MICHAEL KLEINHERNE: Der Mann auf dem Foto

Als der deutsche Journalist Harry in die USA aufbricht, um etwas über seine Familie zu erfahren, ahnt er nicht, dass er sich schon bald auf die Suche nach seinem ihm unbekannten Vater machen wird. Harry begegnet Rassismus, Armut, Hippies und lebensfrohen Künstlern auf seinem Weg durch die Staaten von Michigan bis nach Kalifornien. Die Fahrt von „Motown“ Detroit, eine Stadt geprägt von Armut und Kriminalität, bis zum sonnigen Unicampus Berkeley, wo Reagan einst als Gouverneur die Studenten niederknüppeln ließ, wird zu einem ganz besonderen Roadtrip. Harry lernt nicht nur viel über seine früh verstorbenen Eltern kennen, von deren politischen Engagement in den USA er nichts geahnt hatte, sondern kommt durch ein altes Foto auch auf die Spur eines Mannes, der eine besondere Bedeutung für ihn erlangen wird. Auf der Reise begegnen ihm wurzellose Jugendliche aus prekären Verhältnissen, ein mexikanischer Junge ohne Aufenthaltsgenehmigung, linke Professoren und handfeste Landärzte, die einfach nur helfen wollen.

Pressestimmen:

„In schnörkellosem und präzisem Stil spannt Kleinherne einen Bogen von 1969 über die 80er Jahre bis in die Gegenwart. Elegant verschränkt er Stimmungen und Fakten mit den individuellen Geschichten der Figuren.“ – Barbara Fröhlich, Donaukurier
„Der Autor schafft es, … den Leser in das Buch ´hineinzusaugen´ und mit auf die Reise durch Amerika zu nehmen. Er hält spielend die Spannungsbögen und lässt keinerlei Leerlauf entstehen.“ – Beate Trautner, Westfälische Nachrichten

Zum Autor:
Michael Kleinherne, 1964 in Westfalen geboren, lebt in Bayern. Er arbeitet dort – nach Promotion und Auslandsaufenthalten – als freier Autor und Journalist sowie als Dozent für Kreatives Schreiben und Englisch. 2002 erhielt er den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse in München. An der Universität Eichstätt-Ingolstadt leitet er das jährliche Festival LiteraPur. 2012 erschien sein Kurzgeschichtenband Drehpause, 2014 die Novelle Daniel, 2016 der Roman Die Aktion. Verschiedene Kurzgeschichten sind in unterschiedlichen Anthologien veröffentlicht worden. 2015 war er auf Einladung der University of Dallas Gastautor am Dallas Goethe Center.

Informationen zum Buch:
Michael Kleinherne
Der Mann auf dem Foto
Bayerischer Poeten- & Belletristik-Verlag, Reichertshofen, 2020
Taschenbuch | 18,6×11,8cm | 356 Seiten | 10,00 EURO
ISBN 978-3-944000-31-2
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Presseanfragen und Rezensionsexemplare: Birgit Böllinger, Telefon 0821 4509-133, kontakt@birgitboellinger

John Steinbeck: Tortilla Flat

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Bild von Falkenpost auf Pixabay

Es ist sicher nicht sein literarisch anspruchsvollstes Werk, aber mein heimlicher Favorit von John Steinbeck (1902-1968): Tortilla Flat. Zwar hatte der spätere Literaturnobelpreisträger schon zuvor einige Romane veröffentlicht, aber erst 1935 kam mit den Erzählungen über eine Handvoll Ritter von trauriger Gestalt der Durchbruch. Die Ritter-Assoziation kommt nicht von ungefähr: Steinbecks liebstes Jugendbuch handelte von den Geschichten rund um König Artur und seine Tafelrunde – und so finden sich die heldenhaften Vorbilder als weit weniger heroische Wiedergeburten zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg im kalifornischen Monterey wieder. Aus König Artur wird der Veteran Danny, seine Tafelrunde besteht aus seinen Zechbrüdern Pablo, Pilon und Jesus Maria und die Heldentaten drehen sich eher um die Beschaffung von etwas Essbarem, der obligarotischen Gallone Wein (oder zweien oder dreien und gerne mehr davon) sowie um die Suche nach Streicheleinheiten und mehr bei den Damen.

Das Buch besteht aus 17 Kapiteln, kleine Erzählungen, die auch durchaus eigenständig gelesen werden können. 17 Kapitel, 17 Burlesken bis zum tragisch-komischen Finale. Damit spiegelt „Tortilla Flat“ auch die „Le Morte d’Arthur“ von 1485 wieder: Ein historisches Vorbild, das Steinbeck ab Ende der 1950er-Jahre in Neuenglisch übertrug. Veröffentlicht wurde dieses Buch jedoch erst nach seinem Tod: „The Acts of King Arthur and His Noble Knights, From the Winchester Manuscripts of Malory and Others“.

Während König Artur Kettenhemd-starrend und steif sich in den Dienst edler Zwecke stellt, haben die literarischen Nachfahren damit wenig am Hut: Ihre Abenteuer handeln von Wein, Weib und Gesang. Auch wenn Steinbeck im Vorwort noch einen ganz erhabenen Ton anschlägt:

„Nein, wer von Dannys Haus spricht, meint die Einheit, deren Teile Menschen waren, von denen jugendliche Frische und Lebensfreude, Menschenliebe und schließlich eine mystische Trauer ausging. Denn Dannys Haus war König Arthurs Tafelrunde nicht unähnlich, und Dannys Freunde dürfen wohl mit ihren Rittern verglichen werden. Und unsere Geschichte erzählt, wie diese Gruppe ins Leben trat, wie sie erblühte und sich in Schönheit und Weisheit entfaltete. Sie handelt von den Abenteuern der Freunde Dannys, von dem Guten, das sie stifteten, von ihren Gedanken und ihrem Streben.“

Bei aller Schönheit und Weisheit darf nicht übersehen werden, dass Danny und Konsorten alles andere als Adelige und Ritter sind, sondern eigentlich zu den Ausgestoßenen gehören:

„Was ist ein Paisano? Eine Mischung aus spanischem, indianischem, mexikanischem und erlesenem kaukausischem Blut. Seine Vorfahren haben seit ein bis zwei Jahrhunderten in Kalifornien gelebt.“

Aber die Paisanos sind eben nicht in der amerikanischen Gesellschaft angekommen, stehen outside: Während der Ort Monterey vor allem von Fischern italienischer Herkunft besiedelt ist, denen es wirtschaftlich etwas besser geht als den eingesessenen Paisanos, leben diese in ihrer eigenen Siedlung, ihrer eigenen Welt, der „Tortilla Flat“. Tagediebe und Lebenskünstler, die sich mehr recht als schlecht durchschlagen. Das erzählt Steinbeck so unterhaltsam und liebevoll, dass einem die Außenseiter richtig vertraut werden. In der späteren Rezeption erhielt der Schriftsteller für diesen etwas romantisierenden Blick auch sehr viel Kritik. Er habe mit diesem Buch dazu beigetragen, dass Bild des clownesken Mexikaner in der amerikanischen Öffentlichkeit zu prägen, lautete ein Vorwurf. Die Vorwürfe trafen Steinbeck schwer: Er hatte als Gelegenheits- und Wanderarbeiter die Lebensverhältnisse der Paisanos kennengelernt, unter anderem während eines Jobs in einer Zuckerfabrik viel auch von ehemaligen mexikanischen Strafgefangenen erfahren. 1945 griff er die Thematik in „Cannery Row“, eine Art Fortsetzung (deutscher Titel: Die Straße der Ölsardinen) wieder auf.

Eine andere Lesart könnte sich jedoch auch auf die Zeit, in der die Burlesken spielen, beziehen: Danny, die Hauptfigur, ist ein Kriegsveteran, der sich mit 25 Jahren freiwillig zur Armee meldet – „Als Danny dieses Alter erreicht hatte, wurde Krieg gegen Deutschland erklärt.“. Jahre später haben er und seine Freunde in der Heimat den Anschluss verpasst: Auch sie zählen gewissermaßen zu einer „lost generation“. Zurück aus dem Krieg wird Danny jedoch unvermittelt zum Hausbesitzer: Er erbt die beiden Bruchbuden seines Großvaters, vermietet davon eine zu einem symbolischen Wert von 15 Dollar an seinen Kumpel (wohlwissend, dass er dieses Geld nie sehen wird) und gelangt damit zu einer Art von gesellschaftlicher Reputation.

Rund um die beiden Häuser drehen sich die Geschichten, dort spielen sich die kleinen Tragikomödien der „Tafelrunde“ ab, Dialoge voller Witz und ungewollter Weisheit. Diesen Ton trifft John Steinbeck so unnachahmlich gut, ironisch, lakonisch, ein wenig nostalgisch und so locker, dass sich die Burlesken allein dafür zu lesen lohnen. Und für diese Art der Lebensphilosophie darf man das Buch, trotz seiner Schwächen, loben.

Und sollte sich von der Lebenseinstellung eine große Scheibe abschneiden.
Siehe hier – die souveräne Art, wie Danny damit umgeht, dass seine Tafelrunde beim Gelage in der Nacht zuvor die Hälfte seiner Immobilien abfackelte:

„Als die Sonne sich über die Kiefern erhoben hatte, der Boden erwärmt war und der Morgentau auf den Geranienblättern trocknete, begab sich Danny auf die Veranda seines Häuschens und sann, in der Sonne sitzend, über verschiedene Ereignisse nach. Er zog die Schuhe aus und bewegte die Zehen auf den sonnengewärmten Planken. In einer früheren Morgenstunde war er unten gewesen und hatte den schwarzen Haufen Asche und geschmolzener Röhren besichtigt, der das einzige war, was von seinem zweiten Häuschen übriggeblieben. Er hatte sich ein wenig in den vorschriftsmäßigen Zorn über seine nachlässigen Freunde hineingesteigert und ein paar Augenblicke über die Unbeständigkeit alles irdischen Eigentums nachgedacht, die geistigen Besitz umso wertvoller macht. Einige Gedanken hatte er dem Verlust seines Ansehens als Besitzer eines Mietshauses gedwimet; und als die ganze Skala notwendiger und wohlanständiger Empfindungen durchlaufen und abgetan war, gab er sich zum Schluß seinem echten Gefühl hin: der Erleichterung, wenigstens die eine Last los zu sein.
Wenn das Häuschen noch dort stünde, dachte er, so würde ich nach der Miete trachten. Meine Freunde sind mir gegenüber kühl geworden, weil sie mir Geld schuldeten. Jetzt können wir wieder frei und glücklich miteinander sein.“

Die Botschaft des Buches ist einfach: Genieße das Leben. Aber das ist einem in der Literatur auch schon weitaus platter oder anstrengender vermittelt worden. Auf in die Tortilla Flat!

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