Joachim Ringelnatz – Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz

Eigentlich wäre heute blogfreier Tag, dafür aber Büroeinsatz angesagt gewesen. Aber bei diesem morgendlichen Himmel über Augsburg! Den Rest des Tages findet ihr mich auf der Wiese.


Bild zum Download: Rapsfeld


Joachim Ringelnatz – Malerstunde

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„Dachgarten der Irrsinnigen“, 1925, Öl auf Leinwand, Clemens-Sels-Museum Neuss.

Malerstunde

Mich juckt`s,
Doch ich kann mich nicht jucken,
Weil meine Finger voller Farbe sind.

Dabei habe ich den Schlucken.
Wenn ich den Pinsel – – Hupp schluckt`s.

In meinem Fliegenspind
Summt eine Fliege grollend,
Eingesperrt, hinauswollend.
Keine Fliege lebt von Worcester-Sauce.

Ach, Hunger tut weh.
Aber er schont die Hose
Und macht sie locker.

Ha! Jetzt habe ich eine Idee!
Weh! Aber keinen Lichten Ocker.

Joachim Ringelnatz in: „Gedichte dreier Jahre“

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„Kindheit“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Reich (an Geld) war Ringelnatz in seinem Leben nie. Aber an Talenten. Und in der Zeit, als er sich mehr und mehr dem Malen zuwenden konnte, ging es ihm nicht ganz so schlecht wie dem armen Pinsel in der „Malerstunde“ – die Farbe Ocker konnte er sich leisten und er machte auch Gebrauch von ihr. Davon zeugt derzeit eine Ausstellung im erst im Dezember 2015 eröffneten „Zentrum für Verfolgte Künste“ im Kunstmuseum Solingen. Mit „Es war einmal ein Bumerang – Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist dort die erste Sonderausstellung zu sehen und zugleich die erste umfassende Werkschau zum malenden Ringelnatz. Da schlägt mein Herz im Muschelkalk gleich doppelt hoch.

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„Flugzeugblick“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Ich selbst werde es bis zum Ausstellungsende am 17. Juli nicht mehr nach Solingen schaffen, um die 50 Originalwerke des Malers Ringelnatz bestaunen zu können – aber Ingrid von „Stift und Schrift“ war liebenswürdigerweise sozusagen für mich vor Ort und vom Zentrum selbst wurde ich mit umfangreichem Pressematerial versorgt. Ich hoffe sehr, dass die Ausstellung irgendwann in den Süden der Republik wandert – „zeichnen“ die Gemälde des Malers doch noch einmal ein anderes Bild vom Menschen und Künstler Ringelnatz selbst, wie auch Jürgen Kaumkötter – neben Ringelnatz-Biograph Hilmar Klute – Kurator der Ausstellung im Vorwort zum Katalog hervorhebt:

„Am Ende seines Lebens überstrahlt der Maler Ringelnatz den Dichter. Als er im November 1934 stirbt, waren die Weichen des Vergessens seiner Bilder jedoch schon gestellt und wir können nicht nur den Nationalsozialisten und der »Aktion Entartete Kunst« alleine die Schuld in die Schuhe schieben, die natürlich die Auslöser des Verschwindens des Malergenies waren. Es ist auch die Nachkriegsgesellschaft und die jahrzehntelang ignorante Kulturlandschaft, die den ernsten Maler Ringelnatz nicht zur Kenntnis nehmen will. Zu anders, zu eigenständig, zu weit entfernt ist das, was er malt, von seiner beliebten Dichtung. Er liefert als Maler dem Publikum nicht den anarchistischen Entertainer. Wir wollen den lustigen, den tollkühnen Ringelnatz mit seinen feinfühligen Versen, wir wollen uns aufgehoben fühlen, nicht mit unseren Urängsten konfrontiert werden. Nun kehrt der Maler mit der ersten umfassenden Werkschau zurück.“

Als Ringelnatz-Leserin wußte ich schon, dass das tanzende Seepferdchen immer wieder auch den Zeichenstift zückte – seine „Kinderbücher“ sind ein Beweis für das begabte Multitalent, hier und dort waren in einzelnen Ausgaben auch Skizzen und Illustrationen aus seiner Hand eingestreut. Neben George Grosz sollte vor allem die enge, lebenslange Freundin Renée Sintenis (die auch die berühmte Ringelnatz-Büste anfertigte) ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass zum Talent die Technik hinzukam – sie unterstützt ihn in seiner Doppelbegabung, 1923 folgt die erste Ausstellung in Berlin, weitere Ausstellungen mit großem Erfolg schließen sich dem an, später gibt er im Telefonbuch als Berufsbezeichnung „Kunstmaler“ an.

Dennoch: Lange blieb Ringelnatz nur als der verspielte, humorvolle Wortschmied im kollektiven Gedächtnis (auch seine melancholische literarische Seite wurde kaum oder ungern wahrgenommen), der Maler Ringelnatz geriet ganz in Vergessenheit. Dabei umfasst das Werkverzeichnis – erst im Jahre 2000 wurde dank eines Forschungsprojektes an der Universität Göttingen ein erstes erstellt, unter www.ringelnatz.online wird dies seither fortgeschrieben) – knapp 250 Bilder! Viele davon jedoch verschollen, verloren, ver… – doch ein Ringelnatz verschwindet nicht, der Bumerang kehrt zurück… So sind in Solingen auch Reproduktionen verschollener Werke zu sehen.

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„Auf dem Kohlendampfer“, 1926, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Wo die Werke des Malers geblieben sind, darüber schreibt Jürgen Kaumkötter im Katalog:
„Die Blaupause des Vergessens und Übersehens ist klar und deutlich. Die Zeit als aktiver Künstler war zu kurz. Die damaligen Verkäufe gingen fast ausschließlich in Privatsammlungen. Heute ist die Hälfte des bekannten Werkes verschollen oder zerstört und aus den Privatsammlungen gelangte nur wenig in öffentliche Institutionen. Wenn jemand einen Ringelnatz hatte, gab man ihn nicht wieder her. Die Nationalsozialisten und ihr zerstörerisches Echo in beiden Deutschlands besorgten den Rest. Zwei Jahre lebt Ringelnatz noch unter der nationalsozialistischen Diktatur, die sich auch an seinem schmalen bildkünstlerischen Werk verging, dann starb Ringelnatz und das Werk des Malers geriet in Vergessenheit. Das Bild »11 Uhr nachts« wurde aus der Berliner Nationalgalerie entfernt, aufgekauft vom Kunsthändler Wolfgang Gurlitt. Die letzte Spur hinterlässt das Bild auf der Rückseite eines Fotos aus den 1930er-Jahren: jetzt sei es in Düsseldorf. Es ist bis heute verschwunden.“

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„Elefant im Sturm“, 1927, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Was macht den Maler Ringelnatz nun so besonders? Im leider bereits vergriffenen Ausstellungskatalog kann man sich ein ungefähres Bild davon machen – Gemälde wie „Flucht“, „Nächtliches Gelage“ oder auch „Herbstgang“ sind von einer eigenartigen düstereren Wucht, trotz der teils naiv-verspielten Figurenzeichnung. Namhafte Kunstexperten und Schriftsteller – darunter Alain Claude Sulzer, Peter Wawerzinek und Stefan Koldehoff – würdigen in ihren Katalogtexten den malenden Ringelnatz, Jürgen Kaumkötter schreibt sehr treffend über ihn:

„Ringelnatz ist seine eigene Insel. Die Bilder reflektieren nicht die äußere Welt. Die damals üblichen Motive streift er noch nicht einmal. Auch wenn der Mensch klein wird vor der Urgewalt der Natur und der Ohnmacht gegenüber seinem Unbewussten, sind Ringelnatz’ Bilder kein Manifest des Misstrauens. Sie zeigen, dass der Mensch mit seinem Weltschmerz alleine bleibt.“

Die Ausstellung „Es war einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist bis zum 17. Juli im Zentrum für verfolgte Künste zu sehen: http://www.verfolgte-kuenste.de/

Für alle Abbildungen liegt das Copyright beim Zentrum für verfolgte Künste.

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„Treibende Schollen“, 1928, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

 

Joachim Ringelnatz – Morgenwonne

Morgenwonne

Bild: (c) Michael Flötotto

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

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Joachim Ringelnatz – Ostern

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Bild von Capri23auto auf Pixabay

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt,
Und der Osterhase hinten auch schon preßt,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, – – –
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draußen schwelgen mit berauschten Händen – – –
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Außerdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht,
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz

Ich hatte leider weder ein Foto von Hennen noch von langgezogenen Kugeln. Aber zum Ei gehört irgendwie ja auch der Hahn und auch mein geliebter Ringelnatz war letzten Endes so ein kleiner Gockel.
Frohe Ostertage wünsche ich Euch allen!

Joachim Ringelnatz – Tropensehnsucht

Nashornida nannte ich die Kleine.
Eigentlich klingt das so mild.
Nashornida hatte Trampelbeine
Und war wild.

Nashornida hat mir einen Knochen,
Alle Gläser, Porzellan und die
Linke Wand vom Kleiderschrank zerbrochen.

Doch sie hat nach Afrika gerochen,
Und das reizte meine Phantasie.

Joachim Ringelnatz

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Joachim Ringelnatz – Bär, aus dem Käfig entkommen

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Weit entfernt von der Skulptur der Sinetis: Der Berliner Bär heute. Bild: (c) Michael Flötotto

BÄR AUS DEM KÄFIG ENTKOMMEN

Was ist nun jetzt?
Wo sind auf einmal die Stangen,
an denen die wünschende Nase sich wetzt?
Was soll er nun anfangen?

Er schnuppert neugierig und scheu.
Wie ist das alles vor ihm so weit
Und so wunderschön neu!
Aber wie schrecklich die Menschheit schreit!

Und er nähert sich geduckt
Einem fremden Gegenstande.
– Plötzlich wälzt er sich im Sande,
Weil ihn etwas juckt.

Kippt ein Tisch. Genau wie Baum.
Aber eine Peitsche knallt.
Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt.
Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum.

Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt.
Läßt sich treiben, läßt sich fangen.
Angsterfüllt und haßerfüllt
Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen.

Joachim Ringelnatz

Wenn jeweils im Februar bei der Berlinale die Bären verliehen werden, dann wissen wohl die wenigsten, so nehme ich an, wer die ursprüngliche Schöpferin dieses Berliner Wahrzeichens war: Renée Sintenis (1888 – 1965), eine der erfolgreichsten und „bedeutendsten Bildhauerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“  (Zitat auf der Homepage des Georg Kolbe Museums, das ihr eine Werkausstellung anlässlich des 125. Geburtstages gewidmet hatte).

Wie so viele andere weibliche Künstlerinnen, die sich in der Weimarer Republik entfalten konnten, wurde sie im Nationalsozialismus ihrer Möglichkeiten beraubt. Zwar wurde ihr Werk in der Nachkriegszeit wieder beachtet und nachgefragt (so wurde ihr 1932 entstandener „Junger Bär“ 1956 neu gestaltet als „Berliner Bär“ im Rahmen einer Werbekampagne für die Stadt), doch heute, wenig mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod, ist ihr Name kaum mehr bekannt.

Zumindest gab es zur Werkausstellung wieder einige Veröffentlichungen über die Künstlerin und ihre Skulpturen. Im Kunstmagazin „art“ fragte man sich:

„Was wohl Renée Sintenis von jenem Tier gehalten hätte, das seit dem 20. Juni 2001 als kitschiger „Buddy Bär“ in Divisonsstärke, aus Polyester gegossen und bunt bekleidet, Berlin unter seiner Fuchtel hat? Verwechslung unmöglich: Während der Jungbär von Sintenis in verspielter Bewegung die Arme hebt und zu tänzeln scheint, steht der Plastik-Buddy starr wie vor einem unsichtbaren Feind, die Arme zur Kapitulation steif nach oben gereckt.“

Renée Sintenis` Buddy war übrigens der eingangs zitierte Ringelnatz. Der kleine, O-beinige, großnasige und – ja, sagen wir es direkt – auch etwas hässliche Dichter aus Wurzen hatte die elegante, attraktive Frau, die mit ihrer Körpergröße von 1,80 Meter eine auffallende Erscheinung war, 1922 kennengelernt. Und wie so oft  entflammte der Herr aus Wurzen platonisch.

„Sie schenken einander ihre Werke, Sintenis modelliert eine expressive Portraitbüste des Dichters, unterstützt und fördert in als Maler und Zeichner, gestaltet nach seinem frühen Tod 1934 seine Grabplatte. Aus dem Nachlass von Joachim Ringelnatz editiert Sintenis 1949 den Band Tiere, eine Auswahl seiner schönsten Tiergedichte, versehen mit 13 ihrer kongenialen Zeichnungen.“

Zwischen den beiden entsteht eine intensive Freundschaft“, schreibt Matthias Reiner im Nachwort zum Insel-Band Nr. 1341: „Joachim Ringelnatz: Im Aquarium in Berlin. Mit Illustrationen von Renée Sintenis.“ Die Insel-Bücherei legte damit wieder auf, was eine Geste des Gedenkens der Künstlerin an ihren Freund war. Doch während Ringelnatz heute ein moderner Klassiker ist, ist „Renée Sintenis, der Stern am Kunsthimmel der Weimarer Republik, hingegen nur noch Spezialisten ein Begriff“, bedauert Reiner in seinem kurzen Essay. Sie war die Frau, die den Filmbären schuf…

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Alexander Kluy: Joachim Ringelnatz. Die Biographie

Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.

Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht.

Daß ich so gerne spaße
Nach der harten Arbeit draußen,
Versteht ihr daß?

   Oder nicht?

Aus den im Nachlass veröffentlichten Kasperle-Versen.

Es scheint derzeit eine regelrechte Ringelnatz-Renaissance zu geben. Denn wenige Tage nach der bereits hier vorgestellten Biografie, die im Galiani Verlag erschien, legte auch der Osburg Verlag ein Ringelnatz-Buch vor. Jahrelang musste man die Informationen über den reisenden Artisten, Verseschmied und Kunstmaler aus verschiedensten Quellen zusammenkratzen – und nun kommt er im Doppelpack. Da tanzt das Seepferdchen.

Während Hilmar Klute sich in seinem „War einmal ein Bumerang“ jedoch mit fluffig-leichter Feder durch das abenteuerliche Leben des Joachim Ringelnatz schreibt, kommt das von Alexander Kluy verfasste Buch mit dem Titel „Joachim Ringelnatz. Die Biografie“ weitaus gewichtiger daher. Schon vom Volumen: Kluy bringt es auf mehr als die doppelte Seitenzahl. Das ist gespickt mit einem „Mehr“ an Information zu Zeitgeschehen, Leben, Werk und eingehenderen Schilderungen des „Begleitpersonals“ im Ringelnatz-Theater – angefangen von Muschelkalk nebst den zahlreicheren weiteren weiblichen Bekannten des Poeten über Bühnenfreunde wie Karl Valentin, Verleger und Kollegen wie Peter Scher bis hin zu kleinen Portraits aus der Münchner und Berliner Bohème der 1920er- und 1930er-Jahre.

Man kann die beiden Bücher eigentlich nicht aneinander messen – ist der Klute ein Lesehäppchen für Einsteiger, die Ringelnatz kennenlernen und sich dabei amüsieren und informieren wollen, so könnte das Buch des Journalisten und Publizisten Alexander Kluy durchaus zu einem Standardwerk für jene werden, die sich intensiver und ernsthafter mit dem ver- und entrückten Poeten auseinandersetzen möchten. Den Anspruch postuliert schon der Titel: „Die Biografie“.

Kluy erzählt nicht nur das Leben von der Wiege in Wurzen bis zur Bahre in Berlin nach – dies alles akribisch recherchiert und in das Zeitgeschehen eingebettet. Sondern er integriert ebenso die wichtigsten Gedichte, die Ringelnatz als Menschen erklären, analysiert und erläutert sie. Das erleichtert manchem vielleicht den Einstieg in den zeitweilig eigentümlichen Sprachduktus von Ringelnatz – so wie er sich manches Mal wohl kopfüber in ein Lebens- oder Liebesabenteuer stürzte, so purzeln ihm ab und an auch die Worte durcheinander. Kluy schiebt verständige Erklärungen nach.

Was ein Manko des Buches ist: Des öfteren verschwurbelt sich auch Kluy in seiner Sprache. So beispielsweise bei den Erläuterungen zur brieflich-erotischen Annäherung zwischen Muschelkalk und Ringelnatz.

Muschelkalk wollte von dem ihrigen wissen:
„Welches ist Deine Stellg.nahme zur Frau überhaupt, welche Meinung hast Du von Ihnen?“ und „2. müßte ich dich fürchten (?)“.

Alexander Kluy führt dazu aus:

„Hans Bötticher benötigt einige Tage für seine lange Antwort, die Jahre später noch immer Schauer der Scham bei ihm auslösen wird, ist doch diese ausführliche Schilderung seines Bildes der Frau eine Mischung aus Misogynie à la Otto Weininger (1880-1903), jenes Wiener Philosophen, der in „Geschlecht und Charakter – eine prinzipielle Untersuchung (1903) hochneurotischen Frauenhass, krassen Antisemitismus und einen die Grenze zum Extremismus überschreitenden Willen zu einer gnadenhaft erlösenden Metaphysik miteinander verquirlt und damit einen Bestseller produziert hat, der nach Erscheinen dreißig Jahre lang zahllose Nachauflagen erlebt, aus spät-wilhelminischen Kulturrollenkonservatismus und militärisch-männerbündlerisch durchfärbtem, erotisch libertärem Chauvinismus.“

 Aha. Es lebe der Schachtelsatz. Die gute Nachricht ist: Ringelnatz bekam seine Muschelkalk trotzdem. Und wer sich durch diese Sätze windet, dem wird es zwar streckenweise so gehen wie der armen Muschel („Mein Gehirnkasten ist gänzlich zerwühlt“), letzten Endes jedoch einen warmherzigen, liebenswerten, „gspinnerten“ Ringelnatz von Grund auf kennenlernen. Oder, um es etwas angestrengter à la Kluy zu formulieren:

„Das letzte Gedicht, geschrieben zur als letztes auftauchenden Handpuppe eines Matrosen, der unübersehbar Joachim Ringelnatz darstellt, ist die Summa seines Lebens und seiner Poesie, die hier, am Ende des Puppen-, des Aquarell- und seines Lebenszyklus, eins wird, in eins fällt und sich mit flirrender Grazie schwebend leicht erhebt – und verabschiedet.“

Summa der Lektüre: „Die Biographie“ lässt keine Fragen offen. Umfassend und informativ. Mehr Leichtigkeit à la Ringelnatz wäre in dieser „feuereifernden“ (so der Verlag) Biographie allerdings wünschenswert gewesen.

Bild zum Download: Plastikstühle

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Hilmar Klute: War einmal ein Bumerang

Erstaunlich: Beinahe jeder – jedes Kind – kennt einen Vers von Ringelnatz. In Hamburg lebten zwei Ameisen, die würden sich ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken, aber ich bin so knallvergnügt erwacht, doch: Warte nur balde Kängurst auch Du…

Man könnte dies unendlich fortsetzen, verknüpft mit dem Hinweis, dass Humor der Knopf ist, der verhindert, dass uns der Kragen platzt – und dass Joachim Ringelnatz alias Hans Gustav Bötticher (1883-1934) ein ganz genialer Knopfmacher war. Dieser liebevoll-augenzwinkernde-freigeistige Humor, der aus vielen seiner Gedichte so genialisch sprüht, mag jedoch auch der Grund dafür sein, dass der Blick auf das „Gesamtkunstwerk“ Ringelnatz oftmals verstellt blieb und bis heute bleibt. Für viele ist er ein Dichter der „leichten Sorte“, zu leicht gewogen, als beinahe seicht empfunden. Das Melancholische seiner Lyrik, die sozialkritischen Verse, die bissigeren Miniaturen und auch die schwermütig-leisen Lieder: Sie sind uns, bis auf einige Liebesgedichte, weitaus weniger geläufig.

Obwohl er selbst über sein Leben an vielen Stellen Auskunft gab, beispielsweise in den autobiographischen Schriften und den vielen Briefen, die sich im Nachlass fanden, sind einem oft nur einige Facetten dieses ungeheuer umtriebigen, ausgefüllten Lebens präsent: Die einen kennen ihn als Matrosen und seine Kunstfigur Kuttel Daddeldu, die anderen als Bühnenkünstler im Münchner Simpl und auf Reisen durch die deutschen Lande, weniger wissen schon vom ambitionierten und begabten Maler, einige wissen von ihm als Freund der Frauen, einige von ihm als Hungerkünstler, andere kennen ihn als Überlebenskünstler, wenige jedoch haben von den vielen, vielen Posten und Pöstchen, die er zur Existenzsicherung annahm, eine Ahnung: Briefkontrolleur, Tabakladenbesitzer, Reklamedichter, Buchhalter…

Bislang gab es erstaunlicherweise trotz dieses romanhaften Lebens über den körperlich klein-zarten und durchaus anmutigen Bühnenkünstler, der gerne auch einen Seepferdchen-Tanz hinlegte, kaum Biographisches. Walter Pape kommt das Verdienst zu, das Ringelnatzsche Gesamtwerk erhoben und herausgegeben zu haben. Eine Biographie schrieb der 1978 verstorbene Herbert Günther, der Ringelnatz 1925 in München kennengelernt hatte und zu einer Art „Hausbiograph“ der letzten Lebensjahre wurde – in der Nähe zum Menschen liegt jedoch auch der Mangel dieses Buches, das zum einen im Ton einen gewissen Anspruch der Allwissenheit pflegt, zum anderen die dunkleren Seiten dieser durchaus nicht einfachen „Bumerang“-Seele eher übergeht resp. schönschreibt. Es fehlt der Schrift an Abstand und an Leichtigkeit.

Mehr als 80 Jahre nach dem Tod des skurrilen Schabernacks ist nun eine Biographie erschienen, die den Schalk mit dem Schabernack im Nacken würdig portraitiert: „War einmal ein Bumerang“ von Hilmar Klute. Klute ist von Berufs wegen einer, der mit solcher sprachlicher Jonglierkunst zu tun hat, wie Ringelnatz sie pflegte – Klute ist Chef der Rubrik „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung, jener Glosse, die beinahe täglich zeigt, wie kunst- und humorvoll der Ernst des Lebens mit den Mitteln der Ironie beschrieben und ausgehebelt werden kann. Ringelnatz wäre ein würdiger Streiflicht-Autor gewesen, das ist mal sicher.

Hilmar Klute konnte für die Arbeit an diesem Buch eine durchaus umfangreiche Quellenlage nutzen – so verwaltet Norbert Gescher, Muschelkalks Sohn, den privaten Nachlass, ebenso recherchierte der Essayist bei der Ringelnatz-Stiftung, im Museum am Geburtsort Wurzen und griff auf die Zeugnisse von Zeitgenossen zurück, darunter Erich Mühsam, Erich Kästner, Carl Zuckmayer – mit dem Ringelnatz nicht allzu freundlich umging – bis hin zu Kurt Tucholsky und Asta Nielsen, der geliebten Freundin, seinem Mädchen mit der „Barfußseele“. So setzt sich ein Mosaik zusammen, aus dem sich das Bild eines Mannes herauskristallisiert, der es wohl selbst zu Lebzeiten in seiner verspielten Versponnenheit Freunden und Mitmenschen nicht immer allzu leicht machte, den „wahren“ Ringelnatz zu ergründen – er lebte beinahe zu viele Leben für ein Leben. Zumal er sich offenbar selbst nicht immer verstand:

„Auf ein „Wie haben Sie das gemacht, Herr Ringelnatz?“ oder das beliebte „Warum schreiben Sie?“ hätte er so wenig geantwortet wie auf die Frage, was ihn auf die Idee für sein Pseudonym gebracht hat: Es ist mir so eingefallen. Es mag sein, dass auch für ihn das Schreiben ein Geheimnis war. Er wollte diesem Geheimnis nicht auf die Spur kommen, es war das Wunder seines Lebens, das er nicht antasten wollte: „Und im dunkelsten Schatten lies das Buch ohne Wort“, hat er in einem Gedicht geschrieben: „Was wir haben, was wir hatten / eines Tages ist alles fort.“
Es ist unfassbar, wie viel Leben in diesen 51 Jahren steckt, die zwischen der Geburt des Hans Bötticher und dem Tod des Joachim Ringelnatz liegen. Die Größe dieses Schriftstellers ist die Summe seiner Erfahrungen und seiner Neuanfänge, wenn man so will: seines glücklichen Scheiterns.“

Hilmar Klute ist es gelungen, diese Fülle in seinem Buch zu erfassen, ohne zu sehr ins Schweifen, ins Abschweifen, in die Spekulation zu gehen – eine Gefahr, der Biographen oft unterliegen. Faktenreich und detailgetreu: ja, doch auch stringent und dabei leichthändig-essayistisch geschrieben, das individuelle Leben in die Zeitläufte einbettend, dabei auch mit Blick auf die Boheme und andere gesellschaftlichen Gruppen, in denen Ringelnatz sich bewegte – vom liberalen Elternhaus über die Mariner-Zeit bis hin zum freien Künstlerdasein. Dies alles mit großer Sympathie, die aus den Zeilen spricht, ohne den Blick von den weniger angenehmen Charakterzüge des nicht immer so humorigen JR abzuwenden:

„Und dann dieser Satz, den man von Hans Bötticher nicht hören möchte und von Joachim Ringelnatz schon gar nicht: „Hüte dich Muschelkalk vor dem jüdischen Bluff „Neu“. Ist Ringelnatz ein Antisemit?“

Klute zitiert aus einem weiteren Brief, lässt auch eine Relativierung nur bedingt zu – da merkt man, wie der Biograph mit seinem Helden ringt:

„Es sind diese beiden Stellen, die ein unfreundliches Licht auf Ringelnatz werfen, die Kleinmut des Kleinbürgers, der in solchen Momenten Dampf ablässt.“

Allerdings! Klute schreibt im Wissen dessen, was Ringelnatz nicht mehr erleben musste und daher auch aus der Haltung eines, der durch „die Gnade der späten Geburt“ sensibilisiert ist für antisemitische Töne. In diesem Fall wohl auch überkorrekt: Denn solche antijüdischen Bemerkungen gehörten in den Zwischenkriegsjahren wenn auch nicht zum guten Ton, aber zur alltäglichen Umgangssprache. Im Leben, in der Tat war es Ringelnatz wohl herzlich gleich, woher einer kam und was einer war – was zählte war die Verbindung, die sich von Mensch zu Mensch knüpfen ließ, zudem schlug er sich gerne als eine Art humoriger Robin Hood auf die Seite der Geknechteten und Entrechteten. Was mit dem Nationalsozialismus auf ihn und seine Freunde zukam, das ahnte er früh und überschattete seine letzten Jahre, die Gesundheit zudem bereits schwer angeschlagen:

Klute zitiert den Journalisten Fred Hildenbrandt: „Ich glaube, der Grundzug seines ganzen Wesens war eine unheilbare, tiefverborgene und mit Alkohol übergossene Trauer.“

Und dann gibt der Biograph dem Leser auf den letzten Seiten noch einige schöne Worte mit auf den Weg:

„Und es ist auch keineswegs so, dass Joachim Ringelnatz als großer Unverstandener in der Nachwelt umgeht. Wer ihn liest, wird ihn sofort verstehen. Er hat zur großen Feier des Lebens eingeladen und jene Menschen, die er für klug genug hielt, mit den Abgründen seines Herzens vertraut gemacht – auch das kann man aus seinen Gedichten, seinen Erzählungen und seinen Erinnerungen erfahren. Joachim Ringelnatz ist als Hans Bötticher aufgebrochen, um das Fremde, das Ferne kennenzulernen und das Geheimnis der Welt zu ergründen. Der Welt ist er manchmal abhandengekommen, oft genug hat er sie auch umarmt und sie ihn.“

Da bleibt nur noch die Aufforderung übrig: Die Biographie lesen – es lohnt sich. Aber vor allem: Ringelnatz. Und dann: Die Welt umarmen, das Leben feiern.


Hilmar Klute, War einmal ein Bumerang. Das Leben des Joachim Ringelnatz
Verlag Galiani Berlin 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-86971-109-6
Link mit den Verlagsangaben:
http://www.galiani.de/buecher/hilmar-klute-war-einmal-ein-bumerang.html

Und Jochen Kienbaum war mit Hilmar Klute auf den Spuren von Ringelnatz in Berlin unterwegs – ein schöner Streifzug durch die Ringelnatzsche Welt rund um den „Sachsenplatz“. Hier geht es zum literarischen Spaziergang: http://lustauflesen.de/ringelnatz-in-berlin/.

PS: So respekt- und liebevoll die Annährung von Hilmar Klute an den zeitweiligen Wahl-Münchner Ringelnatz ist, so liebevoll ist auch die Gestaltung des Buches – die Bilder des Beitrags zeigen die Innenseiten des Covers.

Bild zum Download: Gepolsterte Stühle


 

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