Lawrence Block (Hg.): Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Wer sind Sie?“
Bosch erstarrte.
„Wie meinen Sie das?“, fragte er.
„Mit wem identifizieren Sie sich?“, fragte sie. “Mit dem einsamen Mann, dem Paar, das nicht allzu glücklich wirkt, dort zu sein, oder dem Mann hinter dem Tresen? Wer sind Sie?“
Bosch wandte den Blick von ihr ab, betrachtete wieder das Bild.
„Ich weiß nicht recht“, antwortete er. „Und Sie?“
„Definitiv der Einzelgänger“, sagte sie. „Die Frau wirkt gelangweilt. Sie inspiziert ihre Fingernägel. Ich langweile mich nie. Ich nehme den Einsamen.“
Bosch starrte auf das Gemälde.
„Ja, ich auch, schätze ich“, sagte er.
„Was glauben Sie, was für eine Geschichte steckt dahinter?“, fragte sie.
„Wie, bei denen? Wie kommen Sie darauf, dass es eine Geschichte gibt?“
„Es gibt immer eine Geschichte. Malen heißt Geschichten erzählen. Wissen Sie, warum es Nighthawks heißt?
„Nein, eigentlich nicht.“

Michael Connelly, „Nachtfalken“, in: „Nighthawks. Stories nach Gemälden von Edward Hopper“, herausgegeben von Lawrence Block, Pegasus Books 2016, in deutscher Übersetzung 2017 beim Droemer Verlag.

Es ist eines der berühmtesten Gemälde der modernen Kunst, dieses Bild von den einsamen Nachtfalken in einer amerikanischen Bar. 1942 entstanden, inspiriert es bis heute andere Kunstschaffende, seien es Maler, Musiker oder auch Autoren. Von Gottfried Helwein bis Banksy, von Tom Waits bis zu den Nighthawks, von Peter Handke über Richard Ford bis hin zu Joyce Carol Oates – die auch in dieser Anthologie vertreten ist, allerdings mit einer Erzählung zu einem anderen Hopper-Gemälde, „Eleven A. M.“ (1926) – sie alle griffen auf dieses Motiv, das wie kein anderes die Einsamkeit in der Moderne symbolisiert, zurück.

Edward Hopper (1882 – 1967) gilt als der Chronist der Ödnis der amerikanischen Vorstädte und der Provinz, seine Gemälde erzählen von Einsamkeit, isolierten Menschen, sie sprechen von der Monotonie des Lebens und enttäuschten Erwartungen. Wer Hopper als den Vertreter des amerikanischen Realismus in der Malerei begreift, der begreift auch, dass es nicht viel ist, was das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bieten hat.

Seine Bildgestaltung, die klaren Konturen, die präzisen Formen, sie scheint einzelne Momente festzuhalten, Momentaufnahmen, beinahe wie in der Fotografie. Und doch laden vor allem die melancholischen Unterströmungen – bedrückt wirkende Menschen, eine Körperhaltung, die Zweifel und Einsamkeit vermittelt, verlassene Orte – geradezu ein, das Bild über den festgehaltenen Moment hinaus zu erforschen, die dahinterliegende Geschichte zu ergründen.

Anlässlich einer Hopper-Ausstellung schrieb der Schriftsteller John Updike:

„Der Mensch war Hoppers Hauptmotiv, wenngleich er Personen nicht besonders gut malen konnte. Sie erscheinen oft steif und fahl; die überzeugendsten sind jene mit sanft angedeuteten Gesichtern, wie die grübelnde Frau in Hotel Room (1931) und New York Movie (1939). Dennoch empfinden wir seine Porträts der conditio humana bewegender und eindrücklicher als diejenigen von weit lebendiger malenden Zeichnern wie Reginald Marsh und Thomas Hart Benton. Hopper war vergleichsweise zurückhaltend; statt seine Subjekte für eine Aussage zu benutzen – über unsere naturwüchsigen Energien, wie bei Marsh, oder als prismatische Verdichtung unserer sozialen Welt, wie bei Benton –, scheint Hopper darauf zu warten, dass seine Figuren von sich aus das Geheimnis ihrer Bedeutung lüften. Wie bei Vermeer sickert ein Geheimnis in das Bild ein und durchtränkt noch die unscheinbarsten Handlungsebenen.“
Quelle: https://www.zeit.de/2004/23/Hopper 

Dieses Geheimnis, das alles durchtränkt – es brachte wohl auch den amerikanischen Kriminalschriftsteller Lawrence Block dazu, etliche seiner Kolleginnen und Kollegen anzugehen und um Geschichten zu einzelnen Hopper-Bildern zu bitten.

Im Vorwort dieses Sammelbandes, der 2016 in den USA erschien und deutscher Übersetzung sowie in schöner Gestaltung Ende 2017 beim Droemer Verlag (jeder Story ist auf einer Seite das entsprechende Hopper-Gemälde vorangestellt), stellt Block jedoch eines klar:

„Hopper war jedes Mal bestürzt, wenn seine Arbeiten als Illustrationen abqualifiziert wurden. Wie bei allen anderen abstrakten Expressionisten auch, galt sein Interesse Form, Farbe und Licht, nicht der Bedeutung oder dem Erzählerischen.
Hopper war weder Illustrator noch narrativer Künstler. Seine Bilder erzählen keine Geschichten. Stattdessen vermitteln sie – kraftvoll und unwiderstehlich – den Eindruck, dass sich darin Geschichten verbergen, die nur darauf warten, erzählt zu werden.“

17 Autoren erzählen also in „Nighthawks“ Geschichten zu Gemälden Hoppers, darunter unter anderem zu den titelgebenden Nachtfalken, zu Summer Evening (1947), Hotel Room (1931), New York Movie (1939) und weiteren Bildern, die durch ihre Bildsprache bis heute prägender Bestandteil der amerikanischen Kultur sind. Bei einem Herausgeber wie Block, selbst mehrfach preisgekrönter Kriminalautor, liegt es nahe, dass unter den beteiligten Schriftstellern etliche aus diesem Genre kommen. So unter anderem Megan Abbott, Jeffery Deaver und Lee Child. Außerdem ließen sich auch, wie bereits erwähnt, Joyce Carol Oates und zudem Stephen King, um die zwei bekanntesten Namen dieser Anthologie zu nennen, von Hoppers Darstellungen inspirieren.

Nicht alle der Erzählungen sind literarisch auf einer Höhe. So wirkte „Abenddämmerung“ von Robert Olen Butler zum 1914 entstandenen Bild „Soir bleu“ auf mich etwas konstruiert, dagegen fällt „Zimmer am Meer“ von Nicholas Christopher zu “Rooms by the Sea“ (1951) thematisch und sprachlich aus dem Rahmen, doch alle Stories eint, dass das Geheimnis hinter dem Bild meist ein düsteres und nicht selten ein blutiges ist. Die Geschichten (und damit auch die Bilder) erzählen von Männern, die aus Liebe töten, von Frauen, die Sadisten in die Hände fallen, die Frauen, die sich und andere rächen, von enttäuschten Hoffnungen und gebrochenen Herzen.

Meist ist das jeweilige Bild „nur“ die Grundlage, auf der sich eine Geschichte dazu entwickelt, das Gemälde als Anstoß der schriftstellerischen Phantasie. Dass die Gemälde selbst thematisiert werden – so wie in Michael Connellys Beitrag – oder gar Edward Hopper selbst mittelbar auftritt, bildet die Ausnahme. Für diese sorgt die Kunsthistorikerin Gail Levin, die als die Fachfrau zu Hoppers Werk gilt, Bücher über ihn herausgab und Hopper-Ausstellungen kuratierte. Inwieweit ihre fiktive Erzählung vom Prediger, der sammelt, einen Kern der Wahrheit enthält, entzieht sich meiner Kenntnis. Dadurch offenbart sich jedoch ein kleiner Mangel dieses schön gemachten Buches: Ein Überblick mit den wichtigsten Daten zu Hopper wäre eine feine Ergänzung gewesen.

Abgesehen davon ist „Nighthawks“ ein unterhaltsam zu lesendes Experiment: Das Buch zeigt aufs Beste, wie sich Künste gegenseitig inspirieren können – und welche Gedanken ein Bild in Gang zu setzen vermag. Ein Projekt, das im Grunde Auftakt zu einer Reihe sein könnte: Es gibt noch einige Künstler und Bilder mehr, zu denen man herrliche Geschichten erzählen kann.

Informationen zum Buch: https://www.droemer-knaur.de/buch/9376030/nighthawks

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