LITERARISCHE ORTE: E.T.A. Hoffmann in Bamberg

„Meine Lehr- und Marterjahre sind nun in Bamberg abgebüßt, jetzt kommen die Wander- und Meisterjahre.“

Dies sagte E. T. A. Hoffmann über seine Zeit in Franken. Es waren tatsächlich von außen betrachtet katastrophale Jahre in einem viel zu kurzen, wilden, phantastischen Leben. Aber es waren auch die Jahre, in denen die Saat für ein literarisches Werk gelegt wurde, das bis heute fasziniert und andere Schriftsteller beinflusst.

1808 kommt der in Königsberg geborene Hoffmann nach Bamberg, nachdem der 32jährige nach dem Jurastudium in das von den Preußen besetzte Polen delegiert worden war. Die Juristerei war ein Beruf, der Musik galt seine Liebe: Nicht von ungefähr änderte Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann seinen dritten Vornamen in Amadeus ab. Die Flucht aus dem Brotberuf und dem polnischen Exil gelang ihm, unterbrochen von einer kurzen Zeit der Arbeitslosigkeit in Berlin, durch einen Ruf an das Bamberger Theater.

Das Bamberger Theater leistete sich als eine der ersten deutschen Bühnen ein festes Ensemble. Im Jahr, als Hoffmann nach Bamberg kam, war gerade ein neu gebautes Theatergebäude am Schillerplatz eröffnet worden.

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Skulptur in Bamberg: E.T.A. Hoffmann als Kreisler mit dem Kater Murr auf dem Rücken. Bild: Birgit Böllinger

Hoffmann kam ursprünglich als Musikdirektor in die oberfränkische Stadt. Doch wurde er bald Opfer von Intrigen und ins Abseits gestellt. Er durfte nur eine Oper dirigieren, wurde nach einem zwischenzeitlichen Bankrott des Theaters entlassen, 1810 aber wieder als „Mädchen für alles“ angestellt: So war er, im besseren Fall, ab und an als Dramaturg tätig, aber eben auch als Kartenabreißer und Kulissenmaler.

Um sich und seine Frau Marianne Thekla Michaelina Rorer (Mischa), die er in Posen kennengelernt hatte, über die Runden zu bringen, musste Hoffmann dazu verdienen: So als Kritiker für die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ mit Sitz in Leipzig. Für diese Tätigkeit gab er sich ein Pseudonym und entwarf damit bereits sein literarisches Alter Ego, den Kapellmeister Johannes Kreisler.

Zudem verdingte Hoffmann sich als Musiklehrer für die höheren Töchter der Bamberger Gesellschaft. Und so ereilte ihn ein zweites Unglück, eine zweite Kalamität neben den beruflichen Querelen: Er verliebte sich heftig in seine, beim Kennenlernen erst 13-jährige Gesangsschülerin Julia Mark, so sehr und so offensichtlich, dass deren Mutter das Mädchen schleunigst unter die Haube brachte. Auf die Verheiratung reagierte Hoffmann mit einem Nervenzusammenbruch. Julia blieb ihm bis zu seinem Ende im Gedächtnis, sie war seine große Liebe, obwohl (oder vielleicht auch weil) diese Liebe nie ihren Ausdruck fand. Allenfalls in der Poesie: Er widmete ihr ein Sonnett, das schließlich in den Berganza Eintritt fand, sie ist zudem Vorbild vieler seiner Frauenfiguren, so die Cäcilia im Berganza, die Julia im Kater Murr, die Clara im Sandmann.

Am Theater kaltgestellt, die Liebe aussichtslos, die Ehe da schon zerrüttet – Hoffmann griff immer öfter zum vermeintlichen „Heilmittel“ Alkohol. Die bildhaften Hinweise dazu in seinem Tagebuch, das er nach Bamberg nicht mehr weiterführte, vermehrten sich. Als er Bamberg schließlich – beinahe bei Nacht und Nebel, am 21. April 1813, früh um sechs Uhr – verlässt, hofft er auf bessere Zeiten. Tatsächlich entwickelte sich im Anschluss an die Bamberger Zeit seine literarische Karriere beinahe kometenhaft. Doch bereits neun Jahre später stirbt Hoffmann in Berlin an einer Lähmungserkrankung, deren Ursachen unbekannt sind.

Nach Bamberg war er der Musik wegen gekommen und wandte sich aufgrund der Umstände in seinem „Poetenstübchen“ in dem schmalen Haus am heutigen Schillerplatz – übrigens in Blickweite zum Theater – immer mehr dem Schreiben zu. 1809 erschien die Erzählung „Ritter Gluck“, zum ersten Mal sah E.T.A. Hoffmann eines seiner Werke in Druckform. Doch erst in Berlin wird es richtig losgehen.

Rüdiger Safranski, der 1984 eine vielbeachtete Hoffmann-Biographie veröffentlicht hatte, schreibt in „Romantik – Eine deutsche Affäre“ (Carl Hanser Verlag, 2007):

„Er ist Mitte Dreißig, als die aufgestauten Massen musikalischer und literarischer Phantasien losbrechen. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Es dauert nur wenige Wochen, dann redet das ganze literarische Deutschland von ihm. Bald nennt man ihn den `Gespenster-Hoffmann´. Er wird der Star der Frauentaschenbücher.“

Viele seiner Texte hatte er schon in Bamberg in Grundzügen im Kopf und entworfen. Und so meint man auch, wenn der Kater Murr durch die Straßen und über die Dächer seines Städtchens streift, die Bamberger Altstadt wiederzuerkennen. Immer wieder sind Hinweise auf Bamberg in Hoffmanns Werken zu finden. So beispielsweise das „Äpfelweib“, das den Studenten Anselmus im „Goldenen Topf“ verfolgt – der Türknauf war in der Bamberger „Eisgrub“, am Haus seines Freundes Carl Friedrich Kunz zu finden:

„Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern schnarrte es: »Du Narre — Narre — Narre — warte, warte! warum warst hinausgerannt! Narr!« — Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein Fall ins Kristall!“

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Der „Äpfelweib“-Türknopf aus der Erzählung „Der goldene Topf“ fand sich am Haus seines Freundes und späteren Verlegers Kunz in Bamberg. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Obwohl sie sich bereits früh in Berlin begegneten und gegenseitig in Hoffmanns Bamberger Zeit besuchten, wurden die beiden Dichter in Oberfranken – der bereits etablierte, Jean Paul in Bayreuth, sowie der kommende, E.T.A. Hoffmann in Bamberg – keine Brüder im Geiste. Oder besser gesagt: Die Wertschätzung blieb einseitig. Jean Paul trug durch sein Vorwort zu den „Fantasiestücken in Callots Manier“, die 1815 erschienen, zwar wesentlich dazu bei, den Bekanntheitsgrad Hoffmanns zu steigern, doch äußerte er sich mehrfach beinahe schon abfällig über ihn. In einem Nachwort von Carl Georg von Maassen zu „Lebensansichten des Kater Murrs“ in meiner Ausgabe vom Haffmanns Verlag, mutmaßt dieser, es könne auch Neid im Spiel gewesen sein:

„Jean Paul sah mit scharfem Auge in Hoffmann den bedrohlichen Konkurrenten, und je größer die Beliebtheit des letzteren beim Lesepublikum wurde, um so absprechender und tadelnder wurden Jean Pauls Bemerkungen.“

Damit war dieser nicht alleine: Goethes Verdikt, die Texte von Hoffmann seien „krankhaft“, wirkten lange nach. Andere, wie Adelbert von Chamisso und Heinrich Heine dagegen wussten mehr mit diesem dunklen Humor, mit der dunklen Seite der Romantik anzufangen. Es fiel ihnen wahrscheinlich schlicht und einfach leichter als dem in seinen Konventionen und der eigenen Imagebildung gefangenen Goethe diese „andere Natur“, das dunkle, schwermütige und zuweilen auch böse, das in jedem Menschen steckt, anzuerkennen. Und so ist es mit dem unglücklichen Hoffmann bis heute: Man liest ihn niemals unbeteiligt, man erschrickt, man lacht, man weint, man liebt oder aber man lehnt ihn rundheraus ab.

Nochmals Rüdiger Safranski:
„Nicht festgewurzelt in der Literatur, nicht im juristischen Beruf, nicht als Komponist und Maler. Der Preis, den Hoffmann bezahlte: Er wurde nirgends ganz ernst genommen. Er entschädigte sich, indem er auch seinerseits nichts ganz ernst nahm. Bei den großen Autoritäten war er deshalb schlecht angesehen. (…) Wenn es jemanden gab, der dem romantischen Ideal des Spielers, in Leben und Werk, wirklich nahe kam, so war es Hoffmann. (…) Nur so, mit Perspektivenreichtum und Phantasie läßt sich die Wirklichkeit erfassen, die eben immer noch phantastischer ist als jede Phantasie.“

Aber der Blick des Künstlers fällt eben nicht nur auf das Paradies. Sondern auch auf die Hölle, auf Seelenabgründe wie Safranski betont. Hoffmanns Werk ist eben nicht nur „phantastisch“, sondern auch getränkt von einem Blick auf die Welt voller Ironie und schwarzem Humor, Sehnsüchte, gepaart mit Realitätserkenntnis. Safranski:

„E.T.A. Hoffmann, mit dem die Romantik als Epoche abschließt, war ein großer Phantast und darum so romantisch, wie man sich das nur vorstellen kann. Aber er war mehr als das. Er blieb durch einen liberalen Realismus geerdet. Er war ein skeptischer Phantast.“

Mein unangefochtenes Lieblingsbuch von Hoffmann sind und bleiben die „Lebensansichten des Kater Murr“. Hans Mayer bringt die Kernaussage dieses Romanfragments in seinem Beitrag zur einst von Fritz J. Raddatz herausgegeben „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ auf den Punkt:

„Für Künstler ist kein Platz in Deutschland (…) Man kann nicht gleichzeitig in Dresden leben oder anderswo in deutscher Misere, und in Atlantis als dem Reich der Poesie. Die Lebensansichten des Katers Murr“ von Hoffmann haben kein anderes Thema als eben dies: die schroffe Antinomie von Kunst und Gesellschaft in Deutschland.“

Hoffmann alias Kreisler: Das ist der von der Kleinbürgerlichkeit beinahe zum Wahnsinn getriebene Dichter der Romantik. Die Enge, das Gefängnis aus Zwängen und Konventionen, sie bringen in Hoffmann die düstersten Seiten hervor. In Bamberg, dieser kleinräumigen Stadt, fern von den eigentlichen kulturellen Zentren jener Zeit, muss Hoffmann dies wohl als besonders belastend erfahren haben. Marterjahre.

In Bamberg – das natürlich als UNESCO-Welterbestadt genügend Anreize für einen Besuch bietet – gibt es einen idyllischen Stadtrundgang auf Spuren E.T.A. Hoffmanns, wer möchte, kann auch eine entsprechende Stadtführung mitmachen. Im ehemaligen Wohnhaus ist die einzige deutsche Gedenkstätte für dieses Multitalent zu finden, eine Initiative der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft, die ebenfalls ihren Sitz dort hat. In dem schmalen Häuschen bekommt man auch heute noch einen lebendigen Eindruck davon, unter welchen beengten und wohl auch ärmlichen Verhältnissen das Ehepaar Hoffmann dort leben musste. Da von den ursprünglichen Einrichtungsgegenständen nichts erhalten ist, behilft man sich in dem kleinen Museum mit Nachbauten, mit Faksimile und modernen Werken, die Hoffmanns Schaffen aufgreifen. Nach einem Konzept des Bühnenbildners Wolfgang Clausnitzer passt diese Mischung aus Illusionen und Installationen, die auch die vielen Talente des E.T.A. Hoffmann aufgreifen, durchaus zu dessen versponnener Natur. Allerdings sind die Präsentation sowie die Räumlichkeiten deutlich in die Jahre gekommen, auch könnte museumsdidaktisch noch einiges nachgeholt werden. Schade, dass dafür in der Kulturstadt Bamberg, die im Sommer von bierseligen Touristen überströmt, kein Geld vorhanden zu sein scheint.


Weitere Informationen:

Das E.T.A. Hoffmann-Portal bietet umfassende und lesenswerte Informationen über Hoffmanns Bamberger Zeit, inklusive eines virtuellen Stadtrundganges.

Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft im Netz: http://www.etahg.de/de

Die Stadt Bamberg und E.T.A. Hoffmann heute: https://www.bamberg.info/hoffmann/

Bilder zum Download:
Bild 1, Mauer mit Hoffmann-Konterfei
Bild 2, Äpfelweib-Türknopf
Bild 3, Gasse Bamberg
Bild 4, Fassaden beim Hoffmann-Haus
Bild 5, Auf der Regnitz
Bild 6, Kaiserin Kunigunde
Bild 7, Fassadenmalerei
Bild 8, Dom
Bild 9, Fassade mit Holzläden
Bild 10, Fassade mit Holzläden
Bild 11, Putten


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LITERARISCHE ORTE: Jean Paul in Bayreuth

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Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorüberschießende Freuden-Zweifalter – dazu gehörte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im Gartenhaus – jeder Stern, der stark funkelte – italienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schauls er auf der Gasse aufgestoßen – eine bekränzte, zwischen Andacht und Putz glühende Braut – ein schönes Kind – ein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergärten hinüberschauen ließ – und alles.
Einst an einem Markttage hatt` er halb Italien mit einem ganzen Frühling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Mücken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgarten – den der gute Fürst jeden Winter dem Publikum öffnen ließ – die silbernen Schneeflocken der Bäume unter der blitzenden Sonne in weiße Blüten, die den Frühling überlüden, umdachte und darunter weiterspazierte. So plötzlich auf die Frühlings-Insel ausgesetzt, schlug er in die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Sämereihändlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Düte zu kaufen – wozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden -, sondern um den Samen von französischen Radiesen, Maienrüben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaub ich) einen Vorfrühling zu schnupfen.“

Jean Paul, „Flegeljahre“, 1804/1805

So wie der selbstgenügsame Walt, der einfach die vielen kleinen Augenblicke lebt, und dem die Welt in seinem fränkischen Paradies genügt, so kann man sich vielleicht auch Jean Paul im Herbst seiner Jahre durch die Bayreuther Gassen flanierend vorstellen: Er, der Rastlose, der Immer-und-ewig-Verliebte, der sprunghaft Assoziierende, der weitschweifige Gedankengänger, hatte lange Lehr-, Wander- und Lebensjahre hinter sich, als er 1804 in die fränkische Kleinstadt übersiedelte. In Bayreuth lebte er dann, bis zum Ende seines Lebens 1825, die längste Zeit. Es waren wohl nicht die glücklichsten Jahre, geprägt von der krisengeschüttelten Ehe mit Karoline Mayer, vom Niedergang des Ruhms und finanziellen Nöten, vom Tod seines Sohnes Max und nicht zuletzt auch von gesundheitlichen Problemen, zu denen wohl auch sein außerordentlicher Bierkonsum beigetragen hatte.

Und dennoch: Gerade in den „Flegeljahren“ kommt dieses leichte, versponnene, den Tagträumen verhaftete Temperament des Johann Paul Friedrich Richter – unter diesem Namen wird Jean Paul am 21. März 1763 im oberfränkischen Wunsiedel geboren – wunderbar zum Ausdruck. Und man bekommt bei der Lektüre und einem Bummel durch Bayreuth auch heute noch eine Ahnung davon, warum Stadt und Schriftsteller so gut zueinander passten.

Bayreuth, das ist einerseits Provinz, ja. Klein und überschaubar. Und doch atmet hier durch die besondere Architektur und Geschichte, geprägt vor allem vom Markgrafenpaar Friedrich und Wilhelmine, ein besonderer Geist. Da hätte es nicht einmal eines Richard Wagners mit dem alljährlichen Rummel rund um den Hügel gebraucht. Der Bayreuther Rokoko gibt der Stadt rund um das neue Schloss mit seinem Hofgarten, dem Markgräflichen Opernhaus und der Friedrichstraße ein besonderes, ein anmutiges Bild. Und an sonnigen Tagen hat man hier auf dem Marktplatz tatsächlich ein Gefühl von Italien.

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Gartenhaus beim Jean Paul-Museum.

Jean Paul hatte es nach zahllosen Lebensstationen – unter anderem wohnte und arbeitete er in Leipzig, Weimar, Berlin und Meiningen – letztlich wieder in das Fränkische gezogen. In Bayreuth hatte er sich schon früh verliebt: Mit 18 Jahren kam er das erste Mal hierher, um eine Prüfung abzulegen – die Reise war mit einer ganz besonderen Erfahrung verbunden.

„In natura sah Jean Paul die Stadt erstmals nach seinem Abitur im Jahr 1781, als er von Schwarzenbach nach Bayreuth reiten mußte. Dort hatte er vor dem Kirchen-Konsistorium eine Prüfung abzulegen, um in Leipzig, d.h. außerhalb des Fürstentums Ansbach-Bayreuth, Theologie studieren zu dürfen. Auch der Ritt gehörte zum Pflichtprogramm und erwies sich für den Prüfling als der schwierigste Teil: Das Pferd wollte partout nicht wie der Reiter – eine Erfahrung von solcher Nachhaltigkeit, daß es Jean Pauls erster und einziger Ritt bleiben sollte.“

Das Zitat stammt aus dem wunderbaren „Jean-Paul-Taschenatlas“, herausgegeben von Bernhard Echte und Michael Mayer, der anlässlich des 250. Geburtstag dieses einzigartigen Schriftstellers im Jahr 2013 erschien. Der Atlas entstand im Zusammenhang mit einer Litfaßsäulenausstellung, die an 25 Orten stattfand – was allein schon die Beweglichkeit dieses literarischen Luftgeistes zeigt. Auf Überbleibsel dieser Ausstellung trifft man in Bayreuth glücklicherweise immer noch und mit dem Atlas (nochmals ein Dank an Herrn Hund für die Empfehlung) kann man sich auf die Spuren des Dichters machen: Gelegenheit auch für eine wunderbare Rundreise durch Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen, um in groben Zügen das örtliche Hin und Her Jean Pauls festzuhalten.

Doch wie gesagt: Dreh- und Angelpunkt der letzten 20 Lebensjahre war und blieb Bayreuth, der Stadt, der er schon zuvor immer wieder ein lobendes literarisches Zeugnis ausgestellt hatte, so im „Leben des Quintus Fixlein“ und im „Siebenkäs“ (1797):

„Die neueste kann erst kommen, nämlich Du selber zu mir nach Baireuth, wenn ich und der Frühling miteinander (denn übermorgen reis ich ihm nach Italien weit entgegen) wiederkehren und wir, ich und der Lenz, gemeinschaftlich die Welt auf eine Art ausschmücken, daß Du gewiß in Baireuth selig sein wirst, so sehr sind dessen Häuser und Berge zu loben.“

Auch wenn die Stadt nach seiner Übersiedlung dorthin Jean Paul bald zu eng wurde und seine Begeisterung merklich abnahm, hielt es in dort. Ausschlaggebend dafür dürfte wohl auch gewesen sein, dass seine zwei längsten, altvertrautesten Freunde dort wohnten: Der Jurist Christian Otto, der fast 30 Jahre lang der Mann war, der Jean Pauls Texte als erster lesen durfte und dessen Kritik er gerne annahm. Und der jüdische Kaufmann Emanuel, „eine Freundschaft auf den ersten Blick“, wie im Atlas zu lesen ist:

„Die Beziehung zu Emanuel gehört zu den erstaunlichsten Seiten von Jean Pauls Leben; es war eine Freundschaft auf den ersten Blick (…) Obwohl Emanuel als jüdischer Händler zu einer rechtlosen Klasse gehörte und keinen Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen hatte, war er für Jean Paul von Beginn an ein ebenbürtiger Gesprächspartner – auch in literarischen und philosophisch-theologischen Belangen.“

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Dass er dort in Bayreuth seine Vertrauten hatte, zu denen er auch unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen und einem gewissen höfischen Protokoll Kontakt haben konnte, dies mag für Jean Paul entscheiden gewesen sein. Hatte er sich doch oft genug schon als Außenseiter fühlen müssen: So beim Studium in Leipzig, das er nach dem frühen Tod seines Vaters nur mit Müh und Not finanzieren konnte. Dem Dünkel mancher Kommilitonen trat er durch auffallende Kleidung und extravagantes Verhalten entgegen. Und auch in Weimar – da war er schon einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit nach dem Erscheinen des „Siebenkäs“, des „Quintus Fixlein“ und des vergnügten „Schulmeister Wutz“ – traf er auf Vorbehalte: Schiller und Goethe konnten mit diesem Freigeist und seinem mäandernden Stil wenig anfangen, sie lehnten seine Texte eher ab, wie auch Kurt Wölfel als Herausgeber eines Jean Paul-Lesebuchs (eine gute Heranführung an seine Texte) erläutert:

„Jean Pauls kompositorische Extravaganz hatte nicht nur alle Fürsprecher einer rationalistischen Regelpoetik gegen sich, auch die Weimarer Klassiker reagierten auf seine ästhetische Illegitimität mit Verdruß. Unter den „Xenien“, der Sammlung von Epigrammen, mit denen die Weimarer Klassiker ihr ästhetisches Programm polemisch gegen die Zeitgenossen erklärten, gibt es einige, die sich auf Jean Paul beziehen.“

Bayreuth also der Freundschaftshafen, der Ruhepunkt der letzten Jahre, auch wenn es ihn da selten an einem Ort hielt, er immer wieder die Behausung wechselte. Wobei die meisten Reisenden leider nicht wegen des Schriftstellers kommen – während in der benachbarten „Villa Wahnfried“ ein deutlicher Rummel herrscht, kann man sich im 2013 neu eingerichteten Jean-Paul-Museum in aller Ruhe umtun. Schade eigentlich, denn die Ausstellung ist bemerkenswert reichhaltig und sehenswert, gibt einen guten Abriss über Leben und Werk, Einblicke in das Privatleben dieses sensiblen Exzentrikers und bettet dies alles in historische Zusammenhänge ein. Ein Besuch ist sehr zu empfehlen. Und wer dann noch Zeit hat, sollte auf jeden Fall mit Jean Paul zur Rollwenzelei wandern: Hier verkehrte der Dichter fast täglich, dort fand er beim Bier die Ruhe zum Schreiben, oftmals auf der Flucht vor der fordernden Gattin.

 

2017_Bayreuth-141-1024x576Seine letzte Ruhestätte hat der Ruhelose natürlich auch in Bayreuth, ein unscheinbarer Gedenkstein, kaum vergleichbar mit dem Bombast der ebenfalls dort vorhandenen Grabstätten von Franz Liszt und den Wagner-Nachfahren.


Weitere Informationen:

Zum Einlesen: „Jean Paul. Das große Lesebuch“, herausgegeben von Kurt Wölfel, 2. Auflage 2013.

Zum Lesen und Reisen: „Jean Paul-Taschenatlas“, herausgegeben von Bernhard Echte und Michael Mayer, 2013.

Aktuelles zu Jean Paul bei der Jean-Paul-Gesellschaft.

Besuch im Jean-Paul-Museum Bayreuth und in der Rollwenzelei.


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