Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer

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EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIANE SCHLÜTER

Kluger Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte: der historische Roman über die Liebeskatastrophe der jungen Annette von Droste-Hülshoff. Ein Gastbeitrag von Christiane Schlüter.

Eine Hecke im Frühjahr. Auf der einen Seite: ein Beet, in dem zwei junge Frauen Unkraut jäten. Auf der anderen: vier ebenso junge Wichtigtuer, die sich darüber auslassen, wie sehr Frauen den Männern doch geistig unterlegen seien – aber dafür sei ja das Feingefühl die weibliche Domäne. Anna und Nette, unbemerkt hinter ihrer Hecke, schneiden debile Grimassen und amüsieren sich köstlich. Wenig später wird sich Anna mit den Männern gegen Nette verbünden, aus Neid, aus Bigotterie, aus der ganzen Wohlerzogenheit des beginnenden Biedermeier heraus. Und Nette, die später berühmte Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, wird damit ein Trauma erleben, das ihr ganzes weiteres Dasein prägt.

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist der historische Roman überschrieben, in dem Karen Duve (u. a. „Taxi“, „Anständig essen“) die Geschichte dieser Intrige aufrollt. Sie steuert besagten Sommer 1820 aus dem Abstand mehrerer Jahre heraus an, doch ganz ohne Längen, denn jede einzelne Szene ist dicht erzählt. Wir erleben die späteren Verschwörer um Annettes nur fünf Jahre älteren Onkel August von Haxthausen als Studenten in Göttingen. Wir begleiten Annette und ihre Schwester Jenny zu endlosen Verwandtschaftsbesuchen zwischen dem Münsterland und Ostwestfalen, durchgerüttelt auf Wegen, die mit Knüppeln befestigt sind, weshalb man in den Reisekutschen nicht sprechen darf, will man nicht riskieren, sich die Zunge abzubeißen. Solche Details hat Duve in Hülle und Fülle ausgegraben.

Doch nicht nur das macht ihr Buch so unterhaltsam. Vergnügen bereitet vor allem Duves auktoriale Erzählstimme, die stilsicher heutige Wendungen einflicht („Westfalen war echt das Letzte“), die zuweilen in ironische Distanz zu ihrer Protagonistin geht und sie doch nie verrät: „Aus einem Buchenwald traten ein kleiner, grundhässlicher Mann namens Heinrich Straube und ein zartes, sehr blondes und etwas glotzäugiges Freifräulein.“ Dass dieses Freifräulein einen scharfen Verstand besitzt, den es auch noch unweiblich spielen lässt, und dass es vor allem eine geniale Dichterin zu werden verspricht, zeigt sich schon bald. Der das erkennt, ist Heinrich Straube, ein armer Student aus Göttingen. Rasch entwickeln die beiden Gefühle füreinander, in ihrer Folge blüht Annette auf und wird deshalb einen kurzen Sommer lang von mehr Männern umschwärmt, als es ihre jungen Verwandten um Anna und den gleichfalls dichterisch ambitionierten August dulden können. Damit bahnt sich an, was als Annettes Liebestragödie in die Geschichte eingegangen ist.

Karen Duves Vorhaben war, in den Grenzen des historisch Möglichen das psychologisch Wahrscheinliche zu entwickeln, so hat sie in einem Interview mit der „Neuen Westfälischen“ gesagt. Es ist ihr perfekt gelungen. Wer die Fakten kennt, möchte Annette mit fortschreitender Handlung auf jeder Seite zurufen: „Nicht! Pass auf! Sieh dich vor!“ Und immer wieder glaubt man in der Erzählstimme jene Annette zu erkennen, wie sie eben auch war: scharfblickend und scharfzüngig, mit einem untrüglichen Sinn für die Ungerechtigkeit, die den Frauen nur Sticktücher und Strickstrümpfe ließ, während die Männer reden durften und dichten, jagen und politisieren. Diese Annette ahnt, dass es anders möglich wäre – nur eben nicht in ihrer Zeit. Darin ist sie eine Geistesverwandte von Carl Friedrich Gauß in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“, der ebenfalls weiß, dass es Epochen geben wird, in denen das Leben bequemer sein wird als in seiner eigenen.

Denn natürlich bleibt Annette ein Kind ihrer Zeit – gehalten und zugleich eingeengt durch Familie, Religiosität, Konventionen. Dass aber das Leben damals dem unseren in manchem überraschend gleicht, auch das zeigt dieser Roman. Depressionen, Ausgebranntsein, empfundene Beschleunigung, Ausgrenzung von Juden und Fremden: Das gab es seinerzeit schon. Vergnüglich sind Auftritte von Geistesgrößen wie den Brüdern Grimm und Harry (Heinrich) Heine – alle werden sie von ihren späteren Podesten heruntergeholt und als das gezeigt, was sie waren: ganz normale Menschen in den Grenzen ihrer Epoche. So bietet „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ beides zugleich: klugen Lesespaß und eine herzzerreißende Geschichte.

Christiane Schlüter


Zur Autorin:
Christiane Schlüter ist Autorin und Journalistin. Sie verfasst Ratgeber, Sachbücher, Geschenkbücher, Memoirs und Reden und gibt Kurse in Autobiografie und Journalismus. Mehr Informationen über ihre Tätigkeiten gibt es hier: www.christiane-schlueter.de.


Zum Buch:

Karen Duve
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Verlag Galiani-Berlin
592 Seiten, gebunden
25,00 Euro
ISBN 978-3-86971-138-6

Link zum Interview in der „Neuen Westfälischen“:

https://www.nw.de/kultur_und_freizeit/literatur/literatur/22265136_Karen-Duve-Diese-Geschichte-war-ein-Gluecksfall.html

Karen Duve: Macht

„Je weiter ich mich dem Gänsemarkt nähere, desto voller wird es. Man kommt kaum noch durch. Okay, es ist Double-Shoppingday, aber erstaunlicherweise sind es vor allem Männer, haufenweise Männer, die aus allen Nebenstraßen quellen, und sie sehen nicht gerade aus, als wären sie in die Stadt gefahren, um neue T-Shirts zu kaufen. Einige von ihnen könnten Hooligans sein – fette Wampen, üble Haarschnitte, aggressive Fressen. Hooligans am frühen Morgen, sie brüllen herum, riechen nach Pommes frites und schwappen den Inhalt ihrer Bierflaschen über die Leute. Andere sehen aus wie Paketboten (…)
Langsam dämmert mir, wo ich hier hineingeraten bin. In eine MASKULO-Demonstration. Ich schaue mich genauer um. Tatsächlich ist weit und breit keine einzige Frau zu sehen. Laut einer BILD-Online-Umfrage von letzter Woche soll der durchschnittliche Demonstrant bei der Anti-Frauen-Bewegung MASKULO aus der Mittelschicht stammen und sowohl gebildet als auch berufstätig sein, was jetzt nicht ganz meinem persönlichen Eindruck entspricht.“

Karen Duve, „Macht“, 2016, Galiani Berlin

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff

Soviel gleich vorne weg – es ist kein Buch für zarte Gemüter. Karen Duve mutet ihren Lesern einiges zu: Einen bitterbösen Machtkampf zwischen Mann und Frau. Die Zeiten, als Männer mehr verdient haben als Frauen und in den Chefetagen der großen Konzerne und der noch größeren Politik das Sagen hatten, gehören längst der Vergangenheit an.

Karen Duve hat fast alles in ihrem neuesten Buch verarbeitet, was in den letzten Jahren in irgendeiner Form gesellschaftspolitisch im Fokus stand. An erster Stelle den Feminismus: Im  Jahre 2031 heißt es beispielsweise konsequent Bundeskanzlerin, ganz gleich welches Geschlecht die/der Amtsträger/in hat. Aber auch der Klimawechsel, die Demokratie und ihre Krisen sowie die „Islamisierung“ des Abendlandes werden be- und verarbeitet. Und selbst der von Medien und Kommerz gepflegte Hype um die ewige Jugend darf nicht fehlen. Da wird der Ausspruch „Altwerden ist nichts für Feiglinge“ zu „Altwerden ist nur was für Feiglinge“. Im Jahre 2031 gibt es nämlich die Verjüngungspille Ephebo. Hier wird das hohe Lied auf die Jugend gesungen – nicht ohne fahlen Beigeschmack. Denn die, die die Pille nehmen und nicht altern, riskieren, an Krebs zu erkranken.

Der Plot des Romans ist bereits im Klappentext kompakt zusammengefasst:

„Wir schreiben das Jahr 2031: Staatsfeminismus, Hitzewellen, Wirbelstürme, Endzeitstimmung und ein 50-jähriges Klassentreffen in der Hamburger Vorortkneipe ›Ehrlich‹. Dank der Verjüngungspille Ephebo, der auch Sebastian Bürger sein gutes Aussehen verdankt, sehen die Schulkameraden im besten Rentenalter alle wieder aus wie Zwanzig- bis Dreißigjährige, und als Sebastian seine heimliche Jugendliebe Elli trifft, ist es um ihn geschehen. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht Sebastians Frau, die ehemalige Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, die er seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen hält. Dort muss sie ihm seine Lieblingskekse backen und auch sonst in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Seiner neuen Liebe steht sie jetzt allerdings im Weg. Bei dem Versuch, sich seine Frau vom Hals zu schaffen, löst Sebastian eine Katastrophe nach der anderen aus…“

In manchen Momenten erinnert das Buch an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ oder aber auch an Georg Orwells „1984“, ebenso sind Anklänge an Natascha Kampuschs Buch zu finden. Islamisierung, Kellergefängnis und düstere Zukunftsvisionen. Doch trotz alledem: Karen Duves Roman „Macht“ ist gut und flüssig zu lesen, man ist sofort mitten im Geschehen und fiebert dem großen Finale entgegen. Man möchte wissen, wie dieses düstere und gleichzeitig leichte Buch über das bevorstehende Ende der Menschheit ausgehen wird.

Eine Breitseite hat Karen Duve auch auf die Jugend – die mir sehr gut gefällt, weil dann manchmal doch so wahr:
„(…) Da sitzen sie mit ihren verkümmerten Streichholzärmchen und ihren wischenden Riesendaumen und (…) halten sich für überlegen, weil sie besser mit dem Internet umgehen können als die Generation vor ihnen“.

Über den Gastautor:

Florian Pittroff ist Magister der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte und arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Journalist und Texter. Seine Buchbesprechungen waren unter anderem zu lesen im Kulturmagazin „a3kultur“ und im deutschsprachigen Männermagazin „Penthouse“.  Er verfasste Kulturbeiträge für das Programm des „Parktheater Augsburg“, war unter anderem verantwortlich für die Medien- & Öffentlichkeitsarbeit des kulturellen Rahmenprogramms „City Of Peace“ (2011) und die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften (2015) in Augsburg. Florian Pittroff erhielt 1999 den Hörfunkpreis der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien für den besten Beitrag in der Sparte Kultur.

www.flo-job.de

Über das Buch:

Einen Überblick über die Pressestimmen findet man auf der Seite des Verlags. Im Feuilleton kam der Roman nicht nur gut weg – „das beleidigt Literatur und Verstand“ harschte Christoph Schröder in der Zeit, etwas gnädiger, aber auch nicht allzu überzeugt, urteilte Gunda Bartels im Tagesspiegel über das Buch der „lauten Moralistin“ Karen Duve. Ach ja … ich habe es hier liegen, schon einmal parallel zu Florian Pittroff reingelesen und finde die Geschichte um das psychopathische Weichei Sebastian einfach einmal schon sehr unterhaltsam!