Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln

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Bild von Ben Kerckx auf Pixabay

„Aber letztendlich, was können wir dafür, wir sind halt Holzwürmer.“

Julian Barnes, „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“

Und manches Mal sind Holzwürmer vielleicht sogar die besseren Menschen – auf diesen nihilistischen Gedanken könnte man durchaus kommen bei der Lektüre dieses wundersam-eigenartigen Buches. In zehn Kapiteln schreibt Julian Barnes über die Arche Noah, Wale und im Wal Gefangene, Schiffbrüchige, Piraten, Untergehende, solche, die sich gerade noch über Wasser halten und solche, die sich in diesem treiben lassen. Und er schreibt über Holzwürmer, die halt dann doch den längeren Atem haben als diese seltsame Spezies Mensch, die es fertigbringt, den Ast, auf dem sie sitzt, selber abzusägen. So dumm wäre ein Holzwurm denn doch nicht.

Man kann über dieses Buch vieles schreiben. Auch so:

„Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln beantwortet die Frage nach Fortgang und „Ziel“ der Menschheit sowie nach der Möglichkeit, sie wahrhaft und eindeutig zu erzählen. Im Sinne der postmodernen Theorie negativ: Geschichte zerfällt in Geschichten, die sich negativ widersprechen, relativieren oder auch kommentieren und ergänzen können. Charakteristisch für Barnes ist jedoch die Einbettung dieses theoretischen Gehalts in überraschende Handlungen und einen ironischen Erzählton.“ (Quelle: „Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher).

Man könnte aber auch sagen: Charakteristisch ist für Julian Barnes, dass er sich bei allem Weltzweifel und Skeptizismus, den er gegenüber der Fortschritts- und Entwicklungsfähigkeit seiner Mitmenschen hegt, einen Glauben bewahrte – den, das die Liebe manches heilt. Und die dem ganzen Treiben auf Archen und Schiffen letzten Endes einen Sinn gibt.

„Und so ist es auch mit der Liebe. Wir müssen daran glauben, sonst sind wir verloren. Vielleicht erreichen wir die Liebe nicht, oder wir erreichen sie und stellen dann fest, daß sie uns unglücklich macht; trotzdem müssen wir daran glauben. Tun wir das nicht, dann kapitulieren wir einfach vor der Geschichte der Welt und vor anderer Leute Wahrheit.“

Ein großes Wort, ein naiver Gedanke, mag man meinen. Aber diesem Glauben hat der Leser schließlich das zehneinhalbste Kapitel zu verdanken. Jenes Kapitel, übertitelt „In Klammern“, das insbesondere jetzt beim Wiederlesen zu einem der berührendsten und schönsten Texte von Julian Barnes wird. Denn: 2008 verlor der englische Schriftsteller seine Frau Pat, mit der er über 30 Jahre lang zusammen war, nach einer Tumordiagnose innerhalb weniger Wochen. 2014 erschien sein Buch „Levels of life“ (eine ausführliche Besprechung findet sich bei den Zürcher Miszellen).

Ein Verlust, ein Einschnitt im Leben dieses Mannes, dessen Bedeutung für Barnes bei der Lektüre von „In Klammern“ deutlich wird. Denn dieses Kapitel ist eine der schönsten Liebeserklärungen, die ich bei einem männlichen Schriftsteller an seine Frau gelesen habe. Nur der Beginn davon:

„Ich erzähle Ihnen jetzt mal was von ihr. Es ist dieser mittlere Abschnitt der Nacht, wenn kein Licht durch die Vorhänge dringt, das einzige Straßengeräusch das Gequengel eines heimkehrenden Romeos ist, und die Vögel noch nicht mit ihrem routinemäßigen und doch aufmunternden Geschäft begonnen haben. Sie liegt auf der Seite, von mir weggedreht. Ich kann sie in der Dunkelheit nicht sehen, doch nach dem gedämpften Auf und Ab ihres Atems könnte ich Ihnen einen Plan von ihrem Körper zeichnen. Wenn sie glücklich ist, kann sie stundenlang in der gleichen Stellung schlafen. Ich habe in den kloakigen Teilen der Nacht immer schön auf sie aufgepasst, und ich kann bezeugen, daß sie sich nicht bewegt. Natürlich mag das einfach an guter Verdauung und ruhigen Träumen liegen; aber für mich ist es ein Zeichen von Glücklichsein.“

Dieses Behüten und Beobachten in der Nacht bringt Barnes auf Reflexionen über die Liebe und die Unmöglichkeit, darüber in Prosa zu schreiben:

„Aber es gibt kein Genre, das auf den Namen Liebesprosa hört. Das klingt unbeholfen, fast wie ein Widerspruch in sich. LIEBESPROSA – EIN HANDBUCH FÜR TRANTÜTEN. Zu finden in der Abteilung Laubsägearbeiten.“

Barnes ist ein Schriftsteller, der Worte abwägt, seziert, ihren Einsatz durchdenkt. Und so philosophiert er über das Wesen der Liebe, fordert auf „bei der Liebe, ihrer Sprache und ihren Gesten“ präzise zu sein.

„Wenn sie unsere Rettung sein soll, müssen wir sie so klar betrachten, wie wir lernen sollten, den Tod zu betrachten.“

Um dennoch feststellen zu müssen: Das Geheimnis der Liebe, das Geheimnis von Paaren, es ist nicht zu ergründen. Gelänge es, bräuchte man nicht mehr darüber zu schreiben. Gelänge es, wäre es das Ende der Welt – was gäbe es dann noch zu tun? Gelingt die Liebe jedoch nicht, so hat Barnes einen guten Rat:

„Trotzdem müssen wir an Liebe glauben, genau wie wir an Willensfreiheit und objektive Wahrheit glauben müssen. Und wenn die Liebe eine Enttäuschung ist, sollten wir der Geschichte der Welt die Schuld geben.“

Barnes musste in diesen Nächten – in denen er dies dachte und den Schlaf seiner Frau bewachte – der Welt keine Schuld geben. Er konnte schreiben: „Für mich ist SIE der Mittelpunkt der Welt.“

Sein Mittelpunkt ist von ihm gegangen – und dies macht dieses wunderschöne Kapitel in der Geschichte der Welt jetzt zu etwas ganz Neuem, nun beim Wiederlesen. Und das Wort von Philip Larkin, das Barnes zitiert, – „Die Liebe ist, was von uns überlebt“ – bekommt nochmals eine andere, eine besondere Bedeutung.

Angaben des Verlages zum Buch: Hier.

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