#MeinKlassiker (11): Aus dem Leben eines Taugenichts – Fridolin Schley über die Sternenklarheit des Herzens

Das Literaturportal Bayern bildet die ganze Fülle der Literatur im Freistaat ab – von Portraits der hier geborenen bzw. lebenden Autorinnen und Autoren über das Literaturland, das zu Spaziergängen auf Dichterspuren einlädt, bis hin zu aktuellen Hinweisen und Projekten, erwähnt sei hier der derzeit entstehende interaktive Netzroman mit dem Schriftsteller Thomas Lang. Ich freue mich, dass der Schriftsteller Fridolin Schley, der für die Bayerische Staatsbibliothek Redaktionsmitglied beim Literaturportal ist, über seinen Klassiker schreibt: „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff.

Sternenklarheit des Herzens

Lese ich heute wieder im Taugenichts, wie er richtungslos in die freie Welt aufbricht, das „Herz so voller Klang“, so sind es gerade die Dissonanzen im Klang, die mich überraschen und einnehmen, das Ineinander von Neugier und Verlustangst, von Lebenslust und Entsagung, das durchgehende Grundgefühl der Zerrissenheit und der Verwirrung seines Herzens, das „wild und bunt und verstört“ fortwährend beschleunigt wird von den ungleichen Zwillingsschwestern Furcht und Freude. In einer frühen Form der Virtualität, der heute allgegenwärtigen und für das Schreiben fast obligatorischen Grenzverwehungen zwischen Fiktion und sogenannter Wirklichkeit, besiedelt die Romantik Zwischenbereiche, in denen die Fantasie eine Art an sich hat, das Leben einzuholen. Den Sinnen ist dort nicht mehr zu trauen. Oft weiß der Taugenichts nicht recht, ob er wacht oder träumt, immerzu ist etwas „seltsam“, ständig wundert oder erschrickt er sich, um sogleich anzusingen gegen die Beklommenheit und weiter fortzuschreiten auf dünnem Eis.

Das Unheimliche und die Sehnsucht wohnen in diesen Transiträumen Tür an Tür. Erblickt er eine schöne Dame am Fenster, so ist sie durch den Vorhang verschleiert und ihr „seltsamer Schein“ kaum zu unterscheiden von den verzerrten, wie aus unguten Träumen entkommenen Gestalten, die immer wieder seinen Weg kreuzen. Es ist eine prekäre Poesie der Unschärfe, des Halbschlafs und des Wunsches nach Enthüllung des Merkwürdigen und Rätselhaften, nach dem klaren Blick, dem wir zugleich kaum gewachsen sind – wie bei Kindern, die nicht aufhören können, unter dem Bett und hinter dem Vorhang schaudernd nach jenen Bedrohungen zu suchen, die sie eigentlich nicht finden wollen. Als der Taugenichts die begehrte Dame in einem Boot über den Teich setzt und sie ihm dafür endlich einen tief dringenden Augen-Blick gewährt, setzt er entsprechend nur Tränen der Verzweiflung frei und bald darauf das Gefühl, „als wäre ich überall eben zu spät gekommen, als hätte die ganze Welt gar nicht auf mich gerechnet“.

So reist der Taugenichts musizierend in die Fremde, um sich selbst zu verlieren und neu zu bestimmen, wiederholt ergreift ihn dabei Schwindel auf den Wegen nach Süden, „als führten sie aus der Welt hinaus“ und ins unendliche Dunkel hinein, wo nach Freud die entfesselten Tagträume des Dichters spielen, wo sich wie im Fieber Gesichter zur teuflischen Fratzen verziehen, die Worte babylonisch verwirren, als wäre die Zunge tief ins Meer versenkt und allerlei unbekanntes Gewürm ringelte sich und rauschte da in der Einsamkeit. Gefahr und „grausliche Angst“ lauern an den Unorten der Nacht und mit ihnen das bucklicht Männlein, das wie eine Spinne über dem Scherbenhaufen der vergessenen Dinge wacht. Von dort blickt es uns an und hütet die Bilder unseres Lebens, die vor den Augen des Sterbenden vorbeiziehen.

Es sind Erlösungsvisionen, die den Taugenichts treiben und begleiten, obwohl er wie später Kafkas Amerika-Reisender gar nicht recht zu wissen meint, warum er „just mit so ausnehmender Geschwindigkeit fortreisen sollte“, und nicht zu ahnen scheint, dass die einzige Erlösung im Leben die vom Leben ist. Überall lagern Todesbilder unter der heiteren Melodie der Reise; das Gerassel des Wagens dünkt ihn, er fahre mit ihm in ein großes Grabgewölbe, eine hässliche Haushälterin mit dürren Hexenfingern durchgeistert das alptraumhafte Schloss – auch bei Kafka eine Registratur der letzten Dinge – durch dessen lange, schmale Gänge der Taugenichts nachts irrt. Bald sieht er eine Messerklinge vor seinem Fenster im Mondschein blitzen, hört auf der Treppe Schritte sich nähern, und sein Blick in den Spiegel, in den er „immerfort hineinsehen“ und grimassieren muss, gleicht dem, den man im Gebirge in einen plötzlich dräuenden Abgrund wagt, halb erschreckt, halb angezogen von der Tiefe, ist doch unser Doppelgänger im Spiegel von jeher auch der unheimliche Fremde in uns, der tote Andere, der uns am Ende bestimmt, und sein Anblick jenes letzte Bild, das das bucklicht Männlein von uns verwahrt.

Natürlich ist auch das Schreiben eine Kunst des Doppelgängertums, denn erst dort auf der Nachtseite des Vertrauten, wo man sich selbst unheimlich wird, im Verließ des Schlosses, in der Tiefe des Waldes oder in jenem einsamen Haus, das der Taugenichts nur bei Dunkelheit finden kann, an diesen Seelenorten der Romantik, wo Sinne, Triebe und Erkenntnis zu Schatten und huschenden Schlaglichtern verschmelzen, keimt die Hoffnung auf Erlösung; auf das, was unser Held die Sternenklarheit des Herzens nennt. Nur dem, der bereit ist, die Augen zu schließen, können auch die Morgenstrahlen auf die Lider fallen, wie der Taugenichts sagt, so „dass mir’s innerlich so dunkelhell war“. In dunkelhellen Zwielicht finden die Sätze mit der gleichen zwingenden Zufälligkeit zueinander wie dem Taugenichts alle ersehnten Menschen auf seiner Reise unverhofft wieder begegnen und nach einem sanften Gesetz ineinandergreifen, um schließlich ihre Masken zu lüften. Erst dann wird auch er als ganzer Mensch anerkannt.

Dr. Fridolin Schley
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LITERARISCHE ORTE: Heidelberg und die Romantiker.

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Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichsschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt` ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging,
Und herein in die Berge
mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All` ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goss

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Wälder
Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
An den Hügeln gelehnt, oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.

Friedrich Hölderlin

 

Immer wieder suchte der ewig vor sich und anderen flüchtende Friedrich Hölderlin (1770 – 1843), bis er dann seine zweite Lebenshälfte in seinem Tübinger Turmzimmer verbrachte, auch die kühlen Schatten der Stadt Heidelberg auf. 1788 war sein erster Besuch in der Neckarstadt, 1800 entstand sein Gedicht, kurz nachdem die Alte Brücke über den Neckar fertiggestellt worden war. Es ist wohl das berühmteste Heidelberg-Poem. Mit den Zeilen „schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund von den Wettern zerrissen“ bezieht sich Hölderlin auf einen Blitzschlag, der 1764 das Heidelberger Schloss, kaum dass es nach der teilweisen Zerstörung durch die Franzosen 1693 wieder aufgebaut worden war, vollends beschädigte. (Ein ausführlicher virtueller Rundgang durch das Schloss, den Schlossgarten bis hin zum berühmten Riesenfass findet sich hier.)

Wie die „Weimarer Klassik“ gibt es auch für Heidelberg den Begriff einer Literaturepoche, der mit der Stadt verbunden ist: Die „Heidelberger Romantik“. Hölderlin war ein Vorbote, verknüpft ist sie vor allem mit Clemens von Brentano und Achim von Arnim, die zweitweise in Heidelberg lebten (datiert wird die Heidelberg Romantik für die Jahre zwischen 1804 und 1818), dort an „Des Knaben Wunderhorn“ arbeiteten und die „Zeitung für Einsiedler“ herausgaben. Darüber hinaus studierte Joseph von Eichendorff von 1807 bis 1808 ebenfalls in Heidelberg, hatte aber wohl keine Kontakte zu Brentano/Arnim.

Die Romantik als Literaturepoche zeichnet sich durch Kritik an der Vernunft und auch in der Abgrenzung zur Aufklärung aus, zielt auf die Aufhebung der Trennung zwischen Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften ab, greift die einfache Sprache des Volkes und seine Erzählungen auf – kurz: Zurück zur Natur, back to the roots.

Heidelberg, die „Ländlichschönste“, bot dafür das ideale natürliche Ambiente. Und weil die Romantiker auch gerne schwelgten, so ist es denn kein Wunder, dass manch einer von ihnen sich hier auch unglücklich verliebte – Joseph von Eichendorff beispielsweise in Käthchen Förster, die ihn wahrscheinlich zu „In einem kühlen Grunde“ inspirierte.

Die Ära der Heidelberger Romantik ging vorüber, literaturwissenschaftlich gesehen. Die Romantik in Heidelberg jedoch blieb. Jahrzehnte später traf es Gottfried Keller, der sich in die Tochter eines Heidelberger Politikers und Philosophieprofessors verschaute, als er sich von 1848 bis 1850 in der alten Universitätsstadt aufhielt. Auch ihm wurde die berühmte Brücke zu einer Metapher:

 

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Bild von Ramon Perucho auf Pixabay

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit dir den Strom ich überschritt.
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen
Und sie fühlten mein Freude mit.

Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leids hinübergehe,
Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt;
Soll ich einsam in die Berge gehen
Und nach einem schwachen Stege spähen,
Der sich meinem Kummer zitternd fügt?

Aber sie, mit anderm Weh und Leiden
Und im Herzen andre Seligkeiten:
Trage leicht die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen
Ewig wird es aber nie geschehen,
Daß ein bessres Weib hinüberwallt!

Gottfried Keller

Joseph von Eichendorff, Gottfried Keller und viele mehr erwischte es in Heidelberg (Goethe war natürlich auch da, aber der war sowieso immer in irgendjemand verliebt) – die Stadt mit ihren engen Gassen, dem meist milden Klima, den vielen Kneipen, dem lebendigen Universitätsleben, sie lädt ein wenig zum „dolce vita“ ein. Wen wundert es daher, dass der Schlager „Ich hab mein Herz in Heidelberg“ verloren, bis heute seine Wirkung tut …

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