Ein Schloss für die Literatur

Schreiben ist zunächst ein einsames Geschäft. Doch wie jede andere Kunstform auch sucht und braucht die Literatur die Öffentlichkeit und bedarf der Vermittlung und Pflege. In Bayerisch-Schwaben hat man dafür seit 2009 einen Ort, der ein besonderes Alleinstellungsmerkmal besitzt: In Edelstetten (Landkreis Günzburg) gibt es das einzige Literaturschloss Bayerns. Und auch in anderen Bundesländern muss man wohl lange nach solch einer fürstlichen Heimat für Poesie und Dichtung suchen.

Der vollständige Beitrag über das Literaturschloss Edelstetten ist erschienen in der Ausgabe 71 des Magazins „top schwaben“.

Informationen zum Verein „Schwäbisches Literaturschloss Edelstetten“: http://www.literaturschloss-edelstetten.de/

Maria Leitner: Amerikanische Abenteuer

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Mahnmal in Saint-Laurent-du-Maroni. Bild von Paul Cornec auf Pixabay

„It pays to advertise“ (Reklame lohnt). Das ist der Wahlspruch der amerikanischen Bourgeoisie. Mit vollkommener Konsequenz wird er ausgeführt. „Amerika ist Gottes eigenes Land.“ Hier zu leben ist ein außerordentlicher Vorzug, wofür man ewig dankbar sein muss. (Nicht nur Gott, sondern auch der Bourgeois.) In jeder Form wird den Arbeitern versichert, dass ihnen kein anderes Land der Welt solche „Chancen“ bietet, dass hier der Weg allen Tüchtigen offen steht. Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Eine neue Regierungsstatistik besagt, dass 76 Prozent aller Einwohner der Vereinigten Staaten vollkommen mittellos sterben. Die Elendsviertel in den amerikanischen Großstädten müssten jeden denkenden Menschen zu der Frage zwingen: Wieso ist das in dem reichen Amerika, in dem „Paradies“ möglich? Die Statistiken sind da, die Elendsviertel sind sichtbar, aber sie werden überstrahlt von der Reklame.

Maria Leitner, Zitat aus: „Weißer Abschaum. Aus dem amerikanischen Arbeiterparadies“, erschienen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung Berlin, 1929.

Die Journalistin und Schriftstellerin Maria Leitner kannte das Elend der amerikanischen Arbeiter aus eigener Erfahrung mehr als genug. Sie wusste, wie es ist, vor „einer Madam“ im Stellungsbüro zu sitzen und zu hoffen, dass die Befragung gut für einen ausgeht. Sie kannte die Sorgen der Emigranten mit zwei, drei Jobs. Leute, die sich kaum über Wasser halten können, von denen aber in der „alten“ Heimat angenommen wird, sie lebten im Wohlstand und angenehm. Sie kannte die dunklen, ungeheizten Hinterzimmer für die „Dienstboten“, die Erniedrigungen durch die Arbeitgeberin, das Hoffen und Bangen in drittklassigen Künstleragenturen. Sie kannte das alles aus eigener Anschauung:

„Als Arbeitssuchende oder Stubenmädchen, Weberin oder Zigarettenarbeiterin erprobte sie in über 80 Stellungen zwischen 1925 und 1928 den amerikanischen Alltag“, so Helga W. Schwarz im Nachwort zu „Amerikanische Abenteuer“.

Helga W. Schwarz dagegen kennt wohl Maria Leitner wie niemand sonst: Die 1938 in Chemnitz geborene Ingenieurin kaufte sich 1962 für eine Zugfahrt „Eine Frau reist durch die Welt“, ein Reportagenroman Maria Leitners, der 1932 erstmals erschienen und später in einem Verlag der DDR neu aufgelegt wurde. Die Chemnitzerin war begeistert von dem Mut dieser Frau, die allein, auf sich gestellt, nicht nur in Nordamerika jobbte, sondern auch als Journalistin für den Ullstein Verlag in den europäischen Kolonien  in Teilen Südamerikas, unter anderem in Guayana und der berüchtigten Teufelsinsel), unterwegs war. Mit diesen Berichten, die zwischen 1925 und 1931 entstanden, gelang Leitner „der Durchbruch als Journalistin in Deutschland“.

Das Schicksal der 1892 im kroatischen Varaždin, damals zu Österreich-Ungarn gehörend, geborenen Leitner, die 1942 auf der Flucht vor den Nationalsozialistin in Marseille entkräftet starb, ließ Helga W. Schwarz nicht mehr los: Jahrzehntelang erforschte sie, unterstützt von ihrem Ehemann Wilfried, das wechselvolle und abenteuerliche Leben dieser Frau, die als linke, sozialkritische Autorin immer wieder aus den Ländern, in denen sie lebte, flüchten musste und denn weiter so wachsam und kritisch durch die Welt wanderte. Helga W. und Wilfried Schwarz zeichnen für die beim AvivA-Verlag erschienen Bände mit Arbeiten Maria Leitners verantwortlich. Gemeinsam sind sie zudem Herausgeber des 2017 in erweiterter Fassung veröffentlichten Sammelbandes „Abenteuer Amerika“ mit Originaltexten von 1925 bis 1935.

Die Reportagen aus Nord- und Südamerika, in denen Leitner mit kritischem Blick von der sklavenähnlichen Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Kolonien und  dem Elend der Gefangenen auf der Teufelsinsel (ihr berühmtester Häftling war Alfred Dreyfus) berichtet, sind in diesem Buch als Originaltexte, oftmals ergänzt durch Faksimiles der jeweiligen Zeitungsausgaben, enthalten. Bereichert wird dies noch durch den Abenteuerroman „Wehr dich, Akato!“. Der Text, der zunächst in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung erschien und aufgrund des Verbots der Zeitung nicht weiter veröffentlicht werden konnte, war lange nur als Fragment bekannt. Dass er nun erstmals in vollständiger Fassung vorliegt, auch dies ist der unermüdlichen Forschung von Helga W. Schwarz zu verdanken.

Ein Vergleich mit den „rasenden“ Reportern jener Zeit, Egon Erwin Kisch und Albert Londres, der 1923 ebenfalls über die Zustände in Guyana berichtet hatte, drängt sich förmlich auf: Wie ihre beiden männlichen Kollegen war Maria Leitner bei der Berichterstattung die Außensicht nie genug, sie schlüpfte in Rollen, um aus eigener Erfahrung berichten zu können, um vor allem das Leben derjenigen, die unter den politischen und wirtschaftlichen Zuständen dieser Zeit zu leiden hatten hatten, selbst zu spüren. Dabei sind ihre Reportagen jedoch nicht nur sozial- und kolonialkritisch, sondern durch Fakten untermauert und ergänzt. Sie zeigt auf, wie der Kolonialismus und wirtschaftliche Ausbeutung zusammenhängen:

„Einer der wichtigsten Naturschätze in Südamerika ist das Petroleum. Man kann die Rolle des „flüssigen Goldes“ in allen Unruhen nicht übersehen.
In Peru besitzen die Amerikaner 81 Prozent der Petroleumfelder, in Venezuela 40 Prozent, in Kolumbien sogar 100 Prozent“, schreibt sie 1931 für das Magazin „Uhu“ aus Südamerika. „Auf einem Atlas war die Petroleumerzeugung der Welt grafisch dargestellt. Die Vereinigten Staaten führten bei weitem. Im Jahre 1929 haben sie 68 Prozent der gesamten Weltproduktion geliefert; Venezuela, das an zweiter Stelle steht, 9,4 Prozent; Sowjetrussland, an dritter Stelle, 6,6 Prozent. Auch beim Verbrauch des Petroleums führen die Staaten. 60 Prozent des Weltbedarfs wird von ihnen in Anspruch genommen.“

Die prozentualen Anteile haben sich zwar inzwischen verändert – doch in der Darstellung vom Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ausbeutung und politischer Instabilität sind die Texte von Maria Leitner noch immer aktuell. Mit ihrem genauen Blick und ihrem analytischen Denken wäre Maria Leitner wohl auch heute eine unbequeme Kritikerin der „Globalisierung“.

Maria Leitner, „Amerikanische Abenteuer“, herausgegeben von Helga und Wilfried Schwarz, NORA Verlagsgemeinschaft, Berlin, 2017, ISBN 978-3-86557-421-3, 22,00 Euro.

Maria Leitner: „Ich habe immer gegen die Ungerechtigkeit gekämpft.“

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

„Ein Bankbeamter erzählt mir: Ich bin Jahrgang 1890. Habe den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag durchgemacht. In dem Alter, in dem man sonst um eine sichere Lebensstellung kämpft, lag ich im Dreck und wartete auf den Tod. Anderen erging es auch nicht besser und sie haben sich heraufgearbeitet und ihr Glück gemacht. Das mag stimmen. Aber unter den vielen Tausenden gab es nur einige Glückliche und ich gehöre eben zu den Tausenden, zu dem Durchschnitt. Nach dem Kampf draußen kamen die Kämpfe in der Heimat. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Kampf um ein Gebiß. Das klingt sicher sehr komisch und eher lächerlich. Und doch schien er mir ebenso wenig lächerlich wie der Kampf um Verdun. Meine Zähne wurden im Krieg schlecht. Zahnlos konnte ich keine Stellung suchen. Die Behörden behaupteten, meine Zähne hätten nichts mit dem Krieg zu tun.“

Aus: „Bankbeamter vor dem Abbau“, erschienen in der Berliner Abend-Zeitung Tempo, 5. November 1929

Es sind die Stimmen der Unterprivilegierten, der kleinen Leute, denen sie Gehör verschafft hat. Jede ihrer Reportagen zeichnet ein realistisches, nüchternes Bild der Weimarer Republik im Niedergang – Massenarbeitslosigkeit, Inflation und das Trauma des Krieges im Rücken. Sie muss eine ungeheuer wache und mutige Frau gewesen sein: Maria Leitner (1892-1942), die das Schicksal so vieler anderer begabter, talentierter Menschen dieser Zeit teilt: Im Nationalsozialismus vertrieben, im Exil verschollen, später vergessen. Dabei zählt sie – berücksichtigt man zudem, dass wohl etliche ihrer Schriften auf der Flucht vor den Nazis für immer verloren gingen – auch zu einer der produktivsten Journalistinnen und Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Vor allem ihre Reportagen vermitteln auch heute noch ein eindrückliches, lebendiges Bild dieser Zeit.

Cristina Fischer schreibt in „Die junge Welt“:

„Unscheinbar und voll unbändiger Energie muss Maria Leitner Mitte der 30er Jahre durch das faschistische Deutschland gehuscht sein. Als engagierte Kommunistin aus einer jüdischen Familie war sie 1933 über Prag nach Paris geflohen. Inkognito kehrte sie immer wieder aus dem Exil zurück, um an Schauplätzen der Kriegsvorbereitung brisantes Material zusammenzutragen. Für Reportagen, die ihresgleichen suchen. Es war ihre zweite Emigration. Aufgewachsen war Leitner in Budapest, wo sie die Kommunistische Jugend mitgegründet haben soll. Im August 1919 war die ungarische Räterepublik nach vier Monaten gefallen. Leitner hatte das Land verlassen müssen. So verschlug es sie nach Berlin, wo sie als Journalistin arbeitete. Bekanntheit erlangte sie 1932 mit einem Reportageroman über ihre Erfahrungen als Billigjobberin in verschiedenen Ländern, »Eine Frau reist durch die Welt«. Auch ihr Roman »Hotel Amerika« (1930) über elende Arbeitsbedingungen in einem New Yorker Luxushotel fand Beachtung. Polnische, russische, spanische Übersetzungen erschienen. Heute wäre Leitner gleichwohl weitgehend vergessen, hätte die Publizistin Helga Schwarz nicht seit den 60er Jahren Biographie und Werk erforscht.“

Paris und Prag bleiben ab 1933 nicht die einzigen Stationen dieser Frau auf der Flucht. 1942 stirbt sie, entkräftet und ausgehungert, in Marseille, nachdem sie sich lange vergebens um eine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung für die USA bemüht hatte. Lange galt Maria Leitner als verschollen, von der umtriebigen und herumgetriebenen Einzelgängerin sind wenige private Zeugnisse hinterlassen. Erst Helga Schwarz hat ihr Schicksal zur Gänze aufgedeckt.

In der Reihe der „Wiederentdeckten Schriftstellerinnen“ des AvivA Verlages wurden  zwei Bände mit journalistischen und belletristischen Arbeiten von Maria Leitner veröffentlicht.

2013 erschien „Mädchen mit drei Namen“: Neben Reportagen aus Deutschland aus den Jahren 1928 bis 1933 enthält der Band auch den titelgebenden Roman. Dieser erscheint wie eine ernstere Version eines im selben Jahr herausgekommenen Buches von Irmgard Keun: Ein „kunstseidenes Mädchen“, weniger flapsig, mehr Moll im Ton. Veröffentlicht wurde er als Fortsetzungsroman im der Zeitung „Die Welt am Abend“, die am 11. Juli 1932 stolz verkündete:

„Die unseren Lesern durch ihre Romane und Reportagen bekannte Schriftstellerin Maria Leitner hat für die Welt am Abend einen Berliner Roman unter dem Titel „Mädchen mit drei Namen“ geschrieben, mit dessen Veröffentlichung wir morgen beginnen. Maria Leitner schildert in diesem Roman, der besonders Frauen interessieren dürfte, die Erlebnisse eines jungen Mädchens, das aus der Provinz nach Berlin kommt, in die Fürsorge gerät, entflieht, neues Mißgeschick erfährt und zuletzt den Weg findet, der allein eine Rettung aus allem Wirrwarr verheißt.“

Fehlgedacht, wer meint, es sei die in den 1930er-Jahren den Frauen nahegelegte Rettung in Ehestand und Mutterschaft, die der Roman zum Ende propagiert: Schließlich war „Die Welt am Abend“ eine kommunistische Boulevardzeitung und Maria Leitner eine linke, feministische Autorin. Die Rettung ihrer Ich-Erzählerin lag folgerichtig im Erwachen ihres politischen Bewusstseins und in der Solidarität mit anderen.

Ähnlich wie auch bei anderen politisch denkenden und schreibenden Autoren wie beispielsweise Theodore Dreiser, der später vergeblich Maria Leitner aus Europa heraushelfen wollte oder auch Upton Sinclair leidet bei Maria Leitner zwar der literarische Stil ein wenig unter der politischen Intension. Stärker und dezidierter im Stil sind ihre journalistischen Arbeiten und Portraits: Der „Bankbeamte vor dem Abbau“, der von den Nöten und Ängsten der unteren Mittelschicht erzählt, das Tauentzien-Girl, das für 16 Mark die Woche rund um die Uhr Reklamezettel verteilt, das Warenhausfräulein, die Stenotypistin, das Dienstmädchen, die Hebamme, die ledige, selbst noch kindliche Mutter. Es sind die Menschen, meist die Frauen, die in den „Berliner Miniaturen“ und den Großstadt-Reportagen, die Maria Leitner zwischen 1928 und 1933 schrieb, im Mittelpunkt stehen. Maria Leitner muss nicht nur eine aufmerksame Beobachterin gewesen sein, sondern auch jemand, zu dem die Menschen Vertrauen fassten, dem sie sich öffneten – sie erzählen von der Tristesse ihres Lebens, vom Ringen um jeden Pfennig, von der Hilflosigkeit angesichts der zunehmenden Verarmung, von ihrer Wut und ihrem Zorn. In kurzen Portraits zeichnet sie Figuren dieser Zeit – so wie Fräulein Hase, eine in „Ehren ergraute Sekretärin“:

„Man spricht nur noch über „unsere Kolonien“, „unsere Flotte“, „unsere Kriegshelden“. Für dieses „unser“ haben die Kleinbürger teuer zahlen müssen. Sie wurden enteignet und verproletarisiert. Sie leben wie Proletarier, sie ahnen aber nichts von der Sendung des Proletariats. Sie möchten nur zurückkriechen in eine Vergangenheit, die es nur in den Lesebüchern und in ihrer Phantasie gab. Fräulein Hase früh gealtert, mit einem nervösen Tick behaftet, immer ausgebeutet, geplagt von Hunger und Angst vor einem Hauswirt, der sie und ihre Mutter jeden Tag auf die Straße setzen könnte, hat sich trotzdem nicht geändert.
Sie wäre tief verletzt, wenn man sie als eine Proletarierin ansprechen würde. Sie ist stolz auf ihre gute Familie, sie ist stolz auf ihre Tugend, die sie vor Versuchungen schützte, so drückt sie sich aus.“

Auch der 2014 vom AvivA veröffentlichte Band „Elisabeth, ein Hitlermädchen“ vereint den (erneut) titelgebenden Roman und weitere Reportagen, die zwischen 1934-1939 entstanden sind. Vor allem anhand dieser Arbeiten wird der außergewöhnliche Mut dieser Frau deutlich: Maria Leitner war als gebürtige Ungarin, Linke, Feministin, Revolutionärin, kritische Autorin und Jüdin im „Dritten Reich“ in mehrfacher Hinsicht gefährdet. Doch noch aus dem Exil reiste sie mehrere Male zurück nach Deutschland, um dort unter Lebensgefahr über die Kriegsvorbereitungen vor Ort zu recherchieren und Material für ihre Veröffentlichungen zu sammeln, die sie noch einige Zeit in französischen, tschechischen und russischen Zeitungen platzieren konnte. Undercover recherchiert sie in Berlin, Leverkusen, Wittenberg, schafft es zu den Giftküchen bei Hoechst, berichtet über die Solinger Waffenschmiede und aus dem noch freien Saarland. Neben der Aufrüstung thematisiert sie auch das Alltagsleben der Deutschen, zwischen „Kraft durch Freude“ und Antisemitismus. Wie stark ihre Überzeugungskraft gewesen sein muss, zeigt eine eher anekdotenhafte Geschichte aus Düsseldorf: Es gelingt ihr, in das längst schon für die Öffentlichkeit gesperrte „Heinrich Heine- Zimmer“ in der Stadt- und Landesbibliothek zu kommen.

„Ich gebe mich damit aber noch nicht zufrieden und gehe in die Kartothekräume der Bibliothek. „Könnte ich, bitte, das Heine-Zimmer sehen?“
Alle Anwesenden, Frauen und Männer, es sind die Angestellten der Bibliothek, halten in ihrer Arbeit inne und blicken mich verwundert an. Einer knurrt: „Wissen Sie denn nicht, daß das Heine-Zimmer geschlossen ist? Von wo kommen Sie denn her?“
„Aus Amerika“, sage ich, „und ich bin in Düsseldorf nur ausgestiegen, um das Heine-Zimmer zu sehen.“
Alle starren mich an, als wäre ich ein Wundertier: die kommt aus Amerika und ahnt nichts davon, wie es in Deutschland zugeht! Aber gab es nicht auch Leute im Krieg, die nichts von ihm wussten? Ich blicke heiter und unbefangen vor mich hin.“

Das Lakonische, der pointierte und spritzige Stil ihrer Reportagen bleibt in den Romanen etwas zurück. Spürbar ist, dass die Journalistin, die den Fakten verhaftet ist, ihrer Phantasie Zügel anlegt – vieles bleibt schemenhaft, die Figuren sind eher „Typen“ als deutlich herausgearbeitet. Aber dennoch ist „Elisabeth, ein Hitlermädchen“, lesenswert, wenn man es als wohl wohleinzigartiges Zeugnis dieser Zeit nimmt. Der Roman, ebenfalls ein Resultat der Recherchen, die Maria Leitner in NS-Deutschland unternahm, zeigt Einblicke in eine Welt, die so häufig nicht dokumentiert sind – in die Welt der jungen Frauen, die aus politischen oder anderen Gründen in Arbeitslager abgeschoben wurden. Schon die Tatsache, dass eine jüdische Linke aus der Sicht eines Hitlermädchens schrieb ist ungewöhnlich genug.

Die naive Elisabeth, Schuhverkäuferin, lernt einen SA-Jungen aus besseren Kreisen kennen, wird schwanger, muss abtreiben, kommt in ein Arbeitsdienstlager der Landhilfe im Osten. Dort werden junge Frauen gedrillt und gehirngewaschen. Bei Elisabeth, die anfangs noch tapfer dem Glauben an den „Führer“ anhängt, beginnt nach dem Selbstmord einer Freundin langsam ein Sinneswandel.

Der Roman erschien 1937 in der Pariser Tageszeitung. Es ist anzunehmen, dass wenige derer, die Leitner mit ihren Arbeiten erreichen wollte, „Elisabeth“ gelesen haben. Maria Leitner, das wird an ihren Reportagen spürbar, wollte aufdecken, aufrütteln, hatte – das zeigen auch die beiden Romane – den Wunsch, gerade junge Frauen aus der NS-Euphorie, zu reißen. Das Wort – es blieb ohnmächtig. Aber: Zumindest wurde es geschrieben.

Ganz vergessen wurde Maria Leitner auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht. In den 80er Jahren erschienen einige Bücher in der DDR. Zu verdanken ist dies Helga W. Schwarz, die mit ihrem Mann Wilfried nun auch die Herausgeberin der beiden Bände im AvivA Verlag ist. Sie erforscht seit Jahrzehnten das Leben der Autorin. Ein umfassender Aufsatz zu Maria Leitner von Helga W. Schwarz findet sich auf der Homepage der Gesellschaft für Exilforschung.

Ein Auszug aus dem Essay von Helga W. Schwarz:

„Sie hat auch nie „das Jüdische“ vordergründig gestaltet, abgesehen von den Konflikten der jungen Sara in der Novelle Sandkorn im Sturm (1929), die auch eine Zigeunerin sein konnte und der Witwe Bronnen in Danziger Gespenstergeschichte (1939). Maria Leitner hat sich selbstbewusst stets als Ungarin präsentiert, und als solche kannte man sie in ihrem Umfeld – was mir wiederholt mündlich bestätigt wurde. Die in letzter Zeit vordergründige Betonung einer jüdischen Abstammung und der nur daraus abgeleiteten besonderen Gefährdung hätte ihr sicher missfallen, (wobei vermutlich noch nicht völlig geklärte familiengeschichtliche Aspekte hineinspielen könnten). Sie war zweifellos auf Grund ihrer politischen Überzeugungen und Aktivitäten nach 1933 in die bekannte lebensbedrohliche Situation geraten, was sie auch in ihrem Brief an Theodore Dreiser erläutert: „… dann wurden meine Bücher verbrannt und mein Name erschien auf der schwarzen Liste. Das geschah hauptsächlich, weil viele Berichte von den Lebensumständen in Deutschland und der bereits frühen Manifestierung der geheimen Unternehmungen der Nazis handelten. Ich machte mit dieser Arbeit für antifaschistische Zeitungen weiter, aber natürlich im Geheimen und unter sehr gefährlichen Umständen als die Nazis an die Macht kamen und zeigte die gigantischen deutschen Kriegsvorbereitungen. . . . Ich wurde in verschiedene KZ-Lager gesteckt und ich war in der Gefahr von den französischen Behörden an die Deutschen ausgeliefert zu werden.

Ich habe immer gegen die Ungerechtigkeit gekämpft und gegen die Nazi’s, die ich als Gefahr für den Weltfrieden betrachtete. . . aber ich war niemals Mitglied einer politischen Partei. . . helfen Sie mir, wenn Sie können. . . .“

Mark Twain: Post aus Hawaii

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„Wenn man in Honolulu mit einem Fremden ins Gespräch kommt und den natürlichen Wunsch verspürt, herauszufinden, auf welchem Terrain man sich bewegt und welche Art von Mensch der andere ist, dann spricht man ihn am besten zunächst mit „Kapitän“ an. Man beobachte ihn genau, und wenn man an seinem Gesichtsausdruck erkennt, dass man auf der falschen Spur ist, frage man ihn, wo er predigt. Es ist so gut wie sicher, dass er entweder Missionar oder Kapitän auf einem Walfänger ist.“

 Mark Twain, „Post aus Hawaii“, 2010, mareverlag, Hamburg.

Als Mark Twain zu den Sandwich-Inseln reisen darf, ist er bei weitem noch kein etablierter Autor. 1866 wird Samuel Langhorne Clemens im Auftrag der Tageszeitung “Sacramento Daily Union” mit dem Dampfschiff auf Reportage entsandt. Der junge Reporter, geboren 1835 in Florida, soll vor allem über die Zuckerrohrindustrie auf den Sandwich-Inseln berichten.

Auch wenn der junge Journalist alles andere als die bestellten Auftragsarbeiten ablieferte – sowohl für ihn als auch für die Herausgeber des „Sacramento Daily“ wurde die Reise zum Glücksfall. Aus den geplanten vier Wochen wurden vier Monate, aus den journalistischen Berichten wurden lebendige Reportagen, kleine Erzählungen und vor allem Humoresken über das Inselleben. Und aus dem Zeitungsmann Samuel Langhorne Clemens wurde durch den Erfolg dieser Briefe und der anschließenden Vortragsreisen der berühmte „Mark Twain“.

Die Reiseberichte lesen sich auch heute noch so frisch, lebendig und widerborstig wie andere „Reisebücher“ aus der Feder dieses großen amerikanischen Schriftstellers, sei er mit den Arglosen im Ausland unterwegs oder auf einem „Bummel durch Europa“. Bis die Reportagen, die den Grundstein zu Mark Twains Erfolg bildeten, jedoch komplett in Buchform erschienen, sollte es dauern. Er selbst verwertete zu Lebzeiten nur Teile daraus in anderen Büchern. In deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann – der der Ausgabe auch ein lesenswertes Nachwort mit einer Fülle weiterer Informationen angefügt hat – wurden die vollständigen Briefe aus Hawaii erst 2010 veröffentlicht, 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Die „Post aus Hawaii“ lässt schon die typischen Züge des späteren Schriftstellerstars erkennen: Die Briefe sind humorvoll bis bissig, ab und an gehen ihm die fiktiven Gäule durch (so erfindet er einen tolpatschigen Reisebegleiter, den armen Mr. Brown), sie zeugen zugleich aber auch von seinem journalistischen Spürsinn und seiner genauen Beobachtungsgabe. Was das Werk von späteren unterscheidet: Mark Twain schlägt deutlich patriotische Töne an, Hawaii wird vor allem aus dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die Insel und ihre Nachbarn nützlich für Amerika sein könnten.

Als Twain auf die Sandwich-Inseln kommt, waren diese bereits mehrfach wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Naturschätze zum Objekt der Begierde geworden: James Cook gab der Inselkette zu Ehren von Lord Sandwich ihren Namen, dann annektierten die Russen, die Engländer und die Franzosen in abwechselnder Reihenfolge die Inseln, die seit 1810 durch die gewaltsame Eroberung von Kamehameha I. als Königreich geführt wurde. Die Monarchie überlebte den Besuch Twains nur wenige Jahre. Und auch die nachfolgende Republik war nur von kurzer Dauer: 1898 wurde Hawaii von den Amerikanern annektiert und ist seit 1959 der 50. Staat der Vereinigten Staaten.

Die großen Nachbarn hatten schon immer ein lebhaftes Interesse an den Inseln – und dieses sollte auch über die Zeitungsberichte Mark Twains beim Publikum geschürt werden. Immerhin ging es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. So schreibt Mark Twain im April 1866 an seine Leser:

„Der Walfang des nördlichen Pazifiks – der keineswegs unbedeutend ist – hat sein Zentrum in Honolulu. Ohne ihn würde die Stadt eingehen – ihre Geschäftsleute würden fortziehen, und die Grundstücke würden ihren Wert verlieren, zumindest jene, die zur Stadt gehören, obwohl Honolulu womöglich auch weiterhin als hervorragende Zuckerrohrplantage gedeihen würde, denn der Boden ist fruchtbar und braucht nur wenig Bewässerung.
Die Handelskammer von San Francisco wäre gut beraten, wenn sie sich bemühte, das Geschäft mit dem Walfang nach Kalifornien zu holen. Honolulu rüstet dieses Jahr die Mehrheit von sechsundneunzig Walfängern aus und erhält dafür eine ziemlich große Geldsumme.“

Wie Alexander Pechmann in seinem Nachwort ausführt, zeigt Twain in diesen Zeitungsartikeln durchaus eine imperialistische, patriotische Haltung, in dem er sich für eine wirtschaftliche Expansion der Vereinigten Staaten ausspricht – eine Haltung, die er in späteren Texten revidieren wird. Pechmann schreibt dazu:

„Twains politische Haltung ist nicht einfach zu definieren. Er hat anscheinend keine Probleme damit, in vielen seiner Erzählungen die Geldgier seiner Landsleute zu verhöhnen und gleichzeitig in seinen Zeitungsartikeln die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte zu propagieren. (…) Er zeigt immer dann Sympathie für die Bemühungen des Königsreichs von Hawaii, den Status der Unabhängigkeit zu bewahren, wenn damit die Unabhängigkeit von den europäischen Mächten gemeint ist. Die Hawaiianer sind für ihn gewissermaßen bereits Amerikaner (…)“.

„America first“: Und doch kann man Herrn Twain für diese jungenhafte patriotische Haltung nicht allzu böse sein, bringt er einen doch überwiegend mit seiner Südsee-Post zum Schmunzeln und zum Lachen. Neugierig, respektlos, intelligent: So berichtete Mark Twain über das Leben und die Sitten auf den Inseln. Keiner ist vor ihm sicher: Er karikiert das Gehabe der Missionare, die naive bis morbide Wissbegier der Touristen, nimmt Eingewanderte und Einheimische aufs Korn und amüsiert sich insbesondere über die örtliche Politik:

„Dieses Parlament ist wie alle anderen Parlamente. Ein Holzkopf steht auf und macht irgendeinen vollkommen absurden Vorschlag, wonach er und ein halbes Dutzend anderer Holzköpfe die Sache eine Stunde lang mit geschwätziger Leidenschaft durchdebattieren, während die anderen Abgeordneten seelenruhig abwarten, bis ein vernünftiger Mann – ein einflussreicher Mann – eine große Nummer –  sich erhebt und die Torheit der Angelegenheit in fünf Sätzen darlegt.“

Mit bissigem Humor schaut Mark Twain auf den Inselstaat, seine Bewohner und ihre Sitten. Ganz ernst geht er jedoch auch auf die offenkundigen Schattenseiten im Inselparadies ein – die Folgen der Kolonialisierung, die Folgen der Ausbeutung der Ressourcen und Arbeitskräfte. Was ihn, als echten amerikanischen Patrioten, jedoch nicht daran hindert, für die Annexion Hawaiis durch die USA einzutreten.

Auch wenn man manches einfach in der Zeit verorten muss – Lesefreude bereitet der Hula auf Hawaii mit Mark Twain auch heute noch, zudem könnten die Briefe bei einem Inselbesuch auch ganz nützliche, unterhaltsame Reisebegleiter sein.

Das Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich:
Post aus Hawaii, Dumont Verlag

Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das

Londres„Er reist wie andere Opium rauchen oder Kokain schnupfen. Das war sein Laster. Er war abhängig von Schlafwagen und Passagierdampfern. Und nach jahrelangen unnötigen Fahrten durch die ganze Welt war er sich ganz sicher, daß weder ein noch so verführerischer Blick einer intelligenten Frau noch die Verlockung eines Geldschranks für ihn den teuflischen Charakter einer einfachen, rechteckigen, kleinen Zugfahrkarte hatten.“

Albert Londres, „Ein Reporter und nichts als das“, Die Andere Bibliothek, 2013.

Liest man die Reportagen von Albert Londres, dann drängt sich der Vergleich zu einem anderen Reporter-Star dieser Zeit, Egon Erwin Kisch (1885-1948), förmlich auf. Während Kisch deutschen Journalisten bis heute ein Vorbild ist und seit 1977 der nach ihm benannte Preis für aufklärenden, investigativen und sprachlich niveauvollen Journalismus, vergeben wird, so ist Londres (1884 – 1932) das französische Pendant: Dort gilt er nach wie als Inbegriff des „rasenden Reporters“, seit 1933 gibt es den Albert-Londres-Preis für investigativen Journalismus.

Tucholsky würdigte den Reporter 1925 in der „Weltbühne“:

„Albert Londres ist eine Nummer für sich. Man stelle sich einen Egon Erwin Kisch vor, der nicht aus Prag stammt – das geht nicht –, also man denke sich einen gebildeten Mann, der von einer großen Reporterleidenschaft wirklich besessen durch die Welt getrieben wird. Londres ist ein Reporter und nichts als das: keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten Dokumente, sondern: Wo ist etwas los? Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen.“

Doch es musste fast 90 Jahre dauern, bis einige seiner ausgewählten Reportagen in deutscher Sprache erschienen. Vor allem „Die Andere Bibliothek“ kann sich einmal mehr dieses Verdienst anheften. „Ein Reporter und nichts als das“ – der Titel ist dem Tucholsky-Zitat entnommen – bündelt drei Reportagen des Franzosen, die verdeutlichen, warum er ein Vorbild für viele Journalisten – insbesondere jene, die die literarisch gehobene und politische Reiseberichterstattung pflegen – wurde. Die drei Reportagen  „China aus den Fugen“ (1922), „Ahasver“ (1929/1930) und „Perlenfischer“ (1931) sind  journalistische Kunststücke und literarische Juwelen. Brillant geschrieben, von einer stilistischen Eleganz und formalen Vielfalt geprägt, reißen sie den Leser mitten hinein ins jeweilige Herz der Finsternis, nehmen ihn mit auf die Reise und übertragen auf ihn diese Mischung aus kontemplativen Flanieren, Schauen und Beobachten und der Atemlosigkeit, die eintritt, wenn die Ereignisse sich überstürzen und der Reporter sich plötzlich mitten im Auge des Sturms befindet.

Unbeteiligt, unvoreingenommen, aber niemals distanziert blickt Londres, der seine Reporterkarriere beim „Le Matin“ begann, später bei Le Petit Journal und bei Excelsior zu einem der bestbezahlten Vertreter seiner Zunft wurde, auf die örtlichen Begebenheiten, auf die politischen Unruhen, die Ränke der Machthaber, das alltägliche Leid der Unterdrückten, gemäß seinem Wahlspruch:

Notre rôle nest pas dêtre pour ou contre, il est de porter la plume dans la plaie.“
– Unsere Rolle besteht weder in einem Dafür noch einem Wider, wir müssen die Feder an die Wunde setzen.

Dies tut Londres mit etlichen Berichten, die für Aufsehen, politische Diskussionen und Veränderungen sorgen, sei es über die französischen Straflager in Französisch-Guayana, die Zustände in Nervenheilanstalten oder aber auch sein Bericht über die Tour de France, wo er als einer der ersten einen Dopingfall aufdeckt.

Zwar betonte er von sich selbst, ein Reporter sei stets unvoreingenommen, kenne keine Linie, außer der einzigen, der Eisenbahnlinie – doch Londres, so mag man wie Marko Martin im Nachwort des Buches vermuten, ist ein „Herzens-Anarchist“. Zuweilen verlässt er die Position des Beobachters und wirbelt gehörig mit, rettet nebenbei eine Kurtisane („China aus den Fugen“) oder ermahnt die Perlenketten tragenden Damen, angesichts ihres Schmucks („Perlenfischer“) nicht zu vergessen, wieviel Blut das Geschmeide die ausgebeuteten Perlentaucher kostet.

Auch wenn sich Albert Londres wohl gerne weltläufig und kaltschnäuzig gab – er war nicht „nur“ ein Reporter, sondern mehr als das. Spürbar wird dies in der umfangreichsten der drei Reportagen, in „Ahasver ist angekommen“. Obwohl kein Jude, wird die Sympathie des Reporters für das jüdische Volk in diesem Bericht, der ihn rund um die Welt führt, mehr als deutlich. Schon das Unternehmen an sich ist von sagenhaftem journalistischen Ehrgeiz – Londres reist 1929 über London in die Tschechei, die Karpaten und weiter via Czernowitz, Lemberg und Warschau nach Palästina. Er schildert die bedrückende Situation der Ostjuden, die Armut, die Ausgrenzung, die ewige Flucht, aber auch die Kluft zwischen orthodoxem Judentum und den jungen Zionisten, für die Palästina gleichzeitig Sehnsuchtsort und Heilsversprechen ist.

Auch für Londres ist Palästina Endpunkt der Reise, dort angekommen, gerät er mitten hinein in das politische Spannungsfeld zwischen Engländern, Arabern und Juden. Die Reportage, wenige Jahre vor seinem Tod entstanden, ist eines seiner Meisterstücke, eine eingehende Abbildung der bedrückenden Lebenssituation der osteuropäischen Juden kurz vor dem Massenmord.

„Polen, Rumänien sind aus Rußland hervorgegangen. Aber Polen und Rumänien haben aus Rußland ihren Vorrat an Antisemitismus erworben. Ein Jude ist dort immer ein Jude. Unter Umständen ist er ein Mensch, aber in jedem Fall ist er weder Pole noch Rumäne. Und wenn er Mensch ist, dann muss man ihn daran hindern, groß zu werden. Von der ganzen Geschichte der Juden hat Osteuropa nur die von Hiob behalten. (…). Das jüdische Problem ist kompliziert, aber ich glaube, daß es sich in einer Frage nach der Luft zusammenfassen läßt. Atmen oder nicht atmen können. Nicht mehr und nicht weniger.“

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Ein-Reporter-und-nichts-als-das::631.html

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

„Dieser Kritiker ist mit einem Wort beschrieben: Langeweile. Der Junge langweilt sich und versucht, alle anderen mitzulangweilen. Sein Ausgangspunkt ist der Neid; aber er verleiht seinem Neid und seiner Gelangweiltheit Format.“

Ordnung: Kritiker; Gattung: Der große Kritiker; Art: Der Scharfrichter

„Frankreich hat den größten Respekt vor allem, was langweilt. Darum gelangt der Vulgarisator im Nu zu einer Position: Vermöge der Langeweile, die er verbreitet, gilt er auf Anhieb als wichtiger Mann.“

Ordnung: Der Publizist; Gattung: Der Nihologe

„Der Mann fürs Grobe will sich einen Namen machen, oder hofft es zumindest, indem er sich an die großen Namen heranmacht; er ist bekannt dafür, dass er sich die Bücher greift, um ihnen das Rückgrat zu brechen, er ist vereidigter Schlachter.“

Ordnung: Der Kritiker; Gattung: Die kleinen Journalisten, Art: Der Mann fürs Grobe

Honoré de Balzac, „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“, Manesse Verlag 2016

Mit seiner „Menschlichen Komödie“ unternahm der französische Romancier in wahrhaft gigantomanischer Manier den Versuch, ein komplettes Sittengemälde seiner Zeit zu zeichnen. Dem lag seine Annahme zugrunde, die Menschheit sei mit dem Tierreich vergleichbar – trotz individueller Züge könne jeder Mensch einer bestimmten sozialen Gattung zugeordnet werden.

Was „La Comédie humaine“ im großen Ganzen zugrunde lag, das wandte Balzac auch auf einen Text an, der 1843 erschien: „Die Monographie de la presse parisienne“. Eine zoologisch anmutende Katalogisierung der Pressetypen. Rudolf von Bitter, Kulturchef beim BR, hat diese Mischung aus Satire, Pamphlet und Essay erstmals ins Deutsche übersetzt, erschienen ist der Text, ergänzt durch Balzacs „Brief an die französischen Schriftsteller“ und weitere Beispiele, die sein prekär-streitbares Verhältnis zu Kollegen und Kritikern beleuchten, 2016 beim Manesse Verlag.

Balzac war ein temperamentvoller und empfindlicher Mensch: Und so ist seine Monographie eine bissige Abrechnung mit Journalisten, eine Presseverurteilung der literarisch gehobenen Art, gespeist wohl auch von einer inneren Wut. Rudolf von Bitter ordnet in seinem umfangreichen Nachwort die Polemik  – „eine systematische und systematisch verunglimpfende Streitschrift gegen „die Journalisten“, gegen „die Presse“, mit einer Anordnung einzelner Charaktertypen wie im Biologiebuch, nach dem Vorbild von Carl von Linné mit seinen Rangstufen von Klasse, Ordnung, Gattung, Art und Varietät, voll ausgesuchter und offenbar über die Jahre aufgesammelter Einfälle und Wortspiele“ – sachlich ein und zeigt auf, in welche Fehden mit der Feder sich Balzac im Laufe seines Lebens begab. Sein Hinweis, beim Lesen des Textes Verständnis für die Nöte Balzacs mit den dargestellten Typen zu haben, ist wichtig – auch mit dem Blick auf die Medienlandschaft heute. Auch wenn man bei manchem Absatz schmunzeln und an die eine oder andere Figur aus dem aktuellen Medienbetrieb denken mag: Balzacs Text ist eine subjektive, aus persönlichen Erfahrungen und Verletzungen gespeiste Polemik.

Bei Dina Netz vom Deutschlandradio hinterließ das Buch auch einen faden Beigeschmack:

„Und dass vieles, was Balzac analysiert, auch heute noch gilt, verleiht dem Buch zwar Aktualität, aber auch einen faden Beigeschmack. Denn die pointierten, bösen Bonmots über Journalisten und Kritiker ähneln allzu sehr billigen „Lügenpresse“-Vorwürfen unserer Zeit. Balzacs spitze Feder ist den heutigen flachen Pamphleten zwar um Längen überlegen. Trotzdem sehnt man sich angesichts von zunehmendem Rechtspopulismus in Europa, Donald Trump und AfD eher nach differenzierten Betrachtungen als nach vereinfachenden Polemiken. Seien sie noch so treffend beobachtet und pointiert formuliert.“

Sieht man Balzacs Text als das, was er ist – eine überspitzte Polemik – dann kann man ihn jedoch mit großem Amüsement lesen, wenn auch manche Zeitbezüge trotz erläuternder Fußnoten und informativen Nachwort das Verständnis an manchen Stellen erschweren. Alles in allem ist die Monographie über die Pariser Presse vor allem ein Schätzchen für Balzac-Leser und Liebhaber der großen Epoche des französischen Dreigestirns.

Verlagsangaben: „Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken“

KURZ&KNAPP: Neuerscheinungen 2/2016

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Bild: (c) Michael Flötotto

Top!

Den vielen Lobeshymnen, die derzeit durch die Buchblogwelt zu Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ rauschen, kann ich nicht mehr viel hinzufügen: Ein Text, der einnimmt, der sprachlich überzeugt, eine Erzählung, die klug, ja lebensweise ist, Kopf und Herz in Beschlag nimmt.

Hubert Winkels schrieb einmal über Kirchhoff: „In den Erzähltexten Kirchhoffs schälte sich in der Folge immer stärker die Figur des kalten Beobachters heraus. Die Illusionen der Liebe, der gelingenden Kommunikation und der Gemeinschaft waren außer Kraft gesetzt. Die Prosastücke „Ohne Eifer, ohne Zorn“ (1979) und die Erzählungen in dem Band „Die Einsamkeit der Haut“ waren auch erzählerische Versuche radikaler Versachlichung. Die Leidenschaften des Helden waren ebenso wie das Leiden der anderen Figuren Objekte einer minutiösen Beschreibung, die sich jede Einfühlung versagt. Dieser Eindruck der Distanz und Kühle, ja des Ferngesteuerten in den menschlichen Beziehungen hat große Aufmerksamkeit erregt und neben Bewunderung auch Irritation, gelegentlich auch wütende Reaktionen hervorgerufen.“

Ein Beobachter ist Kirchhoff nach wie vor, doch hat sich ein weicheres, melancholisches Element in seine Texte geschlichen, wie ich meine. Und dies tut dieser verhinderten Liebesgeschichte zweier reifer Ausreißer gut: „Widerfahrnis“ ist ein literarischer Roadmovie in Sepiabraun, eigentlich eine ganz altmodische Geschichte von einem Mann und einer Frau, die zu viel im Leben erfahren haben, um sich in einer Liebe fallen lassen zu können.

Sepiabraun und ein wenig nostalgisch, beinahe aus der Zeit gefallen, wäre da nicht die aktuelle Problematik der Flüchtlingskrise, die, geschickt in den Handlungsstrang eingeflochten, das private Scheitern der beiden Protagonisten relativiert und in andere Zusammenhänge stellt.

Eine ausführliche Besprechung, die auch erläutert, warum der Begriff der Novelle stimmig ist für dieses Buch findet sich beim Blog Zeilensprünge.

Flip-Flop!

Ich weiß nicht, was ich konkret erwartet habe, als ich in der Sendung „Kulturzeit“ (3sat) eine ausführliche Vorstellung dieses Buches gesehen habe – aber irgendwie erhoffte ich mir „mehr“, ein flammendes, nachhaltiges Plädoyer jedenfalls für den Erhalt einer „aussterbenden Kulturtechnik.“ Doch „Der letzte Zeitungsleser“ ließ mich ein wenig enttäuscht zurück – das ähnelte dem Gefühl, wenn ich in meinem Lieblingscafé die Süddeutsche lesen will und nur die Augsburger Allgemeine vorfinde. Es ist ein durchaus „flott“ – will meinen: journalistisch routiniert – geschriebenes, persönliches Essay über das Printmedium, das in der digitalen Welt um Aufmerksamkeit und Überleben buhlen muss. Im Grunde hat der Journalist Michael Angele damit bereits einen Nachruf verfasst: Denn außer nostalgischen Reminiszenzen bietet der schmale Band wenig, schon gleich keine Argumente, die einen Printnovizen zum Zeitungslesen verführen könnten.

So geht es einem am Ende auch mit diesem Buch: Kann man lesen, muss man nicht – es sind unterhaltsame ein bis zwei Lesestunden, doch klappt man den Deckel zu, ist das Gelesene bereits auch schon wieder Geschichte.

Petra von Philea`s Blog hat das Buch weitaus mehr zugesagt – bei ihr findet sich eine positive Meinung dazu.

Flop!

Während der Zeitungsleser zumindest klug und spritzig unterhält, geht es in „Das Irrenhaus“ zwar noch klüger, aber weitaus weniger spritzig zu. Das Konzept von Verlegerlegende Michael Krügers Roman hatte mich neugierig gemacht: Ein Mann in mittleren Jahren, gebildet und als Zeitungsarchivar beruflich deutlich unterfordert, erbt ein Mietshaus. Die Möglichkeit für ihn, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen und sich seinem persönlichen Ziel, der Kunst der Langeweile, zu widmen. Inkognito zieht er, der Vermieter, in seinem eigenen Haus als Mieter ein – und wähnt sich dort, nicht nur wegen seiner exzentrischen Nachbarn, wie in einem Irrenhaus: Vor allem scheint sich sein Vormieter, der Schriftsteller Georg Faust (nomen est?), seiner zu bemächtigen. Ein Verwirrspiel, das jedoch ansprechender klingt, als es zu lesen ist: Sprachlich überladen, gestelzt, mir zu bildungsbürgerlich überlastet war die ganze Geschichte – ich habe das Buch nach zwei Dritteln abgebrochen.

Etwas nachsichtiger, wenn auch nicht ohne Kritik geht brasch & buch mit dem Roman um.

 

 

P. J. O`Rourke: Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Im Herbst 1992 fuhr ich in das frühere Jugoslawien, um mir den Multikulturalismus in der Praxis anzusehen. In letzter Zeit hatten dort verschiedene kulturelle Gruppen eine ungeahnte Kraft entfaltet – durch Schusswaffengebrauch.“

„Reisen in die Hölle und andere Urlaubsschnäppchen“, P. J. O`Rourke, Die andere Bibliothek, 2006.

Manche wollen immer dorthin, wo es kracht, scheppert, wummert, wo Tränengas und Pfefferspray in der Luft liegen, wo hinter der nächsten Mauer ein Heckenschütze lauern könnte. Es gibt Journalisten, die Adrenalin-Junkies sind – P.J. O` Rourke, Schriftsteller, Satiriker, der unter anderem für den Playboy, Vanity Fair und als Auslandskorrespondent für den Rolling Stone berichtet hatte, scheint mir einer von diesen zu sein. Er ist einer dieser Kriegsberichterstatter, die – selbst im Urlaub – das Herz der Finsternis besuchen.
Abgeklärte philosophische Betrachtungen über die Ursachen und Auswirkungen des Krieges darf man von diesem Buch nicht erwarten. Eher literarische Trips in die Hölle, die beim Lesen jedoch einen Höllenspaß machen. O`Rourke schreibt lakonisch, ironisch, zuweilen hemmungslos zynisch darüber, was der Mensch dem Mensch antut. Und das um den ganzen Globus herum und ohne Aussicht auf Einsicht. Reflektionen über das Wesen des Hasses und des Krieges kommen eher beiläufig daher:

„Und wieder überraschte mich etwas seltsam Alltägliches – der Hass, so allgemein und allmächtig, so einfach und so selbstverständlich wie Gott in der Al-Aksa-Moschee. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass Gott oder der Hass Menschen derart durchdringen kann, schon gar nicht gleichzeitig.“ (In: „Das Heilige Land – Gottes Affenhaus!, 1988).

Der Journalist ist hier nicht der abgehobene Berichterstatter, der seinen wehrlosen Zeitungslesern aus scheinbar neutraler, übergeordneter Wächterposition die Welt erklärt. Sondern O`Rourke erinnert zuweilen an ein Kind, das staunend durch den Spielzeugladen Welt läuft und uns daran teilhaben lässt – aber eben durch einen Spielzeugladen, in dem es lebensgefährlich zugeht. Sein Stil ist eine ständige Gratwanderung zwischen Pose und Polemik. Zuweilen verdeckt die Lust an der Sprache, an der gelungenen Formulierung den Ernst der Sache. O`Rourke schreibt nach dem Motto „Besser einen guten Freund verloren, als einen guten Witz verschenkt“. Nichts also für zarte Gemüter.

„Ich hatte gehofft, wenigstens gut zu schlafen. In Beirut waren die Bombenexplosionen doch ziemlich zahlreich gewesen. In der Nacht vor meiner Tour in den Süden hatte ich fünf gehört, die erste gegen Mitternacht in einer Bar, ein paar Blocks vom Commodore entfernt, und das steigerte sich dann bis zu einem großangelegten Attentat auf den Erziehungsminister um sechs Uhr morgens, bei dem Fenster im Umkreis von drei Blocks in die Brüche gingen und in meinem Zimmer die Möbel wackelten. Der Minister überlebte, meine Nachtruhe nicht.“ (In: „Auf Bummeltour im Libanon“, Oktober 1984).

Politische Korrektheit darf man also bei den Reportagen des 1947 geborenen Amerikaners, der sich im Lauf der Zeit vom Hippie zum liberalen Konservativen wandelte, nicht erwarten. Schließlich gilt O `Rourke als einer der frühen Vertreter des Gonzo-Journalismus (siehe Link unten), sein Artikel „How to Drive Fast on Drugs While Getting Your Wing-Wang Squeezed and Not Spill Your Drink“ von 1979 ist ein bestes Beispiel dafür. Doch es fehlt auch die besserwisserische Mentalität, die leichte Arroganz mancher Journalisten. O`Rourke gesteht in seinem Erstaunen über die grauenvolle Seite der Welt ein, dass er von den Ursachen mancher Krisenherde oder Mentalitäten anderer Völker so wenig versteht wie einer seiner Leser, beispielsweise in Toledo, Ohio (da ist er geboren) oder Augsburg.

„Als sich der Junge in der ersten Reihe der Kundgebungsteilnehmer die Spitze des kleinen Fingers abbiß und mit dem eigenen Blut KIN DAE JUNG auf seine superschicke Skijacke schrieb, kam ich mir, glaube ich, zum ersten Mal in meinem Leben wirklich wie ein Auslandskorrespondent vor, der aus der Fremde zu berichten hat.“

Da soll sich mal einer auskennen:

„Praktisch jeder Kandidat für das Präsidentenamt hieß Kim. Da gab es Kim Dae Jung, den Spitzenkandidaten der Opposition, und Kim Young Sam („Kim, die Fortsetzung“), ebenfalls Spitzenkandidat der Opposition, und außerdem Kim Yong Pil („Kim, die frühen Jahre“), den Ausputzerkandidaten der Opposition. Und dann war da noch der Nicht-Kim-Kandidat, Ro Tae Woo (sprich: No Tai Uh oder wie die Vertreter der Auslandspresse ihn nennen: Just Say No). Diesen Ro hatte die Militärdiktatur, die seit 1971 über Südkorea herrschte, ins Rennen geschickt.“

(Beide Zitate aus der Reportage „Seoul Brothers“ über die ersten Präsidentschaftswahlen in Südkorea, Dezember 1987).

„Die Christen hassen die Muslime, weil sie unter den Osmanen nur Leibeigene waren. Die Muslime hassen die Christen, weil sie unter den Kommunisten immer die Doofköppe waren. Die Kroaten hassen die Serben, weil sie mit den Kommunisten kollaboriert haben, und die Serben hassen die Kroaten, weil sie mit den Nazis kollaboriert haben, und nun hassen die Bosnier die Montenegriner, weil die mit den Serben kollaborieren. Die Serben hassen die Albaner, weil sie nach Jugoslawien gekommen sind. Und alle hassen die Serben, weil es von denen mehr zu hassen gibt als von allen anderen und weil sich die Serben, als Jugoslawien 1918 (mit Hilfe unseres oberschlauen Präsidenten Woodrow Wilson) geschaffen wurde, sofort die Kontrolle über Staat und Armee unter den Nagel gerissen und seitdem nicht wieder hergegeben haben. Und die Slowenen werden ebenfalls von allen gehasst, weil sie bei dem jetzigen Bürgerkrieg schon nach zehn Tagen nicht mehr mitmachten.“ (In: „Die multikulturelle Gesellschaft“, Bosnien 1992).

Fatal erinnert dieser Krieg, der vor wenigen Jahren erst mitten in Europa herrschte, an die derzeitigen Vorgänge in der Ukraine. Und auch für die Ukraine könnte man den Schlusssatz von O`Rourkes nehmen:

„Risto wirkte glaubwürdig. Und seine Geschichte war die Geschichte des jugoslawischen Bürgerkriegs in Kurzform: aus vergangenem und gegenwärtigem Unrecht erwächst künftiges Unrecht, Intoleranz gebiert neue Intoleranz, Gewalt zeugt neue Gewalt, und mittendrin die Risto Dukis dieser Weltgegend – als verführte Unschuld.“

So zynisch der Amerikaner zwischendrin über die Politik und über Politiker schreibt – an Mitgefühl mit den Opfern der weltweiten Kriege, seien es palästinensische Familien oder israelische Jungsoldaten im Gazastreifen, Verletzte und Tote im Bosnienkrieg, fehlt es ihm nicht. Nur eine Spezies lässt er – nebst den Politikern – selten ungeschoren davonkommen: Und das sind seine Berufskollegen, die, wenn sie bedächtig berichten, zu „breitmäuligen Reiseschriftstellern“ werden, sich davor fürchten, dass etwas gut und organisiert läuft, wie beispielsweise die Wahlen in Mexiko und wie „bleiche Drohnen“ immer auf der Suche nach der nächsten Story sind.

Wenn die bleiche Drohne wie P. J. O` Rourke schreibt, dann wird man zumindest auf einen höllenmäßigen Trip mitgenommen: Selbst aus einem „Arbeitsurlaub“ auf Guadeloupe, wo er in Ruhe die Europäische Verfassung („das stilistische Niveau ihrer Prosa könnte selbst Danielle Steel nicht unterbieten“) lesen will, wird da ein Abenteuer.

Und zuweilen erinnert er ganz mächtig an einen großen Vorgänger in Sachen politisch unkorrekter Reisereportagen – man denke an die „Arglosen im Ausland“ oder „Bummel durch Europa“. Dies könnte ebenso gut aus der Feder von Mark Twain stammen:

„Ich sah zu, wie die Royalisten auf den Stufen vor einem Betonkasten im sowjetischen Stil, dem einstigen Kulturpalast, ein Podium und ein paar Lautsprecher aufbauten. Sie entrollten die herzchirurgisch eingefärbte albanische Fahne, auf der eine Figur zu sehen ist, die entweder einen doppelköpfigen Adler oder ein sehr wütendes Huhn aus einer Monstrositätenschau darstellt. Die Royalisten riefen Sprüche ins Mikrophon wie: „Wir bekommen unsere Stimmen, auch wenn dafür Blut fließen muss!“ In einer Lautstärke, die selbst die krachendsten Karambolagen übertönten. Dann spielten sie – noch lauter – die albanische Nationalhymne, die so lang ist wie eine Wagner-Oper und so klingt, als würde die Blaskapelle des amerikanischen Marine Corps den Ring aufführen und dabei die Treppe im Washington Monument von oben bis unten herunterrasseln.“
(In: „Schlechter Kapitalismus“, Albanien Juli 1997).

Für den vorliegenden Sammelband hat Albert Christian Sellner die besten Reportagen P. J. O` Rourkes zusammengestellt. Wenn dieses die besten sind, dann möchte ich gerne wissen, wie gut die schlechteren sich lesen…

Sling: Der Mensch, der schiesst

„Der Mensch, der schiesst, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert, die Eisenbahnschiene, die sich verbiegt, der Blitz, der einschlägt, die Lawine, die verschüttet. Alles tötet den Menschen, auch der Mensch tötet den Menschen. (…)
Die Menschheit sucht sich gegen die Gewalt und die Willkür der Natur durch allerhand Erfindungen zu schützen, zum Beispiel den Blitzableiter oder den Rettungsring. Um sich gegen den Menschen zu schützen, erfand der Mensch das Strafgesetz. (…).
Den Kaffeekessel, der explodiert, schickt man zum Klempner, den Menschen ins Gefängnis. Eine Weile hat man sich vorgestellt, der Mensch könne die Gelegenheit benutzen, sich im Gefängnis zu bessern. Man hat aber die Erfahrung gemacht, daß von dieser Gelegenheit höchst selten Gebrauch gemacht wird, daß der Mensch vielmehr in den meisten Fällen völlig verdorben zur Menschheit zurückkehrt.“

Sling, „Der Mensch, der schiesst“, Lilienfeld Verlag, 2014.

In diesem Artikel vom 25. August 1926 wird deutlich, was das journalistische Credo von Paul Schlesinger, kurz Sling, war, wie er den Menschen sah, vor allem aber auch, wie er das Justizsystem seiner Zeit beurteilte. Schlesinger, geboren 1878 in Berlin, hatte bereits genügend Lebenserfahrung gesammelt, als er mit Gerichtsreportagen begann: Er war zuvor unter anderem Kaufmannslehrling, Kabarettist, Musikkritiker und Kriegsberichterstatter gewesen. Also mit allen Wasser gewaschen und die Feuertaufe überstanden: Günstige Voraussetzungen für einen, der sich auch nicht von der Justiz der Weimarer Republik einschüchtern ließ. Und der sich ebenfalls nicht blenden ließ von großen Auftritten und kleinen Gangstern im Gerichtssaal.

Denn zwar war auch in der WR die Pressefreiheit auf dem Papier ein hohes Gut: „Art. 118 Weimarer Reichsverfassung: „Jeder Deutsche hat das Recht, innerhalb der Schranken der allgemeinen Gesetze seine Meinung durch Wort, Schrift, Druck, Bild oder in sonstiger Weise frei zu äußern. (…) Eine Zensur findet nicht statt…“ Doch war die Gerichtsbarkeit dieser Zeit eben durchaus auch durchsetzt von konservativen, kaisertreuen Beamten. Wer in der Weimarer Republik schrieb, der hatte die Obrigkeitshörigkeit deutschen Beamtentums, Pressezensur und legislative Willfährigkeit im Rücken und die heraufkommende Gewaltherrschaft der politischen Extreme im Angesicht. Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky, um nur die beiden bekanntesten Namen zu nennen, sie zahlten, als die Republik von der Gewaltherrschaft ausgehebelt wurde, für ihren investigativen Journalismus letztendlich mit ihrer Gesundheit, Verlust der Heimat, Verlust von Leib und Leben.

Erzählungen von Schuld und Sühne

Sling also macht neben den reinen Gerichtsberichten, den Erzählungen von Schuld und Sühne, den Gerichtssaal in vielen seinen Artikeln auch zu einem Podium der politischen Diskussion: Wenn er Richter portraitiert, wenn er ein System analysiert, das vor allem auf Zucht und Ordnung setzt, wenn er die Pressefreiheit verteidigt, dann tritt er nicht nur für die freie Presse ein, sondern auch für ein demokratisches System, das freilich – noch erschüttert von den Folgen des 1. Weltkrieges und bereits überschattet von der kommenden Diktatur – auf tönernen Füßen steht. Seine Zeilen zur Rolle der Presse haben bis heute ihre Gültigkeit:

„Zweifellos: Wie überall, so gibt es auch in der Gerichtsberichterstattung Mißbräuche und Auswüchse. Man darf aber hoffen, daß die ihrer Verantwortung bewußte Presse immer die maß- und richtunggebende sein wird. Erst gestern klagte im Gerichtssaal der frühere Herausgeber eines Skandalblattes: „Meine Zeitung ist eingegangen, weil das Publikum so was nicht mehr will.“ Ein Bravo dem Publikum!
Kritik braucht auch die Presse. Zwangs- und Gewaltmaßnahmen lehnt sie ab. Ihre Erziehung hat sie in eigene Regie übernommen.“

Wer mutigen, kritischen Journalismus lesen will, der greife zu den Reportagen Slings. Die „Berichte aus dem Gerichtssaal“ hat Axel von Ernst nun für den Lilienfeld Verlag neu herausgegeben. Interessanter Lesestoff nicht nur für jene, die am Genre selbst ihren Gefallen haben. Vielmehr liefert Sling eindrucksvolle, sprachlich stilistisch herausragende Miniaturen, Portraits seiner Zeit – lebendig werden die Vertreter des Proletariats in der Weimarer Republik mit ihren Nöten, die oft genug in die Kriminalität führen, als auch Biedermänner auf Abwegen, Regierungsräte vor dem Kadi, schnippige Filmdiven wie Olga Tschechowa, kleine Ladenmädchen und schmierige Zuhälter mit wenigen, treffenden Worten gezeichnet. Eine Epoche in ihrer ganzen Zerrissenheit wird dabei lebendig, oft genug erzählen die Reportagen von Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit, von den Folgen des 1. Weltkrieges und der Wirtschaftskrise. Sling sieht nicht nur den Verbrecher – er sucht und forscht nach den Motiven. Da schreibt nicht nur der rasende Reporter, da schreibt vor allem auch ein Humanist.

Vor allem ist es die Sprache Slings, die gefangen nimmt und die heute so im Journalismus leider kaum mehr zu finden ist. Einige Kostproben:

„Auf den Korridoren des Kriminalgerichts strömt nicht gerade Lebenslust. Armselig, grau, zerknittert von der Sorge des Tages stehen und sitzen die Wartenden herum. Kleider, Wäsche, Gesichter sprechen von der bittersten Entbehrung. Aber diese Menschen hungern nicht bloß. Sie sind auch noch beleidigt. Indessen könnte man vielleicht auch sagen: Das Beleidigtsein ist ihr letzter Luxus.“

„Der junge Mann, der sich vor den Geschworenen wegen vorsätzlicher Brandstiftung verteidigen muß, hat ein merkwürdig charaktervolles Gesicht. Sein glattes Haar, etwas üppig nach Art dilettierender Kunstaspiranten, umschließt eine sehr weiße Stirn, von den dichten, schwarzen Brauen geht eine sehr gerade Nase zu dem festgeschlossenen, schmallippigen Mund. Blickt man ihm gerade ins Gesicht, so sieht man sehr tiefliegende, große, helle Augen, die im Verein mit dem stark zurückweichenden Oberkiefer diesem 21jährigen Menschen etwas sonderbar Eulenhaftes geben. Hinter der Anklageschranke wirkt er wie ein Käuzchen, das mit der denkbar größten seelischen Reserve seine Gefangenheit trägt.“

Wer war dieser Sling?

Auf der Seite des Lilienfeld Verlags (hier ein Link zur Verlagsseite mit Leseprobe) findet sich folgendes zum Autor:

Paul Felix Schlesinger, geboren 1878 in Berlin, wurde erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt berühmt. Nach einer Kaufmannslehre studierte er, gehörte dann in München der Künstlerboheme an und trat bei den „Elf Scharfrichtern“, dem ersten politischen Kabarett Deutschlands, auf. Musikkritiken von ihm erschienen in der „Schaubühne“ (ab 1918 „Die Weltbühne“), literarische Texte u. a. im „Simplicissimus“. Er wurde Korrespondent für den Ullstein Verlag und arbeitete 1911/12 in Paris, im Krieg ab 1915 in der Schweiz. 1920 berief ihn Ullstein in die Redaktion der „Vossischen Zeitung“, wo er sich unter dem Kürzel „Sling“ neu erfand und dann vor allem als Gerichtsreporter berühmt, beliebt und zu einem der einflußreichsten Publizisten der Zeit wurde. Daneben erschienen Romane und Kinderbücher und die erfolgreiche Komödie „Der dreimal tote Peter“ (uraufgeführt 1927 mit Therese Giehse und Heinz Rühmann). Sein früher Tod durch Herzversagen 1928 führte zu einer Welle der Anteilnahme.

Sling, so Herausgeber Axel von Ernst, war also einer der prominentesten Journalisten der zwanziger Jahre, dessen beliebtesten Texte aus dem Feuilleton schon zu Lebzeiten auch in Buchform herauskamen: „Das Sling-Buch“, Berlin, 1924. Seine Gerichtsberichte erschienen verstreut in mehreren Sammlungen, zuletzt 1989 in Ost-Berlin. Der Lilienfeld Verlag fasst sie nun in „Der Mensch, der schiesst“ komplett zusammen – von den kleinen Fällen bis hin zu den großen Mordprozessen und einem eigenen Kapitel über den Prozess um Arthur Schnitzlers „Reigen“.
Abgerundet wird das Buch durch das Nachwort eines „Nachfahren“ Slings: Hans Holzhaider, Gerichtsberichterstatter der Süddeutschen Zeitung, würdigt den Journalisten Paul Felix Schlesinger, der diese Genre in Deutschland prägte:

„Da war ein neuer Ton im Umgang der Presse mit der Justiz. Der Journalist Sling trat den Juristen als Ebenbürtiger entgegen, als einer, der sich durchaus in der Lage sieht, das, was im Gerichtssaal geschieht, kompetent zu beschreiben und eben auch zu kommentieren. Die Herren in ihren schwarzen Roben und mit dem Barett auf dem Kopf – Frauen waren damals in diesem Berufsstand so gut wie nicht vertreten – mochten ihre Examina haben, ihr Strafgesetzbuch und ihre Strafprozeßordnung, aber für das, worum es eigentlich im Strafprozeß geht, die großen und kleinen Dramen, Tragödien und manchmal auch Tragikomödien im menschlichen Zusammenleben – dafür fühlte sich Paul Schlesinger mindestens so sachverständig wie die Richter und die Staatsanwälte im Kriminalgericht in Moabit. (…).
Er wußte: Das, was im Gerichtssaal zu beobachten ist, ist das Leben schlechthin, pralles, dramatisches, dürftiges, armseliges Leben.
Das ist es, was Sling heraushebt, was ihn zu einem modernen Autor macht. Er erkennt, dass die sogenannte Objektivität, die man dem Journalisten immer abverlangt, eine Fiktion ist.“

Das pralle, dramatische, dürftige, armselige Leben – es ist zu erlesen in den Reportagen Slings:
„Der Mensch, der schiesst“, Sling, Lilienfeld Verlag, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Leseband, ISBN 978-3-940357-27-4.


Bild zum Download: Graffiti in Augsburg


Joseph Mitchell: Old Mr. Flood – Vom Fischessen, Whiskey, Tod und Wiedergeburt

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Bild: (c) Michael Flötotto

Mein Bekannter Mr. Hugh. G. Flood, ein zäher, dreiundneunzigjähriger ehemaliger Abbruchunternehmer mit schottisch-irischen Wurzeln, erklärt gerne, dass er felsenfest entschlossen ist, bis zum Nachmittag des 27. Juli 1965 zu leben, wenn er hundertfünfzehn Jahre alt wird. „Mehr will ich gar nicht“, sagt er. „Ich will nur hundertfünfzehn werden. Das reicht mir.“

Joseph Mitchell. „Old Mr. Flood. Von Fischessen, Whiskey, Tod und Wiedergeburt“, Diaphanes Verlag, 2015.

Das nenne ich Glück. Zumindest Leserglück. Nach dem unlängst vorgestellten Roman von Steven Bloom nun der zweite Glückstreffer: Die Reportagen des Joseph Mitchell, die der Diaphanes Verlag seit einiger Zeit in einer Reihe herausgibt. Erstmals sind dadurch die Texte dieses journalistischen Urgesteins der USA in Deutsch zu lesen. Das jüngste Buch in dieser Reihe, „Old Mr. Flood“ versammelt drei Reportagen aus den 1940er Jahren. Diese gehen schon stilistisch weit über das hinaus, was bei uns gewöhnlich als Reportage gewertet wird – sie sind literarische Erzählungen. Zudem ist die Titelfigur, Old Mr. Flood, fiktiv: Eine Type, angelehnt an die Originale, die der Reporter bei seinen Streifzügen in New York kennenlernte.

Old Mr. Flood ist „klein und runzlig“, hat wachsame, eisblaue Augen und ist stets überaus korrekt, wenn auch altmodisch gekleidet. Und er ist der heimliche Herrscher des Fulton Fish Markets in Manhattan. Obwohl selbst nicht im Fischhandel tätig gewesen, weiß keiner so viel über Fische und Muscheln wie er. Man kann gut und gern behaupten: Sein ganzes Leben dreht sich um nichts anderes als Fische. Er wohnt in einem „verschlafenen Hafenhotel“, wo er abends mit seinen Kumpels, mehr oder weniger noch knackig und auf den Beinen, über Fische spricht. Tagsüber treibt er sich auf dem Markt herum, kontrolliert die Ware, führt Pläuschchen mit den Händlern, hält sich auf dem neuesten Stand über Fischfanggebiete und die jüngsten Fänge, testet die Fischlokale der Gegend und setzt – vor allem wenn er mit seinem Reporter-Freund zusammenkommt – die phänomenalsten Fischlegenden in die Welt.

Das alles ist so lebendig und bildhaft geschildert, man wähnt sich beim Lesen mittendrin im Geschehen. Wie in einem alten Schwarz-Weiß-Film mit einem Walter Matthau als brummiger, aber liebenswerter Hauptfigur. Der Geruch des Marktes, der Geschmack von Salzwasser, die Geräusche des Hafens – sie bilden den sinnlichen Hintergrund beim Lesen. Das bewirkt vor allem die direkte, schwungvolle und bildliche Sprache, die Joseph Mitchell, Vorbild für Generationen amerikanischer Reporter, eindrucksvoll beherrschte. Er erweckte Wörter zum Leben, ließ aus Sätzen Bilder werden und würzte dies noch unnachahmlich mit einer guten Dosis Humor:

Mr. Flood warf einen Blick darauf und sagte: „Oh Gott, was ist das? Ist das einer von diesen Schreiberlingen, die sich in den Zeitungen über Restaurants ausbreiten und vor Begeisterung nicht mehr einkriegen, egal was man ihnen vorsetzt? Jede Zeitung hat inzwischen einen, der über Restaurants schreibt, einen Experten, der seine Meinung zum Besten gibt, und wenn er arbeitslos wär und in ein Restaurant gehen und um eine Stelle bitten würde, dieser Kochexperte, dieser Alleswisser mit seiner ganzen Erfahrung, dann würden sie ihn nicht mal die Kartoffeln für den Eintopf schälen lassen.“

„Der Herr ist eben ein Gurmet“, sagte Mr. Murchison. „Komm schon, lies vor, was er schreibt.“
Mr. Flood las ein, zwei Absätze. Dann grunzte er und reichte mir den Artikel. „Gott helf uns mein Sohn“, sagte er. „Lesen Sie.“

Mr. Beebe beschrieb in der Kolumne eine Mahlzeit, die von Edmond Berger, dem Chef de cuisine des Colony Restaurant, für ihn und einen Freund „aufgefahren“ worden war. Ausführlich erging er sich über das Menü. Ein Gang, der Fischgang, war „Filet de Sole en Bateau Beebe“. „Die Seezunge, von Chef Berger anlässlich unseres Mahls ersonnen und liebenswürdigerweise auf den Namen des Verfassers dieser Zeilen getauft“, schrieb Mr. Beebe, „war ein delikates Filet, angerichtet auf einer halben gebackenen Banane, ein Trick, den man sich merken sollte.“
„Grundgütiger!“, sagte Mr. Flood.

„Hört sich gut an, was?“, fragte Mr. Murchison. „Ne halbe gebackene Bannaneh mit nem delikaten Stück Flunder drauf. Warum hat er nicht gleich noch ne rote Schleife drumgebunden, wenn er schon dabei war?“

„Als Nächstes legen sie noch eine Kirsche auf gekochten Kabeljau“, sagte Mr. Flood. „Wie wär`s damit, ein delikates Stück Kabeljau, auf dem eine Kirsche angerichtet ist?“
Die beiden Männer gackerten.

Zumal Mr. Flood eine fiktive Figur war, werden wir nie erfahren, ob er sein Ziel, den 115. Geburtstag zu feiern, mittels der von ihm propagierten Fischdiät erreichte. Doch zuzutrauen wäre es dieser Figur, wäre sie denn leibhaftig gewesen, durchaus: Soviel Lebensfreude und Lebenskraft strahlen diese Menschen aus, von denen der Reporter Mitchell erzählte. Es sind, so schrieb Jörg Häntzschel in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung, „Lebensreportagen“.

Zwar handeln sie von einer Welt, die so inzwischen nicht mehr existiert – nicht mehr das Alte-Männer-Hotel, nicht mehr der Fischmarkt. Und sie handeln von Menschen, die nicht mehr leben. Aber die Erzählungen, diese selbst, sie bleiben lebendig. Und das ist der Kraft des Erzählers zu verdanken. Ein wenig neidisch schielt man da schon über den großen Teich auf diese journalistische Kultur der kraftvollen, erzählerischen Reportage, die bei uns im Grunde mit den großen Namen der Weimarer Republik – Kisch und Roth, um nur zwei zu nennen – untergegangen ist.

„Old Mr. Flood“ kann ich getrost jedem empfehlen, der seine Freude hat an hervorragend geschriebenen Reportagen UND Erzählungen. Mitchell führt einfach vor, wie man eine Geschichte schreibt, wie man Erzählungen vorantreibt. Und seinen Lesern damit große Freude bereitet. Dazu muss man nicht einmal unbedingt Fischliebhaber sein.

Joseph Mitchell selbst war wohl auch so ein Original wie die von ihm beschriebene Gang der alten Männer: Er war Mitbegründer des New Journalism, Chefreporter des New Yorker und wurde dabei zur lebenden Legende. 1964 schrieb er mit „Joe Gold`s Secret“ seine letzte Reportage. Danach veröffentlichte er keine einzige Zeile mehr, ging aber trotzdem bis zu seinem Tod 1996 jeden Tag in die Redaktion.

Wir danken dem Diaphanes Verlag für das Besprechungsexemplar – Informationen zu diesem Buch und den weiteren der Mitchell-Bücher gibt es hier. Und hier findet sich eine sehr schöne Rezension in der „Zeit“.

Ein Beitrag von Claudio Miller