Annelies Verbeke: Dreissig Tage

„Immer aufgekratzter wird er von den Hügeln, den Kurven. Der Hopfen ist geerntet. Dankbarkeit fühlt er, weil die weite Landschaft in den vergangenen Monaten nicht aufgehört hat, ihn zu umarmen.“

Annelies Verbeke, „Dreissig Tage“, Residenz Verlag.

Die Landschaft wird ihn umarmen, die Menschen jedoch nicht – so viel darf gesagt sein, zumal schon der Klappentext verrät, dass dieser Roman auf trauriges Ende zusteuert. Er, das ist Alphonse, ein 40-jähriger Musiker, der der Stadt den Rücken gekehrt hat. Mit seiner wesentlich jüngeren Partnerin Kat ist er von Brüssel aufs Dorf gezogen, will in der Ruhe der flämischen Landschaft selbst zur Ruhe kommen. Er verdingt sich als Handwerker, hilft, wo er kann, hört die Geschichten der Häuser, in die er für Reparaturarbeiten kommt und die ihrer Bewohner, leiht ihnen sein Ohr und seine Zeit, bleibt aber innerlich immer unabhängig.

Einer, der da sein kann und will für andere und doch für sich ist. Doch nicht diese Lebensart, diese innere Freiheit, die jene besonders stört, die nicht zu ihr fähig sind, wird ihm zum Verhängnis. Sondern schlicht und einfach seine Hautfarbe: Denn Alphonse ist gebürtiger Senegalese.

„Dreissig Tage“ reiht sich ein in eine Reihe von Romanen der jüngeren Zeit – erinnert sei nur an die Bücher von Dörte Hansen oder aber auch „Unterleuten“ von Juli Zeh – die das Land zur eigentlichen Hauptfigur machen. Bei der belgisch-flämischen Autorin Annelies Verbeke ist es das bereits von Jacques Brel so kongenial besungene Flandernland, „mijn vlakke land“, das hier den Rahmen gibt für eine Dorfgeschichte mit einem besonderen Aspekt: Heimatsuche trifft auf Herzensenge, Migration und Xenophobie stoßen aufeinander.

Zunächst erscheint aber alles heiter und fröhlich, es scheint gut zu laufen für den Handwerker Alphonse, den man beim Lesen mehr und mehr ins Herz schließt, auch weil man die Ecken und Kanten seines Charakters kennenlernt. Alphonse entwickelt sich fast zu einem Seelsorger: Er streicht die Wände, während die Bewohner um ihn herum streichen, sich mehr und mehr öffnen und schließlich ihre Geschichten auspacken. Dass die scheinbar heile Fassade des Dorfes gewaltige Risse hat, dass sich hier die Menschen genauso belügen und betrügen wie jener in der Stadt, das ist Alphonse durchaus bewusst – aber es ist eben das Land, das Leben hier, das seine Seele beruhigt, auch in Momenten innerhäuslicher Zwistigkeiten. Und vor allem liebt er die Menschen in ihren reparaturbedürftigen Häusern.

„Er mag alte Häuser, besonders diese kleinen, schon etwas aus der Form geratenen, mit ihren Handtuchgärten voller Kitsch und Naturpracht, jede Sonnenuhr so blank geputzt, jeder Kelch so liebevoll gehegt, dass selbst der zynischste Wächter des guten Geschmacks davon ergriffen sein muss. Die Pflege, die diese Frau ihrem Gärtchen angedeihen lässt, rührt Alphonse.“

Alphonse wird dem Leser zum Freund

Annelies Verbeke vermag es, einem Land und Leute näher zu bringen, vor allem aber den Charakter Alphonse mit so viel Leben zu erfüllen, dass man ihn gerne durch diese dreissig Tage seines Lebens begleitet – so wie man einem Freund lächelnd gerne beim Arbeiten, Schlafen, Essen, Tanzen und Musizieren zusieht. Sie erzählt in einer zurückhaltenden, ruhigen, poetisch-anschaulichen Sprache und vermag zugleich doch, eine gewisse Spannung aufzubauen, den Leser ahnen zu lassen, dass dies noch alles bitter enden wird.

„Wie kann es sein, dass er sich mit vierzig noch durch ein paar Monate Wohlbefinden und innerer Harmonie in die Irre führen lässt? Insgeheim hatte er angefangen, an eine autobiografische Erfolgsgeschichte zu glauben. Ein Licht, das in ihm leuchtete. Fundamentales Wohlbefinden. Würde er einem bestimmten Glauben anhängen, käme er zu der Überzeugung, er werde nunmehr gestraft für die Art und Weise, in der er in letzter Zeit sein persönliches Glück gehegt und gepflegt hat.“

Dennoch kommt dieses Ende beinahe abrupt, bricht mit unmittelbarer Grausamkeit in dieses Menschenleben ein – etwas, was irritierend wirken mag auf den ersten Blick, was aber, mit etwas Abstand zur Lektüre, umso logischer erscheint: Der Hass gegen andere, das ist oftmals ein Feuer, das lange vor sich herzüngelt und dann explosionsartig aufflammt.

„Dreissig Tage“ ist ein gut zu lesender Roman, der einen zudem auch über kürzer oder länger als 30 Tage nach Flandern entführt. Auch Constanze Matthes bei Zeichen & Zeiten hat dem Buch eine positive Besprechung gewidmet.

Mehr Information zum Buch:

Annelies Verbeke
Dreissig Tage
Residenz Verlag 2018
Übersetzt von Andreas Gressmann
Hardcover, 314 Seiten, 22,00 Euro
ISBN: 9783701716975


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Juli Zeh: Unterleuten

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Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

„Er blieb auf der Lichtung, bis es dämmerte. Immer weiter starrte er in Richtung des Landstreifens, auf dem in wenigen Monaten Krönchens Zukunft aus Stahlbeton und Aluminium errichtet würde. Endlich war auch in Kron das 20. Jahrhundert zu Ende gegangen, diese Epoche des kollektiven Wahnsinns. Mit einem kleinen Schritt war er in der Gegenwart angekommen, im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden. Sich dagegen wehren zu wollen, wäre gleichbedeutend mit dem Aufstand gegen ein Naturgesetz.
Kron fühlte sich gut. Er war jetzt kein Kommunist mehr. Sondern ein Sisyphos, der verstanden hatte, dass die Lösung des Problems darin bestand, den Berg zu kaufen. Oder, dachte Kron, bevor er sich abwandte, um ins Haus zu gehen: ein Don Quijote, der entschieden hatte, seine eigenen Windmühlen zu errichten, statt gegen fremde anzurennen.“

Juli Zeh, „Unterleuten“, Luchterhand Verlag, 2016.

Über Juli Zehs Roman ist in den letzten Tagen auf vielen Blogs ausführlich berichtet worden. Überwiegend positiv. Dem ist nicht viel hinzuzufügen: Ein zügig lesbarer, anspruchsvoller Gesellschaftsroman, der viel aussagt über deutsche Befindlichkeiten und dabei herrlich zu unterhalten weiß. Flüssig erzählt, voller Geschichten in der Geschichte über dieses fiktive Dorf „Unterleuten“. Da steckt alles drin: Der Ausverkauf der neuen deutschen Bundesländer, einfallende westdeutsche Investoren, Ökowahnsinn und Ökospießertum, archaisches Dorf leben, Liebe, Leiden, Leidenschaften. Jeder gegen jeden: Jung gegen Alt, Eingesessene gegen Zugezogene, Vogelschützer gegen Menschenhasser, Altkommunisten gegen Neukapitalisten, Ost gegen West, Dorf gegen Stadt, Mann gegen Frau.

Vor allem dreht es sich in diesem Panoptikum um den Verlust von Utopien: Für die „Alten“ ist der Untergang der Mark Brandenburg, später der Fall der Mauer ein prägender Einschnitt. Für die Jungen geht mit dem tragischen Verlauf der Love Parade in Duisburg die Leichtigkeit verloren. Ganze Politik- und Wertesysteme gehen unter, moralische Leitlinien werden pervertiert – als buchstäblich überragendes Symbol dafür steht ein geplanter Windpark, der auf die Dorf“gemeinschaft“ seine Schatten wirft, alte Konflikte aufwirbelt und den letzten Zusammenhang unter den Leuten verweht.

Ein Untergang – mit Lust und feiner Ironie erzählt, manchmal eine Spur zu nahe an der Posse: Wer nennt seine Tochter „Püppi“? Die Berichterstatterin, eine Reporterin namens „Finkbeiner“! Und vor allem Gerhard: Der intellektuelle Soziologe, im wahren Leben gescheitert, der zum Dorf-Rambo montiert –  man sieht ihn beim Lesen förmlich vor sich, den ewig Engagierten, diskussionsfreudigen Mittvierziger, leicht erregbaren „Killjoy“, wie ihn die knallharte Linda insgeheim bezeichnet (die aber am Ende des Romans auch lernen muss, dass nicht alles im Leben kontrollierbar ist).

„Er war nicht aufs Land gezogen, um zu erleben, wie der urbane Wahnsinn die Provinz eroberte. Er verzichtete nicht auf Theater, Kino, Kneipe, Bäcker, Zeitungskiosk und Arzt, um durchs Schlafzimmerfenster auf einen Maschinenpark zu schauen, dessen Rotoren die ländliche Idylle zu einer beliebigen strukturschwachen Region verquirlten. Gerhard war ein Exilant, geflohen vor dem Gespinst aus Belästigungen, zu der das moderne Leben geworden war.“

Paare – oder besser die Unmöglichkeit des Paarseins – sind ebenfalls Thema dieses „Schmökers“ im besten Sinne: Keines davon wirkt glücklich, am Ende sind die meisten Beziehungen zerbrochen wie die Utopie vom „besseren“ Landleben. Die Frauenfiguren wirken ein wenig stärker, die Männer sind durchwegs Getriebene – von Macht, Geld, Anerkennung, Liebessehnsucht.

Man könnte am Ende meinen, in diesem lesbaren Stück Literatur wird alles niedergeschrieben, jede Hoffnung zerfleddert: Ganz so tragisch nehmen muss man das alles jedoch nicht – man überlese nicht die Ironie, die Übertreibung. „Unterleuten“ ist zwar am Ende – aber die ewig selben Geschichten werden dann eben andernorts erzählt: Schließlich ist das so „Zwischenmenschen“. Wovon Juli Zeh erzählt, ist vom Scheitern von Utopien – am Puls unserer Zeit. Aber wir wissen auch: Menschen sammeln die Scherben auf und basteln sich neue Hoffnungen.

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