Das Leben der Männer

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Als William Stoner sehr jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder Gnade noch Illusion war; vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“

John Williams, „Stoner“

Was zählt, wenn man die Bilanz für sein Leben sieht, die Jahre in der Summe nimmt? Was ist, was bleibt, war es gut? Drei amerikanische Romanciers haben sich dieses zum Thema gemacht – bilanzierende Werke, sprachlich brillant und mit einem großen Schuss Melancholie ausgestattet. Und noch eine Parallele: Alle drei Romane handeln von Männern, deren Berufung weniger das Leben, sondern die Sprache ist – das Schreiben, das Lehren, das Lektorieren. Bei zweien möchte man am Ende sagen: Wenigstens hatten sie dies, hatten sie schon die Liebe nicht.

James Salter – dezente Lakonie

„Irgendwann wird einem klar, dass alles ein Traum ist und nur geschriebene Dinge die Möglichkeit haben, wirklich zu sein.“

Bezeichnend, was James Salter (Jahrgang 1925) seinem Roman „Alles, was ist“ als Motto voranstellt. Die ersten zehn Seiten des Buches branden an wie eine Bugwelle: Der Leser wird wie der junge Philip Bowman hineingerissen in eine Schlacht im Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Alles, was folgt – die erste Liebe, das Werben, die Heirat, die Scheidung, der Aufstieg in einem Verlag, Reisen, weitere Geliebte, weitere Trennungen, Freundschaften, Todesfälle, Verluste – nimmt weit weniger Raum ein.

Jede Begegnung mit einer Frau zunächst voller Emotion, Bowman spricht schnell von Liebe – aber mehr und mehr perlen Emotionen von ihm ab, werden Trennungen beiläufiger, scheinen Enttäuschungen und Verluste keine Risse zu hinterlassen. Das Leben läuft so vor sich hin – oder ihm davon, je nach Perspektive. Und am Ende war es das. Und man bedauert diesen Mann, der doch mit allen Möglichkeiten ausgestattet war: Tja, wenn das nun alles war.

Salter erzählt von einem Leben, das von außen glamourös erscheint, voller Ereignisse, in einem lakonischen, beiläufigen, manchmal dezent zynischen Stil, der an John Cheever erinnert. Doch trotz des angefüllten Lebens – es ist am Ende leer. Weil: „Alles, was ist“ ist wenig, wenn man auf Distanz zum Leben bleibt – zum Leben, zu den Lieben, zu den Freunden. Bowman, der eigentlich abwesende Antiheld.

James Salter, „Alles was ist“, OA 2013, in deutscher Übersetzung beim Berlin-Verlag.

John Williams – stille Agonie

„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war (…). Er fand ein ebenso grimmiges wie ironisches Vergnügen an der Möglichkeit, ihn habe jenes bisschen Bildung, das er sich erworben haben mochte, zu folgender Einsicht geführt: Letzten Endes war alles, selbst das Studium, das ihm dieses Wissen ermöglichte, sinnlos und vergeblich und gerann zu einem unabänderlichen Nichts.“

Stoner ist der vollkommene Gegenpart zu Salters Bowman: Ein stiller Mann, der, aus ärmlichen Verhältnissen kommend die Liebe zur Literatur entdeckt, sich ein Leben an der Universität erwählt und geradezu erkämpft, der weder so scheinbar abgeklärt noch zynisch ist wie Salters Held und sich beinahe naiv, still und „unschuldig“ den Verhältnissen in die Hand gibt. Steht Bowman für Eleganz und Glamour, viel Oberfläche, steht Stoner für Arbeit und Dienen, und das in der zweiten Reihe.

Aber er ist einer, der irgendwie mit zäher Kraft überlebt – auch gegen die Umstände: Eine gescheiterte, lieblose Ehe, die geliebte Tochter verfällt dem Alkohol, er selbst wird an der Universität angefeindet und in seiner Berufung beschnitten. Und dennoch behält Stoner Liebe, Mitgefühl, Verständnis und vor allem auch seine Würde. Nur einmal ist ihm im Leben das reinste Glück mit einer Frau vergönnt – Aber auch dies muss scheitern, die Verhältnisse, sie sind nicht so. Ein stiller Held, mit dem man mitleidet und mitlebt – bis zum Ende:

„Die Finger lockerten den Griff, und das Buch, das sie gehalten hatten, rutschte langsam und dann immer rascher über den reglosen Leib und fiel in die Stille des Zimmers.“

Der Roman „Stoner“ erschien 1965 und blieb ohne große Resonanz. Dass er wiederentdeckt wurde, ist eines der kleinen Wunder der Literatur. Stoner, für mich einer der traurigen Helden – ein Mann der Hingabe und der Hinnahme, einer, der sich in Würde in sein Schicksal begibt.

John Williams, „Stoner“, OA 1965, in deutscher Übersetzung bei dtv.

Wallace Stegner – gelassene Melancholie

„Ich stelle mir vor, sie wäre im Kindbett gestorben, unter den Händen jenes Arztes, bei dessen Erinnerung mich heute noch die Wut befällt und dessen Namen ich wohlweislich vergessen habe. Ich hätte diesen Kreißsaal als ein Nichts verlassen, vernichtet durch das blutige Etwas, das auf dem OP-Tisch blieb, aber ich hätte sie überlebt. Ich hätte weitergelebt und wahrscheinlich weitergeschrieben, denn das Schreiben war neben Sally das Einzige, was meinem Leben Sinn und Halt gab.“

In „Zeit der Geborgenheit“ erzählt Wallace Stegner ganz unaufgeregt und gelassen von zwei Ehepaaren, die über Jahrzehnte hinweg miteinander eng verbunden sind. Larry, der Erzähler aus der Ich-Perspektive, hat viel mit „Stoner“ gemeinsam: Er erarbeitet sich den Weg an die Universität, er kommt aus „kleinen“ Verhältnissen, er erobert sich die Literatur. Doch anders als „Stoner“ begegnet ihm das Glück – mit Sally, der Frau, mit der er sein Leben lang zusammenbleiben wird. Als Spiegel dient den Beiden das Ehepaar Sid und Charity – privilegiert, begütert, aber weniger in Liebe denn in Reibung aneinander gekettet. Als Charity im Sterben liegt, zieht der Erzähler auch seine Bilanz: Abgeklärt, weise und voller Dankbarkeit für das Glück, dem einen Menschen begegnet zu sein, der sein Leben zusammenhielt.

Wallace Stegner (1909-1993), unterrichtete unter anderem in Stanford, erhielt für seine Bücher den Pulitzer-Preis und den National Book Award und ist dennoch im deutschsprachigen Raum noch einer der weniger Bekannten der modernen amerikanischen Klassiker. Schade – ich schätze seinen ruhigen, gelassen Erzählstil sehr.

Wallace Stegner, „Zeit der Geborgenheit“, OA 1987, in deutscher Übersetzung bei dtv.

Drei Romane, drei Leben, eine Bilanz:

Jedes Buch für sich kann ich wärmstens empfehlen. Jedes bietet einen Anstoß dazu, nachzudenken, was das Leben alles ist. Was uns zufrieden macht, was uns streben lässt, was gut ist, was wichtig ist.
Für mich war jedoch nach James Salter und John Williams die Lektüre von Wallace Stegner der perfekte, tröstliche Abschluss. Denn woran Salters Held scheitert und was „Stoner“ nicht vergönnt ist, das zumindest erfährt der Erzähler in Wallace Stegners Roman:

„…einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.“

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Vorstadthöllen bei Cheever, Yates und Wilson

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

In der amerikanischen Literatur der 1950-er bis 1970-er Jahre finden sich einige großartige Romane über ein ganz spezielles Biotop: Über Die mittelständischen (und natürlich ausschließlich „weißen“) suburbs. Selten wurde die Vorhölle der Vorstadt und ihre spezielle Einwohnerschaft so klarsichtig, unnachgiebig und auch zynisch geschildert wie in einigen Romanen der großen amerikanischen Autoren dieser Zeit – Richard Yates vorneweg, aber auch John Cheever, John Updike und Sloan Wilson.

Das Suburbia-Leben scheint sich in diesen Büchern nur alkoholisiert ertragen zu lassen: Der Ehemann gehört zur Spezies Pendler, der mittags mit den Kollegen (oder der Geliebten in der Stadt, oft eine Sekretärin aus der Firma) gerne schon die ersten Drinks kippt. Derweil verabschiedet sich die Gattin, langsam resignierend, von eigenen Lebensentwürfen und ertränkt im Kreise ihrer Leidensgenossinnen die Langeweile in Cocktails. Auch die gemeinsamen Stunden am Abend sind nur promillegeschwängert zu ertragen. So sind die Vorstadtromane oftmals auch Psychogramme junger Ehepaare auf dem Weg hin zu einer eheimmanenten Altersgereiztheit – wenn der Tod sie nicht schon vorher scheidet. Liebe, die kurz und manchmal schmerzhaft erstickt wird von den Konventionen der Vorstadtgesellschaft.

Beispiel eins: Betsy und Tom Rath. Ihr Schöpfer: Sloan Wilson, „Der Mann im grauen Flanell“, 1955.

Wie seltsam sind doch Erinnerungen, dachte er. Die arme Betsy, sie hätte einen mit Geld heiraten können, einen, der sie heute jeden Winter nach Florida bringen könnte, einen ohne alle Sorgen, der lächeln würde und fröhlich wäre, während die Köchin das Abendessen machte und das Serviermädchen es auftrug und Betsy lächelnd dasaß.

Wie ist es heute gelaufen? fragte Betsy, als sie ihn am Abend vom Bahnhof abholte.
Gut, sagte Tom, wie er es immer sagte. Es hat keinen Zweck, den Ärger mit nach Hause zu nehmen, hat jemand mal gesagt. Man soll ihn im Büro lassen.

Zur Buchbesprechung: „Der Mann im grauen Flanell“

Tom und Betsy Rath kommen, so viel sei hier verraten, nochmals davon. Das junge Paar hat zwar ein nicht geringes Päckchen zu tragen – doch was hier letztlich den Kitt zusammenhält, ist gegenseitiges Verständnis und das Wissen, dass es Dinge gibt, die mehr zählen als Vorstadthaus, Vorstadtauto, Vorstadtaktivitäten. Ein Band zwischen den Beiden, das tragfähig ist – und das sie von dem nächsten Vorstadtpaar wesentlich unterscheidet.

Beispiel 2: Frank und April. Die tragischen Helden aus „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates, 1961.

Zwei Jahre zuvor hatten sie diese Strecke, als zustimmend nickende Beifahrer im Kombi von Mrs. Helen Givings, einer Immobilienmaklerin, zum ersten Mal zurückgelegt. Am Telefon war Mrs. Givings höflich, aber zurückhaltend gewesen – oft genug kamen Leute aus der Stadt hier heraus und verschwendeten die Zeit der Maklerin damit, dass sie unakzeptable Kaufbedingungen aushandeln wollten -, doch schon von dem Augenblick an, als die Wheelers aus dem Zug gestiegen waren, hatte Mrs. Givings, wie sie später ihrem Mann erzählte, in den beiden ein Paar erkannt, mit dem es, trotz der niedrigen Preiskategorie, nur wenig Probleme geben würde.

So kann man sich täuschen – denn das Haus in der Revolutionary Road (so der Originaltitel des Romans) bringt dem Paar kein Glück. Nur anfangs scheinen April und Frank voller Ambitionen und Hoffnungen, voller Liebe und Zuneigung. Doch die Vorstadt kriegt sie alle: Es gibt keine Revolution in der Straße der Revolution. Es ist der falsche Ort, es ist das  falsche Leben. Während Frank sich zunächst bei seinem Job langweilt, hofft April immer noch, dass die einstmaligen Träume von der Bühne wahr werden könnten. Doch das Leben läuft anders: Frank beginnt die übliche Karriere und April verblüht in der Vorstadt. Ein letztes Aufbäumen ist der Plan, nach Frankreich auszuwandern. Während April noch an Aus- und Aufbruch glaubt, entpuppt sich Frank als Blender. Seine hochfliegenden Träume von einer kreativen Karriere verpuffen, er gibt sich – weil er sich seine eigenen kleinen Freiheiten herausnehmen kann – gerne mit dem kleinen Leben in der kleinen Stadt zufrieden. April jedoch bezahlt dafür einen hohen Preis. Ein Roman, der sich flüssig liest, der seine vielen inhaltlichen Ebenen bei wiederholten Lektüren nach und nach offenbart. Eine ähnliche Ehebeschreibung und Analyse gescheiterter Träume schrieb Yates auch mit „Young hearts crying“.

Zur Buchbesprechung hier: Young hearts crying

Beispiel 3: Eliot und Paul. Die psychopathischen Herren in „Die Lichter von Bullet Park“, John Cheever, 1969

Wer meint, hinter- und untergründiger ließe sich Vorstadt-Tristesse nicht beschreiben, der täuscht. Das giftigste, böseste Buch zum Thema stammt in dieser Reihe von John Cheever: „Die Lichter von Bullet Park“, 1969 erschienen. Was in dieser fiktiven, aber wirklichkeitsnahen Vorhölle von denen, die sich hier ansiedeln wollen, erwartet wird, das wird schon beim Hausverkaufsgespräch ganz klar. Besuch Nummer drei:

Im Ort gibt es vier Kirchen. Vom Gorey Brook Country Club haben Sie wahrscheinlich schon gehört. Dort gibt es einen herrlichen, von Pete Ellison entworfenen Achtzehn-Loch-Golfplatz, vier regenfeste Tennisplätze und ein Schwimmbad. Hoffentlich sind Sie kein Jude. Da gelten hier nämlich strenge Prinzipien. Ich selbst habe keinen Pool und empfinde das, ehrlich gesagt, als Manko. Wenn sich die anderen über Chemikalien und so weiter unterhalten, ist man vom Gespräch ausgeschlossen.

Cheever, der auch mal gerne als „Tschechow Amerikas“ oder „Chechov of Suburbia“ bezeichnet wird, erzählt hier mit einem gnadenlosen Blick auf die Mittelschicht. Nichts ist und bleibt dabei so „herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher“, um den allerletzten, bösen Satz dieses Buches zu zitieren.

Im Roman wird der Blick auf zwei Familien geworfen: Zunächst steht der unauffällige Marketingangestellte Nailles im Fokus. Die blendende Fassade kann er jedoch nur noch mit Medikamenten aufrechterhalten. Eliot Nailles trifft auf seinen neuen Nachbarn Paul Hammer, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist. Ein Alkoholiker, der mit dem psychopathischen Plan, Nailles zu töten, nach Bullet Park gezogen ist. Die Verbindung der beiden Männer, die selber nur Opfer dieser Hölle der Vorgärten sind, erschließt sich erst im Laufe des Buchs. Doch eines wird schnell klar: In diesem Biotop bigotter, judenfeindlicher, schwulenhassender Vorstadtscheinheiliger braucht man so oder so alle Geisteskräfte, um nicht den Verstand zu verlieren.

Was geschieht, wenn man in älteren Jahren in die Kleinstadt seiner Jugend zurückkehrt, das beschrieb John Cheever in seinem letzten, wunderbar ironischen Roman: „Ach dieses Paradies“.
Zur Besprechung: Ach, dieses Paradies

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Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Mein Leben begann ruhig, ich wohnte in Bergbaustädten und zog zu oft um, um Freunde zu haben. Ich suchte mir einen Baum oder einen Platz in einem alten verlassenen Hüttenwerk und saß in der Stille. Meine Mutter las normalerweise oder schlief, und so sprach ich meistens mit meinem Vater. Sobald er zur Tür hereinkam oder wenn er mich in die Berge und ins tiefe Dunkel der Minen mitnahm, redete ich ununterbrochen. Dann ging er ins Ausland, und wir lebten in El Paso, Texas, wo ich die Vilas-Schule besuchte. In der dritten Klasse konnte ich gut lesen, hatte aber vom Addieren keine Ahnung. Ein schweres Korsett auf meinem Rücken. Ich war hochgewachsen, aber immer noch wie ein Kind. Ein Wechselbalg in dieser Stadt, als hätten mich Bergziegen in den Wäldern aufgezogen.“

Aus der Erzählung „Stille“, Lucia Berlin, „Was ich sonst noch verpasst habe“, Arche Literatur Verlag, 2016.

Ein Wechselbalg, eine Außenseiterin, von Kindheit an unterprivilegiert, niemals dazugehörend. Stille, Einsamkeit, Melancholie als Erbe. Sie dringen durch jede dieser Erzählungen. Zugleich aber auch eine Sprödigkeit, eine Lakonie, trockene Humorsicht auf die Welt, das Streben der Ehrgeizigen nach einem Quäntchen mehr an Glück leise belächelnd. Lucia Berlin erzählt von jenen – meist Frauen – die sich dennoch behaupten, im alltäglichen Elend ihre Würde bewahren, den Lebenswillen auch. Sie erzählt von unterbezahlten Krankenschwestern, ausgebeuteten Putzfrauen, illegalen Einwanderinnen, Suchtkranken in der Reha, Alkoholikerinnen im wiederholten Entzug, von den Underdogs, die sich in Waschsalons, auf der Straße, auf der Flucht treffen – und sie erzählt immer auch von sich selbst, an ihrer eigenen Biographie entlang.

Die Frauen, von denen sie erzählt, das sind trotz ihrer Schwächen, ihrer Demütigungen und Verletzungen jedoch keine Gebrochenen – es sind die dunklen Königinnen der Selbstbehauptung. Ein Abbild dieser Schriftstellerin vielleicht, die in einem Brief an einen Freund über sich selber schrieb: „Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran.“ Nicht gerade das Heilsrezept, das die moderne Psychotherapie Menschen mit einer Biographie ähnlich derer der amerikanischen Autorin (1936 – 2004) verordnen würde – Sprechen lautet da die Diagnoseempfehlung. Manches ist jedoch vielleicht einfach auch unsagbar. Und nur durch die Verwandlung in Literatur findet es seinen Ausdruck – so stelle ich mir das Schreiben der Lucia Berlin vor, für die vielleicht (das ist meine Spekulation) das Verfassen von Texten der einzige Ruhepol in einem unruhigen Leben war, die einzige Möglichkeit, Schläge abzuwehren, Verletzungen zu heilen.

Ein Blick auf die Biographie: In Alaska geboren, der Vater Bergbauingenieur, der beruflich bedingt ein unstetes Leben führen muss, die Mutter eine Trinkerin. Im Alter von zehn Jahren erkrankt Lucia Berlin in Chile an Skoliose, der Vater verlässt die Familie, die bei den Großeltern unterkommt. Großvater und Onkel sind ebenfalls Trinker, wie in zwei Erzählungen angedeutet ist, wird Lucia Berlin zudem Opfer sexuellen Missbrauchs durch den Großvater. Sie selbst kämpft später ihr Leben lang gegen den Alkoholismus an, heiratet Männer, die selbst am Abstürzen sind, erzieht ihre vier Söhne größtenteils alleine, wechselt häufig die Wohnorte. Und ist daneben noch, vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren literarisch überaus produktiv – wenn auch öffentlich kaum beachtet.

„Lucia Berlin“, so heißt es in einer wunderbaren Annäherung an die Schriftstellerin durch Mara Delius in der „Welt“, „blieb so unbekannt, dass sie noch nicht einmal vergessen werden konnte, als sie gestorben war.“ Tatsächlich gelangt die amerikanische Autorin erst jetzt, eine Dekade nach ihrem Tod, zu einer Art literarischen Berühmtheit. Als 2015 die Erzählungen unter dem Titel „A  Manual for Cleaning Women“ erschienen, wurde diese Wiederentdeckung zu einer literarischen Sensation. Und auch im deutschen Sprachraum  bekommt Lucia Berlin nun die Aufmerksamkeit, die ihr – und davon bin ich fest überzeugt – gebührt. Der Arche Verlag brachte die Erzählungen Anfang 2016 unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ heraus, wunderbar übersetzt von Antje Rávic Strubel.

Diese zeigt sich in ihrem Vorwort begeistert von der Amerikanerin – eine Begeisterung, die ich nur teilen kann:

„Mit ihrer unbehauenen Sprache, ihren ungeschönten Schilderungen und komplexen Figurenporträts, durchwoben von abgründigem Witz, hat Lucia Berlin allerdings ein unverkennbar eigenes, einzigartiges literarisches Universum geschaffen. Diese Autorin schaut dorthin, wo es wehtut. Den Schmerz fängt sie in einem dunklen Lachen auf.“

Das dunkle Lachen, das vom Schmerz in jeder Freude weiß – es klingt durch viele dieser Erzählungen, die sind wie „Tigerbisse“ – so lautet der Titel einer Erzählung über eine geplante Abtreibung in Mexiko:

„Und da war sie, Bella Lynn! Auf dem Parkplatz des Betriebsbahnhofs. Stand aufrecht winkend in einem taubenblauen Cadillac-Cabrio, in fransenbesetzten wildledernen Cowgirl-Klamotten. Sie war bestimmt die schönste Frau in West-Texas und hatte tausend Schönheitswettbewerbe gewonnen. Langes hellblondes Haar und goldbraune Augen. Ihr Lächeln, nein, es war ihr Lachen, ein dunkles, tiefes, wasserfallartiges Lachen, das Freude verströmte, das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte.“

Schon in etlichen Feuilletons besprochen, ist Lucia Berlin jedoch wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtipp – vielleicht wird sich das jedoch mit dem nächsten „Literarischen Quartett“, das am 24. Juni ausgestrahlt wird, ändern. Anschauen werde ich mir das jedoch nicht: Wird Maxim Biller die Erzählungen loben, werde ich mich grämen. Wird er sie hämisch verreißen, gräme ich mich ebenfalls. Mehr Aufmerksamkeit muss man Herrn Biller nicht geben, Lucia Berlin dagegen schon – ich meide sonst solche Superlative, doch hier und in diesem Zusammenhang ist das angemessen: Für mich sind diese Erzählungen das Beste, was ich in diesem Jahr und in der vergangenen Zeit aus der amerikanischen Literatur gelesen habe.

Man nehme die Stories von Carver, Cheever und Yates, gebe ihnen einen weiblichen Blick auf das Amerika der 1970er- bis 1980er Jahre, verdunkle sie, intensiviere sie, mache sie noch vollkommener, kristallklarer, diamantenhart – und dann stößt man auf die Essenz der Lucia Berlin. Doch anders als die erwähnten erzählenden Männer lässt sich Lucia Berlin ihren Blick auf die Welt nicht durch abgeklärten Zynismus verstellen – anders als sie überrascht sie auch in den dunkelsten Ecken ihres erzählerischen Daseins durch Freude.

Ihr Herausgeber und enger Freund Stephen Emerson sagt über ihre Art des Erzählens:

„Freude ist ein wesentliches Element in ihrem Werk. Ein seltenes Gut, das man nicht so oft findet. Balzac, Isaac Babel, García Márquez fallen einem ein. Eine Prosa, die so tief in die Welt hineingreift wie die Lucia Berlins, feiert sie. Ihr Werk ist von einer Freude durchdrungen, die von dieser Welt abstrahlt.“

Lesen! Und über die Wiederentdeckung dieser Autorin freuen!

Read Lucia: http://www.luciaberlin.com/

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John Cheever: Ach, dieses Paradies

„Wenn er im Kino sah, wie sich ein Mann und eine Frau leidenschaftlich küssten, fragte er sich stets, ob das ein Land war, dass er schon am nächsten oder übernächsten Tag verlassen musste.“

John Cheever, „Ach, dieses Paradies“, erschienen 1969, in neuer Übersetzung 2013 bei DUMONT.

Den letzten Roman des 1982 verstorbenen US-Amerikaners als ökologisches Lehrstück zu beschreiben, wie es auch schon geschehen ist, greift viel zu kurz. Sicher, vordergründig ist dies der Plot. Lemuel Sears, ein alternder Geschäftsmann, zieht seine Kreise auf Kufen über den vereisten Lake Beasley seiner Kindheit. Kurz darauf wird der Teich zur Mülldeponie erklärt, ein Kampf um den Erhalt Arkadiens beginnt.

Dieser Kurz-Roman (Cheever, der zunächst durch seine Erzählungen berühmt und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, bestand auf die Bezeichnung „Roman“) ist jedoch mehr als eine Lang-Erzählung über die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Die Vermüllung der Kindheit – das ist eine Metapher, ein Sinnbild für die andauernde Suche des Menschen nach dem Paradies. Auf dem Weg dorthin macht das Tier auf zwei Beinen sich und den anderen solange das Leben perfekt zur Hölle. Und vor allem ist es eine Erzählung über Verluste: Den Verlust der Unschuld, der Reinheit, der Kindheit, der Liebe, des Verlangens. Erzählt wird der vergebliche Kampf gegen das Altern, das Verschwinden der Schönheit, der Kampf gegen die kindlich-menschliche Urangst vor der Vertreibung aus dem Paradies,

Perfekter Stil

John Cheever beschreibt das Treiben seiner Protagonisten – neben Sears beinhaltet der Roman trotz seiner Kürze noch etliche bemerkenswerte Nebenstories mit ebenso bemerkenswerten Figuren – auf der Höhe seiner Erzählkunst. In seinen ersten, den Wapshot-Romanen, erzählte Cheever die Geschichten aus – von „Die Lichter in Bullet Park“ über „Falconer“ bis hin zum Paradies kann man die Perfektionierung eines Stils, der die hintersinnige Andeutung beherrscht, mit-erlesen.

Im Paradies sind die Fäden lose miteinander verknüpft, die Erzählung ist ein wunderbar leichtes Gespinst, kommentiert von einem ironisch-distanzierten Erzähler. Ein bitterschönes Stück Literatur, das Cheever mit vollendetem Understatement durch seinen Erzähler enden lässt: „…und wie ich schon zu Beginn sagte, ist dies bloß eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre für eine Regennacht in einem alten Haus eignet.“


Bild zum Download: Skulptur Grün


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John O`Hara: Begegnung in Samarra

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Solche Tage müßte es öfter geben, dachte er. Ohne den Kopf dabei zu drehen, schob er sich langsam in eine halb liegende, halb sitzende Stellung und griff nach der Schachtel Lucky Strike auf dem Tischbett zwischen seinem und Carolines Bett. Dabei blickte er in die Richtung von Carolines Bett. Konnte das wahr sein? Er sah noch einmal hin. Und er hatte sich nicht geirrt: Caroline hatte nicht in ihrem Bett geschlafen. In diesem Moment kam alles wieder in ihm hoch wie mit einem furchtbaren, alles erbeben lassenden Geräusch, als stünde er zu dicht vor einer großen Glocke, die plötzlich, ohne Vorwarnung, angeschlagen wurde. Seine Finger und sein Mund steckten eine Zigarette an; sie wußten, wie das geht. Er dachte gar nicht an eine Zigarette, denn mit dem Glockenlärm kamen die Katerstimmung und die Reue. Er brauchte einen Moment, aber schließlich erinnerte er sich an das Schlimmste, was er je getan hatte, und es war wahrscheinlich schlimm. Er erinnerte sich, Harry Reilly einen Drink ins Gesicht gekippt zu haben, mitten in sein feistes, billiges, ekelhaftes, irisches Gesicht. Und jetzt war also Weihnachten und Frieden auf Erden.“

John O`Hara, „Begegnung in Samarra“, 1934

Dieser Roman atmet das Amerika der goldenen 1920er und der 1930er-Jahre, als die USA aus ihrem goldenen Traum, von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt, erwachten. Er ist lakonisch in Hemingwayscher Manier, bietet die Eleganz und Subtilität eines F. Scott Fitzgerald, den Zynismus einer Dorothy Parker (die den jungen Autoren maßgeblich förderte). Er ist ein Abbild der Hangover-Generation – jene, die noch an all dem festhielt, was sie schon längst verloren hatte.

Das Buch umfasst nur einige wenige Tage an Weihnachten 1930 – genügend, um Abstieg und Fall eines seiner Protagonisten, das Erwachsenwerden und die Desillusionierung einer Frau sowie das Scheitern einer Gangsterkarriere unterzubringen. Julian English (der Name steht für das etablierte, weiße Bürgertum in den USA, den „weißen Adel“) beginnt die Weihnachtstage mit einem Skandal: In einem der gehobenen Clubs der fiktiven Stadt Gibbsville kippt er, aus einem Impuls heraus, dem Iren Harry Reilly einen Drink in das Gesicht. Es ist eine Geste des Überdrusses, der Langeweile, der Lebensunlust – eine Geste mit Folgen.

Angewidert von seinem Leben, das vor allem aus Trinkgelagen in diversen Clubs und Kneipen besteht, abgelehnt von seinem dominanten Vater, nirgends dazugehörend. Materiell und vom öffentlichen Status her gehört dieser Antiheld nicht zu den Underdogs, mit denen er in seiner Kindheit wilde Bandenspiele trieb, und auch nicht zu den Gangstern, die in Zeiten der Prohibition die Stadt beherrschen. Innerlich fühlt er sich jedoch ebenso wenig zu den oberen „Zehn“(tausend beherbergt eine mittlere Gemeinde nicht) zugehörig. Das Leben des Julian English ist im Grunde eine leere Hülle und eine anstrengende, alle Energie kostende Farce. English ist zugleich weltfremd und lebensuntüchtig, hoffnungslos dem Alkohol verfallen. Die Weihnachtstage 1930 bringen kein letztes Aufbäumen, keinen Überlebenswillen, keine Entscheidung, das Leben zu einem Besseren zu wenden. Sie gleichen vielmehr dem Bild vom Kessel, der unter zu großem inneren Druck platzt – der ausgeschüttete Drink, die Debatten mit seiner Frau, die nachfolgenden Prügeleien und manische Autofahrten, sie pflastern den Weg zum letalen Ende.

Einzig die Ehe mit Caroline hält Julian English noch am Laufen – doch am Ende dieser Tage ist sie, die den Absturz mit ihm fast bis zum bitteren Ende aus Liebe (die O`Hara nicht erklärt, sondern subtil herausschält aus der Entwicklungsgeschichte Carolines heraus, aus deren Vorgeschichte und Liebeleien zu Männern vor ihrer Ehe mit Julian) teilt, müde. Sie zieht sich zurück, verlässt ihn, aus Zorn und Hilflosigkeit.

John Updike schreibt in seinem Nachwort zu diesem Roman:

„Bevor sich jedoch Caroline in einem letzten, lautstarken Streit voller Sarkasmen und verklausulierter Hilferufe von ihm entfremdet, teilt sie Julians furchtbaren, plötzlichen Absturz, und eine Reihe intimer Begegnungen zeigt die Zärtlichkeit, die hier verschleudert wird.“

Am Ende allein, gebrochen, zerstört, mischt sich Julian English einen letzten, überdimensionierten Monsterdrink in einer Blumenvase, torkelt durch sein Haus, setzt sich in die Garage und seinem Leben mit Auspuffgasen ein Ende. Obwohl John O` Hara sprachlich vor allem die letzten Seiten des Buches nüchtern bis kühl konzipiert hat, bleibt nach dem Ende des Romans ein mehr als großer Hauch von Melancholie und Trauer um diesen lebensuntüchtigen, aber dennoch charmanten Antihelden zurück. Manche Menschen, dies scheint der Roman zu vermitteln, sind in ihrer Unentschlossenheit und Weichheit nicht für das Leben gemacht. Was English hätte retten können? Eine schwierige Frage Die Antwort wohl ebenso simpel wie komplex: Im Grunde nur er selbst.

John O`Hara (1905 – 1970) wußte wohl nur zu gut, wovon er in seinem Debütroman, der auf Anhieb zum Erfolg wurde, erzählte: Stammte er doch selbst aus einer Kleinstadt, litt selbst unter seiner Trunksucht, die ihn, den Journalisten, immer wieder zu Streitigkeiten und Zerwürfnissen mit seinen Auftraggebern führte. Die Romanstadt Gibbsville ist eine satirische Beschreibung seiner eigener Herkunft aus einer amerikanischen Kleinstadt, in der Engstirnigkeit, Bigotterie, Antisemitismus und Rassismus zum Alltag gehörten. Ein Freund schrieb O`Hara von der „Verbitterung, die du gegen all diese verklüngelten Arschlöcher hegen mußt“: Im Gegensatz zu seinem Romanhelden Julian English schrieb sich John O`Hara den Weg aus diesem Milieu jedoch frei.

Hans-Peter Kunisch meinte, als der Roman 2007 in deutscher Sprache wiederaufgelegt wurde, in der Zeit:

„Wichtig ist das Unerklärbare an dieser Tat (der verschüttete Drink, Anm. von SätzeundSchätze), einer Verwandten des »acte gratuit« . In Camus’ Der Fremde wird der Schuss des von der Sonne geblendeten Meursault auf einen Araber ein paar Jahre später geradezu klassisch. Gemeinsamer Hintergrund ist die Faszination, in den Zeiten der aufkommenden Alleserklärerin Psychoanalyse noch einmal das Unberechenbare menschlicher Existenz auszuloten. Jedes »wahnsinnige« Ausscheren bewahrt bei O’Hara seinen uneinholbaren Rest. Eindeutig ist, dass Julian Englishs ganze Existenz gegen die Enge der Kleinstadt Gibbsville rebelliert, doch warum hat er mit seiner hübschen Frau, den schönen Autos, der ordentlichen Herkunft bisher so gut in den Filz gepasst?

O’Hara wusste, wovon er sprach. Gibbsville ist Pottsville/Pennsylvania, wo er aufwuchs, nachgebildet. Was bei Erscheinen keine Einzelklage zur Folge hatte, sondern kollektive Pottsville-Wut. Jahrelang mied O’Hara seine Heimatstadt. Aber das hatte er sich gewünscht: ein Buch, das alle Brücken in Flammen aufgehen lässt, das ihn endlich rauskatapultieren soll aus der Kleinstadt.“

Die „Time“ zählte „Begegnung in Samarra“ zu den 100 bedeutendsten Romanen der englischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Leider konnte O`Hara in seinen nachfolgenden Büchern dieses Niveau nicht mehr ganz erreichen. Und leider blieb er, trotz der Neuauflage zweier seiner Bücher (neben Samarra auch „Butterfield 8“, beide erschienen bei C.H. Beck und als dtv-Taschenbuch), auch hierzulande im Vergleich zu anderen Autoren seines Niveaus (beispielsweise die etwas jüngeren Schriftsteller Cheever und Yates) eher unbekannt. Was, nicht zuletzt auch angesichts der hervorragenden Übersetzungen durch Klaus Modick, zu bedauern ist.

Der Titel des Romans „Begegnung in Samarra“ stammt von einer arabischen Legende, die William Somerset Maugham erzählerisch verdichtete.

William Somerset Maugham, „The Appointement in Samarra“ (1933):

Death speaks:
There was a merchant in Baghdad who sent his servant to market to buy provisions and in a little while the servant came back, white and trembling, and said, Master, just now when I was in the market-place I was jostled by a woman in the crowd and when I turned I saw it was Death that jostled me. She looked at me and made a threatening gesture; now, lend me your horse, and I will ride away from this city and avoid my fate. I will go to Samarra and there death will not find me. The merchant lent him his horse, and the servant mounted it, and he dug his spurs in its flanks and as fast as the horse could gallop he went.
Then the merchant went down to the marketplace and he saw me standing in the crowd and he came to me and said, Why did you make a threatening gesture to my servant when you saw him this morning? That was not a threatening gesture, I said, it was only a start of surprise. I was astonished to see him in Bagdad, for I had an appointment with him tonight in Samarra.

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Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell

„Walkers Vorzimmer war beeindruckend. Als Tom es betrat, wusste er, dass er für eine Stelle ernsthaft in Betracht gezogen wurde, vielleicht sogar für eine ziemlich gute. Walker hatte zwei Sekretärinnen, die eine offenkundig wegen ihres Aussehens, die andere der Nützlichkeit wegen ausgesucht.“

Sloan Wilson, „Der Mann im grauen Flanell“, DUMONT Verlag, 2013, Übersetzung Eike Schönfeld.

Wer Richard Yates mag und wer John Cheever liest, der wird auch an diesem Buch Gefallen finden. Man sieht den idyllischen Vorort vor sich, in dem die aufstrebenden jungen Leute wohnen, die Pendler mit ihren weißen Krägen und im grauen Flanell-Anzug, am Bahnhof winken die Gattin im Petticoat. Abends ertönt das sanfte Klirren der Cocktail-Gläser. Ein Paar, zunächst auf den ersten Blick erinnernd an die Folien von Doris Day & Rock Hudson. So locker der Ton, so leicht die Sprache. Darunter lauert jedoch das Melodram à la Douglas Sirk.

Die Raths sind ein nettes Paar – aber ständig in Geldnöten, jonglierend in einem leicht maroden Haushalt, dahintuckernd in einer veralteten Auto-Kiste. Tom arbeitet bei einer gemeinnützigen Stiftung. Beide wollen mehr, beide wollen aber auch „ehrlich“ bleiben. Ehrlichkeit ist ein Schlüsselwort dieses Romans.

Denn Tom, der den Zweiten Weltkrieg als aktiver Soldat miterleben musste, befindet sich bereits unbewusst in einem zweiten schweren Konflikt: Wie authentisch bleiben, wenn man bereits mitten drin ist im Kapitalismus- und Leistungsgetriebe?  Der Krieg war, so wird deutlich, eine tragische Zäsur – seine Konsequenz jedoch ist keine Neuorientierung der Gesellschaft, keine Neuordnung. Tom bleibt im Hamsterrad.

Auch ein Erbe bringt keine Erleichterung, sondern neue Zwänge – Erbschaftssteuern, Erbstreitigkeiten, Grundstücksspekulationen. Vom schlecht bezahlten Job in der Gemeinnützigkeit wechselt Tom als PR-Mann zu einem Großunternehmer. Der will, für die eigene Reputation, eine Stiftung für psychische Gesundheit gründen. Aus dem Nine-to-Five-Job wird ein Rund-um-die-Uhr-Manager-Dasein, man fürchtet um die psychische Gesundheit der Protagonisten mit.

Natürlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, die Raths sind als Paar einfach zu nett. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack. Im scheinbar leichten Lese-Cocktail war zuviel Hochprozentiges.

„Der Mann im grauen Flanell ist ein Buch über die Fünfziger“, schreibt Jonathan Franzen in seinem Nachwort zur Neuauflage. „Die erste Hälfte lässt sich immer noch zum Vergnügen lesen, die zweite als Ausblick auf die darauf folgenden Sechziger. Schließlich vermachten die Fünfziger den Sechzigern ihren Idealismus – und ihre Wut.“

Der 1955 erschienene Roman würde sofort ein Bestseller, der Titel „The Man in the Grey Flanel Suit“ zu einem feststehenden Begriff. Bereits 1956 wurde der Roman verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle.
Informationen des Verlags zum Autor: „Sloan Wilson wurde 1920 in Norwalk, Connecticut geboren. Mit achtzehn segelte er einen Schoner von Boston nach Havanna. Er studierte in Harvard, diente im Zweiten Weltkrieg in der United States Coast Guard und arbeitete als Reporter und Hochschullehrer. Er hat fünfzehn Bücher veröffentlicht, darunter ›Der Mann im grauen Flanell‹ (1955) und ›A Summer Place‹ (1958). Sloan Wilson starb 2003 in Colonial Beach, Virginia.“


Bild zum Download: Graffiti Zwickau