Neuerscheinung: »Das Wanderkind« im Kröner Verlag

Mit »Das Wanderkind« der frankokanadischen Schriftstellerin Aude macht der Kröner Verlag erstmals ein Werk dieser Autorin dem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Eine feine, melancholische Erzählung, die mit viel Gespür für die Innenwelt ihrer Figuren die Geschichte eines ungleichen Zwillingspaares erzählt.

»Das Kind regt sich in ihr, als ob es auf sich aufmerksam machen wollte. Sie fühlt jetzt keine Wut und keinen Abscheu mehr, eher ein sonderbares Mitleid für das Kind, das nur noch seinen kalten, erstarrten Schatten umarmt. Es muss den entseelten, an ihn geschmiegten Körper seines Bruders spüren.«

Ein Zwillingspaar, der eine groß und kräftig, der andere klein und zerbrechlich. Einem von ihnen ist es bestimmt, den anderen am Leben zu erhalten. Ein kleiner, sehr feiner, beinahe märchenhafter Roman über die Brüchigkeit des Lebens und die schmerzhafte Schönheit menschlicher Bindungen.

Ausgezeichnet mit dem Großen Leserpreis von Elle Québec, auf der Shortlist des Prix Ringuet. Trois. Revue d’écriture et d’érudition urteilte direkt nach dem Erscheinen 1998: »Diese Autorin beherrscht die Kunst, eine ganze Welt wie selbstverständlich zu erschaffen, obwohl nichts davon glaubwürdig wäre ohne ihren unvergleichlichen Stil.«

Claudette Charbonneau alias Aude wurde in 1947 Montréal geboren und gilt als eine der wichtigsten Figuren der frankokanadischen Literaturszene. Nach dem Studium unterrichtete sie in Québec Kreatives Schreiben und Literaturtheorie. Ihr preisgekrönter Kurzgeschichtenband Cet imperceptible mouvement (1997) erschien 1998 auf Englisch (The Indiscernible Movement). Nach einer Phase des düsteres Erzählens über Wahnsinn und Tod wandte sie sich mit L’enfant migrateur einer hoffnungsfrohen Weltsicht zu. Aude starb 2012 an Leukämie. Sie wurde posthum zur Ehrenpräsidentin des nach ihr benannten Centre Aude d’études sur la nouvelle zur Förderung der Gattung Kurzgeschichte.

Ina Böhme studierte Romanische Philologie und Interkulturelle Deutsch-Französische Studien in Marburg, Poitiers, Aix-en-Provence und Tübingen. Nach mehreren Jahren in Frankreich lebt sie inzwischen als literarische Übersetzerin in Berlin. 2018 war sie Stipendiatin des Georges-Arthur-Goldschmidt-Programms für junge Literaturübersetzer und erhielt 2019 ein Initiativstipendium des Deutschen Übersetzerfonds.

Informationen zum Buch:
Aude
Das Wanderkind
Roman. Aus dem Französischen von Ina Böhme
Erscheint am 1.2.2021, 120 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen
https://www.kroener-verlag.de/details/product/das-wanderkind/

Bücherhamstern (9): Rogers Pommesbude

IMG_1481Das zauberhafte Kinderbuch, das Lena Anlauf heute für die „Kunstanstifter“ vorstellt, ist die erste deutschsprachige Veröffentlichung des bekannten Autors und Illustrators  Rogé.

Das Buch:

Roger träumt davon, mehr aus seinem Dackelleben zu machen, als bellend dem Postboten hinterherzuwetzen oder Autos anzukläffen. Eines Tages entschließt er sich, sein Glück selbst in die Pfote zu nehmen: Er eröffnet eine Pommesbude und wird zum weltbekannten Kartoffelkönig! Doch auf dem Höhepunkt seines Ruhms holt ihn seine Melancholie wieder ein – bis er auf die Pudeldame Charlotte trifft …

Auf dieses zauberhafte Bilderbuch sind wir im Rahmen des bevorstehenden Gastlandauftritts Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 aufmerksam geworden. Es ist die erste Veröffentlichung des vielfach ausgezeichneten Autors und Illustrators Rogé im deutschsprachigen Raum. Wir haben uns gleich in den charmanten Dackel Roger verliebt und möchten euch diese fröhliche Hundegeschichte, die uns zu pommesessenden Menschen von Argentinien über China bis zum Südpol führt, ganz besonders ans Herz legen.

Der Verlag:

Die kunstanstifter – das sind vier buchbegeisterte Ästheten, die das verlegen, was sie selbst zu 100 % gut finden bzw. was sie berührt, begeistert, überrascht. Im Jahr werden es etwa 12 bis 14 Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher: Kurzgeschichtensammlungen, Erzählungen, Märchen, neue zeitgenössische Texte ebenso wie klassische Werke, Back- und Kochbücher ebenso wie Reiseführer und Kinder-Bilderbücher. Der rote Faden des Verlagsprogramms ist die Illustration. Gedruckt wird aus ökologischen Gründen in heimischen FSC-zertifizierten Druckereien, soweit möglich klimaneutral und mit mineralölfreien Farben. Größtes Augenmerk wird auf Papier, Verarbeitung und Veredelung, d.h. die Ausstattung und die Haptik der Werke gelegt.

Die Buchhandlung:

Unsere Bücher könnt ihr aktuell über die Onlineshops eurer Lieblingsbuchhandlung bestellen – bei vorhandenem Buch wird in der Nachbarschaft oft taggleich per Fahrrad geliefert! Wenn ihr keine Buchhandlung in unmittelbarer Nähe habt, könnt ihr euch die Bücher auch per Post schicken lassen – zum Beispiel vom Buchstäbchen in Stuttgart, der Buchhandlung Roter Stern in Marburg oder der Buchhandlung Erlesenes und Büchergilde in Mainz.

Informationen zum Buch:

Rogé
Rogers Pommesbude
Aus dem Französischen von Anne Thomas
Hardcover mit Leinenrücken und Goldprägung
Umfang: 32 Seiten, Format: 260 x 265 mm, Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-942795-99-9

www.kunstanstifter.de


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Michael Ondaatje: Der englische Patient

Michael Ondaatje – Der englische Patient (1992)

Originaltitel: The English Patient

Michael Ondaatje ist schon so ein Fall für sich. Ich denke, er weiß ganz genau, dass er mit seiner Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie die Emotionsreichen unter seinen Lesern ziemlich weit an ihre Grenzen bringt. Denn, wenn es in weiten Teilen dieses Romans ein Defizit gibt, dann ist es das Fehlen spürbarer Gefühle der Protagonisten. Aber, das ist natürlich von ihm so gewollt, da der Situation geschuldet, in der die Charaktere sich befinden. Die Situation ist Kriegsende 1945 und vier Traumatisierte, die in einer noch halbwegs intakten Villa in der Toskana gestrandet sind und dort, sich gegenseitig festhaltend, ihr inneres Exil suchen. Der englische Patient des Titels ist am ganzen Körper verbrannt und nicht mehr viel mehr als ein grotesk verkohltes Wesen, von dem weitgehend nur noch die Stimme zu funktionieren scheint. Gepflegt wird er von der jungen Kriegskrankenschwester Hana, die der ein oder andere möglicherweise, genauso wie den onkelhaften Meisterdieb Caravaggio, schon aus Ondaatjes Vorgängerroman In der Haut eines Löwen kennt (den man aber wirklich nicht zwingend kennen muss, um Der englische Patient genießen zu können). Der vierte Besucher ist der Inder Kip, mit dem Hana eine verhaltene Beziehung beginnt, anfangs mehr Trostsuche und ein erstes wieder erwachendes Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Diese Nähe zu definieren, fällt allen vieren schwer, haben sie doch einfach zu viele Tote in ihrer Vergangenheit gesehen, zu viele geliebte Menschen verloren.

Michael Ondaatje hat eine ganz eigene Methode zu erzählen. Das, was er erschafft, ist eine Art poetisierter Realismus. Er erreicht das durch zahllose Bilder zwischen Schrecken und Schönheit: der englische Patient, wie er brennend vom Himmel stürzt; die minenverseuchte Traumverlorenheit der Villa und ihres wild wuchernden Gartens; todbringende Sandstürme und lebensrettende Oasen…; viel mehr als man hier aufzählen könnte. Das, was Ondaatje beschreibt, ist einschüchternd gut recherchiert. Solche Sequenzen, vom Bombenentschärfen bis zu Wüstenstürmen, sind mit packender Zielstrebigkeit in Szene gesetzt, ganz im Gegensatz zum Gesamtkunstwerk Der englische Patient, denn das ist ein einziger Flickenteppich aus wechselnden Zeitebenen, schwankenden Zeitformen, Textscherben, die sich erst am Ende zu etwas Gesamtem zusammenschmiegen. Da kommen interessante Effekte zusammen. So, beispielsweise, hin und wieder ohne Anführungszeichen markierte wörtliche Rede, die den Stimmen etwas Geisterhaftes geben. Und irgendwie sind sie das auch alle: Geister, nur noch durchscheinende übriggebliebene Fragmente der Persönlichkeiten, die sie einmal waren. Zu viel wurde ihnen allen genommen.

Das mag aber auch der Grund sein, warum uns die Liebesgeschichte zwischen Hana und Kip nicht so recht berühren will, uns die beiden nicht so richtig nahe kommen wollen.
Ganz anders dagegen die rauschhafte Liebesbeziehung, die da plötzlich aus der Vergangenheit noch oben drängt. Diese Affäre des englischen Patienten aus der Zeit vor seiner fatalen Verwundung brennt vor Leidenschaft. Und ja, seine Liebhaberin Katherine Clifton, diese unberechenbare, faszinierende Schönheit, obgleich eine Nebendarstellerin, stiehlt den vier Protagonisten mit weitem Abstand die Show.

Aber, wie eingangs schon als Warnung und Ausblick an die emotional nicht ganz auf ihre Kosten gekommene Leserschaft formuliert, birgt das letzte Kapitel den Schlüssel zu Michael Ondaatjes Konzept der verletzten Seele, denn es gibt uns die erleichternde Offenlegung, in welchem Maße die so zarte und gebremste Liebesgeschichte Hanas und Kips einen unauslöschbaren Widerhall auf ihre beider zukünftige Leben haben wird.
Wir Leserinnen und Leser legen, nun wieder versöhnt, ein wunderbares, staunenswertes Buch nieder.

Frank Duwald

Frank Duwald schreibt seit 1987 über Literatur. Auf seiner Seite dandelion | abseitige Literatur bespricht er vorwiegend Romane und Erzählungen jenseits des Mainstream.

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/dekoration-mauer-altstadt-augsburg-4198625/

Walter Bauer: Die Stimme

„Die friedlose Erde rundete sich und besaß wieder Tag und Nacht in ihrer Ordnung. Ich spreche vom Glück.
Verstehen Sie? Ich wage das Wort zu sagen in einem glücklosen Jahrhundert, das in die Luft fliegen kann. Ich spreche nicht von der Dauer des Glückes; ich spreche von Augenblicken – von jenen Augenblicken, in denen ich mich zum ersten Mal wieder leben fühlte, weil ich einen anderen in meinen Armen hielt. War das alles? Hätte das nicht auch „drüben“ geschehen können? Vielleicht; weshalb nicht? Aber es geschah hier und in einem Augenblick, auf den alles in mir gewartet zu haben schien; und die Worte, die ich gebrauchte, sagte ich zum ersten Male. Ich sagte sie in einer anderen Sprache; und wenn ich allein in meinem Zimmer war, schlug ich das Wörterbuch auf und suchte nach Worten, die ich sagen wollte. Sie waren alle neu, sie glänzten von Leben und Frische und waren mit Leben gefüllt. Denen, die hier lebten und sich in ihrer Sprache bewegten, wie in einem vertrauten Haus, waren sie abgenutzt, kleine Münze; doch nicht mir. Die Worte dieser Sprache wurden von mir neu erschaffen. Mund, Lippe, Brust, es war alles neu, frisch wie frisches Silber im Morgenlicht. Zärtlichkeit, Verlangen, Ruhe, Gelassenheit, Sterblichkeit, mir schien, als wüsste ich jetzt erst, was sie bedeuten. Das Wörterbuch war ein Buch des Lebens, und wenn ich nach Worten suchte, war es mir, als flüstere ihre Stimme die Worte mit, damit sie nicht nur Worte blieben, sondern, gefüllt mit ihrer Stimme, Teil meines Lebens wurden, wie meine alte, eingeborene Stimme Teil meines Lebens war; und auch sie, diese liebe, alte Sprache wurde von einem merkwürdigen Licht getroffen; sie wurde durchsichtig und rein.“

Exil und Neuanfang

Es ist eine ruhige, sachte Stimme, die aus dieser Erzählung zu uns spricht. Nicht aufdringlich, dafür desto eindringlicher. Diese Stimme erzählt von einem Schicksal, das im vergangenen Jahrhundert Abermillionen traf (und, solange es Menschen und Kriege und Katastrophen geben wird, weiter Abermillionen treffen wird): Exil, Verlust der Heimat, des Gewohnten, Neuanfang, neues Herantasten an eine neue Welt. Für die meisten bedeutet dies zudem: Neu sprechen lernen, lernen, in einer neuen Sprache auch zu denken, zu fühlen, zu leben. Für Schriftsteller, die in, mit und von ihrer Sprache leben, noch eine ganz andere, besondere Situation. Walter Bauer (1904-1976) verlieh dem mit seiner schmalen Erzählung eine Stimme.

Ein Einwanderer in Kanada – ganz offensichtlich das Alter Ego des Schriftstellers – berichtet einem jüngeren Besucher aus der alten Heimat von seinem Hineinwachsen in eine neue Welt. Angestrandet mit Millionen anderen, nichts als bittere, belastende Erinnerungen an einen Krieg, in dem die Seele beinahe zerbrach, im Gepäck. Er muss zuerst Fuß fassen, in Tritt kommen, auch in der neuen Sprache – um im herum doch Menschen, die ebenso aus allen Teilen der Welt angekommen sind auf diesem Kontinent, der Hoffnung und Vergessen verspricht. Aber:

„Jeder von ihnen war eine winzige Insel für sich, ohne Zusammenhang mit einem Kontinent, ich meine: mit anderen. Gibt es irgendwo soviel einsame Menschen wie hier?“
In einer Bibliothek schließlich lernt der Einwanderer eine Frau kennen. Dank ihr findet er seinen Weg hinein – hinein in die Sprache, zurück ins Leben.

Eine schmale Erzählung, knapp 100 Seiten, ihr Inhalt in wenigen Worten umrissen. Und dennoch steckt in diesem kurzen Text soviel Welt. „Die Stimme“ – sie ist nicht zuletzt eine wunderbare Parabel über die Kraft der Sprache. Die heilsame Kraft der Sprache, wenn zwei Menschen lernen, miteinander zu sprechen – „Geschichte einer Liebe“ hat Walter Bauer seine Erzählung untertitelt.

„Keine Frage, die Geschichte von Richard und Diana ist die Geschichte einer großen Liebe, eine Liebesgeschichte, die archetypischen Vorbildern aber eine neue Bedeutungsebene hinzugewinnt: Die beiden können einander nur finden, indem sie eine gemeinsame Sprache finden.“
Der Schriftsteller Jürgen Jankofsky im Nachwort zur vorliegenden Ausgabe.

Wie bereits erwähnt, ist die Erzählung autobiographisch geprägt. Walter Bauer, 1904 in einfachen Verhältnissen in Sachsen geboren, findet bereits mit seinen ersten Veröffentlichungen große Anerkennung, wird von Stefan Zweig gefördert, von Tucholsky, Werfel und Hesse gelobt. 1933 werden seine Werke, die davor erschienen, verboten. Der Schriftsteller und Lehrer wird zwar von den Behörden schikaniert, kann aber weiterarbeiten und publizieren.

So werde ich mein Leben verbringen: den Abgrund vor Augen
und eine gestählte Freude im Herzen.

Er geht in die innere Emigration. Einberufung, Fronteinsätze und Kriegsgefangenschaft folgen, Erlebnisse, die ihn nie wieder loslassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Walter Bauer äußerst produktiv vor allem als Autor von Hörspielen weiter und engagiert sich im PEN. Doch enttäuscht von restaurativen Entwicklungen in der Bundesrepublik entschließt er sich 1952 zur Auswanderung nach Kanada, zu einem Neustart. Er studiert moderne Sprachen und unterrichtet bis zu seinem Tod als Professor an der Universität von Toronto.

„Die Stimme“ wurde nun beim Lilienfeld Verlag wieder veröffentlicht, ansonsten sind seine Bücher und Texte nur noch antiquarisch zu erhalten.

„Gut, dass Walter Bauer nicht stumm wird. Gut, dass seine Stimme wieder stärker gehört werden kann. Er hat uns nach wie vor viel zu sagen.“
Jürgen Jankofsky.

„Die Stimme“ wurde beim Lilienfeld Verlag als Rezensionsexemplar angefragt.

Bestellen bei buchhandel.de: Walter Bauer, „Die Stimme“, Lilienfeld Verlag, 2014.

 

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