James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner

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„Bücher!“, gab Falkenauge mit eigentümlicher, kaum verhohlener Verachtung zurück. „Haltet ihr mich für ein greinendes Kind, das am Rockzipfel von einem von Euren alten Mütterchen hängt, und diese gute Büchse hier auf meinen Knien für die Schwungfeder einer Gans, mein Ochsenhorn für ein Tintenfass und meinen Ledersack für ein kariertes Schneuztuch, in dem mein Abendbrot steckt? Bücher! Was hat einer wie ich, der ein Krieger der Wildnis ist, wenn auch ein Mann ohne fremdes Blut, mit Büchern zu schaffen! Ich hab nur in einem gelesen, und die Worte, die darin stehen, sind zu einfach und zu klar, als dass man dafür eine Schule besuchen muss“.

Hanser Verlag, 2013, neu übersetzt von Karin Lauer

„Buch!“, wiederholte Falkenauge mit auffallender, unverhohlener Verachtung; „haltet Ihr mich für einen wimmernden Knaben, der einer Eurer alten Großmütter an der Schürze hängt; und die gute Büchse auf meinem Knie da für eine Gänsefeder, mein Pulverhorn für ein Tintenfass und meine Jagdtasche für ein kariertes Taschentuch, mein Essen drin in die Schule zu tragen? Was hab` ich, ein Krieger der Wildnis, obgleich ein Mann von reinem Blut, mit Büchern zu schaffen? Ich las immer nur in einem, und die Worte, welche in diesem geschrieben sind, sind zu einfach und zu klar, um vieler Schulen zu bedürfen“.

Fischer Taschenbuch, 2008, in der Übersetzung  von Johann Friedrich Leonhard Tafel (1800-1880).

Den letzten Mohikaner las ich zuletzt vor 35 Jahren als Kinderbuch. Hängen blieb: Edler Wilder rettet zwei Jungfrauen, stirbt, der väterliche ältere Freund (Lederstrumpf) trauert. Knall bumm, Herzschmerz, tot. Schmissig, fand ich es, abenteuerlich und natürlich voll romantisch: Der edle Wilde und die weiße Maid. Dieser Karl-May-gefärbte Gesamteindruck wird wohl auch damit zusammenhängen, dass ich, wie viele andere auch, den Mohikaner in einer gekürzten, für den Jugendbuchmarkt zurechtgestutzten Fassung vor mir hatte. Nun also die erste Neuübersetzung seit mehr als hundert Jahren, erschienen 2013 beim Hanser Verlag, inzwischen auch als dtv-Taschenbuch erhältlich.

Karin Lauer hat den Roman, den zweiten und populärsten aus der fünfteiligen Lederstrumpf-Reihe, vollständig übertragen – mehr als 550 Seiten hat das Gesamtwerk, das in früheren Ausgaben oftmals um mehrere hundert Seiten gekürzt worden war. Das tut man natürlich gar nicht.  Aber an Karin Lauers Arbeit lag es dennoch nicht, dass ich der vollständigen Fassung wenig Reiz abzugewinnen vermochte. Es lag schon am Original. Denn der Roman an sich ist streckenweise langatmig, redundant, in einer beinahe gravitätisch anmutenden Sprache gehalten, eine Langsamkeit, die die Übersetzerin gut eingefangen hat. Die aber nicht jede Leserin zu fesseln vermag.

Der Kern der Geschichte ist freilich von Blut und Aktion getränkt: „Der letzte Mohikaner“ spielt während des britisch-französischen Krieges in Nordamerika. Im Sommer 1757 machen sich die beiden Töcher eines schottischen Militärs, Cora und Alice, aus einem belagerten Fort heraus auf eine Flucht durch die Wildnis. Nur begleitet von einem britischen Offizier und Gentleman, einem verwirrten Wanderprediger sowie einem Irokesen-Führer, der das Quartett prompt auch verrät. Gerettet – und das nicht nur einmal – werden die drei vom Trapper Nathaniel „Natty“ Bumppo alias Falkenauge alias Lederstrumpf sowie dem Mohikanerhäuptling Chingachgook und dessen Sohn Uncas. Nebst Kriegs- und Überfallsszenerien, Grausamkeiten und Gefahren bietet die Flucht  durch die undurchdringlichen Wälder Cooper jedoch auch Gelegenheit für lange Reden und Dialoge. Die rasende Hatz im Wechsel mit bedächtiger Konversation – eine zuweilen auf mich merkwürdig wirkende Entdeckung der Langsamkeit.

„Der letzte Mohikaner“, 1826 erschienen, ist wohl einer der ersten amerikanischen Bestseller. So war er nicht nur in Amerika bereits nach wenigen Wochen ausverkauft, auch europäische Zeitgenossen wie Goethe und Balzac zeigten sich begeistert. J.F.Cooper (1789-1851) gilt als „Vater“ des amerikanischen Abenteuerromans, sein Werk „The Spy“ (1821) war der erste amerikanische Roman überhaupt, der in der Literaturzeitschrift „North American Review“ vorgestellt wurde. Die Lederstrumpf-Reihe schlug ein wie eine Bombe: Mit Lederstrumpf/Falkenauge wurde der Außenseiter als Archetyp des amerikanischen Helds geschaffen und zudem der „Barbar“ vom „edlen Wilden“ abgelöst. Auch wenn Cooper von Häuptling Kah-Ge-Ga-Ga-Bow das Zeugnis ausgestellt erhielt, kein lebender Schriftsteller sei seinem Volk so sehr gerecht geworden – der „letzte Mohikaner“ ist doch sehr geprägt vom Blick des, wenn auch hier wohlmeinenden, aber dennoch überlegenen weißen Mannes auf den Menschen einer anderen Hautfarbe (vergleichbar zu dieser Zeit: „Onkel Tom`s Hütte“). Und daher ist das Schicksal des letzten Mohikaners vom ersten Moment an glasklar vorgezeichnet – den Blick auf die weiße Frau bezahlt er mit dem Tod, Liebe zwischen zwei Menschen so unterschiedlicher Herkunft darf es nicht geben. Durch Uncas Liebe zu Cora wird er „zivilisiert“, findet aber zugleich den Tod. In jedem der Lederstrumpf-Romane findet sich zudem dieses Motiv der moralisch zwar unanfechtbaren, aber überaus attraktiven jungen Frau. Interpretiert wird dies zuweilen als auch Metapher des Akts der Landbesiedlung: Denn Cooper war derjenige, der den Typ des Grenzgängers schuf, der zentrale Held aller Romane ist der Pfadfinder, der neue Mensch, der in der amerikanischen Wildnis entsteht. Die Lederstrumpf-Romane sind Beschreibungen einer Inbesitznahme – und bleiben darin durchaus ambivalent, widersprüchlich. Das Recht der „Weißen“, sich diesen Kontinent zu erobern, wird letztendlich nicht in Frage gestellt, auch wenn dies das Blut der indianischen Ureinwohner kostet.

Kein Roman kann aus seiner Zeit herausgelöst werden. Und doch war diese immer wieder durchscheinende, etwas superiore Haltung des „Weißen“, nebst den langatmigen Passagen, einer der Gründe, die mir einen neuen Zugang zu dieser Geschichte erschwert haben. Die indianischen Ureinwohner werden stereotyp und klischeehaft gezeichnet. Dies mag auch daran liegen, dass Cooper selbst das Wissen über die einzelnen Stämme überwiegend aus zweiter Hand hatte und sich auf ältere Quellen stützen musste. Fehler inklusive: Mohikaner, auch den letzten, gab es nicht, die Bezeichnung war die Erfindung eines Ethnologen. Cooper`s wesentliche Quellen waren die Missionsgeschichte der Nordamerikanischen Indianer des Herrnhuter Missionars Georg Heinrich Loskiel. Loskiel (1740-1814) berichtet über die Missionsarbeit der Herrnhuter Brüder aus dem Gebiet der Delawaren und Irokesen in Pennsylvania und New York. Außerdem stützte sich Cooper auf die Schriften von John Heckewelder. Heckewelder (1743-1823), ebenfalls Missionar der Brüdergemeine, lebte fast 40 Jahren unter den Indianern. Andererseits: Als Cooper seinen Roman schrieb, war die Ausrottung der indianischen Bevölkerung noch im vollen Gange (ein wichtiges Sachbuch zum Thema veröffentlichte Dee Brown 1970 mit „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“). Sahen große Teile der weißen Siedler in den Ureinwohnern wohl nicht mehr als zweitklassige Menschen oder gar Tiere, so bewirkten humanistisch gesinnte Schriftsteller wie Cooper einen ersten Blickwechsel – wenn auch dieser Exotismus den real existierenden Indianern kaum oder wenig geholfen hat.

Cooper legte mit den Lederstrümpfen den Grundstein für einen nationalen Mythos, der mehr als hunderte Jahre danach in den Westernfilmen weiterwirkte und im Grunde bis heute noch in der amerikanischen Kultur spürbar ist. Der Kampf des Einzelnen, notfalls auch mit Gewalt, für sein Territorium, sein Eigentum, seine Anschauungen – dies ist es auch, was Nathaniel Bumpoo, dieser widersprüchliche Held, verkörpert.

Mag die Anschauungsweise Coopers auf die indianische Welt auch der Zeit  und seinem Erfahrungshorizont geschuldet sein: Der Stil Coopers ist zeitunabhängig. Balzac lobte ihn als „literarischen Landschaftsmaler“. Für meinen Geschmack hat der letzte Mohikaner streckenweise zuviel Landschaft, zuviel Lagerfeuerplauderei, zuviele Pinselstriche.

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Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal

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1937 erbt die österreichische Schauspielerin Alice Herdan-Zuckmayer, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller verheiratet, den sie liebevoll-kurz „Zuck“ nennt, von einer ungeliebten und scheinbar verarmten Tante einen Hund: Ein altes, grottenhäßliches, bissiges, verwöhntes „Viecherl“. An „Das Scheusal“ ist eine besondere Bedingung geknüpft: Die Juwelen und den Pelz, die die verbitterte Alte allem finanziellen Niedergang zum Trotz versteckt bewahrt hatte, gibt es nur samt Vierbeiner. Was Alice jedoch besonders entsetzt: Durch den Nachlass der Tante offenbart sich deren fanatische Anhängerschaft an die Nationalsozialisten: „Die Frau Tante war a Nazi, der Hund is a Nazi.“

Die Zeiten sind hart, Zuckmayers an das Sparen nicht gewöhnt, der Dramatiker wird jedoch im Deutschen Reich nicht mehr gespielt, Geld kommt allenfalls durch seine Arbeit für die Korda-Filmstudios in London herein. Das Scheusal darf also bleiben – zumal die Erbin eh ein freundliches, weiches Herz hat.

Die „Kreuzung zwischen Fledermaus, Wüstenfuchs und Warzenschwein“ nimmt bald eine Hauptrolle in dem Großhaushalt ein: Das verwöhnte Tier wird mit gedünsteter Kalbsleber und Honigwasser verpflegt, bei Bedarf mit Malaga ruhiggestellt, darf sich in mit „Chanel 5“ (eine olfaktorische Erinnerung an die Tante) besprühte Decken hüllen. Und es begleitet die Familie (die gemeinsame Tochter heißt tatsächlich mit zweitem Taufnamen „Winnetou“) auf den Exil-Stationen, selbst als klar ist, dass die geerbten Juwelen bereits durch die Nazis konfisziert sind.

Literarisch ist dieses Buch (Untertitel: „Die Geschichte einer sonderbaren Freundschaft“) beileibe kein herausragendes Werk, es deckt sich offenbar sogar bis in manche Formulierungen mit Zuckmayers Memoiren „Als wär’s ein Stück von mir“. Letztere habe ich noch nicht gelesen, daher kann ich dieses nicht beurteilen. Doch trotz der sprachlichen und erzählerischen Mängel – es ist nicht nur die anrührende Geschichte einer sich entwickelnden Beziehung zwischen Mensch und Tier, sondern auch ein eindrucksvolles, lebhaftes Dokument dieser Jahre, in denen die deutsche Intelligenz ins Exil vertrieben wurde. „Wir waren glücklich und liebten das Leben wie Kranke, denen der Tod angesagt worden ist“, schreibt Alice Herdan-Zuckmayer über die letzten Tage in Österreich.

In Paris nimmt das Paar noch an der Beerdigung von Ödon von Horváth teil, der am 1. Juni 1938 bei einem Unfall ums Leben kam – in der Folge, so ahnt Alice, wird man noch mehr Freunde verlieren, jedoch durch andere Umstände. Trotz der düsteren Zeiten hat dieses schmale Buch jedoch einen heiteren, anekdotenhaften Grundton, ist an manchen Stellen gar schreiend komisch. Beispielsweise als die Werfels und die Zuckmayers sich zu einem Abschiedsessen in einem Pariser Nobelrestaurant treffen. Alice versteckt das Scheusal gschamig unterm Tischtuch, doch der distinguierte Kellner platziert den Hund auf einen samtgepolsterten Stuhl an den Tisch und begehrt zu wissen: „Quelque chose légère?“.

„Ja, etwas Leichtes“, sagte ich auf französisch.
„Un peu de veau haché avec du foie de volaille?“ fragte er, „pour la petite mignonne?“
„Bien“, sagte ich nonchalant, als ob einem wertvollen King-Charles-Hund serviert würde, „also gehacktes Kalbfleisch mit Hühnerleber.“
Mucki saß neben mir, schnupperte und stieß leise Betteltöne aus.
Werfel betrachtete ihn lange und nachdenklich:
„Wenn man diesen Hund anschaut – er ist häßlich bis zur Vollkommenheit. Wie ein Wasserspeier von Notre-Dame.“

Zuckmayers gelangen über Paris und die Schweiz schließlich durch ein Affidavit durch die Frau von Sinclair Lewis in die USA, „der Mucki“ (trotz weiblichen Geschlechts ein „er“), kommt jeweils mit. Zwar erlebt die Familie in den Vereinigten Staaten wieder persönliche Sicherheit, doch die finanziellen und existentiellen Sorgen bleiben. Das Scheusal jedoch bleibt davon unberührt, bekommt weiter Kalbsleber und Honigwasser und Chanel No. 5. Hochbetagt stirbt das Viecherl schließlich im Kreise der Familie – immer noch hässlich, immer noch bissig, aber längst schon kein Nazi mehr.

Das Buch erschien erstmals 1972 im Fischer Verlag und wird seither immer wieder als Fischer Taschenbuch neu aufgelegt: „Das Scheusal“.

Ein Beitrag zur Reihe #lithund.

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#VerschämteLektüren (8): Normans lässliche Jugendsünden und literarische Abwege

In den Notizheften von Norman geht es kulturell überaus gepflegt zu: Beiträge über Bücher, Musik, Geschichte, Politik, überwiegend aus dem Bereich der klassischen Literatur, der Oper, es fallen unter anderem die Namen von Goethe, Thomas Mann, Max Weber, Fontane und anderen Geistesgrößen. Doch auch der Weg zur Hochkultur kann mit Schmonzetten gepflastert sein, wie Norman in der Beschreibung seiner literarischen Abwege zeigt:

Ich bekenne, als Kind und Jugendlicher alles Mögliche gelesen zu haben, aber keine bedeutende Literatur. Aus einfachen Verhältnissen stammend, war mein Lesehunger an sich für die Familie schon überraschend. Also las ich geschlechterrollenprägende Schneider Bücher – genau: Die Jungen von Schloß Schreckenstein – und das Gesamtwerk Karl Mays. Ich verschlang alles von Agatha Christie und sämtliche Schullektüren.

Dann lernte ich, dem Gymnasium sei Dank, Goethe und Schiller ebenso kennen wie Böll und Brecht, Günter Eich und Theodor Fontane, Emile Zola und Madame de Staël. Die Bücherregale in unserer Wohnung nahmen nun also auch Bücher solcher Autoren auf; dazu allerlei Historisches. Mit achtzehn Jahren subskibierte ich ein fünfzehnbändiges Lexikon.

Aber dazwischen standen eben auch Omas und Mutters Schmonzetten und – wohlverdiente! – Entspannungslektüren. Hier erinnerte ich mich, als Birgits Anfrage kam, sogleich an Susan Howatch, die dort mit „Die Erben von Penmarric“ und „Die Reichen sind anders“ bis heute vertreten ist. Das zweite ist eine Familiensaga mit reichlich Mondänität und dezent-direkten Sexanteilen, Liebe, Haß, Eifersucht, Gier, etc. Aber toll! Dachte ich zumindest früher mal. Ich weiß nicht, ob es mir beim Wiederlesen noch oder erneut gefallen würde. Möglicherweise nimmt man, älter geworden, andere Elemente stärker wahr, etwa den Erzählstrang über die Epilepsie der männlichen Hauptfigur, oder erkennt den Bezug zu Cäsar und Cleopatra.

Erstaunlich ist ja, daß mir sofort dieses Buch eingefallen ist, um es hier, unter dieser Überschrift vorzustellen. Allein um das herauszufinden, sollte ich das Buch noch einmal lesen. Dabei könnte ich dann auch überprüfen, ob es wirklich schlecht geschrieben, einfach nur Massenware oder vielleicht doch ganz gut ist.

Recherchen haben mir jetzt gezeigt, daß Howatch jahrzehntelang eine echte Produzentin von mehrbändigen Sagas, Zeit- und Sittenbildern war. Im Jahr 2012 wurde sie vom Hope College ausgezeichnet; auf der dortigen Seite findet man auch eine nette Würdigung.

Und hier geht es zu den Notizheften von Norman: http://notizhefte.wordpress.com/

Titelbild zum Download: Zirkus