Mala Laaser: Karl und Manci

Maanci

Bild: (c) Michael Flötotto

Eine Ergänzung aus aktuellem Anlass: Als ich von Jörg Mielczarek gebeten wurde, für seine Veröffentlichung von „Karl und Manci“ ein Nachwort zu schreiben, freute ich mich natürlich sehr. Zugleich aber zeigte es mir auch meine Grenzen auf: Nebenberufliches Bloggen über Literatur ermöglicht es häufig nicht, auch in die Tiefe zu gehen. So war ich bei meinen Recherchen zu Mala Laaser auf das Internet angewiesen – und hier sind Angaben zu dieser Autorin ziemlich rar gesät.

ABER: Mein Beitrag bewegte Anke Heimberg, Herausgeberin der Werke von Lili Grün und Victoria Wolff beim AvivA Verlag dazu, in die Tiefe zu gehen, mehr über Mala Laaser herauszufinden. Und so, durch einen Anstoß von Jörg Mielczarek, wird eine Autorin vielleicht doch wieder dem Vergessen entrissen.

Hier geht es zum aktuellen Beitrag über Mala Laaser von Anke Heimberg:
http://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Juedisches%20Leben.php?id=1419926

„Wir wissen es: Die Zeit setzte ihren Spaten an und grub gewaltig den Boden um. Aus der Fülle der Geschicke, die sich dabei bildeten, herausgegriffen, soll euch jetzt hier die Geschichte von Karl und Manci, das Schicksal zweier Liebender in unseren Tagen, dargelegt werden.“

Mala Laaser, „Karl und Manci“, Verlag interna Bonn

Wenn man sich für die Literatur der Weimarer Republik interessiert, stößt man in der Fachliteratur, in Quellen und Zeitdokumenten immer wieder auf Namen, die auftauchen wie aus dem Nichts – und wieder im Nichts verschwinden. Oft sind es nur Fußnoten, beiläufige Bemerkungen, in denen Autoren erwähnt wird und ihre Talente gewürdigt werden. Menschen, die bereits erste Arbeiten veröffentlicht hatten, die vielleicht am Beginn einer guten Entwicklung standen, die auch von bekannteren Kollegen gefördert wurden. Und dann? Ihre Namen verschwinden ab 1933 aus der Öffentlichkeit und dem Bewusstsein, sie werden vergessen, ihre Träger meist in den Konzentrationslagern ermordet, auf der Flucht getötet, im Exil verschwunden, verloren gegangen.

Einer, der sich seit Jahren mit dieser Literaturepoche beschäftigt und durch seine Arbeit die Erinnerung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieser „verschollenen“ Generation wach hält, ist Jörg Mielczarek. Der gelernte Buchhändler, Geschäftsführer eines Verlages in Bonn, veröffentlichte bereits 2011 das Buch „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“, in dem er 50 Autoren der Weimarer Republik und deren Werke vorstellt. Nun setzt er diese Arbeit mit einer eigenen Buchreihe fort: Unter dem Reihentitel „Fünf.Zwei.Vier.Neun“ – die 5249 Tage der Weimarer Republik – kommen Schriftsteller jener Literaturepoche zu Wort, deren Stimmen allzu früh verklungen sind, die heute allenfalls noch Fachleuten ein Begriff sein dürften. Jörg Mielczarek will diese Stimmen wieder zum Klingen bringen und einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Jörg Mielczarek zu seiner Reihe und dem Band zur Auftakt: 

„Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Literatur der Weimarer Republik. Viel Freude macht mir vor allen Dingen die Lektüre der Zeitschriften und Tageszeitungen, die in dieser Zeit erschienen sind. In fast jeder Ausgabe stößt man auf Lyrik, Erzählungen, Novellen und Romane (die in Fortsetzungen erschienen) – und das in einer unglaublichen Qualität.
„Karl und Manci“ fand ich in der CV-Zeitung, der Zeitung des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Gerade das Schlichte der Novelle zog mich an. Sie erschien niemals in einem Buch – jetzt wird das geändert,“ 

Dass ich dazu ein Nachwort schreiben durfte, freut mich sehr (und macht mich auch stolz). „Karl und Manci“ von Mala Laaser wirkt auf den ersten Blick wie eine „sachliche Romanze“, eine gefällige kleine Liebesgeschichte im Ton der Zeit. Sie ist eine jener Erzählungen, die mit jedem Wiederlesen mehr und mehr gewinnt. Keine Liebesgeschichte mit großen Auftritten, Emotionen und Dramatik – sondern im Stil der Neuen Sachlichkeit, beinahe nüchtern, wird von einer unstandesgemäßen Beziehung zwischen zwei jungen Leuten erzählt. Neben der unterschiedlichen Herkunft erschweren auch die gesellschaftlichen Umstände – die Nöte der Wirtschaftskrise sowie die zunehmende Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung – diese Verbindung.

Die besondere Begabung von Mala Laaser zeigt sich in der gelungenen Darstellung vom „kleinen privaten Glück“ unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen: Da werden die Nöte der Zeit offengelegt, ohne dass dadurch das literarische Niveau verlassen wird: Mala Laaser beherrschte bereits in dieser Erzählung einen unsentimentalen Ton, der dieser Erzählung einen besonderen Reiz gibt – eine schlechtere Schriftstellerin hätte dieses Thema „verkitscht“.

Über Mala Laaser selbst konnte ich wenig herausfinden – man müsste die Zeit haben, auf Spurensuche zu gehen und intensiv in den einschlägigen Archiven zu forschen, vielleicht ließen sich dann ihre Lebensdaten rekonstruieren. Sie schrieb zunächst Reportagen, später veröffentlichte sie auch Erzählungen und Gedichte, überwiegend in jüdischen Zeitschriften. In Berlin verkehrte sie unter anderem mit Gertrud Kolmar und Jakob Picard. Mit dem wesentlich älteren Schriftsteller war sie kurzzeitig verlobt. 1939 emigrierte sie nach England – und scheint dort, abgeschnitten von Heimat und Sprache, literarisch verstummt zu sein. Umso erfreulicher ist es, dass Verleger Jörg Mielczarek mit dieser Veröffentlichung ihre Stimme, ihr Talent dem Vergessen entreißt. Es ist wie ein Anruf aus der Vergangenheit, ein Brief aus der Geschichte – in der Hoffnung, dass er nun irgendwo angenommen wird, endlich ankommen wird.

Und nun hoffe ich, dass das Buch, das ab 12. Mai erhältlich ist, viele interessierten Leserinnen und Leser findet – es wäre eine späte Anerkennung einer Schriftstellerin, die ihr offensichtliches Talent niemals ausleben durfte. Alle notwendigen Angaben finden sich auf der Seite des Verlages: Mala Laaser, „Karl und Manci“, 2017, Verlag interna, Bonn.

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#MeinKlassiker (7): Der Untertan, zum Ersten

Wenn man verschiedene Autorinnen und Autoren nach ihrem besonderen Klassiker fragt, dann kann es auch zu Doppelnennungen kommen – so ist es mit „Der Untertan“ von Heinrich Mann geschehen. Beide Autoren waren einverstanden, dass es zwei Beiträge zu diesem wichtigen Roman der Weimarer Republik geben kann – für die Leser ist es vielleicht auch spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Zugänge sein können.

Heute schreibt Jörg Mielczarek: Jörg ist ein profunder Kenner der Literatur der Weimarer Republik – ihr gilt seine ganze Leserleidenschaft. Unter dem Titel „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ veröffentlichte er ein Buch, das anhand seiner literarischen Reisen informativ und lebendig aufzeigt, was diese Literaturepoche ausmacht: http://literatur-weimar.de/index.htm.

Aber lassen wir ihn nun zu Wort kommen:

Wenn sich Geist und Moral, Recht und Anstand in ihr Gegenteil verkehren und jeder Versuch misslingt, humanistisches Denken und Handeln durchzusetzen, ist eine Gesellschaft gescheitert.

Das zeigt sich in Heinrich Manns „Der Untertan“. An dem Roman hat Mann Jahre gearbeitet: „Den Roman des bürgerlichen Deutschen unter der Regierung Wilhelms II dokumentierte ich seit 1906. Ich brauchte sechs Jahre immer stärkerer Erlebnisse, dann war ich reif für den ,Untertan´“, schreibt er in seinen autobiographischen Mitteilungen.  Obwohl kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs im Juli 1914 fertiggestellt — und größtenteils als Vorabdruck in der Zeitschrift Zeit im Bild erschienen (der Beginn des 1. Weltkriegs verhinderte den kompletten Abdruck des Werkes – der Krieg, der im Roman als unausweichlich erscheint), 1916 vom Verleger Kurt Wolff privat in einer Auflage von mindestens 10 Exemplaren gedruckt — konnte die reguläre Buchausgabe des Untertans erst im Dezember 1918, nach Aufhebung der Zensur, erscheinen, und wurde umgehend ein großer Erfolg: Innerhalb von sechs Wochen konnten 100.000 Exemplare verkauft werden. So avancierte der Roman zum ersten Bestseller der jungen Republik.

unternanDie satirische Entlarvung des kaiserlichen Untertans bildet den ideellen Mittelpunkt von Manns Werk. Feige Kriecherei gegenüber allem Mächtigen und Starken, unerbittliche Brutalität gegenüber Schwächeren und Untergebenen; so kann man sich eine Teilnahme an der Macht sichern. „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht.“ Diederich Heßling ist „Der Untertan“.

Mit Diederich enthüllt Mann „die Vorgestalt des Nazi“ (Originalton des Autors), bereits als Schüler zeigt Heßling Eigenschaften, die Kennzeichen des nationalsozialistischen Deutschland werden sollten; Diederich quält einen jüdischen Mitschüler und erlangt das Wohlwollen seiner Lehrer. „Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewusstsein, das kollektiv war!“

Eine weitere Schlüsselszene: Heßlings wollüstiges Erschauern, als ein Arbeiter grundlos von einem Soldaten erschossen wird: „Für mich hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.“ 

Mit „Der Untertan“ ist Heinrich Mann ein großer Wurf gelungen; eine wunderbare Darstellung der wilhelminischen Zeit, eine auf den Punkt gebrachte Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Deutschland in den Ersten Weltkrieg führten.

Wenn ich heute Manns Buch aus dem Regal ziehe, stellt sich mir eine Frage: Wo ist der Gegenwartsautor, der die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme literarisch aufarbeitet?

Jörg Mielczarek
Zum Inhalt von „Der Untertan“ schreibt Jörg in seinem Buch:
http://literatur-weimar.de/autoren/heinrichmann.htm