, als regierten die Nazis in Amerika und sein Leben wäre in Gefahr. Sie legte ihre heiße Backe an die seine und bat ihn, sich vor den Autos in acht zu nehmen, seine Mahlzeiten nicht zu vergessen und daran zu denken, sie anzurufen. Sie hing an ihm mit der Ergebenheit eines Hundes. Herman neckte sie oft, nannte sie albern, aber das Opfer, das sie ihm gebracht hatte, konnte er nie vergessen. So wie sie offen und ehrlich war, war er unaufrichtig und in Lügen verstrickt. Trotzdem, Tag und Nacht hielt er es nicht aus bei ihr.“

Denn da ist Mascha, die komplizierte, nervöse Geliebte, eine Überlebende wie er, eine Sheherazade, der er von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle ergeben ist.

„In Schifrah Puahs Zimmer war es jetzt dunkel, und immer noch saß Mascha auf dem Stuhl in Hermans Zimmer und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Herman wußte, daß sie irgendeine ungewöhnliche Geschichte für ihr Liebesspiel vorbereitete. Mascha verglich sich mit Sheherazade. Das Küssen, das Liebkosen, das leidenschaftliche Liebemachen war immer begleitet von Geschichten aus den Ghettos, den Lagern, ihrem eigenen Wandern durch die Ruinen Polens.“

Mit Mascha und ihrer Mutter in der Bronx führt Herman ein Doppelleben, von dem Yadwiga langsam ahnt. Doch vollends verwirrend und unhaltbar wird die Situation, als die totgeglaubte Ehefrau Tamara in New York erscheint – fast einer Gespenstererscheinung gleich, ein Dybbuk. Sie möchte Herman nicht zurück – doch diesen stürzt Tamaras Auftauchen in weitere, noch tiefere Gewissensbisse. Zusätzlich katalysierend wirkt auf Herman, dass sowohl die momentane Ehefrau als auch die Geliebte schwanger werden – nichts fürchtet der Vater, der seine Kinder verlor, mehr, als ein neues Kind in diese chaotische Welt zu setzen, in dieses fragile Leben, das stets vom Zusammenbruch bedroht ist. Tamara, die sich selbst für geisteskrank hält, erweist sich am Ende als die Lebenstüchtigste. Sie baut sich eine neue Existenz auf, nimmt Yadwiga und deren Kind zu sich. Mascha nimmt sich das Leben. Und Herman verschwindet – irgendwo, spurlos.

„Mehrere Male hatte Tamara Hermans Namen in die Vermißtenspalten der jiddischen Presse setzen lassen, aber ohne Erfolg. Tamara glaubte, daß Herman sich entweder umgebracht hatte oder sich einer amerikanischen Version seines polnischen Heubodens versteckte. Eines Tages machte der Rabbi Tamara die Mitteilung, das Rabbinat habe wegen der Massenvernichtung die Beschränkungen gelockert, so daß verlassene Frauen ein zweites Mal getraut werden könnten.
Tamara hatte erwidert: „Vielleicht in der nächsten Welt – mit Herman.“

So endet das Buch.

Weit mehr als eine tragisch-komische Erzählung von einer Menage zu viert, weit mehr als eine Geschichte vom Vergehen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Es ist ein Roman, der vor allem auch die Feinde der Liebe zwischen den Zeilen benennt – eine grausame, chaotische Welt, ein unerbittlicher Gott, die Begrenztheit der Menschen.
Dazu: Die Schuld der Überlebenden. Während Hermans Situation zwischen den Frauen immer unhaltbarer wird, wendet sich der Ton des Romans, vom Komischen zunehmend mehr in das Tragische, wird zu einer Betrachtung der Situation überlebender Holocaust-Opfer. Ein Buch der Verluste – die Familie, die geliebten Menschen verloren, die Heimat, die Zuversicht, den Glauben, nicht nur den Glauben an Gott, sondern auch den Glauben an das eigene Vermögen, an die eigene Kraft, ein Verlust, der Herman und auch Mascha zu wankelmütigen, neurotischen Menschen werden lässt. Immer auf der Flucht, auch vor sich selbst.

„Die Bibel, der Talmud und die Kommentare unterwiesen den Juden in einer Strategie: Fliehe das Böse, verbirg dich vor der Gefahr, vermeide Kraftproben, geh den zornigen Mächten des Universums so weit wie möglich aus dem Wege. Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder auf einem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.
Herman, der moderne Jude, hatte dieses Prinzip um einen Schritt erweitert: Er hatte sogar den Halt des Glaubens an die Thora aufgegeben. Er betrog nicht nur Abimelech, sondern auch Sarah und Hagar. Herman hatte kein Bündnis mit Gott geschlossen und hatte keine Verwendung für Ihn. Er wollte nicht, daß sein Same so zahlreich werde wie der Sand im Meer. Sein ganzes Leben war ein Spiel der Verstohlenheit (…).“

Isaac Bashevis Singer ist in meinen Leseraugen ein ganz Großer – nur wenige können das, diesen schmalen Grat zwischen Tragik und Komödie beschreiten, in ein Buch beides packen, ja, eigentlich die ganze Welt: Das Lachen, das Schmunzeln, die Freude, die Trauer, das Weinen, das Unglücklichsein. Vielleicht – mit solchen Kategorisierungen möchte ich jedoch eher zurückhaltend sein – ist dieses „verschmitzt-melancholische“ tatsächlich ein Charakteristikum der jüdischen Literatur. E. Michael Salzer schrieb über Singer: „Nie zuvor gab es bei den sonst eher langweiligen Nobelfeiern so viel zu lachen (…). Und allein die Begründung, die Isaac B. Singer für sein hartnäckiges Festhalten an seiner Sprache, in der er schrieb, lieferte: „Ich schreibe gerne Gespenstergeschichten und nichts gefällt Gespenstern mehr, als eine sterbende Sprache. Je sterbender die Sprache, desto lebendiger sind die Geister. Gespenster lieben Jiddisch und so viel ich weiß, sprechen sie es auch alle.“

„Feinde, die Geschichte einer Liebe“ erschien 1966 unter dem Titel „Sonim, die Geschichte fun a Liebe“.

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#VerschämteLektüren (5): Die Druckschrift und der Tränendrüsendruck. Und Katzen auch.

Wer Bücher über Bücher, Werke über das Buchmachen, über „Buchmacher“, Buchdrucker, Buchkünstler, Bildbände über Bibliotheken oder auch Bücher von Buchhändlerinnen kennenlernen möchte, der ist bei Ingrid vom Blog Stift und Schrift in den besten Händen. Ihr Blog ist – um es verkürzt zu beschreiben – spezialisiert auf das Buch rund ums Buch. Und eine wirklich seriöse Informationsquelle. Aber auch Ingrid hat nicht nur Wissenswertes auf Lager, sondern durchaus auch #VerschämteLektüren im Regal. Unter anderem ein Buch, das mich selbst in jungen Jahren die eine oder andere Packung Papiertaschentücher gekostet hat – *schluchz*.

Hier ihr Beitrag:

„Nein, das soll keine Entschuldigung sein. An den Inhalt von „… denn der Wind kann nicht lesen“ des englischen Autors Richard Mason kann ich mich nur noch vage erinnern. Es ist schon etliche Jährchen her, dass ich diesen Roman gelesen habe. Ich weiß aber noch sehr gut, dass er mich ungemein gerührt hat und ich viele Tränen vergossen habe. Wahrscheinlich hat das Buch deshalb in meinem Regal „überlebt“.

In wenigen Worten zusammengefasst, wird die in Indien spielende Liebesgeschichte des britischen Fliegeroffiziers Michael Quinn, der japanische Gefangene verhören muss, und der japanischen Sprachlehrerin Hanako erzählt – eine Beziehung, die tragisch endet. Schluchz.

Gern gelesen habe ich seinerzeit – ich muss eine Asien-Phase gehabt haben – auch „Suzie Wong“ vom selben Autor. Dieser Roman spielt im Hafenviertel von Hongkong und schildert die Beziehung eines Malers zu einem Barmädchen. Das Buch hat mir aber offenkundig nicht so viel wie „… denn der Wind kann nicht lesen“ bedeutet; eines Tages musste „Suzie“ jedenfalls aus Platzgründen weichen.

Würde ich die beiden in den 40er bzw. 50er Jahren entstandenen Romane heute noch einmal lesen (dazu habe ich aber keine Lust), würde mich neben den Liebesgeschichten auch interessieren, ob es darin offene oder versteckte politische Botschaften gibt; etwa wie das Auftreten von Europäern Asiaten gegenüber geschildert oder welches Frauenbild vermittelt wird – Aspekte, die mir in meinen jungen Jahren entgangen sein mögen, für die ich aber heute wesentlich sensibler bin.

Viel, viel später in meinem Leben wurde durch Akif Pirinçci’s „Felidae“ ein wahrer Boom an Katzenkrimis ausgelöst. Ich war dabei, und Kater DJ begeistert sich noch heute dafür – schließlich ist der berühmt gewordene „Francis“ sein großes Vorbild. „Felidae“ ist mir ein wichtiges Buch insofern geworden, als es mich für das Thema „Tierversuche“ sensibilisiert hat. Und spannend war es auch. Von „schlechtem Buch“ oder „verschämter Lektüre“ kann in diesem Fall also keine Rede sein.

Aber:
Im Schlepp von Pirinçcis Erfolg erschienen dann zahlreiche Romane, in denen Katzen erfolgreiche Kriminalisten waren oder sonstwie im Zentrum der Geschichten standen; manche davon waren Klasse, wie zum Beispiel Remo Forlani’s „Die Streunerin“, andere aber waren wirklich nur leichte Lektüre „für zwischendurch“, also das, was Birgit gern „Flutschbücher“ nennt; das zeigt sich auch daran, dass ich neben den beiden positiv erwähnten Titeln heute nur noch zwei weitere Bücher mit Katzen als Helden im Regal stehen habe.“

Und hier geht es zum Blog der Autorin: https://stiftundschrift.com/