Meg Wolitzer: Die Interessanten

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Bild von rawpixel auf Pixabay

Dennis` Eltern kamen aus New Jersey, und seine Mutter sah sich argwöhnisch in der Wohnung um, als hätte das Zusammenleben mit Jules ihrem Sohn das angetan. „Wo bügelst du?“, wollte sie wissen.
„Wie bitte?“ Sie bügelten kaum etwas, und wenn es doch unbedingt einmal nötig war, legten sie ein Badetuch übers Bett. So leben wir, wollte sie zu Dennis` Mutter sagen. Bügeln ist uns nicht wichtig, wir haben kein Geld, und jetzt verliert dein Sohn dank seiner genetischen Anlagen auch noch die Züge, die ich an ihm geliebt habe. Aber die Boyds schienen Jules die Schuld an seiner Depression zu geben – weil es kein Bügelbrett gab und vielleicht auch weil Jules Jüdin war. (Dennis hatte sie mehr als einmal darauf aufmerksam gemacht, mit welcher Versunkenheit sein Vater Dokumentationen über das Dritte Reich konsumierte).

Meg Wolitzer, „Die Interessanten“, 2013, deutsch im DuMont Buchverlag 2014.

Es gibt Bücher, die hinterlassen den Eindruck, da wollte ein Schriftsteller zu viel. „Die Interessanten“ ist für mich so ein interessanter Fall. Über 600 Seiten, drei Jahrzehnte reingepackt, sechs Einzelschicksale und nebenbei noch auch eine tour de force durch amerikanische Geschichte und Traumata: Nixon, Vietnam, Reagan, Aids, World Trade Center.

Mitte der 70erJahre treffen sich sechs Teenager in einem Sommercamp. Sie sind vielleicht eine Spur kreativer als die anderen, sie sind vielleicht ein wenig außergewöhnlicher, sie fühlen sich (was für Teenager nun allerdings eben durchaus gewöhnlich ist) anders als die anderen. Und taufen sich demnach „Die Interessanten“.
Der Kern der Clique bleibt ein Leben lang intensiv verbunden: Das kreative Powerpärchen Ash und Ethan und Jules, die Ethans` erste Liebe, die später den depressiv erkrankten Dennis heiratet. Die weiteren drei Interessanten sorgen zwar am Rande für Spannungen, vorübergehende Spaltungen und Dramatik, bleiben jedoch Randfiguren und nebenstehende Auslöser für gruppendynamische Prozesse. Fast erleichtert muss man dieses registrieren – denn ansonsten wäre das Volumen des Romans noch mehr angeschwollen.

Nichts gegen den Schreibstil der Autorin und die Lesbarkeit des Romans zu sagen: Meg Wolitzer ist eine der vielen gegenwärtigen amerikanischen Autoren, die durch die Schule des „creative writing“ gegangen sind. Sie hat, wie so viele ihrer Generation, kreatives Schreiben studiert und selbst auch gelehrt. „Die Interessanten“: das ist gut, das ist routiniert geschrieben. Und dennoch – durch die Fülle dessen, was in den Roman gepackt ist, bestand bei mir die Gefahr, das Interesse zu verlieren. Der depressiv erkrankte Ehemann, das autistische Kind, der aidserkrankte Geliebte – alles, was an neuzeitlichen „Geiseln“ die Menschen bedroht, wird in die Leben der drei Hauptprotagonisten hineingepackt. Dazu noch Drogensucht, Alkoholkrankheit, Flucht in die Arbeitswut, Flucht in wohltätige Aktivitäten wie den Kampf gegen Kinderarbeit in asiatischen Fabriken, das Erbe, das die „Woodstock“-Generation mit ihren „Beatnik“-Eltern aufzuarbeiten hat, der Schock des 11. September. All dies, was diese Generation, die nach den 60ern kam, in den USA prägte, packt Wolitzer in das Schicksal ihrer Interessanten. Durchaus kunstvoll verknüpft – aber alles in allem viel zu viel.

Unisono wird der Roman derzeit in der Presse auf einer Ebene zwischen Jonathan Franzens` „Die Korrekturen“ und den Büchern von Jeffrey Eugenides angesiedelt. Vielleicht kann man ihn in der Mitte einordnen: Franzen schreibt dichter, zielgerichteter. Eugenides fällt in meinen Augen von Buch zu Buch ab. Zieht man den Vergleich zu einer anderen Autorin dieser Generation, Jennifer Egan, dann fehlt Meg Wolitzer der Wagemut, die Originalität des Schreibens.

Doch den Vergleich zu einer anderen Frau suchte Wolitzer nicht unbedingt, wenn man ihre Äußerungen in Interviews zum Maßstab nimmt – mehrfach schon beklagte sie die Situation von schreibenden Frauen (siehe ihr Essay „The second shelf“), das Schubladendenken der Verlage und des Buchbetriebs, das Abgestempelt werden unter dem Etikett „Frauenliteratur“. Mit den Interessanten wollte sie nach eigener Aussage dagegen anschreiben, wollte sie die Männerdominanz – „Große amerikanische Literatur? Ist weiß, männlich und über eins achtzig“ (Quelle: Ein Interview mit Wolitzer in der „Welt“) – eindringen. Vielleicht hat sie einfach zu viel gewollt: Zu viel lenkt ab von den Grundthemen Freundschaft, Erwachsenwerden, das Leben meistern in einer chaotischen Welt. So liest man den Roman durchaus gerne, doch zurück bleibt der Eindruck: Weniger wäre interessanter gewesen.

Eine weitere Rezension findet sich beim Blog Bücherrezension: http://buecherrezension.com/2014/09/29/rezension-meg-wolitzer-die-interessanten-dumont-2014-2013/

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Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern (1993). Middlesex (2002). Die Liebeshandlung (2011).

Das „Flutsch-Buch“: Das sind Bücher, die man so richtig schön (und nicht ohne Vergnügen) durchflutscht, und die – manchmal mit der letzten Seite, manchmal später – wieder vollkommen aus dem Gedächtnis flutschen. Einer aus der Creative-Writing-Schule der USA beherrscht diese Flutscherei zwischen Unterhaltung und ein bißchen Anspruch ganz gut: Jeffrey Eugenides.

Seit seinem ersten Roman wird der in Detroit geborene Eugenides gefeiert – nicht nur in den USA, auch hier hat er mittlerweile eine große Fangemeinde. Ein wenig erinnert er in der Flüssigkeit des Stils an weitere US-amerikanische Autoren, die sich durch große Produktivität und reiche Fantasie auszeichnen, beispielsweise John Irving und T.C. Boyle. Man liest das gern, fühlt sich gut unterhalten, streckenweise amüsiert, manchmal zum Denken animiert – flutscht meist in einem Rutsch durch die Handlung, um sie dann flugs bald wieder zu vergessen. Vorteil des Flutschbuches: Man kann es, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, wiederlesen, als sei es das erste Mal.

Die drei Romane von Jeffrey Eugenides in näherer Betrachtung:

Die Selbstmord-Schwestern

Der Erstling, „Die Selbstmord-Schwestern“ (von Sofia Coppola verfilmt), erschien 1993, ist noch schön schmal, aber für mich das am wenigsten Unflutschige. Mag auch sein, dass sich Buch und die gelungene Verfilmung von Coppola überdecken, dass Text und Bilder dadurch eingeprägt bleiben. Ganz kurz der Plot (Plot = ein wichtiges Wort bei Eugenides!): Fünf Schwestern, die Älteste 17 Jahre alt, nehmen sich innerhalb kürzester Zeit nacheinander das Leben. In der Nachbetrachtung rätseln einige Jungen über die „suicide sisters“. Eine konkrete Antwort auf die Selbstmordserie will das Buch nicht geben, dies bleibt der Interpretation der Leser überlassen – die engstirnige, bigotte Atmosphäre in dem Fünf-Mäderl-Haus mag mit ein Grund für die Selbsttötungen gewesen sein.
Der Autor psychologisiert oder philosophiert jedoch nicht. Hintergründe, Ursachen und auch eine Reflexion über die individuelle Freiheit (bis in den Tod) oder die moralischen Aspekte des Freitodes – sie interessieren ihn nicht. Der Roman ist im eigentlichen Sinne ein Entwicklungsroman. Es zeigt, wie die Jungen, die dieses Drama miterleben, sich entwickeln (oder auch nicht). Es zeigt auch, wie ein Autor sich entwickelt – hier noch in einer knappen, sparsamen Sprache, die doch vermag, zumindest vieles an ernsthafterem Denken anzudeuten.

Middlesex

Da ist der Nachfolger, das 2002 erschienene und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Middlesex“ schon deutlich anders: Ein Wälzer, der vor Sprachkapriolen, Andeutungen, Metaphern, Gleichnissen strotzt. Der 41jährige US-amerikanische Diplomat Cal erzählt seine Geschichte – in Vor- und Rückwärtssprüngen, durch die Geschichte seiner Familie und seine Lebensgeschichte mäandernd. Cal, eigentlich Calliope, ist ein Hermaphrodit, dessen Zweigeschlechtlichkeit jedoch erst in der Pubertät erkannt wird. Das ist die erzählerische Frage im Vordergrund: Was prägt einen Menschen mehr – die Biologie oder die Erziehung?
Der zweite erzählerische Strang schlängelt sich um die Nemesis: Cal ist der Enkel zweier griechischer Einwanderer, die eigentlich Bruder und Schwester sind. Ist der Hermaphrodit die Rache für diesen Inzest? Ist er die fleischgewordene Mahnung, dass man der Hölle (hier dem Brand von Smyrna) nicht um den Preis verkaufter Seelen entkommen kann? Und im dritten Strang entwirft „Middlesex“ zudem ein sehr gelungenes Bild über die Situation von Einwanderern, hier am Beispiel der Griechen in Amerika: Zwischen Heimweh und Überanpassung schwankend, mit dem Willen, „es zu schaffen“, es zu beweisen, dass man kein Amerikaner zweiten Ranges ist.

„Middlesex“: Ein Flutsch-Buch, das durchaus noch in der Lage ist, Spuren zu hinterlassen. Durchaus spannend, originell, gut zu lesen. Hier eine Leseprobe: http://www.rowohlt.de/fm/131/Eugenides_Middlesex.pdf

Die Liebeshandlung

Und dann: „Die Liebeshandlung“. Erschienen 2011. Bin durchgeflutscht und war enttäuscht – welch ein Absturz im Vergleich zu den beiden Vorgängern. Der „Marriage-Plot“ – so der Titel im Englischen – ist trotz seiner 620 Seiten schnell erzählt: Madeleine, eine gut betuchte und verwöhnte WASP-College-Studentin, verliebt sich in den armen, aber manisch-depressiven Leonard. Mitbewerber Mitchell, eher ihrer Klasse entstammend, hat keine Chance und stürzt sich in religiöse Experimente, die ihn sogar zu Mutter Teresa führen. Das Konstrukt ist: Madeleine ist eigentlich Anhängerin des viktorianischen Romans à la Jane Austen, wo Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl, Sinn und Sinnlichkeit zwar auch zu mancherlei Verwicklungen führen, aber letztendlich in den Hafen der Ehe leiten. Was Eugenides wohl beweisen will, ist, dass dies in den 1980er Jahren keine denkbaren Konstrukte mehr sind (an der Universität trifft Madeleine demnach auch an die Anhänger der französischen Dekonstruktion à la Derrida). Keine Frage, das alles ist schmissig geschrieben. So schmissig und flutschig, dass die Augen über ganze Textpassagen hinweghuschen – weil hier das Mäandernde, die Nebeninformationen, die Einführung zusätzlicher Figuren (Warum? Wieso? Wozu?) noch ausgeprägter zu finden sind als in „Middlesex“. Vom ökonomischen Schreiben seit den Selbstmord-Schwestern hat sich Eugenides in diesen 20 Jahren eindeutig entfernt.

Und ich fragte mich am Ende: Diese ganzen Irrungen und Wirrungen – wozu? Zumal die eigentliche Hauptfigur, Madeleine, eigenartig blass bleibt – trotz ihrer existentiellen Erfahrung in der Ehe. Die weibliche Hauptfigur entwickelt sich nicht, bleibt eigentümlich passiv, bleibt das Ziel der Entscheidungen anderer: Leonard ist es, der sie verlässt, um sie von seiner Erkrankung zu entlasten. Mitchell, der Freund, ist dann für sie da – als Freund, entscheidet aber, die Lücke als Liebender, Liebhaber, nicht zu füllen. Madeleine, so scheint es, bleibt in ihrer Jane-Austen-Welt. „Die Liebeshandlung“ wirft zu viele Fragen auf und beantwortet zu wenige. Am Ende des Buches klappt man die Deckel zu und denkt sich nach Shakespeare: „Viel Text um Nichts“. Und dies ist der Haken an Büchern mit hohem Flutschigkeitsfaktor: Man bleibt dabei. Bis zum bitteren Ende. Oder wie Madeleine in guten und in schlechten Tagen, ohne eigentlich zu wissen, warum.

Die Augen habe ich mir etwas gerieben über den Klappentext von Daniel Kehlmann: „Nur Jeffrey Eugenides konnte daraus etwas so schwebend Schönes komponieren, ein so helles, vollkommenes Werk.“. Hell ja, aber vollkommen? – das ist etwas anderes.


Bild zum Download: Graffiti Erfurt